Brotherhood – Taegukgi

Brotherhood - Cover
Regie: KANG JE-GYU
Drehbuch: HAN JI-HOON, KIM SANG-DON und KANG JE-GYU
Medium: Blu Ray & DVD
Spielzeit: 143 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 29.06.2006

„Heute Früh haben Einheiten nordkoreanischer Marionettensoldaten den 38. Breitengrad überschritten. Unsere tapferen Soldaten sind nun mit begeistertem Einsatz dabei den nordkoreanischen Verbänden schmerzliche Verluste zuzufügen.“

 

Da schwärme ich immer so vom koreanischen Kino und habe aber bislang noch keinen einzigen Film aus dieser Region vorgestellt. Ein untragbarer Zustand, der hiermit behoben wird. Darum präsentiere ich euch nun mit Brotherhood – Taegukgi ein absolutes Meisterwerk, was 2004 in Südkorea entstand; im Genre des Kriegsfilms wahrscheinlich sogar der beste Film überhaupt!

Da sich der Film um den Koreakrieg dreht, sollte man sich der politischen Situation damals bewusst sein. Darum habe ich für Jene, die mit der Vorgeschichte und den Verlauf des Krieges nicht vertraut sind, die Umstände und Geschichte des Koreakrieges in einen Spoiler gesetzt. So kann man entweder gleich zur Kritik springen oder sich zuerst mit den Hintergründen dieses Bürgerkrieges vertraut machen, was ich euch an dieser Stelle auch dringend nahe legen möchte, weil es den Irrsinn dieses Bruderkrieges noch mehr unterstreicht, der bis heute anhält und erneut droht auszubrechen.


SPOILER:

Brotherhood - Kriegsbild 01Der Koreakrieg wird oft auch als „der vergessene Krieg“ bezeichnet, was man auf mehrere Ursachen zurückführen kann. Er begann am 25. Juni 1950 und endete am 27. Juli 1953, also kurz nachdem der Zweite Weltkrieg beinahe die ganze Welt bewegte und ganz Europa und halb Asien in Schutt und Asche legte. Man war dort also gerade wieder dabei die zerstörten Landstriche wieder aufzubauen und hatte genügend eigene Probleme. Zudem fand der Koreakrieg im fernen Osten statt, von Korea hatten die meisten deutschen Bürger und viele Amerikaner vorher noch nie gehört. Dabei ist der Koreakrieg ein mahnendes Zeugnis der Grausamkeit, die oft in der Ironie verborgen liegt. Denn irrsinnigerweise wurde Korea vom Zweiten Weltkrieg vollkommen verschont, der Koreakrieg jedoch entbrannte als eine Folge davon, obwohl die Koreaner bis dato nichts mit den Achsenmächten oder den Alliierten zu tun hatten.

 

