Der Diktator

Der Diktator - Poster 01Regie: LARRY CHARLES
Drehbuch: SACHA BARON COHEN, ALEC BERG, DAVID MANDEL & JEFF SCHAFFER
Medium: Kino
Spielzeit: 83 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 17. Mai 2012

„Nein, ich bin nicht der Freund von Bin Laden - er ist mein Cousin dritten Grades."


Der Diktator 10Wenn sich Komiker SACHA BARON COHEN (Sweeny Todd) und Regisseur LARRY CHARLES wieder zusammentun, dann ist das für manche Fraktionen und Personenkreise wohl besser in Deckung zu gehen, bevor das Duo sie gekonnt, respektlos und fern jeder politischer Korrektheit auf die Schippe nimmt. In Borat war es der American Way Of Life, Brüno hingegen der Versuch die snobistische Modewelt zu brüskieren. In Der Diktator sind es nun eben jene Machthaber im Nahen Osten, die im Zuge des arabischen Frühlings gewaltsam abtreten mussten, die nun verarscht und veräppelt werden. SACHA BARON COHEN schrieb dabei wieder das Drehbuch, nun allerdings zusammen mit ALEC BERG (Seinfeld, Late Night With Conan O'Brian), DAVID MANDEL (Eurotrip, Saturday Night Live) und JEFF SCHAFFER (Seinfeld, The League). In den Hauptrollen ist natürlich SACHA BARON COHEN zu sehen, aber auch der Oscar-Preisträger BEN KINGSLEY (Shutter Island, Gandhi, Species, Schindler's Liste) sowie die Comedy-erprobte ANNA FARIS (Scary Movie, House Bunny). Bemerkenswert sind auch die Nebenrollen mit JOHN C. REILLY (Gott des Gemetzels, Gangs Of New York, Aviator, Freeze - Alptraum Nachtwache), MEGAN FOXX (Transformers, Jennifer`s Body) und auch in einem kurzen Cameo EDWARD NORTON (Fight Club, American History X, Das Bourne Vermächtnis). Ab dem 16. Mai 2012 läuft Der Diktator weltweit in den Kinos an, nur wenige Länder ziehen erst im Sommer nach. Auch wir Deutschen dürfen schon ab dem 17. Mai die Herrlichkeit General Aladeens bewundern, wie er sich anschickt, jeglichen Versuch einer Demokratie zu verhindern.

