Transcendence

Transcendence - Poster 03

Regie: WALLY PFISTER
Drehbuch: JACK PAGLEN
Medium: Kino
Spielzeit: 120 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 25. April 2014

 

„Er hatte es getan; er hatte es tatsächlich geschafft! Er hatte das Bewusstsein des Affen komplett in dem Prozessor hochgeladen. Wir waren alle begeistert, denn auch für uns war es ein großer Erfolg. Aber fast im selben Moment wurde mir schlagartig klar, was er da gemacht hatte und wie gefährlich die Situation für uns werden kann. Denn dieses Ding, es hat niemals geatmet, niemals geschlafen, niemals wirklich gelebt, sondern nur geschrien."

 

Transcendence 06WALLY PFISTER gilt in der Filmwelt als einer der momentan besten Kameramänner der Branche. Maßgeblich bekannt ist er für seine Arbeiten mit Filmemacher JONATHAN NOLAN, mit dem er bereits seit Memento im Jahr 2000 zusammenarbeitet und für dessen Filme Prestige, Inception und der Batman-Triloge er mit zig Preisen ausgezeichnet wurde. Darunter auch mit einem Oscar. Da ist es auch kein Wunder, dass NOLAN seinem langjährigen Kameramann nun mit dem Science-Fiction-Film Transcendence zu seinem Regiedebüt verhalf, der auf einem Skript des Debütanten JACK PAGLEN beruht, dem nun auch die Arbeit an einem erneuten Reboot von Kampfstern Galactica angeboten wurde. Weil es sich bei Transcendence um einen Film aus der NOLAN-Schmiede handelt, entdecken wir auch im Cast viele bekannte Gesichter. Zum Beispiel MORGAN FREEMAN (Oblivion, Lucy, London Has Fallen) und CILLIAN MURPHY (Red Eye, Red Lights, Sunshine). Die eigentlichen Hauptrollen spielen allerdings JOHNNY DEPP (Fluch der Karibik, Sleepy Hollow, Das geheime Fenster) und REBECCA HALL (Unter Beobachtung, The Awakening, Iron Man 3) sowie PAUL BETTANY (Blood, Margin Call, Ritter aus Leidenschaft). In weiteren Rollen ebenfalls zu sehen sein werden KATE MARA (American Horror Story, House Of Cards, Ironclad), CLIFTON COLLINS Jr. (Parker, Hellbenders, Crank 2) und JOSH STEWART (The Collector, The Hunted, Beneath The Dark).
In den USA startete Transcendence am 18. April 2014 in den hiesigen Kinos, bei uns in Deutschland am 24. April. Wir durften uns den Science-Fiction-Film bereits vorab ansehen und ergründen, ob Transcendence die nötige Grundlage besitzt, um gegen die Konkurrenz von Sabotage und Spider-Man bestehen zu können.

 

Transcendence 02Dr. Will Caster ist der führende Wissenschaftler in Sachen Künstlicher Intelligenz, doch er hat viel ehrgeizigere Ziele. Zusammen mit seiner Frau Evelyn arbeitet er derzeit an einer Maschine mit Bewusstsein, einem eigenen Charakter mit menschlichen Emotionen und moralischem Verständnis. Will und Evelyn glauben, sie könnten Forschungen in nahezu allen wissenschaftlichen Bereichen extrem vorantreiben und auf diese Weise Krankheiten heilen, den Planeten retten und sogar den Weltraum erobern. Doch damit hat sich das Ehepaar nicht nur Freunde gemacht. Bei einer Investorenveranstaltung wird Will sowie zahlreiche seiner Konkurrenten Opfer eines koordinierten Anschlages der Terrorganisation R.I.F.T.. Will wird angeschossen, viele Freunde und Kollegen sterben. Die Terrororganisation ist der Ansicht, dass eine emotionale Maschine die Zukunft der Menschheit massiv gefährdet und sie unternimmt Alles, um ihre Ziele zu erreichen. Um sicher zu gehen, dass Will wirklich stirbt, haben sie die Kugel mit Plutonium verseucht. Er hat nur noch wenige Wochen zu leben, doch Evelyn will sich damit nicht abfinden. Gegen den Rat ihres Freundes Max nutzt sie die Forschungsdaten ihrer toten Konkurrenten und lädt innerhalb eines riskanten Experiments Wills Bewusstsein in einem Rechner hoch. Max ist zunächst fasziniert, doch als die Maschine sofort nach größerer Kapazität und mehr Informationen verlangt, ist für ihn klar, dass das nicht sein Freund sein kann. Er will den Stecker ziehen, aber Evelyn setzt sich rechtzeitig ab. Der virtuelle Will und Evelyn flüchten in einsames Wüstennest, wo sie einen einzigartigen Ort erschaffen, an dem die beiden ohne die geringsten Einschränkungen forschen können. Doch je mehr Will entdeckt, desto gieriger wird er nach Wissen und überschreitet die Grenze zu einem Wesen ohne jede Moral.

