Dead Man Down

Dead Man Down - Poster 02Regie: NIELS ARDEN OPLEV
Drehbuch: JOEL HOWARD WYMAN
Medium: Kino
Spielzeit: 110 Minuten
FSK: ab 16 Jahren (beantragt)
Start: 04. April 2013

„Meine Mama sagt immer, dass du dir Hoffnung suchen sollst. Immer und überall. Oft findest du sie in kleinen Momenten, winzigen Augenblicken. Man darf nur niemals aufhören sie zu suchen. Doch dann, wenn ich wieder bei Sinnen bin, fällt mir mein Unglück wieder ein. Und dann will einfach nur die ganze Welt brennen sehen!"


Dead Man Down 12Die Millenium-Trilogie nach STIEG LARSSON war international dermaßen erfolgreich, dass der US-Markt nicht nur sofort ein selbstproduziertes Remake anstreben musste, sondern auch der Hauptdarstellerin  NOOMI RAPACE zu einer steilen internationalen Karriere verhalf. Es folgten Hauptrollen in den beiden Blockbuster Sherlock Holmes: Spiel im Schatten und Prometheus. Aber auch Regisseur NIELS ARDEN OPLEV fokussiert nun langsam den internationalen Markt, wenn er mit Dead Man Down sein US-Debüt geben wird. Dead Man Down ist ein ambitionierter Rachethriller, der von JOEL HOWARD WYMAN (Fringe) geschrieben wurde, sein erstes Kinoskript seit The Mexican im Jahr 2001. In den Hauptrollen zu sehen sein werden COLIN FARRELL (Total Recall, Alexander, Nicht auflegen!) und abermals NOOMI RAPACE, auf die NIELS ARDEN OPLEV auch bei seinem US-Debüt nicht verzichten wollte. In weiteren wichtigen Rollen zu sehen sein werden DOMINIC COOPER (Captain America, Die Herzogin, Abraham Lincoln: Vampirjäger), TERRENCE HOWARD (Red Tails) und ISABELLE HUPPERT (Der Saustall, 8 Frauen, Die Klavierspielerin, Die Dämonin) sowie der altgediente ARMAND ASSANTE (Judge Dredd, Jack The Ripper, Odysseus) in einem Kurzauftritt. Ein sehr dicker Cast also, mit dem sich die Erwartungen von Dead Man Down nicht unerheblich erhöhen. Ob der Thriller diese Erwartungen auch Erfüllen kann, darüber gibt unsere Kritik Aufschluss.

