Bullhead


Bullhead - PosterRegie: MICHAËL R. ROSKAM
Drehbuch: MICHAËL R. ROSKAM
Medium: Kino
Spielzeit: 128 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 24. November 2011

„Dieser ganze Scheiß mit Liebe, Familie und beschützen und so; das kann ich einfach nicht. Mir fehlt irgendwas. Ich bin einfach anders."


Bullhead 02MICHAËL R. ROSKAM gilt als einer der wenigen großen Filmhoffnungen Belgiens. MICHAËL ROSKAM, geboren 1972, machte im Jahre 2005 seinen Master in Drehbuchentwicklung, hatte aber bis dahin schon einige preisgekrönte Kurzfilme gedreht, bis er 2008 auf das Problem der Hormonmafia aufmerksam wurde, die ROSKAM letztendlich die Inspiration gaben sein Kinodebüt Bullhead zu verfassen und zu inszenieren. Die Rinderzucht ist ein großer Wirtschaftsfaktor in Belgien, weswegen damit auch recht viel Schindluder getrieben wird. In regelmäßigen Abständen können die belgischen Gazetten immer wieder von neuen Skandalen rund um die Hormonmafia berichten und auch hinter Bullhead steckt eine wahre Geschichte. Genauer gesagt basiert das Krimidrama auf der Ermordung des Veterinärinspektors Karel Van Noppen, die 1995 hohe Wellen schlug. In den Hauptrollen wurden MATTHIAS SCHOENARTS (Loft, Blackbook) und die Bühnenschauspieler JEROEN PERCEVAL und JEANNE DANDOY verpflichtet, die in Bullhead ihr Spielfilmdebüt gibt. Besonders MATTHIAS SCHOENARTS legte sich für seine Rolle schon lange vor den Dreharbeiten ins Zeug, indem er sich in zwei Jahren 27 kg Muskelmasse antrainierte, um seiner Rolle als aggressiver Rindskopf Jacky auch physischen Ausdruck zu verleihen. Seit dem 24. November 2011 ist Bullhead in ausgewählten Kinos zu sehen.

