Gangster Squad

Gangster Squad - Poster 03Regie: RUBEN FLEISCHER
Drehbuch: WILL BEALL nach dem Roman von PAUL LIEBERMAN
Medium: Kino
Spielzeit: 113 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 24. Januar 2013

„Ich will, dass Sie eine Truppe zusammenstellen; mit Bullen, denen Sie vertrauen können . . . Keine Marken, keine Handschellen. Ich will, dass Sie Cohens Operationen stören, seine Läden zerstören, ihm den Geldhahn zudrehen und sein Imperium vernichten. Und dann vertreiben Sie diesen Bastard aus der Stadt!"


Mickey Cohen ist einer der berüchtigsten Gangster seiner Zeit, der Ende der 1940er ein riesiges Imperium aus Macht, Gewalt und Korruption in Los Angeles erichtete. Mit Drogen und Sportwetten scheffelte er ein Millionenvermögen, war in zahllose brutalste Morde verwickelt, präsentierte sich sogar ganz ungeniert der Öffentlichkeit als Lebemann und starb doch einsam, arm, gelähmt und alt in einer kleinen Mietswohnung. Ein bewegtes Leben also, was zahlreiche Autoren und Filmemacher schon damals zu ihren Gangsterstücken inspirierte. Ein Trend allerdings, der bis heute anhält, denn darunter befindet sich auch der Roman Gangster Squad von PAUL LIEBERMAN, dessen groß angesetzte Verfilmung nun endlich ab dem 24. Januar 2013 in unseren Kinos anlaufen wird.
Gangster Squad 06Für die Verfilmung wurde der Roman von TV-Autor WILL BEALL (Castle) adaptiert, der damit sein Debüt im Kino geben wird. Regie führte TV-Regisseur RUBEN FLEISCHER, der bereits vor drei Jahren mit Zombieland erfolgreich Kinoluft schnuppern konnte. Dabei war die Stardichte von Gangster Squad aber so stark wie nur selten in einem Film. So legen sich JOSH BROLIN (True Grit, Planet Terror, Men In Black 3), RYAN GOSLING (Drive, Only God Forgives), ROBERT PATRICK (Akte X, Terminator 2, The Unit), GIOVANNI RIBISI (Ted, Der Soldat James Ryan, Basic), ANTHONY MACKIE (Abraham Lincoln: Vampirjäger, Real Steel) und MICHAEL PEÑA (World Trade Center, End Of Watch) in diesem Gangsterfilm mit einem furiosen SEAN PENN (Mystic River, Dead Man Walking, U-Turn, Die Dolmetscherin) an, der die Rolle des Mickey Cohen übernommen hat. In weiteren Rollen zu sehen sind EMMA STONE (Zombieland, The Help), der erfahrene NICK NOLTE (Nur 48 Stunden, Kap der Angst, Ausgelöscht, Lorenzos Öl) sowie in einem Cameo FRANK GRILLO (The Grey, Zero Dirty Thirty, The Kill Point, Muttertag). Eigentlich hätte Gangster Squad bereits am 12. Oktober 2012 in unseren Kinos anlaufen sollen, doch der Amoklauf von Aurora hatte so einen großen Impakt auf die Kinobranche, dass der raure Gangsterfilm um mehrere Monate verschoben werden musste. Was dahinter steckt und wie sich Gangster Squad ansehen lässt, das soll in den folgenden Zeilen geklärt werden.