Dead Man Down 07Victor gehört zu der Organisation des Gangsterbosses Alphonse Hoyt, die mit illegalen Geschäften in der Immobilienbranche ihr Geld verdienen. Doch seit drei Monaten geht unter ihnen die Angst um, denn Alphonse bekommt mysteriöse Drohungen und Photoschnipsel. Dass es der Täter ernst meint, das zeigt die Leiche von Paul im eigenen Kühlschrank von Alphonse. Die Jungs sind schwer betroffen, der sonst so berechnende Gangsterboss tobt vor Angst und Wut. Victors Freund Darcy versucht nun Pauls Spuren zu verfolgen und den Mörder zu finden, während Alphonse versucht den Schein zu wahren. Victor unterstützt ihn dabei so gut er kann, doch auch er hat es nicht leicht. Zuhause erwartet ihn lediglich eine leere Wohnung und Beatrice, die im Apartment gegenüber wohnt. Beatrice hat ein vernarbtes Gesicht, doch einen scharfen Blick, der Victor eigenartig in den Bann zieht. Wie sich herausstellen soll, hat auch Beatrice ein ganz bestimmtes Interesse an ihm. Als Victor sie nämlich zu einem Abendessen einlädt, zeigt sie ihr wahres Gesicht. Sie hat ihn heimlich verfolgt und ihn bei einem Mord gefilmt. Victor hat bereits den Finger am Abzug, doch Beatrice will kein Geld. Sie will Rache an dem Mann, der sie bei einem Autounfall zu einem Monster gemacht. Dafür geht sie auch nicht zur Polizei. Victor ist in die Ecke gedrängt und hat keine Wahl, als auf den riskanten Deal einzugehen. Doch Beatrice ahnt nicht, dass auch Victor ein sehr düsteres Geheimnis mit sich herumträgt und bereits eigene sehr riskante Pläne in Gang gesetzt hat.
Dead Man Down - Banner 01Dead Man Down ist fürwahr ein anspruchsvoller und vielseitiger Rachethriller bei dem NIELS ARDEN OPLEV und sein Drehbuchautor JOEL HOWARD WYMAN ihr ganzes Geschick als Filmemacher aufwenden.
Dead Man Down 08Das resultiert darin, dass Dead Man Down es fast genauso gut schafft den richtigen Punkt zwischen Gefühl und Gewalt zu treffen, wie vorher nur der grandiose Klassiker Léon – Der Profi von LUC BESSON aus dem Jahr 1994. Beide Filme haben ein unglaublich präzises Gespür für ihre Figuren, in beiden Filmen ist Rache ein Leitmotiv und in beiden Filmen wird eine sensible und doch bodenständige Liebesgeschichte mit zartem Humor erzählt. Was Dead Man Down aber von dem Klassiker unterscheidet ist seine Konsequenz, denn wo Léon – Der Profi noch weitgehend Gefühl und Gewalt voneinander trennte und fern hielt, da baut die Liebesgeschichte zwischen dem Killer und dem „Monster" gänzlich auf Mord, Gewalt und Erpressung einander auf. Gefühle wie Hass, Wut und der unbändige Drang nach Vergeltung treiben sowohl die entstellte Beatrice als auch den absolut introvertierten Victor an und erlauben es schließlich auch, dass sie einander verstehen und allmählich auch lieben lernen dürfen, auch wenn man fast den ganzen Film darauf warten muss. Denn in erster Linie ist Dead Man Down ein unglaublich spannendes Rachedrama mit einer dermaßen großen Menge an Suspense, dass man aus dem Staunen schier nicht mehr herauskommt. Kaum ein anderer Regisseur ist wohl momentan in der Lage, die Stimmung einer Szene innerhalb von wenigen Sekunden derart auf links zu ziehen. Sogar das romantische Abendessen zwischen Beatrice und Victor gipfelt in einem aggressiven Höhepunkt voller Verzweiflung und Hass. Da merkt man einfach, dass NIELS ARDEN OPLEV sein Handwerk vor allem bei Krimis und Thrillern gelernt hat, wenn die Filmemacher allmählich die Schlinge um Victor und Beatrice immer enger ziehen, aber auch Alphonse Hoyt durch den unbekannten Mörder immer enger in die Ecke getrieben wird.
Dead Man Down 10Im Laufe des Films wird es auf diese Weise immer deutlicher, dass Dead Man Down auf einen großen Showdown zusteuert, bei dem jedoch vor Allem Action und Gewalt eine große Rolle spielen. Leider ist es auch das Einzige, was man diesem großartigen Film wirklich negativ anrechnen muss, denn das übertrieben actionlastige Finale, welches von der perfekt ausbalancierten Atmosphäre ausbricht und viel mehr mit solchen Actionblockbustern wie Phantom Commando oder Rambo gemein hat, mag nicht so ganz zu dem kühlen und charakterstarken Rachedrama passen. Währenddessen ist Dead Man Down auch kaum als Werk aus Hollywood identifizierbar, weil sich der Film in fast jeder Faser europäisch anfühlt. Die Apartmentblocks könnten ebenso gut in Deutschland oder Großbritannien stehen, FARRELL spielt einen ungarischen Einwanderer, der Hintergrund von Beatrice ist französisch und nicht zuletzt werden in Dead Man Down ganze fünf verschiedene Sprachen gesprochen. Außerdem werden die Gangster hier untypisch für Hollywood eben nicht eindimensional böse porträtiert, sondern zutiefst menschlich mit allen positiven als auch negativen Emotionen. Zum Beispiel gewinnen die Freundschaft zwischen Victor und Darcy und die Todesangst von Alphonse immer mehr an Bedeutung. Aber auch in seinen Gewaltszenen hält sich Dead Man Down mit übertriebenem Blutvergießen zurück, während gleichzeitig grausame Szenen von Mord, blutigen Schießereien und psychischer Folter nicht vermieden werden.