Bullhead 09Jacky Vanmarsenille betreibt zusammen mit seiner Familie einen Bauernhof mit Rinderzucht in Limburg. Sein Bruder Jean kümmert sich um die Kontakte, Jacky um die Rinder und ihr Onkel Sam besorgt die Hormone, mit denen die Tiere hochgezüchtet werden – und zwar illegal über die Hormonmafia! Jacky und seine Familie gehören nämlich schon seit fast 40 Jahren dazu und bisher gelang es ihnen ihre Geschäfte unbehelligt auszuüben. Das liegt zum einen an ihrer geschickten und vorsichtigen Geschäftsstrategie, aber auch an Jacky selbst, der sich seit über 15 Jahren heimlich Hormone spritzt. Auf diese Weise ist er zu einem muskulösen Koloss gewachsen, dessen pure Erscheinung jegliche Gegner und Verhandlungspartner einschüchtert. Niemand ahnt, dass sich dahinter auch ein düsteres Geheimnis verbirgt, was Jacky aber unter Verschluss hält und jeden Kommentar dazu sofort brutal bestraft. Der Einzige, der außer Jacky genau darüber Bescheid weiß, was damals passiert ist, heißt Diederik Meas, der sich aber danach von ihm distanzierte und schließlich wegzog. Doch ausgerechnet jetzt führt das Schicksal die beiden ehemaligen Freunde wieder zusammen. Diederik arbeitet nun ebenso für die Hormonmafia, aber weit weg von Limburg bei Gangsterboss Marc de Kuyper, der sich gerade einem lästigen Staatsbeamten entledigt hat, der ihm zu nahe kam. Der Mord beherrscht die Schlagzeilen und de Kuyper weiß, dass er nun seine alte Quelle für gespritztes Rindfleisch nicht mehr nutzen kann. Über Umwege kommt er so auch mit Sam in Verbindung und schlägt ihm unversehens einen Deal vor. Der Deal ist riskant, doch ebenso finanziell attraktiv, weshalb er da lieber Nichts ohne Jean oder Jacky entscheiden will. Also nimmt er Jacky mit auf das Geschäftstreffen, wo der Deal klar gemacht werden soll. Es ist das erste Zusammentreffen zwischen Jacky und Diederik seit fast zwei Jahrzehnten, was aber recht kühl ausfällt. Diederik arbeitet nämlich insgeheim als Informant für die Polizei und will seinen Ex-Kumpanen aus der Sache raus halten. Doch insgeheim rotiert es in Jacky, der daraufhin versucht ein normales Leben auf die Beine zu stellen und seine Jugendliebe Lucie ausfindig zu machen. Doch seine ungezügelte Wut im Bauch, der Zwiespalt zwischen Rache oder Liebe, der tote Polizist, und nicht zuletzt die vernichtende Macht des Schicksals bringen sein Leben gehörig durcheinander.
Bullhead 06Bullhead ist in der Tat ein gelungener Spagat zwischen Kriminalfilm und Charakterdrama, allerdings auch nicht frei von Schwächen.
Bullhead 03In seiner Atmosphäre ist Bullhead sehr gut gelungen, indem er sich dem Blocksatzsystem bedient. Im Klartext heisst das, dass es zuerst einige Szenen gibt, die Jackys kriminelle Seite zeigen, dann wieder charakterstarke Szenen, die seine Identität und sein Wesen näher beleuchten und zu guter Letzt zeigt die Kamera, wie er versucht, dieses brutale und aggressive Wesen mit seinem Leben zu verbinden. Gleichzeitig achtet Regisseur MICHAËL R. ROSKAM auch auf die äußeren Umstände, die auf Jacky und später auch auf Diederik einwirken, weshalb sich ein sehr vielschichtiges Bild ergibt und man kein primäres, dominierendes Genre ausmachen kann. Bullhead ist auf diese Weise gleichzeitig Gangsterfilm, Rachefilm, Freundschaftsdrama und starkes Charakterkino auf ein und derselben Ebene. Der Fokus liegt dabei weniger auf plakative Schauwerte und berechenbare Gefühlsausbrüche, sondern Handlung und Figuren. Bullhead macht Vieles richtig, wenn er auf eine nüchterne Art einen Blick in die Hormonmafia zeigt und ihre Strategien ein wenig beleuchtet, was der Film für einige spannende Sequenzen ausnutzt. Ebenso wie die mysteriöse Vergangenheit von Jacky und Diederik, die sich deswegen voneinander entfremdet haben und nun nach Jahrzehnten wieder aufeinander prallen. Interessant ist auch die Frage, wie beide aufeinander reagieren: Jacky blockt ab, während Diederik versucht mit ihm und der Situation klar zu kommen, dass beide in Zukunft wahrscheinlich enger zusammenarbeiten müssen. Spannung entsteht auch durch das Wissen des Zuschauers, dass Diederik heimlich für die Polizei arbeitet und sich der tödlichen Gefahr jederzeit bewusst ist, in der er schwebt. Alle Charaktere haben hier in Bullhead eine eher negative Natur, sind weder sympathisch und unsympathisch, aber dafür depressiv geprägt. Was aber nicht heißt, dass Bullhead nicht auch mit ein wenig Humor arbeitet. Tatsächlich gibt es auch einige Momente, in denen man hier durchaus lachen darf, obwohl dem Zuschauer eigentlich schon von Anfang an angedeutet wird, dass die Geschichte von Jacky Vanmarsenille ein trauriges Ende nehmen wird. Das besonders tragische daran: auch wenn das Schicksal Jacky immer mehr und mehr zusetzt; er ist auch selbst für seinen Untergang verantwortlich. Wer nun glaubt, dass Bullhead nun deswegen sonderlich gewalttätig ist, der irrt sich. Es gibt zwar einige blutige Szenen, die man jedoch an einer Hand abzählen kann. Der Film setzt also weit mehr auf eine düstere, deprimierende Atmosphäre voll Tragik und Dramatik.