Gangster Squad 26Los Angeles im Jahr 1949. Mickey Cohen hatte sich an die Spitze der New Yorker Mafia gekämpft, in Chicago die Machtverhältnisse ins Chaos gestürzt und jetzt ist er in der Stadt der Engel gelandet, wo er mit eiserner Hand regiert. Er bestimmt den Drogenhandel, den Waffenhandel, dominiert die Prostitution und den Wettbetrug. Jegliche Konkurrenz lässt Mickey extrem brutal auslöschen, denn er ist der unmissverständliche Herrscher von Los Angeles! Die Polizei ist machtlos, weil Cohen Richter, Anwälte ranghohe Beamte und Politiker dank dicker Schmiergelder nach seiner Pfeife tanzen lässt. Allein sein Name reicht aus, um sämtliche Bullen und Gangster in Los Angeles einzuschüchtern – außer Sergeant John O'Mara, der ganz allein ein Bordell von Cohen plattmacht, um ein entführtes Mädchen zu retten. Cohen wütet, doch Polizeichef Bill Parker hat mit O'Mara endlich den richtigen Mann für seine Pläne gefunden. Chief Parker ist ein Mann vom alten Schlag, der sich nicht bestechen lässt und dem Mickey Cohen schon lange ein Dorn im Auge ist. Parker weiß auch, dass man dem Mafiaboss mit normalen Methoden und dem Gesetz nicht beikommen kann. Darum beauftragt er den kompromisslosen Kriegsveteranen O'Mara dazu eine Gruppe von Polizisten um sich zu scharen, um Cohen das Handwerk zu legen. O'Mara vergeudet keine Zeit und sucht sich seine Männer genau aus. Das sind er selbst, sein bester Freund Jerry Wooters, der intelligente Conwell Keeler, der Farbige Coleman Harris, Revolverheld Max Kennard und dessen Schützling Navidad Ramirez. Sie nennen sich die Gangster Squad und sie kennen keine Namen, keine Marken, keine Gnade. Denn sie ziehen gegen Mickey Cohen in einen blutigen Krieg, bei dem sich ihre Methoden kaum von der Brutalität der Gangster unterscheiden.
Gangster Squad - Banner 01Historiker mögen vielleicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn sie sehen, was RUBEN FLEISCHER und WILL BEALL aus der Geschichte von Mickey Cohen und der Gangster Squad gemacht haben. Kinogänger haben jedoch mit Gangster Squad Gelegenheit einen reinrassigen, rasanten und auch recht brutalen Gangsterfilm zu erleben.
Gangster Squad 18Denn Gangster Squad zeigt weit weniger ein Abbild der Realität, sondern porträtiert und zelebriert sämtliche Klischees, die Hollywood in den 1940ern und 1950ern für den Gangsterfilm etablierte. Da erzählt Sergeant John O'Mara ganz viel und ganz lässig aus dem Off, man erlebt leicht Mädchen mit Klasse und Stil, fiese Gangster und toughe Bullen, die ihren beruflichen Interessen mit so einer Coolness nachgehen, dass man den Sunset Boulevard mit Eis überziehen könnte, und man vor bzw. nach getaner Arbeit gemeinsam einen Whiskey zwitschern geht. Man sieht die prächtigen und farbenfrohen Kulissen, taucht ein in diese raue Welt, und wird sogleich Zeuge der ersten Gewalttat von Mickey Cohen. Denn Gangster Squad entwirft ein recht hässliches Bild von Los Angeles, in dem Gewalt und Tod allgegenwärtig sind. Mickey Cohen wird hier als der uneingeschränkte Herrscher der Stadt präsentiert und in dieser Funktion fast schon dämonisiert, wenn hier jeder Charakter von der Gefährlichkeit des Gangsterbosses Zeugnis ablegen kann. Gleichzeitig heroisiert dieser raue Gangsterfilm seine Helden, die aus verschiedenen Gründen gegen den Gangster kämpfen. Auf diese Weise zeichnet sich Gangster Squad durch eine vollkommen klassische Gut & Böse-Zeichnung aus und unterstreicht damit erst recht, dass dieser Film hier eben keine wahrheitsgetreue Momentaufnahme der Ereignisse sein will, sondern ein unterhaltsamer Gangster- und Actionfilm der schlicht unterhalten möchte – und das macht Gangster Squad wirklich gut.
Gangster Squad 17Und zwar mit einer relativ einfachen Geschichte, die zwar mit charakterstarken Szenen angereichert ist, doch mehr oder weniger umfangreich vom Kampf der Gerechten gegen die Gangster erzählt. Dies geschieht äußerst kurzweilig mit ein wenig Humor, dominant aber mit einer geballten Ladung Action und Gewalt, die sogar manche Klassiker wie etwa die beiden Scarface-Filme regelrecht alt aussehen lässt. Hier gibt es die volle Bandbreite mit brutalen Faustkämpfen, brachialen Schießereien, rasanten Verfolgungsjagden und feurigen Explosionen. RUBEN FLEISCHER zieht hier wirkliche alle Register und setzt mit einem außerordentlichen Blutvergießen sogar noch eine Schippe Splatter drauf. Mord und Totschlag gibt es quasi im Minutentakt, wobei die meisten Toten natürlich im großartig umgesetzten Kugelhagel sterben. Aber was ist ein klassischer Gangsterfilm schon, wenn die Gangster hier nicht auch äußerst grausame Methoden anwenden würden, um Feinde und Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Wie zum Beispiel umfunktionierte Autos, feurige Fahrstühle oder der Schlagbohrer. Das wirkt in vielen Szenen schon bewusst ein ganz kleines Bisschen übertrieben – obwohl die Realität noch weitaus schockierende Taten bereit hält – aber die FSK 16 könnte man gerade noch so stehen lassen, wenn man ein Auge zudrückt. Allerdings wurden andere Filme mit so einem außerordentlich hohen Maß an blutiger Gewalt und Brutalität entweder mit einer FSK 18 belegt und mussten teilweise sogar zensiert werden, um eine Freigabe zu erhalten. Um mal einen direkten Vergleich zu ziehen: ich persönlich empfand Gangster Squad um Längen härter als jüngst The Expendables 2, der mit einer FSK 18 in unseren Kinos lief.