Dass Dead Man Down aber auch so unterhaltsam wie anspruchsvoll ist, liegt an dessen Handlung, die verzwickter, tiefgehender, ausführlicher und vor allem raffinierter ist, als es das Pressematerial und die Trailer vermuten ließen. So ist Dead Man Down kein geradlinig erzählter Film, der sich auf eine Ebene festlegt, sondern wesentlich mehr zu bieten hat. Zum Beispiel besitzt Victor seinen ganz eigenen Hintergrund, der lange Zeit im Dunkeln liegt, während der Hass von Beatrice in kleinen Szenen immer näher durchleuchtet wird. Daneben gibt es noch den großen Unbekannten, der Jagd auf die Gang von Alphonse und so auch ein riskantes Spiel zwischen den kriminellen Organisationen auslöst, was direkt wieder auf Victor zurückfällt, der eine ganz eigenen Pläne verfolgt. Aber eben nicht mit dem Holzhammer präsentiert, wie in einem reinrassigen Actionfilm, sondern mit Spannung und Charakterstärke. Auf diese Weise kommt Dead Man Down zwar auch auf fast zwei Stunden Spielzeit, doch keine einzige Szene ist überflüssig, kein Aspekt kommt zu kurz und langweilig wird das Rachedrama in keiner Sekunde. Das liegt zum einen an der hervorragenden Regie von NIELS ARDEN OPLEV, der die Geschwindigkeit der Erzählung stets variiert und immer zur richtigen Zeit drosselt oder beschleunigt. Zum anderen an dem durchdachten Drehbuch von J.H. WYMAN, was Logiklöcher konsequent vermeidet und besonders auf seine undurchsichtigen Charaktere setzt. Deswegen kann man sich auch nie sicher sein, welche Pointe hinter welcher Szene steckt oder welcher Schachzug von Victor, Beatrice, Darcy oder Alphonse folgen wird. Dead Man Down bleibt auf diese Weise bis zum feurigen Finale äußerst spannend und unvorhersehbar, was nicht viele Filme von diesem Format von sich behaupten können.
Dead Man Down - Banner 02Dead Man Down 05Obwohl ein genauer Ort im Film nicht genannt wird, soll es sich um New York City handeln. Vermutlich, weil Dead Man Down auch überwiegend dort gedreht wurde. Genauer gesagt in den berühmten Stadtteilen Manhatten, Queens und Brooklyn. In wenigen Szenen wich man jedoch auch auf Philadelphia in Pennsylvania zurück. Die Kamera in Dead Man Down bleibt weitgehend ruhig und natürlich, wobei sogar in den Actionszenen wenig mit der Wackelkamera gearbeitet worden ist. Die Actionszenen an sich sind mit einem gewissen Niveau umgesetzt, was handwerklich überzeugen kann, jedoch verständlicherweise nicht mit den aktuellen Blockbustern wie etwa Stirb Langsam 5 mithalten kann. Denn erstens ist dies bei den wenigen Schießereien ohnehin nicht nötig und zweitens merkt man im bleihaltigen Finale, dass sich NIELS ARDEN OPLEV bei umfassenden Actionszenen doch nicht so ganz wohlfühlt. Im Soundtrack jedoch beweist Dead Man Down wieder Gespür für die richtigen Töne und setzt weitgehend auf eine sehr ruhige Score von JACOB GROTH (Schwarze Nelke, Unforgettable), der für OPLEV schon die Millenium-Trilogie vertonte. Der ruhige Soundtrack bietet bis auf einen zweckmäßigen Rave in einer Drogenküche keine Ausnahmen und passt hervorragend zu der spannenden Atmosphäre des Films.