Der Diktator 07General Aladeen ist der letzte große Diktator im Nahen Osten. Mit seiner gewaltigen Armee beherrscht er den Golfstaat Wadiya und plant fleißig Israel auszulöschen und die USA mit Terror zu überziehen. Er arbeitet auch schon wie sein iranischer Kollege Mahmud Ahmadinedschad an einer Atombombe. Als sich Aladeen darum weigert, Waffeninspekteure in sein Land zu lassen, erlässt die UN umfangreiche Sanktionen gegen Wadiya. General Aladeen ist natürlich gekränkt und beschließt es diesem doofen Völkerbund ein für allemal zu zeigen! Er will eine große Rede direkt im Hauptquartier der UN halten und begibt sich nach New York, wo er prompt einer Intrige seines Onkels General Tamir zum Opfer fällt. Er verliert seine Haare, seinen Bart und außerdem hätte er sterben sollen, aber es gelingt ihm zu fliehen. Aladeen versucht sich natürlich in das UN-Hauptquartier zu gelangen, was ihm jedoch nicht gelingen will, da ihn kein Mensch mehr erkennt. Dabei lernt er allerdings die überfreundliche und extrem liberale Ökotante Zoey kennen, die ihn mitnimmt und ihm ihren Laden zeigt, der völlig uneigennützig Öko- und Biomaterialien verkauft. Aladeen könne auch hier arbeiten, was er ablehnt. Nicht nur Arbeit an sich, sondern auch die Behinderten und Schwarzen, die in dem Laden arbeiten. Er lehnt ab, irrt durch New York und trifft zufällig Omar wieder, seinen ehemaligen Chefentwickler der Atombombe, den er eigentlich schon vor Jahren hinrichten ließ. Omar erkennt ihn und schlägt ihm einen Deal vor: Omar wird wieder Chef des Atomprogramms und dafür hilft er General Aladeen wieder zu seiner Identität. Sie haben auch schon einen konkreten Plan, nur müssen sie erst mal in das Hotel gelangen, wo General Aladeen eigentlich abgestiegen ist. Zoey und ihr Geschäft hätten eine Genehmigung und würde Aladeen für sie arbeiten, wäre der Coup so gut wie geschafft. Aber dafür müsste er sich ja bei Zoey, dem Hobbit im Strampelanzug, entschuldigen – also noch dazu bei einer Frau!
Der Diktator - Banner 03Wie für das anarchische Duo SACHA BARON COHEN und LARRY CHARLES üblich, liefert Der Diktator ziemlich wilden und teils sehr derben Humor, wobei sie fast wieder die Klasse eines Borat erreichen.
Der Diktator 12Slapstick und Wortwitz halten sich hier exakt die Waage. Der Humor ist sexistisch, rassistisch, rücksichtslos, respektlos und vor allem gnadenlos, wobei COHEN und CHARLES auch vor extrem übertriebenen Pussy- und Pimmelwitzen nicht zurückschrecken.  Das seltsame daran ist jedoch, dass sie hier in Der Diktator tatsächlich funktionieren und man trotzdem darüber lachen kann und das nicht einmal zu knapp. Natürlich ist das auch der große Verdienst von SACHA BARON COHEN, der sich mit General Aladeen wieder eine Paraderolle auf den Leib geschrieben hat. Dabei kann man in General Aladeen so ziemlich jeden großen Diktator aus dem Nahen Osten erkennen, wie er in den letzten Jahren abtreten musste. Der Diktator kommt hier aber kein Jahr zu spät, sondern nimmt direkt Bezug auf die politischen Umstürze des arabischen Frühlings. Aber nicht nur der Nahe Osten, auch die Regime in Asien kriegen ihr Fett weg. Zum Beispiel geht gleich der erste Witz des Films auf das Konto von Kim Yong-il. Wichtig ist, dass der Humor fast vollständig durch die skurrilen Charaktere zustande kommt und sich nicht auf eine Kultur oder Gesellschaft gründen. Aus diesem Grund sind auch sehr makabere Witze über 9/11 möglich. Nur im Ansatz sticheln einige der extrem frauenfeindlichen Witze auf einen islamischen Ursprung. Scherze über Religion bzw. den Glauben vermeiden COHEN und CHARLES jedoch geschickt und konzentrieren sich voll auf die Abenteuer General Aladeens, für den der Trip nach New York zu einer aberwitzigen und saukomischen Erkenntnisreise wird. COHEN und besonders seine Figur Borat waren ja dafür bekannt, über bissigen Humor herbe Kritik an der Gesellschaft und der Politik zu üben, die man zwischen den Zeilen herauslesen konnte. Was aber leider bei Brüno fehlte, macht Der Diktator hier wieder wett und lässt auch kritische Untertöne zu, auch wenn diese nun wesentlich subtiler eingesetzt und erst am Ende offensichtlich werden. Damit jedoch bezieht Der Diktator direkt Stellung und greift unverblümt die Politik der USA an.

Der Diktator 09Der Diktator ist mit gerade einmal 83 Minuten alles Andere als ein langer Film und das kommt der gut ausbalancierten Handlung sehr zu Gute. Charakterstarke Szenen, die das recht stereotypische Weltbild von General Aladeen näher beleuchten, halten sich mit vorantreibenden Szenen exakt die Waage und liefern insgesamt einen äußert guten Gesamteindruck. Dabei verbringt General Aladeen circa die ersten 20 Minuten des Films in Wadiya und die restliche Stunde in New York. Das Erzähltempo ist ziemlich flott und hält so manche skurrilen Überraschungen für den Zuschauer parat. Einige Wendungen bzw. einige Scherze sind zwar vorhersehbar, lassen sich aber sehr leicht verkraften. Denn die Gag-Dichte in Der Diktator ist sehr sehr hoch und Witze gibt es quasi am laufenden Band. CHARLES und COHEN setzen de Facto Lacher noch vor Beginn des Films bis weit in den Abspann hin und in der Tat zünden fast alle Gags. Über Logikfehler braucht man sich bei einem Film wie Der Diktator natürlich keinerlei Gedanken zu machen, da die Handlung an sich schon fast grotesk überzogen wirkt. Allerdings lässt sich die Komödie sehr flüssig und ohne den geringsten Durchhänger anschauen, unterhält mit viel Humor bis ganz zum Schluss. Wie leider heutzutage üblich gibt es, wenn man manche der Trailer mit dem fertigen Film vergleicht, Hinweise auf eine längere Fassung. Wie bei fast allen COHEN-Filmen muss man allerdings eine Fortsetzung ausschließen, obwohl sie hier theoretisch möglich wäre, da sich COHEN und CHARLES nun von ihrem Ego-Stil abgewandt haben.

