Gagarin - Wettlauf ins Weltall

Gagarin - Cover 02Regie: PAVEL PARKHOMENKO
Drehbuch: ANDREI DMITRIYEV & OLEG KAPANETS
Medium: Blu Ray & DVD
Spielzeit: 114 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 4. März 2014

„Liebe Freunde, sowohl Bekannte als auch Unbekannte, liebe Russen und Menschen aus allen Ländern und Kontinenten. Ich fühle so großes Glück der Erste zu sein, der in den Kosmos vorstößt. Der sich alleine einem beispiellosen Duell mit der Natur stellt. Könnte Jemand von etwas Größerem träumen?"


Das russische Kino ist hier im Westen besonders für seine seltsamen Arthouse-Filme und TIMUR BEKMAMBETOV (Wanted, Squirrels, Abraham Lincoln: Vampirjäger) bekannt, der mit seinen beiden Fantasyfilmen Wächter des Tages und Wächter der Nacht internationale Bekanntheit erlangte. Daneben gibt es allerdings nicht viel sinnvolles Kino, um nicht zu sagen verschwindend gering, weil die kommunistische UDSSR jegliche Form von Kreativität als potentiellen Rebellionsherd rigoros unterdrückte. Was natürlich dazu führte, dass das russische Kino dem westlichen Kino an die 50 bis 60 Jahre hinterherhinkt.
Gagarin 05Jüngstes Beispiel dieser stagnierenden Entwicklung ist das Biopic Gagarin – Wettlauf ins All über den ersten bemannten Raumflug der Menschheitsgeschichte, der von dem sowjetischen Kampfpiloten Juri Gagarin ausgeführt worden ist. Der Flug fand am 12. April 1961 statt und wurde zu einem überwältigenden Ereignis, was weltweit hohen Respekt und Erstaunen hervorrief. Für die Sowjetunion bedeutete dies einen überwältigenden Propaganda-Sieg, der bis heute ausgeschlachtet wird. Drum wurde, wie es sich für die post-stalinistische Tradition auch gehört, am 50. Jahrestag des Fluges eine große Verfilmung dieses Fluges angekündigt, die am 6. Juni 2013 in den russischen Kinos anlief. ANDREI DMITRIYEV und OLEG KAPANETS (Blutspur durch St. Petersburg) haben das Drehbuch zu dem Film geschrieben, Regie führte PAVEL PARKHOMENKO (Cargo 200). Die Hauptrollen übernahmen YAROSLAV ZAHLNIN als Juri Gagarin, MIKHAIL FILIPPOV als dessen Mentor Korolev und OLGA IVANOVA als Gagarins Ehefrau Valentina. Am 6. März 2014 kommt Gagarin – Wettlauf ins All auch in den deutschen Handel. Aber weil auch wir den Verdienst des Weltraum-Pioniers nicht schmälern wollen, gucken wir uns den Film mal etwas genauer an, ob er dem Vorbild auch gerecht werden kann.