Dead Man Down 13COLIN FARRELL ist ja immer so ein Wackelkandidat, wo man sich nicht sicher sein kann, wie denn nun sein Spiel ausfällt. Zuletzt musste der Ire ja mit den Remakes von Total Recall und Fright Night zwei (verdiente) Flops hinnehmen. Von der Flachheit und Lustlosigkeit in den beiden Filmen ist bei Dead Man Down aber nichts mehr zu spüren. Tatsächlich zeigt sich FARRELL als Victor so stark wie nur selten zuvor, mit zurückhaltender Gestik, zaghafter Mimik und einem bewusst melancholischen Blick. Doch auch er muss sich, wie schon MICHAEL NYQVIST in der Millenium-Trilogie, einer furiosen NOOMI RAPACE geschlagen geben, die hier abermals die ganze Bandbreite ihres Könnens wiedergibt. RAPACE geht völlig in ihrer Rolle auf und bringt jede einzelne Emotion – sei es Wut, Hass, zynischer Witz oder Furcht – glaubwürdig dem Zuschauer näher; mit einer beängstigenden Intensität! Bei dem fantastischen Gespann von NOOMI RAPACE und COLIN FARRELL haben es die Nebendarsteller verständlich viel schwerer daneben zu bestehen. Und wenn man ehrlich ist, dann ist DOMINIC COOPER hier ein eindeutiges Opfer des führenden Duos. Anders als in seinen vorherigen Filmen ist er es nämlich, der hier ein wenig blass und inkontinent rüberkommt, wenn er als Darcy einerseits viel zu cool und in anderen Szenen viel zu aufgeregt agiert. TERRENCE HOWARD hingegen zeigt sich mit Gangsterboss Alphonse Hoyt von seiner besten und auch menschlichsten Seite, wenn es darum geht sich Trotz der eigenen Todesangst gegen seine Konkurrenten zu behaupten. Die verbitterte und gewaltige Anspannung ist nahezu in jeder Szene spürbar, aber ebenso auch die Verzweiflung. ISABELLE HUPPERT, ohnehin gebürtige Französin, lebt in Dead Man Down ihre Herkunft beinahe ebenso süffisant wie überspitzt aus; mit einem maroden Charme und doch sehr liebenswürdig, wenn sie auf typisch französische Art ihre Filmtochter zu ihrem Glück drängt und auch selbst eingreift. ARMAND ASSANTE ist eigentlich nur sehr sehr kurz im Bild, in seiner Minute jedoch von einer so intensiven Bedrohlichkeit, dass man sich sehnlichst wünscht ihn wieder öfters im Kino sehen zu können. Wirklich zu vernachlässigen ist hier leider der erfahrene F. MURRY ABRAHAM (Duell der Meister, Amadeus, Scarface), der nur für wenige Sekunden im Bild ist.

Fazit: Dem Schweden NIELS ARDEN OPLEV gelingt mit seinem US-Debüt Dead Man Down ein beindruckender Rachethriller, der Momente höchster Spannung bereit hält sowie eine gleichermaßen ungewöhnliche wie sensible Liebesgeschichte erzählt. Mit brillianten Darstellern, darunter ein feinfühliger COLIN FARRELL und eine furiose NOOMI RAPACE, einer makellosen Regie und einem perfekten Soundtrack trifft Dead Man Down genau den richtigen Punkt zwischen Gefühl und Gewalt, und ist doch von Anfang bis Ende ungeheuer reich an Suspense, starken Charakteren und einer raffinierten Handlung. Wegen dem etwas unpassenden Actionfinale vergeben wir äußerst starke 9 von 10 Punkten!