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Transcendence ist weniger ein Science-Fiction-Thriller, wie er in diversen Medien umworben wird, sondern vielmehr ein tief philosophischer Film, der seine theoretischen Ansätze versucht mittels bodenständiger Science Fiction auszuloten.
Transcendence 14Im Grunde geht es in Transcendence nämlich um die Frage des eigenen Bewusstseins und wie es definiert wird. Braucht man einen Körper, um als Charakter wahrgenommen zu werden? Kann man den Tod mittels Computertechnologie besiegen und wie verändert sich unser Bewusstsein, wenn uns die Möglichkeiten eines starken Prozessors zu Verfügung stehen? Transcendence vertritt dabei weder die Befürworter des technologischen Umbruchs noch die Angstgegner, die jeglichen Fortschritt als potentielle Gefahr empfinden. Wie im echten Leben liegen Segen und Missbrauch hier eng miteinander. Jeden Erfolg, den Will mit seinen Forschungen erzielt, dient auf dem ersten Blick hin tatsächlich dem Ziel der Menschheit zu helfen und ihre Fehler zu korrigieren. Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass darin auch erhebliche Gefahren schlummern, die man keinesfalls unterschätzen darf. So ist Will zwar in der Lage Menschen mit schwersten Verletzungen und Behinderungen in Sekundenschnelle heilen, doch werden sie augenblicklich teils seines Netzwerks und können nach Belieben von ihm kontrolliert werden. Und damit nimmt er ihnen wiederum ihr eigenes Bewusstsein, ohne dass sie sich darüber im Klaren sind. Das ist ein unbequemes und nachdenkliches Bild, bei dem Skepsis und Kritik auf ganz subtiler Ebene gefördert werden. Allerdings verdammt Transcendence seinen technologischen Fortschritt nicht, weshalb es dem Zuschauer hier durchaus möglich ist eine eigene Meinung zu bilden. Auch wenn die meisten Charaktere nicht gerade zuversichtlich oder gar vertrauensvoll zu Wills persönlicher Evolution stehen.
Transcendence 09Doch für solch hohe Fragen erweist sich der Science-Fiction-Gehalt von Transcendence als recht bodenständig, spielt der Film doch gar nicht in allzu ferner Zukunft. Tatsächlich enthalten sich PFISTER und PAGLEN einer zeitlichen Einordnung, was bedeutet, dass sich der Film auch in unserer Gegenwart abspielen könnte, wie es die Rechner, die Autos und die Umgebung des Films suggerieren. Dass es wohl noch ein paar Jahre zu Transcendence hin sind, kann man nur daran erahnen, dass die Computertechnologie hier ein Stückchen fortgeschritten ist und die Möglichkeiten dieser Technologien in den Medien dermaßen präsent sind, dass sich sogar Terrororganisationen gebildet haben, nur um diesen Fortschritt zu bekämpfen. Den Moment zur Phantastik überschreitet Transcendence erst, wenn der Film sich auf die allzu unglaublichen Fähigkeiten der Nanotechnologie konzentriert. Da werden Krankheiten wie von Geisterhand geheilt, es entwickeln sich übermenschliche Kräfte, Individuen können in bester Borg-Manier miteinander vernetzt werden und sogar der Tod kann ad acta gelegt werden, was aber erst durch den (illegalen) Durchbruch von Evelyn überhaupt erst möglich gemacht wird. Zweifellos ein sehr gewagtes Experiment, was auf vielfache Art betrachtet werden kann. Für aufgeschlossene Menschen ist es nachvollziehbar, dass Evelyn Alles unternimmt ihren Ehemann zu retten, für kritische Menschen ist hier schon der erste Akt der Hybris vollbracht – und genau an dieser Stelle kommt die Terrororganisation R.I.F.T. ins Spiel.
Transcendence 04R.I.F.T. bedeutet ausgeschrieben Revolutionary Independence From Technology – Revolutionäre für die Unabhängigkeit von Technologie – die nun mit allen Mitteln versuchen den technologischen Fortschritt aufzuhalten bzw. ihn in Grenzen zu halten. Darin inbegriffen sind harmlose Aktionen wie Demonstrationen oder Flugblätter, neuerdings auch Mord- und Bombenanschläge. Doch ausgerechnet die Art und Weise wie es zu dieser Radikalisierung kommt, ist nicht in Transcendence ersichtlich und so kommt es auch zu ersten Ungereimtheiten und Logiklöchern in der Welt von Transcendence. Warum beginnt ein harmloser Verein von Idealisten damit, plötzlich Menschen umzubringen? Wie schaffen sie es überhaupt die Labore der Wissenschaftler dermaßen geschickt zu infiltrieren? Darauf will uns das Drehbuch keine Antwort geben und auch mit direkten Action- und Spannungsszenen hält sich Transcendence sehr zurück. Allerhöchstens am Anfang und am Ende gibt es einige entfernte Spannungsszenen, in der auch einige Gewaltmomente Verwendung finden. In diesen Sekunden wird Transcendence sogar überraschend brutal und blutig, relativiert sich aber schon wieder in den darauffolgenden Minuten. Und darin liegt ein gewaltiges Defizit in der Werbekampagne um den Film, die sich eben auf diese wenigen Szenen stützt und Transcendence als Suspense-Film verkauft, aber das ist er nun einmal nicht. Man muss sich also darüber im Klaren sein, dass sich Transcendence mit der Terrororganisation R.I.F.T. und dem zweifelhaften Verhalten Wills gleich zwei Spannungsträger erschafft, die der Film jedoch beide nur unzureichend verwertet. Das Ergebnis ist zwar immer noch recht unterhaltsam, nur mit einem Thriller – einem Spannungsfilm – hat das wirklich sehr wenig gemein.