Es ist der Morgen des 12. April 1961, als Juri Gagarin die Wostok-Kapsel betritt, die ihn in den Weltraum befördern soll. Niemand weiß, was ihn erwartet. Die Strahlung könnte ihn töten und es könnte so viel schiefgehen, doch Juri glaubt fest an seine Mission. Aber auch er kann seine Furcht nicht verbergen. Während die Kapsel in den Orbit startet und Juri zum allerersten Weltraumflug der Geschichte ansetzt, erinnert er sich an den beschwerlichen Weg als einfacher Sohn eines Zimmermanns bis hin zum wertvollsten Piloten der UDSSR.
Gagarin - Banner 01Die gute Nachricht gleich einmal vorneweg: Gagarin – Wettlauf ins All ist nicht der befürchtete Putin-Propaganda Film, den man auf den ersten Blick hin vermutet. Allerdings auch kein sonderlich herausragendes Produkt.
Gagarin 08Atmosphärisch macht Gagarin – Wettlauf ins All keinen besonderen Eindruck, da der Film die Geschichte des ersten bemannten Weltraumfluges absolut nüchtern und unspektakulär erzählt. Man könnte jetzt zwar vermuten, dass es ANDREI DMITRIYEV, OLEG KAPANETS und PAVEL PARKHOMENKO vor Allem auf Authentizität ankam, aber wer sich einmal mit der Biographie von Juri Gagaring auseinandergesetzt hat, der wird feststellen, dass dieser Kinofilm ein paar ganz entscheidende Tatsachen dezent unter den Tisch fallen lässt. Zweifellos besaß der reelle Gagarin einen immensen Ehrgeiz, der auch hier deutlich wird, doch schon in diesem Detail weicht dieser Film von den Tatsachen ab, indem er verheimlicht, dass Juri log und betrog, um in der sowjetischen Luftwaffe aufgenommen zu werden. Vielmehr sei seine Neugier Gagarins Triebfeder gewesen, was wohl am ehesten der Realität entspricht, obwohl dies wegen der verzerrten Stilisierung von Gagarin durch die sowjetische Regierung kaum recherchierbar war. So wurde erst im Jahr 2011 bekannt, dass Gagarin im Jahr 1968 durch seine eigene Fahrlässigkeit und seine Risikobereitschaft bei einem unerlaubten und extrem gewagten Flugmanöver ums Leben kam. Aber eben diese Risikobereitschaft und Gagarins flapsige Haltung gegenüber Autoritäten fehlen hier ebenfalls; werden allerhöchstens angeschnitten. Da fällt es richtig auf, dass Gagarin – Wettlauf ins All keinen ausgeprägten Patriotismus noch Propaganda in irgendeiner Form besetzt. Tatsächlich geben sich die Filmemacher Mühe, den ersten bemannten Weltraumflug als wissenschaftliches Projekt darzustellen, um den Amis technologisch voraus zu sein, während die Motive der Wissenschaftler privater Natur sind. Da nimmt man auch mit staubtrockenem Humor oder kaltem Zynismus die Hierarchie und die Korruption der Sowjetunion auf die Schippe. Womöglich liegt Gagarin – Wettlauf ins All hier also vollkommen richtig, während er seinen Hauptcharakter doch schon ein gutes Stück viel zu glattpoliert präsentiert.

Gagarin 03Da aber Gagarin – Wettlauf ins All insgesamt aber ziemlich unspektakulär in Szene gesetzt worden ist, haben die Autoren ANDREI DMITRIYEV und OLEG KAPANETS immerhin versucht mit ihrer Erzählweise etwas Unterhaltung herauszuschlagen. Anders als bei bekannten US-Pendants wie Ray oder Walk The Line erzählt Gagarin seine Geschichte nicht linear, sondern ineinander verschachtelt, wobei zwei Handlungsstränge parallel verfolgt werden. Als fester und auch minimaler Rahmen dient der eigentliche Weltraumflug von Juri Gagarin, der quasi in Echtzeit stattfindet. So erlebt man quasi in 108 Minuten den Start, den Flug, das Schweben über den Kontinenten und die Landung der Wostok 1. Dazwischen schieben sich jedoch immer wieder Episoden von Juri Gagarins Werdegang vom einfach Bauernsohn bis zum ersten Menschen im Weltall, wobei diese Episoden nur grob chronologisch geordnet sind. In den ersten Episoden befindet sich Juri bereits kurz davor für den entscheidenden Flug ausgewählt zu werden, einige Minuten später lernt er gerade einmal seine Frau kennen. Zwischendrin sieht man ihn, wie er sich mit dem Chefingenieur Korolev anlegt, während er sich in der nächsten Episode mit seinem Vater zerwirft, der ihn unbedingt zum Zimmermann ausbilden will. Diese duale Erzählweise hat durchaus ihre Vorteile, wenn man den heroischen Schritt in den Weltraum hautnah betrachten kann und auf der anderen Seite sieht, was für Menschen dahinter stecken. Andererseits wirkt es auf die Dauer ermüdend, weil der knapp zweistündige Film weder sein gemächliches Erzähltempo variiert noch einen nennenswerten Höhepunkt präsentieren kann.

