The Grey - Unter Wölfen

The Grey - Poster 02Regie: JOE CARNAHAN
Drehbuch: JOE CARNAHAN & IAN MacKENZIE JEFFERS
Medium: Kino
Spielzeit: 117 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 12. April 2012

„Noch einmal in die Schlacht. In das letzte gute Gefecht, das ich jemals kennen lernen werde. Lebe und stirb an diesem Tag. Lebe und stirb an diesem Tag."


The Grey 13Regisseur, Drehbuchautor und Produzent JOE CARNAHAN gelang zwar mit dem Drogendrama Narc ein sehr beeindruckendes Debüt, einem großen Publikum wurde er jedoch erst durch seine beiden nicht ganz ernstzunehmenden Actionkracher Smokin` Aces und der Kinoversion von A-Team bekannt, wofür er auch die Drehbücher schrieb bzw. daran mitarbeitete. Mit The Grey – Unter Wölfen, einem düsteren Mix aus Abenteuerdrama und Thriller, kehrt er nun jedoch zum anspruchsvollen Kino zurück, wobei er zusammen mit IAN MacKENZIE JEFFERS (Death Sentence) das Drehbuch schrieb. Als Grundlage diente nämlich JEFFERS Kurzgeschichte Ghost Walker, die kurz nach ihrem Erscheinen die Aufmerksamkeit von CARNAHAN erregte. Für die Hauptrolle stand schon sehr schnell Wunschkandidat LIAM NEESON (Rob Roy, Nell, Schindlers Liste, 96 Hours, Unter Verdacht) fest, der mit CARNAHAN schon bei Das A-Team zusammengearbeitet hatte, obwohl das Studio ursprünglich BRADLEY COOPER (Ohne Limit) in der Hauptrolle vorgesehen hatte. In weiteren Rollen wurden unter anderem DALLAS ROBERTS (Rubicon, I Walk The Line, The L Word), FRANK GRILLO (Warrior, The Kill Point, Muttertag), DERMOT MULRONEY (J. Edgar, About Schmidt), NONSO ANOZIE (Conan) und JOE ANDERSON (The River, The Crazies) verpflichtet. Obwohl das US-Publikum für derlei anspruchsvolle Filme nicht sonderlich offen ist und man auch auf eine überbordende Werbekampagne verzichtete, konnte sich The Grey sofort auf Platz 1 der US-Kinocharts platzieren. Insgesamt konnte der Film bisher über 65 Millionen Dollar einspielen. Publikum und Kritiker zeichnen sich beiderseits sehr angetan von JOE CARNAHANs Abenteuergeschichte, wovon wir deutschen Zuschauer uns aber erst ab dem 12. April 2012 selbst ein Bild machen können.