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Transcendence setzt sich also auf eine mehr oder weniger realistische Weise mit dem derzeitigen Forschungsstand auseinander, was durchaus seinen Reiz hat. Nur hat der Science-Fiction-Film dadurch auch ein gravierendes Problem: nämlich die Zeit!
Transcendence 11WALLY PFISTER erzählt seinen Science-Fiction-Film beinahe schon rasend schnell, fast alle fünf Minuten erreicht die Geschichte einen weiteren entscheidenden Moment. Das hat einerseits den Vorteil, dass Transcendence ziemlich schnell voranschreitet und kaum langweilig werden kann, besitzt aber auch den faden Beigeschmack, dass der Film von zahllosen Anschlusslücken durchzogen ist. Ja sogar durchzogen sein muss, um sein komplexes Bild innerhalb von lediglich zwei Stunden umzusetzen. Man muss sich einmal vor Augen führen, dass die Geschichte von Transcendence ganze fünf Jahre abdeckt, in denen elendig viel geschieht! Irreparable Anschlusslücken und zweifelhafte Charaktere sind die Folge. Wie kann sich Max von der Terrororganisation R.I.F.T. so einfach umdrehen lassen, dass er quasi zu einem ihrer Anführer wird? Wieso wird die Regierung nicht viel eher auf die wunderlichen Ereignisse in Casters Refugium aufmerksam und muss von R.I.F.T. dazu gestoßen werden? Wie kann Evelyn dulden, dass ihr virtueller Ehemann an allen möglichen Menschen herumexperimentiert, wird aber erst dann misstrauisch, als Will ihre eigenen Biodaten scannt? Also lediglich scannt ohne sie zu verändern, was aber von Anfang an klar war. Solche Fragen begleiten Transcendence von seinem düsteren Anfang bis zu seinem ebenso düsteren Ende, denn die Geschichte des Films ist einer Rahmenhandlung eingebettet, die schon in den ersten fünf Minuten den Ausgang der Geschichte vorweg nimmt. Es wäre also im Endeffekt besser gewesen die Geschichte von Transcendence innerhalb einer Serie umzusetzen, anstatt eines einzigen Kinofilms. Denn der begrenzte Rahmen von zwei Stunden Spielfilmlänge reicht leider bei Weitem nicht aus, um die Erzählung komplett zu erfassen. Der einzige Pluspunkt in den Charakteren ist ausgerechnet der digitale Will Castor. Denn die Frage, ob es tatsächlich das Bewusstsein des Wissenschaftlers ist oder nicht doch eine virtuelle Kreatur mit zweifelhaften Absichten, kann über weite Strecken die Lücken in den anderen Figuren kaschieren. Selbst beim bitteren Ende kann man sich nie sicher sein, ob da nun eine Maschine menschliche Reaktionen nachahmt, oder ob es tatsächlich Will ist.