Gagarin 06Während der Film also weder atmosphärisch noch inhaltlich groß herausstechen kann, da bleibt leider auch die Inszenierung von Gagarin auf einem sehr bodenständigen Niveau. Regisseur PAVEL PARKHOMENKO setzt auf natürliche Farben und eine statische Kamera, womit er auch fast vollständig auf Kamerafahrten oder interessantere Einstellungen verzichtet. Also weder anspruchsvoll noch sonst irgendwie besonders. Auch hier ist man fast geneigt bemühten Realismus und Authentizität zu vermuten, doch wieder reicht ein genauerer Blick aus, um den Zuschauer wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen. Nämlich den Boden der Moskauer Studios sowie der Städte Sewastopol und Jewpatorija in der Ukraine. Genauer gesagt auf der Krim, die nun leider von Putin feindlich annektiert wird. Na gut, Kasachstan, wo sich der sowjetische Weltraumflughafen Baikonur befindet, ist nicht gerade eine sichere Region, doch da weite Teile von Gagarin – Wettlauf ins All auch auf russischem Boden spielen, wäre es kein Problem gewesen auch an Originalschauplätzen zu drehen. Erst recht nicht bei dem für russische Verhältnisse üppigen Budget von circa 10 Millionen Dollar. Wo das Budget geblieben ist, das weiß der Geier. Die Special Effects sind zwar überdurchschnittlich gut gelungen, aber besonders viele Effekte gibt es nicht zu sehen und die paar Requisiten dürften auch nicht die Welt gekostet haben. Man merkt hier also schon besonders, dass die russische Filmindustrie nicht besonders effektiv arbeitet und da macht PAVEL PARKHOMENKO keine Ausnahme. Denn anstatt auf zahlreiche Originalaufnahmen zurückzugreifen, dreht er das reelle Filmmaterial schlicht noch einmal nach, was einfach lächerlich wirkt, und lässt erst am Ende Originalaufnahmen zu. Viel zu spät, um noch überzeugen zu können.

Gagarin 07Wie man sich vorstellen kann, sind auch die Schauspieler nicht das Gelbe vom Ei. YAROSLAV ZAHLNIN spielt einen jungen Juri Gagarin, der größtenteils farbenlos und kantenlos bleibt. Ob das nun an mangelenden Fähigkeiten oder dem polierten Drehbuch liegt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Vermutlich aber eine Kombination aus Beidem. Fest steht, dass ZAHLNIN die ganze Zeit mit dem immer gleichen Gesichtsausdruck in der Gegend herumsteht und als lebendige Statue von Juri Gagarin wahrscheinlich einen größeren Nutzen hätte, als in diesem Film. Irgendwie bleibt ZAHLNIN dauernd naiv und vertraut viel zu sehr auf Gott, sein Talent, seinen Mentor Korolev und sowjetische Technik, an der Nix kaputt gehen kann. Etwas mehr Mut zur Kritik hätte hier wirklich nicht schaden können. Etwas mehr Professionalität kann man von MIKHAIL FILIPPOV erwarten, der als Gagarins Chefingenieur Korolev zu sehen ist. Obwohl nur am Rande, ist er doch eine viel interessantere Figur als Gagarin selbst. Denn er ist es, der sich kritisch mit dem System herumschlagen muss, dass viel lieber einen geleckten Saubermann für die Mission will – denn Faulheit ist im Kommunismus immer gern gesehen – und auch schon mal zu Korruption und Bestechung greift, um seine Meinung durchzusetzen. Von OLGA IVANOVA kann man leider nicht allzu viel sehen, als dass sie gelegentlich mit ablehnender Grundhaltung Gagarins Entscheidungen stillschweigend hinnimmt, ohne zu berücksichtigen, dass er zwei kleine Kinder hat. Mit sehr viel Interpretationsgeschick kann man hier doch noch ein wenig die tödliche Risikobereitschaft des reellen Gagarin herauslesen. Allerdings viel zu zaghaft, um das Image des sowjetisch-russischen Helden nicht zu gefährden.

Fazit: Die UDSSR schuf bereits in den 1960ern ein festes Propaganda-Bild des Piloten Juri Gagarin, an dem auch Gagarin – Wettlauf ins All nicht rütteln will. PAVEL PARKHOMENKO und seine Autoren ANDREI DMITRIYEV und OLEG KAPANETS präsentieren uns ein gelecktes, glattes und geschöntes Heldenbild, was fast alle negativen Charaktereigenschaften Gagarins unter den Tisch fallen lässt und sich viel eher auf die Tatsache konzentriert, dass er als erster Mensch im All den Erdball umrundet hat. Warum? Wieso? Weshalb? Alles Fragen, auf die dieser Film keine Antworten geben kann. Weil Gagarin – Wettlauf ins All darüber hinaus unspektakulär, zeitweise langweilig und völlig kritikfrei inszeniert worden ist, ist eine größere Wertung als 4 von 10 Punkten ausgeschlossen.