Gangster Squad 23Genau aus diesen Gründen sollten sich historisch interessierte Personen darauf einstellen, dass die Handlung und Charaktere von Gangster Squad recht wenig mit dem realen Leben Mickey Cohens gemeinsam haben. So war der reale Mickey Cohen 1949 gerade einmal 36 Jahre alt und nicht zwischen 50 und 60, wie es hier den Anschein hat. Zwar wird der blutige Konflikt mit seinem ehemaligen Freund Jack Dragna auch hier angeschnitten, aber schon in diesem Detail nimmt sich WILL BEALL recht viele Freiheiten heraus und lässt etliche Charaktere im Umfeld Cohens viel früher und außerdem gewaltsam sterben, wie es nicht in der Realität der Fall war. Ebenso werden wegen der Dramaturgie die zahlreichen Mordanschläge auf Cohen und dessen Furcht vor dem eigenen Tod verheimlicht, sein Charakter dafür aber umso kaltblütiger und brutaler herausgeputzt. Aber das heißt nicht, dass Gangster Squad nicht auch ein unglaublich kurzweiliger Film ist, der von Anfang an ein hohes Tempo an den Tag legt und ebenso einige Überraschungen bieten kann. Allerdings weist Gangster Squad auf narrativer Seite diverse Mängel auf, die sich durch auffällige Logiklöcher nicht mehr ignorieren lassen. Einige Teile der Handlung wirken lückenhaft erzählt und werfen doch unangenehme Fragen auf. Wie etwa, woher die Gangster wissen, wo das Versteck der Gangster Squad liegt oder um welche Cops es sich eigentlich handelt. Man kann an dieser Stelle jedoch nicht davon ausgehen, dass diese Schwächen mehr oder weniger laissez-faire eingeplant worden sind, sondern vermutlich viel eher dem Neudreh von Gangster Squad angerechnet werden müssen.
Gangster Squad 08Eine der wichtigsten Schlüsselszenen von Gangster Squad spielte sich nämlich in einem Kinosaal ab, wo die Gangster plötzlich hinter der Leinwand auftauchen und sich mit Maschinengewehren quer durch den Saal ballern, wobei natürlich eine Menge Zivilisten sterben oder verletzt werden. Leider wurde aber aus diesem fiktiven Gewaltakt traurige Realität, als am 20. Juli 2012 der geistig verwirrte James Holmes einen Kinosaal in Aurora, Colorado, stürmte und 12 Menschen erschoss sowie 59 Personen schwer verletzte, die sich eigentlich die Premiere von The Dark Knight Rises ansehen wollten. Traurige Ironie: unter den Trailern vor Filmstart befand sich auch Gangster Squad, in dessen ersten Trailern die Szene im Kinosaal noch enthalten ist. Warner Bros. zog besagte Trailer sofort aus dem Verkehr und verschob den Kinostart von Gangster Squad um ganze fünf Monate nach hinten. Schon damals ein eindeutiges Anzeichen, dass Warner Bros. die Angelegenheit so ernst nahm, dass man einen Neudreh in Erwägung ziehen musste, der sich nun im fertigen Kinofilm bestätigt. So wurden die Szenen der Schießerei im Kinosaal durch eine bleihaltige Auseinandersetzung auf einem Markt in Chinatown ersetzt. Auch in diesen Szenen geht es zwar actionreich und heftig zur Sache, doch wirken diesen Szenen tatsächlich im Eilverfahren eingefangen und weit weniger duchgeplant und chorepraphiert als in der ursprünglichen Kinofassung, die nun sogar 10 Minuten kürzer ausfällt. Dabei besteht natürlich durchaus die Chance, dass es die erste Fassung ins Heimkino schafft oder die ersetzten Szenen sich im Bonusmaterial wiederfinden werden.