Bullhead 13Die Schwächen; oder besser gesagt, das ganz große Problem von Bullhead, liegt aber ausgerechnet in der Handlung. Man kann sagen, Alles was Bullhead in seiner Atmosphäre besonders gut macht, macht er in seiner Erzählweise besonders schlecht. Bitte nicht falsch verstehen, denn MICHAËL R. ROSKAM hat an für sich einen sehr guten Job auch als Drehbuchautor hingelegt, so viele Stilrichtungen sehr ausbalanciert miteinander zu verbinden, aber sein Kinodebüt ist leider auch wieder so ein typisches Beispiel dafür, warum europäisches Kino schlicht als langweilig gilt – denn es trifft leider über sehr weite Strecken auch auf Bullhead zu! Mal sehen: wir haben die tragische Kindheitsgeschichte, woraus sich das spätere Freundschaftsdrama entwickelt, Jackys Ambitionen Lucia endlich näher zu kommen und gleichzeitig Rache an ihrem Bruder zu nehmen und noch dazu den Gangsterplot um einen ermordeten Polizisten, verborgene Ermittlungen, Verrat und Spannungen zwischen zwei kriminellen Organisationen. Alles in Allem recht viel Stoff, um anspruchsvolle Spannung auf etlichen Ebenen zu bieten, aber leider kommt davon kaum etwas beim Zuschauer an, weil MICHAËL R. ROSKAM die meisten Themen nur anschneidet und sich viel lieber darauf konzentriert, jede Episode und beinahe jede Szene unnötig extrem in die Länge zu ziehen. Ganze zwei Stunden dauert deshalb sein Regiedebüt, obwohl man den kompletten Stoff auch innerhalb von 90 Minuten hätte erzählen können. Sprich in knappen 40 Minuten weniger, viel mehr gestrafft und darum auch viel flüssiger und schneller. Aber so wird das Zuschauen manchmal schon zu einer Tortur, wenn man zum Beispiel Jacky minutenlang in der Disco beim Wodka-Kippen zusieht, ohne dass ein Ton gesagt wird. Das nervt und ist auf die Dauer recht anstrengend.
Handwerklich gesehen betreibt MICHAËL R. ROSKAM auch ein normales, beobachtendes Kino, was sich auf keinen Charakter festlegt. Klar, Jacky Vanmarsenille ist die Hauptperson von Bullhead, jedoch zeigt der Film auch, was Diederik so treibt und betrachtet die schicksalshaften Ereignisse von verschiedenen Blickwinkeln aus. Mit inbegriffen ist auch ein ausführlicher Flashback, der das dunkle Geheimnis von Jackys Vergangenheit lüftet. Der Handlungsrahmen von Bullhead ist an für abgeschlossen, wobei sich MICHAËL R. ROSKAM zumindest eine konkrete Möglichkeit offen gelassen hat, einen weiteren Film in dem Szenario zu drehen.