The Grey 08Alaska ist berühmt für seine weiten, verschneiten Wälder und menschenleere Wildnis. Darunter befinden sich jedoch auch immense Ölvorkommen und da der Ex-Präsident der USA, George W. Bush, den Abbau sogar in Naturschutzgebieten erlaubt hat, war es nur eine Frage der Zeit bis das Schwarze Gold die ersten Schmeißfliegen anlockte. Doch die Natur gibt ihre Schätze nicht so leicht preis. Die Bedingungen sind hart, weswegen die Arbeiten meist nur von raubeinigen Männern bis gescheiterten Existenzen durchgeführt werden, die den erheblichen Minusgraden, Schneestürmen und Angriffen von wilden Tieren trotzen müssen. Einer von ihnen ist der Scharfschütze und Jäger John Ottway, der die Arbeiter vor Wölfen schützen soll und seit dem Tod seiner Frau unter Depressionen leidet. Jetzt hat er mit einigen Anderen seine Schicht hinter sich und reist per Jet zurück in die Zivilisation. Da schlägt die Natur gnadenlos zu und das Flugzeug stürzt mitten in einem Schneesturm ab. Fast alle Passagiere sterben. Wie durch ein Wunder überleben Ottway und einige Andere, die nun zusammenrotten, was sie können, um nicht wegen der Kälte draufzugehen. Schon sehr bald wird ihnen jedoch klar, dass die Chancen sie hier draußen zu finden sehr gering sind. Schlimmer noch: sie sind mitten in einem Revier von Wölfen abgestürzt, die die Menschen als Eindringlinge und somit als Bedrohung wahrnehmen. Ihnen bleibt nur die Möglichkeit, sich auf eigene Faust zu irgendeiner Siedlung Richtung Süden durchzuschlagen, die Wölfe immer im Nacken. Es kommt zu einer unerbittlichen Hetzjagd auf Leben und Tod in der lebensfeindlichen und doch atemberaubenden Landschaft Alaskas.
The Grey - Banner 01Atmosphärisch lässt sich The Grey nicht genau einordnen, weil er lediglich aus diversen Elementen unterschiedlicher Genres besteht. Aber so, wie Teile eines Puzzles, harmonieren diese Elemente hier außergewöhnlich gut und lassen The Grey zu einem einzigartigen Kinoerlebnis werden, was man nicht so schnell vergisst.
The Grey 19In erster Linie ist The Grey eine abenteuerliche Überlebensgeschichte, die sich mitten in den vereisten Wäldern Alaskas abspielt, wenn die Überlebenden eines Flugzeugabsturzes, sich durch die lebensfeindliche Landschaft schleppen müssen. Alleine schon der Flugzeugabsturz wird verheerend mit erschütternden Bildern präsentiert. Leichenteile, Zerstörung überall, Schneestürme, wilde Tiere . . . CARNAHAN lässt nicht den geringsten Zweifel zu, dass sich die Protagonisten in authentischer Lebensgefahr befinden. Mit den Wölfen überschreitet CARNAHAN aber die Grenze von einem simplen Abenteuerfilm hinüber zu einem spannungsgeladenen Thriller, in welchem die Wölfe die Männer einen nach dem Anderen dezimieren. Aber auch die Natur hält noch einige böse Überraschungen parat, wie zum Beispiel plötzliche Blizzards oder unüberwindbar scheinende Abgründe. Das Gefühl des Drucks, der Hetze und der lebensfeindlichen Umwelt sorgen für viel Spannung, die weder konstruiert noch überladen wirkt. Manche der Szenen sind dermaßen packend, dass man den Atem anhalten möchte. Wie etwa über der Schlucht oder wenn die Männer nachts den Wölfen gegenüberstehen. Dabei ziehen CARNAHAN und JEFFERS alle Register und kreieren von Anfang an eine pessimistische, ja sogar sehr düstere Stimmung, die durch die Charaktere erreicht wird. Besonders Ottway, die Hauptfigur, besticht durch seine Depressionen. Immer wieder streut CARNAHAN nämlich Bilder von Ottways Frau ein und diese Szenen machen den Film erst so richtig intensiv, wie überhaupt erst die charakterstarken Szenen, von denen es in The Grey Zahlreiche gibt. Auf diese Weise, mit Ottways Backround und den tragischen Figuren, enthält The Grey auch etliche Elemente eines erstklassigen Charakterdramas mit einer immensen emotionalen Wucht.
The Grey 20Dabei kann man The Grey auch als einen rauen Männerfilm interpretieren und nicht zuletzt geht CARNAHAN auch der Frage auf den Grund, was es bedeutet ein Mann zu sein. Dies kann man den Gesprächen zwischen den Figuren entnehmen, die ebenso rau sind, wie die Natur in der sie sich befinden. Klare und knappe Ansagen, Schimpfwörter im Minutentakt, Gespräche über große Titten und knackige Ärsche, aber auch über die Familie, persönliche Schicksale und die Menschen, die man vermisst. Jeder der Männer hat seinen ganz eigenen Charakter, Jeder von Ihnen hat Angehörige, die ihn vermissen und jeder hat seine Ecken und Kanten. Und genau deswegen tut es weh, wenn man sie sterben sieht. Man vermisst die Männer, die gestorben sind, während der Film voranschreitet. Besonders das allgegenwärtige Zitat, was in der Werbekampagne zu einem plakativen Lockspruch degradiert wurde, hat in The Grey eine äußerst tiefgreifende Bedeutung. Die Charaktere sind allesamt sehr authentisch und diesen Umstand reizen CARNAHAN und JEFFERS auf jeder Ebene aus, auch was die spannende Hetzjagd durch die Wölfe betrifft. Das Gefühl der Bedrohlichkeit ist allgegenwärtig und schließlich schlagen die Tiere von einer Sekunde auf die Andere zu. Schockeffekte und immense Spannungsbögen inbegriffen. Wichtig dabei ist - und das ist CARNAHAN ebenfalls sehr gut gelungen - dass die Wölfe nicht dämonisiert werden wie etwa in Der weiße Hai. Die Tiere werden ebenso als solche dargestellt, die nur ihren Instinkten gehorchen, auch wenn man dem Alpha-Tier einem einschlägigen Charme nicht absprechen kann. Die Wölfe sind Teil der Natur und so verhalten sie sich auch, wenn sie die Eindringlinge attackieren. Da kommt es mitunter auch zu recht blutigen Bildern, in denen die Menschen von den Wölfen zerfleischt werden. Dabei bleibt CARNAHAN aber dem Realismus treu und verzichtet auf jede Form von Plakativität, weswegen die FSK 16 hier die korrekte Wahl darstellt.