Brotherhood - Kim Il-sungIm Jahre 1890 fiel das Kaiserreich Korea unter den Einfluss Japans und wurde schließlich 1910 annektiert. Aber nachdem sich abzeichnete, dass Japan als Verlierer aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgehen würde, beschloss die japanische Regierung, dass aus Korea wieder ein eigenständiger Staat werden sollte. Da die Kapitulation Japans allerdings noch vor der Übergabe stattfand und Japan Korea auch als Kolonialland nutze, entschlossen sich die Alliierten Korea ebenfalls besetzen, was auch friedlich und ohne einen Schuss geschah. Da Frankreich und Großbritannien genügend mit dem Wiederaufbau Europas zu tun hatten, teilten lediglich die Sowjetunion und die USA das ehemalige Großkorea unter sich auf, wobei eine absolut waagrechte Linie in der Mitte des Landes gezogen wurde. Dabei bediente man sich der Linie des 38. Breitengrades. Jene berüchtigte Linie, die das Land auch heute noch teilt. So entstanden Nordkorea unter dem direkten Einfluss des Kommunismus unter Stalin und das unter westlicher Schirmherrschaft stehende Südkorea, die man jedoch nach den Beschlüssen in der Konferenz von Jalta später wieder zusammenfügen und endlich wieder als einen eigenständigen Staat anerkennen wollte. Aber mit dem Beginn des kalten Krieges änderte sich Alles. Stalin ignorierte sämtliche Vereinbarungen mit seinen Verbündeten und eignete sich gewaltsam mehrere osteuropäische Staaten und einige Länder im Baltikum an, zwang sie in die Union der sozialistischen Sowjetrepubliken (UDSSR) und drohte offen mit Krieg. Seinen politischen Einfluss übte er auch verstärkt auf Nordkorea aus, wo er ungeniert und mit extremem Nachdruck den Kommunismus etablierte und in den Köpfen der Menschen verankerte, während 1947 die UNO demonstrativ demokratische Wahlen in Südkorea abhalten ließ. Im August 1948 wurde Südkorea schließlich eine selbstständige Republik. Daraufhin rief der Kommunistenführer Kim Il-sung die demokratische Volksrepublik Nordkorea aus. Kim Il-sung hatte seit Beginn seines politischen Lebens eine enge Bindung zum Kommunismus gepflegt. Während der japanischen Fremdherrschaft überfiel er mit seinen Männern regelmäßig japanische Institutionen und floh zuletzt in die Sowjetunion, wo er von der roten Armee ausgebildet wurde und sogar an der Schlacht von Stalingrad teilnahm. Sein Ruf als Kriegsheld, sein Wirken als Widerstandskämpfer und sein Charisma machten ihn für Stalin zum idealen Kandidaten, um über Nordkorea zu herrschen. Im Schein ein eigener Staat, jedoch ganz direkt nach dem Willen Stalins regiert. Kim Il-sung war ein idealistischer Kommunist mit Leib und Seele, wollte unbedingt das Land im Kommunismus vereinigen. Südkorea allerdings wollte seine Demokratie nicht aufgeben. Wie man sich nun vorstellen kann, kam es zu einem Streit zwischen beiden Landeshälften, der schon bald in verbitterten Diskussionen endete. Hasstiraden und Schimpfwörter, vereinzelt auch Argumente, flogen hin und her, bis es schließlich zu den ersten Scharmützeln kam. Kim Il-sung hatte zwar keine hohe Bildung, ahnte aber schon 1948, dass der Süden sich ihnen nicht freiwillig anschließen würde.

 

Brotherhood - Kriegsbild 04Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Zugang zu entscheidenden Akten gilt es heute als relativ sicher, dass Kim Il-sung deshalb schon 1949 bat, Südkorea mit Gewalt zu unterwerfen. Stalin aber lehnte ab. Die Soldaten wären kaum bereit und es fehle an Ausrüstung - was den Diktator aber nicht davon abhielt, diese beiden Probleme sofort in Angriff zu nehmen. Mit einer Ausbildung nach dem Vorbild der roten Armee und sowjetischen Waffen überfiel Nordkorea den Süden im Sommer 1950. Aufgrund der überlegenen Waffengewalt und Truppenstärke gelang es ihnen innerhalb von vier Monaten fast ganz Südkorea zur erobern, insgesamt befanden sich fast 93% des ehemaligen Großkorea in Kommunistischer Hand. Die USA wollten sich in diesen Konflikt zunächst nicht einmischen, durch den Überfall Nordkoreas waren sie aber nun als Gegner des Kommunismus in der Pflicht. Mit amerikanischer Hilfe gelang es den Südkoreanern ihr Territorium zurückzuerobern und bis an die Grenze Chinas vorzudringen. Es hätte nun wieder nicht mehr viel gefehlt und Südkorea hätte den Krieg gewonnen. Doch nun fühlte sich China stark bedrängt, was nach der Forderung des US-Generals MacArthur, man solle den Krieg auf China ausweiten, durchaus berechtigt war. Also kam China ihren politischen Waffenbrüdern aus Nordkorea zu Hilfe und schickte fast 500.000 Soldaten in den Krieg. Mit diesen beiden Supermächten bekam der Koreakrieg eine neue Dimension; sowohl in Fanatismus als auch in Entschlossenheit und Grausamkeit. Es kam zu einigen gewaltigen Schlachten mit fast 700.000 beteiligten Soldaten. Brotherhood - Kriegsbild 05Jenseits aller Vernunft führten diese Schlachten nur zu riesigen Verlusten auf beiden Seiten, ohne dass Boden gut gemacht worden wäre. Weil die UDSSR nach diesen Rückschlägen nun einen weiteren großen Krieg befürchtete, in den sich auch die anderen Staaten Europas und Asiens einmischen könnten, drängten sie Nordkorea kurz darauf zu Verhandlungen über einen Waffenstillstand, die noch im Juli 1951 begannen. Allerdings zogen sie sich exakt zwei Jahre hin, während verbissene kleinere Gefechte weitergingen, bis der Vertrag endlich im Juli 1953 unterzeichnet wurde. Es sei an dieser Stelle jedoch ausdrücklich erwähnt, dass es sich nur um einen Waffenstillstand handelt – keinen Friedensvertrag! Es herrscht dort also nach sechs Jahrzehnten immer noch offiziell Krieg, der auch heute noch die Welt in Atem hält. Da rasseln die Säbel, Beleidigungen sind an der Tagesordnung und der Tod ist nach wie vor allgegenwärtig. Im Grunde nur politische Schwanzvergleiche, aber von höchster Gefährlichkeit! Zum Beispiel kam es während der letzten Übungsmanöver Südkoreas zu Konfrontationen mit nordkoreanischen U-Booten, bei denen einige Schiffe versenkt wurden. Die Wahrscheinlichkeit ähnlicher Anschläge liegt hoch und sogar der Einsatz von Atombomben steht zur Debatte. Als hätte man aus den eigentlichen Kampfhandlungen von damals Nichts gelernt. Innerhalb von drei Jahren hatte man damals das ganze Land komplett verwüstet, die Infrastruktur vollständig zerstört und ganze Landstriche ausradiert. Drei Millionen Liter amerikanisches Napalm verseuchten den Boden und insgesamt fünf Millionen Menschenleben wurden sinnlos geopfert, darunter drei Millionen Zivilisten. Massenhinrichtungen von politischen Gegnern fanden auf beiden Seiten statt. Die Tatsache, dass es sich dabei um ein Volk handelt, dass nur fünf Jahre zuvor noch ein gemeinsamer Staat war, dessen Teilung völlig plötzlich und unerwartet kam, macht diesen Krieg nur umso tragischer und irrationaler.