Bullhead 12Gedreht wurde Bullhead überwiegend in der Gegend um Limburg herum, also in Flandern, was sich auch im niederländischen Sprachraum befindet. Ebenso diente Flandern aber auch als Spiegelbild der wallonischen Region, wo französisch gesprochen wird, denn der Handlungsbogen des Films reizt diverse Schlüsselpunkte in beiden Regionen aus, weswegen es sich bei Bullhead auch um einen zweisprachigen Film handelt. Der französische Anteil ist im Original deshalb leicht geringer als der Holländische. MICHAËL R. ROSKAM setzte ausschließlich auf eine ruhige Kameraführung ohne aufsehenerregende Fahrten oder besondere Einstellungen; lediglich den blasse Farbfilter kann man als auffallendes Stilmittel nennen. Gut gelungen ist der Blick auf die tatsächliche Vorgehensweise der Hormonmafia, wann und wie welches Mittel gespritzt wird. Das trifft ebenso auch auf den Missbrauch von Hormonen zu, was Jacky ausführlich betreibt. Kleinlich genau nennt Bullhead ebenos exakte Dosierungen wie er auch diverse Mittelchen beim Namen nennt, die man sich illegal zum Muskelaufbau beschaffen kann. Der Soundtrack von Bullhead sticht leider mit angenehm düsteren Streicherpartien kaum aus der Masse heraus. Allerdings fällt es allgemein auf, dass man hier viel öfters dunkles Grollen vernimmt, als tatsächliche Filmmusik. Bullhead geht also auch mit musikalischer Untermalung recht sparsam um, was die deprimierende Stimmung verstärkt.

Bullhead 04Bullhead ist in erster Linie die Analyse von Jacky Vanmarsenille; einem wortkargen und wortwörtlich hormongesteuerten Muskelprotz, der sich Hormone spritzt und seiner Umwelt mit Ablehnung und Aggression begegnet. Jacky sieht darum auch in vielen Einstellungen dumm aus, mit stupidem Blick, aber er ist es nicht! MATTHIAS SCHOENARTS bereitete sich alleine ganze zwei Jahre auf die Rolle, weswegen man an seinem Spiel auch nicht die geringsten Schwächen, aber dafür feinste Nuance ausmachen kann. Die mangelnde Fähigkeit Jackys mit Worten zu kommunizieren lässt SCHOENARTS mit einer zerbrechlichen Stimme und Stottern sehr glaubwürdig erscheinen, macht aber alleine mit seiner physischen Präsenz einen sehr guten Eindruck. Kein Wunder, wenn man sich ganze 27 Kilo Muskelmassen antrainiert. MATTHIAS SCHOENARTS ist Profi durch und durch, der mit vollem Körpereinsatz dabei ist – und das spürt man auch als Zuschauer in jeder Szene von Bullhead. Nicht gar so schwierig hatte es JEROEN PERCEVAL als Diederik Meas, der gleich in mehrerer Hinsicht ein doppeltes Spiel spielen muss. Einerseits als Informant für die Polizei, was alleine schon lebensgefährlich ist, aber zu allem Unglück ist er auch noch homosexuell, was in einer von Testosteron und Geld gesteuerten Welt gleich doppelt so tödlich ist. JEROEN PERCEVAL macht also das einzig Sinnvolle: böse Miene zum guten Spiel – buchstäblich – und bleibt in den entscheidenden Situationen cool. Bisher war PERCEVAL auch eher im Theater zuhause; nach Bullhead allerdings scheint er Gefallen an der Kamera gefunden zu haben und arbeitet momentan daran sein Bühnenstück D'Ardennen zu einem Drehbuch auszubauen, was bereits von MICHAËL R. ROSKAM fokussiert wird. Für ihn, SCHOENARTS sowieso und auch die Nebendarsteller hat sich Bullhead bereits vollends gelohnt. Denn auch JEANNE DANDOY, SAM LOUWYCK, FRANK LAMMERS oder auch die jugendlichen Darstellern präsentieren sich von einer erstklassigen Seite auf internationalem Niveau.

Fazit: MICHAËL R. ROSKAM beweist mit seinem Krimidrama Bullhead ein gutes Gefühl für emotionale Zusammenhänge und Charaktertiefe. Allerdings mangelt es ihm erheblich seine düstere, selbstzerstörerische Geschichte auch schnell und vor allem flüssig zu erzählen, auch wenn sie von einem brillianten Ensemble präsentiert wird. Aus diesem Grund kann man gute 7,5 von 10 Punkten vergeben.