The Grey 27Bei dieser großartigen Atmosphäre stört es auch kaum, dass in The Grey eine an für sich simple Geschichte erzählt wird. Es geht schlicht um einige Männer, die auf sich alleine gestellt gegen die Natur und gegen Untiere zur Wehr setzen müssen. Dabei greift allerdings wieder das altbekannte 10-Kleine-Negerlein-Prinzip, was die Gruppe der Überlebenden Stück für Stück dezimiert. Jedoch kann man in The Grey schon erahnen, welcher Charakter als Nächstes sterben muss. CARNAHAN pfeift hier aber auf die Berechenbarkeit und konzentriert sich stattessen vollends auf die Beziehungen zwischen den Figuren und den Zuschauern, die Nichts weiter tun können als hilflos zusehen, wenn der nächste Charakter ins Gras beißt. Die Grenzen zwischen Survival-Drama, Abenteuerfilm und Slasher verschwinden dabei völlig, weil JOE CARNAHAN in The Grey sein ganzes Geschick als Regisseur ausspielt. Ihm gelingt es dadurch mit beispielloser Präzision urplötzlich die Stimmung mitten in der Szene zu wechseln. Charakterstarke Szenen wandeln sich ohne Vorwarnung zu gruseligen Passagen, emotionale Momente werden von Schockeffekten gekrönt. Dass heißt aber auch, dass The Grey in seiner Geschwindigkeit variiert. CARNAHAN nimmt sich einige Zeit heraus, die Figuren vorzustellen. Er beschleunigt und drosselt das Tempo wieder unberechenbar, was ebenfalls recht unterhaltsam ist. Und nicht zuletzt sind es vor Allem die Charaktere, die einen Großteil der Authentizität des Films ausmachen. Aus diesen Gründen wirkt die Atmosphäre des Films nur umso intensiver. Das Ende wird sicherlich nicht jedem Zuschauer gefallen, da CARNAHAN sich sowohl eines Happy Endings als auch bösen Finales entzieht. Allerdings möchte ich an dieser Stelle jedem Kinobesucher anraten auch den Abspann des Films vollständig abzuwarten. Übrigens hat IAN MacKENZIE JEFFERS seine Kurzgeschichte nun im Nachhinein auch zu einem Roman ausgebaut, der demnächst in den Handel kommen soll.

The Grey 24Man sieht es The Grey zwar nicht an, aber tatsächlich wurde der gesamte Film von innerhalb nur 14 Tagen gedreht. Man begab sich hierfür allerdings in die menschenleere Wildnis von British Columbia, Kanada, weil JOE CARNAHAN den Film unter möglichst realistischen Bedingungen drehen wollte – und das sieht man eben deutlich. Schneestürme unterbrachen mehrmals die Dreharbeiten, Temperaturen von - 30° Celsius machten dem Cast und der Crew zu schaffen und die Technik versagte des Öfteren den Dienst. Manchmal ließ JOE CARNAHAN aber auch die Kamera drauf halten, weil er nun eben genau die erschöpfenden Reaktionen seiner Schauspieler hatte, die er haben wollte. Die meisten Schneestürme in The Grey sind deswegen auch nicht animiert, sondern tatsächlich echt. Die rauen Bedingungen des Drehs machten aber auch die Arbeit mit echten Wölfen unmöglich. Als Ersatz mussten darum Computeranimationen und originalgetreue Modelle herhalten, wobei man gerade in den Computeranimationen noch diverse Schwächen ausmachen kann. Die CGI-Wölfe wirken zwar insgesamt akzeptabel, aber man hätte hier durchaus noch mehr Perfektion herausholen können. Dafür wirken die mechanischen Wölfe sehr gut getroffen und richtig furchteinflößend. Der Kamerastil von The Grey verlässt sich viel eher auf lange und nüchterne Einstellungen ohne großes Schnittgewitter. Höchstens in den Actionszenen wird der Stil rasanter. Die Zuschauer sollten sich jedoch darauf einstellen, dass, um die Authentizität zu wahren, The Grey weitgehend mit der Handkamera gefilmt worden ist. Dafür bekommt der Zuschauer neben den unwirtlichen Seiten der Natur auch raue und dennoch atemberaubend schöne Naturaufnahmen zu Gesicht. Unterlegt sind diese teilweise wehmütig schönen Bilder mit dem einem ebenso kargen wie passenden Soundtrack von MARC STREITENFELD (Prometheus, Body Of Lies, American Gangster), der sich weitgehend auf traurigen Melodien mit dem Piano stützt. Aber auch treibende Rhythmen in klassischem Arrangement kommen zum Einsatz.