Gangster Squad 27Bei der Umsetzung ließen die Filmemacher allerdings größte Sorgfalt walten, um das Los Angeles vor 60 Jahren so realistisch wie möglich einzufangen. Die ausladenden Kulissen, die Szenerie, die Kostüme und der Soundtrack wirken dabei so lebensecht, als würde man glatt in diese Welt eintauchen können. Man erlebt quasi hautnah das grelle Neonlicht an den Casinos, Bordellen, Nachtclubs und das dicke Blut in den Schießereien. Gerade in den Nachtclubs kommt der Soundtrack wegen etlicher zeitgenössischer Songs vollends zur Geltung. Zum Beispiel „The Hills Of California" von JOHNNY MERCER & THE PIED PIPERS und „Blow Blow Blow" von BIG JAY McNEELY. Aber auch moderne Interpreten finden auf dem Soundtrack Platz, darunter die eigene GANGSTER SQUAD MOVIE BAND, die sich mit zwei neuen Songs beteiligt, oder die äußerst ansehnliche Rockabilly-Röhre IMELDA MAY mit ihrem Cover von „Mr. Five By Five". Dazwischen hört man ein vollkommen klassisches Arrangement von STEVE JABLONSKY (Transformers 3, Texas Chainsaw Massacre, Battleship), was bedeutet, dass der vollkommen unpassende und nervtötende Rap in den Trailern kein Thema im fertigen Kinofilm ist. Gangster Squad ist also ein recht lebendiger Film mit einem breiten Farbspektrum, um die Farbenpracht der damaligen Zeit hautnah einzufangen. Das setzt sich auch in dem Kamerastil fort, der vollkommen auf moderne Wackelkameras verzichtet und damit ebenfalls den klassischen Vorbildern folgt. Hier gibt es nicht einmal bei den wüstesten Schießereien schwindelerregenden Wackeldackel, aber dafür umso gelungenere Zeitlupen und einen sicheren Schnitt. Da ist es auch eine wahre Wohltat, dass Gangster Squad weitgehend auf moderne Computereffekte verzichtet und auf handgemachte Blut- und Splattereffekte setzt. Auf diese Weise ist Gangster Squad ein regelrecht klassischer Gangsterstreifen, der allerdings mit moderner Optik, einem erheblichen Aufwand und mit viel Liebe zum Detail inszeniert worden ist.

Gangster Squad 25Das betrifft auch das Make-up von SEAN PENN, der täglich drei Stunden in der Maske verbringen musste, um sich in Mickey Cohen zu verwandeln. Der hat zwar hier wenig mit seinem realen Vorbild gemein, aber dafür glänzt PENN mit umso mehr Spiellaune und gibt einen 1A-Bad-Ass! Da sind herrliche Wutausbrüche, fiese Drohung, Schimpfwörter und eine gnadenlos arrogante Visage, der man die Machtbesessenheit und Bedrohlichkeit regelrecht ansieht. Da können JOSH BROLIN und RYAN GOSLING eigentlich nur verblassen, obwohl sie sich redliche Mühe als Seargant O'Mara und Jerry dagegen zu halten. GOSLING spielt den lässigen Playboy- und Lebemann, von dem man nicht sagen kann, ob er aus Lust an der Gefahr oder wirklicher Liebe eine Affäre mit Cohen-Liebchen Grace eingeht. Und BROLIN als pflichtbewusster und knallharter Bulle, der sich strikt an die Hierachie hält und sich deswegen nur von Chief Parker und seiner Frau Connie etwas sagen lässt. An dieser Stelle auch ein Lob an MIREILLE ENOS (The Killing) und EMMA STONE, die ihren klassischen Rollenbildern als brave Weibchen oder gescheiterte Gangsterbräute volllends gerecht werden; und zwar tatsächlich mit Stil und Spiellaune. NICK NOLTE verkörpert dabei als Chief Parker lediglich die ältere Version von O'Mara, die aber wegen der rauen Whiskeystimme besonders im O-Ton richtig Laune macht. Von ROBERT PATRICK, GIOVANNI RIBISI, ANTHONY MACKIE und MICHAEL PEÑA gibt es entäuschender Weise leider weniger zu sehen, weil ihnen einfach die Zeit fehlt um ihre Charaktere ausführlicher darzustellen, aber letztendlich können auch sie den Zuschauer problemlos überzeugen, wie man es simpel von so einem Ensemble erwarten kann.

Fazit: Auch wenn sich die Filmemacher RUBEN FLEISCHER und WILL BEALL nur geringfügig auf die realen Ereignisse eingehen, so funktioniert Gangster Squad trotzdem hervorragend als Unterhaltungsfilm und Popcorn-Entertainment für Erwachsene. Der reinrassige Gangsterfilm überzeugt mit sehr viel Action und außerordentlich vielen Gewaltszenen, die auch vor drastischen Momenten nicht zurückschrecken. Ebenso mit einer klassischen Charakterzeichnung, einem immensen Aufwand mit viel Liebe zum Detail, einem furiosen Ensemble und einer kurzweiligen Erzählung, die aber zuweilen unter Lücken und Logiklöchern leidet. Einen Kinobesuch ist Gangster Squad aber definitv wert! Wie ballern euch 7,5 von 10 Löcher in die Brust.