 

Transcendence 16Obwohl sich 3D hier durchaus angeboten hätte, wurde Transcendence als angenehme 2D-Produktion realisiert – und zwar für satte 100 Millionen Dollar! Einen Großteil der Produktionskosten floss dabei nicht einmal in die hochkarätige Besetzung, sondern in die Spezialeffekte und nach New Mexico, wo ein ganzes kleines Dorf entstehen musste, was sich im Laufe des Films von einem verrottenden, verfallenen Kaff am Arsch der Welt zu einem hochmodernen Zentrum für die Wissenschaft aller Art wandelt. Unter anderem subventionierte die Produktion auch den Bau einer großen Solaranlage in der Wüste, wobei alternative Energien im Film selbst auch ein wichtiges Thema sind. In anderer Hinsicht zeigt sich Transcendence allerdings äußerst altmodisch, denn WALLY PFISTER drehte sein Debüt in klassischem 35mm-Format, obwohl solche aufwendigen Science-Fiction-Filme normalerweise inzwischen schon längst digital gefilmt werden. Einen direkten Unterschied merkt man indessen nicht. Auf der anderen Seite überzeugt Transcendence mit richtig dicken Special Effects, die sich nicht hinter den großen Blockbustern der letzten Jahre verstecken braucht. Gerade zum Ende hin wird Transcendence immer effektlastiger und phantastischer.

 

Transcendence 13Ich weiß, viele Cineasten und darunter besonders die Fans von JOHNNY DEPP hatten sich gefreut den Kultmimen endlich einmal wieder einem ernsthaften Film zu erleben, doch gerade als Fan sollte man sich auf eine gehörige Ernüchterung einstellen. Denn DEPP ist de facto nur am Anfang und sehr kurz am Ende wirklich zu sehen. Über 70% des Films erleben wir den Amerikaner in Transcendence als Bild im Bildschirm, was weitgehend reglos dasteht und freundlich lächelt. Dass gerade DEPP an dieser Stelle als Hauptdarsteller aufgebauscht wird, erscheint darum nicht nur befremdlich, sondern gar ein wenig irrational. Man kann einfach nicht darüber hinwegsehen, dass REBECCA HALL hier auf der Leinwand viel viel mehr Präsenz zeigt. Die Britin spielt mit Evelyn eine selbstbewusste und unnachgiebige Wissenschaftlerin, die getrieben von Trauer versucht ihrem Mann das Leben zu retten. Nur leider ändert sich an ihrer Mimik auch recht wenig, selbst nachdem das gewagte Experiment geglückt ist. Ansonsten spielt HALL wie immer auch einem recht hohen Niveau und überzeugend. Viel umfangreicher spielt ohnehin PAUL BETTANY in der Rolle des Max, obwohl er bereits viel weniger Screentime besitzt und darin die Wandlung von einem Freund Wills zu einem verzweifelten Gegner durchmachen muss. Wie jedoch bereits erwähnt, zündet das nicht so richtig, weil hier schlicht viel Substanz fehlt. Sehr ähnlich ergeht es auch den anderen Darstellen wie MORGAN FREEMAN und CILLIAN MURPHY, die zwar souverän ihre Rollen spielen, doch schon so schnell wieder aus dem Bild sind, wie sie gekommen sind. Nennenswert sind allerdings die Leistungen von KATE MARA als überzeugte Terroristin Bree sowie CLIFTON COLLINS Jr. als Evelyns Mitarbeiter Martin, die in ihrem Rahmen auf der ganzen Linie überzeugen können. Wohl auch, weil ihnen das Drehbuch noch ein wenig Hintergrund spendiert. JOSH STEWART hüpft allerdings wirklich nur mal kurz durch das Bild, bevor er im Zivilistenheer von Will Caster aufgeht.

 

Fazit: WALLY PFISTER gibt sich mit seinem Regiedebüt Mühe ein komplexes Bild zu erzählen, was sehr stark von philosophischen Ansätzen durchzogen und geprägt ist. Doch Transcendence konzentriert sich leider so sehr auf seine Kernthematik, dass man als Zuschauer Handlungssprünge, Anschlusslücken und charakterliche Ungereimtheiten in Kauf nehmen muss. Trotz des hohen Tempos, den souveränen Darstellern und exzellenten Spezialeffekten wirkt die Erzählung nicht ganz schlüssig, wobei es nur wenige Action- und Spannungsszenen zu sehen gibt. Wir vergeben 7 von 10 Punkten.