The Grey 11Die schauspielerische Leistung alleine an LIAM NEESON festzumachen, wäre unfair den anderen Akteuren gegenüber, denn insgesamt zeigt hier jeder der Schauspieler eine umwerfend gute Leistung. Der junge JOE ANDERSON ist als nerviges White-Trash-Beispiel Flannery ebenso überzeugend, wie der eigenbrötlerische Diaz, der die Furcht hinter seinem gewaltbetonten Macho-Getue verbirgt. Gespielt wird Diaz von einem superben FRANK GRILLO, der mit böse-breitem Grinsen die Zähne zeigt und das Messer immer griffbereit hat. Mittendrin sind auch der verschlossene Hendrick, der von DALLAS ROBERTS gespielt wird, oder DERMOT MULRONEY als der harmoniebetonte Talget. Oder auch der schwerfällige NONSO ANOZIE alias Burke, der tapfer gegen seine Verletzungen ankämpft. Diese Männer sind nicht einfach nur irgendwelche Statisten, die mit LIAM NEESON interagieren, sondern ebenfalls brilliante Schauspieler, die in The Grey über jeden Zweifel erhaben sind. Gleichwohl muss man aber auch festhalten, dass NEESON mit seiner Darstellung des John Ottway wohl die beste Leistung seiner bisherigen Karriere abliefert! Alleine schon die ersten fünf Minuten, wenn er mit dem Tod seiner Frau hadert, einen herzzerreißenden Brief an sie schreibt und Selbstmord in Betracht zieht, sind unglaublich intensiv gespielt. Später wird NEESON zwar auch wieder den toughen Burschen spielen, aber es sind genau solche ruhigen und charakterstarken Szenen, die über den ganzen Film verteilt sind, die ihn als einen der großen Schauspieler unserer Zeit ausweisen; auch wenn er in letzter Zeit öfters in diversen Blockbustern zu sehen war, die ihn auch nicht forderten. The Grey zwingt NEESON aber zu einer grandiosen Leistung und diese Herausforderung nahm der gebürtige Ire offenbar nur allzu gerne an.

The Grey 07Fazit: Mit The Grey - Unter Wölfen erwartet den Zuschauer ein mitreißender, spannender und tief emotionaler Mix aus Abenteuerfilm, Survival-Drama und Thriller. JOE CARNAHAN präsentiert uns eine bewegende Geschichte in atemberaubender Landschaft und authentischen Charakteren, die überdies hervorragend gefilmt ist und unter schwierigsten Bedingungen entstand. Nur an den CGI-Effekten kann man hier und da ein wenig rummäkeln und auch das eigenwillige Ende kann man negativ werten – wenn man möchte – weshalb ich überlege, ob The Grey seine volle Punktzahl wert ist. Aber ach . . . Scheiß drauf! „Fuck it", wie Ottway es im Film auch selbst sagt. Mir ist The Grey meine subjektiven 10 von 10 Punkten wert und schließlich brilliert The Grey – Unter Wölfen auch mit einer handwerklichen und erzählerischen Klasse, die an für sich kaum zu überbieten ist. Allen voran LIAM NEESON, der in The Greydie beste Leistung seiner gesamten Karriere zeigt.

 

 
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