Der Diktator 02Waren Borat und Brüno noch als Mockumentaries gedreht, also als gefakte Aufnahmen eines Reportage-Teams, so ist Der Diktator eine traditionell gefilmte Komödie. Das bedeutet ein schönes Widescreen-Format, ein ordentliches Soundsystem, einen sauberen Schnitt und eine stabile Kamera, die meist ohne neumodische Wackelkamera auskommt. Ganz rücken CHARLES und COHEN jedoch nicht von ihrem alten Stil ab, wenn General Aladeen eigene Olympische Spiele abhält oder in TV-Ausschnitten bekannte Politiker gegen den Diktator wettern. Diese reellen Aussagen sind jedoch gegen Syriens Machthaber Baschar al-Assad gerichtet. Der Aufwand für Der Diktator war ein klein wenig höher, als man es von ähnlichen Komödien gewöhnt ist. Die Dreharbeiten fanden zwar weitgehend in New York statt, für das fiktive Wadiya begab man sich aber nach Spanien, was durch den maurischen Einfluss im Süden ja auch zum Teil islamisch geprägt ist. Hinzu kommen noch die vor lauter Prunk nur so vollgestopften Paläste von General Aladeen, die in recht prächtigen Außenaufnahmen zu sehen sind. Auch das Design von General Aladeen selbst ist vortrefflich gelungen, mit dem überlangen Bart Osama Bin Ladens, der Sonnenbrille Muammar al-Gaddafis - und inklusive dessen Leibwächterinnen alias Sexsklavinnen - und der vor Orden strahlenden Uniform, wie sie Saddam Hussein zu tragen pflegte. Der Diktator besitzt eine recht passende musikalische Untermalung, die sich aus modernem College-Rock der spaßigen Sorte zusammensetzt, aber auch aus recht witzigen Ideen, wie eine arabische Version des R.E.M.-Klassiker „Everybody Hurts".

Der Diktator 08Insgesamt jedoch ist Der Diktator eine One-Man-Show des SACHA BARON COHEN, der mit herrlich ignoranter Maskerade einen Despoten vorführt, der wirklich sämtliche Klischees eines Diktators wiederspiegelt. Aladeen befiehlt Hinrichtungen am Fließband, vernascht gegen dicke Schecks die Sexsymbole der westlichen Welt, lässt Menschen mit Panzern im Rücken jubeln und er spricht Frauen ernsthaft jegliche Menschenwürde ab; ebenso wie Schwarzen und Juden. COHEN spielt seinen Diktator mit einer fast diebischen Freude, die man ihm auch sichtlich ansieht, wenn er breit grinst und dabei auf seine Herrlichkeit verweist. Neben COHEN besitzt ANNA FARIS noch die meiste Screentime, in welcher sie jedoch einen ähnlich naiven Charakter verkörpert, wie in Scary Movie. Zoey ist eine Öko-Tante, die grundliberal Alles und Jeden lieb hat und mit Inbrunst gegen das Unrecht in der Welt kämpft. Sie lächelt oft entwaffnend naiv und macht doch einen niedlichen Eindruck. BEN KINGSLEY hingegen wurde mit seiner Rolle als raffgieriger Onkel Tamir ein wenig vernachlässigt und ist eigentlich nur in wenigen Szenen zu sehen, wo man sich kaum ein Urteil erlauben kann. Glaubwürdig ist er jedoch allemal. Genauso, wie JOHN C. REILLY als foltergeiler Rassist vom Dienst. Stattdessen rückt der unbekannte FRED MELAMED viel eher ins Blickfeld, wenn er als Chefphysiker Omar General Aladeen unterstützt und dabei halb cholerisch, halb ängstlich immer kurz davor steht, die Fassung zu verlieren. Gerade die Szene im Hubschrauber ist saukomisch, wurde aber leider schon im Trailer angeschnitten. Um den Wortwitz wirklich vollends auskosten zu können, empfiehlt es ich den Film im O-Ton zu schauen.

Fazit: Der Krawall-Humor von SASHA BARON COHEN und seinem Stammregisseur LARRY CHARLES ist sicherlich nicht jedermanns Sache, aber dennoch gelingt es den Beiden überraschend gut ihre wilden Witze in eine freche und frische Komödie zu verpacken, die Diktatoren und Terrorregime derbe verarscht und dabei sogar noch kritische Untertöne zulässt. Der Diktator ist ein herrlich respektloser Spaß, dem man höchstens ein paar arg übertriebene Pussy- und Pimmelwitze übel nehmen kann. Wir vergeben 8 von 10 Punkten.