Brotherhood - Kriegsbild 06Während sich jedoch der Süden in den Folgejahren langsam erholen und zu einem demokratischen Staat heranreifen konnte, herrschen in Nordkorea nach wie vor feudale Verhältnisse und Diktatur. Kim Il-sungs Sohn Kim Jong-il übernahm nach dem Tod des Vaters die Macht und nutzte die wirtschaftlichen Probleme seines Landes, um seine Macht zu festigen. Unter seiner Gewaltherrschaft schottete sich Nordkorea noch viel mehr ab und nahm eiserne Formen, über was nur wenig bekannt ist. Als Kim Jong-il im Dezember 2011 starb, hatten sich die Beziehungen zwischen Süd- und Nordkorea kaum verbessert. Wie befürchtet bestieg nur zwei Wochen nach dem Tod des Gewaltherrschers dessen Sohn Kim Jong-un den Diktatorenthron, um die Blutlinie der Kims fortsetzen. Der Untergang eines südkoreanischen Kriegsschiffes im Jahr 2010 wird ihm zugeschrieben, sein harter Kurs gegen Südkorea und Verbündete ist bekannt. Tatsächlich drohte Kim Jong-un schon kurz nach dem Tod seines Vaters mit einem atomaren Ernstschlag und beschimpfte westliche Demokratien. Manche Experten sehen darin Kim Jong-uns Bemühungen, sich bei seinen Generälen durchzusetzen und beim Volk beliebt zu manchen, Andere sehen darin eine ernsthafte Bedrohung. Vermutlich trifft beides zu, was in jedem Fall eine höchstgefährliche Mischung ist. Es steht darum außer Frage, dass der Konflikt zwischen Nord- und Südkorea einer der ganz heißen Brennpunkte im weltpolitischen Klima ist. Und falls es zu einem Krieg kommt, sind auch die Deutschen direkt und/oder indirekt durch die NATO und die UNO daran beteiligt. Ob wir es nun wollen oder nicht: dieser stille Krieg geht uns Alle an! Zumal wir in Deutschland durch die Trennung von Ost und West sehr ähnliche Erfahrungen gemacht haben und wir uns heute teilweise immer noch nicht grün sind, auch noch nach 20 Jahren Wiedervereinigung. Zum Glück mussten die Deutschen nicht die Hölle des Bürgerkrieges mitmachen, wie es in Südkorea der Fall ist.

 

Brotherhood 06Obwohl der nun seit 60 Jahren anhaltende Koreakrieg in Asien präsent ist und den Weltfrieden nach wie vor bedroht, vermeidet man aber im ansässigen Kino oft das Thema. Wohl weil die politische Brisanz und deren Auswirkungen stets allgegenwärtig sind. Nicht so der Regisseur KANG JE-GYU, der sich nicht scheute den Konflikt direkt anzusprechen und dabei bewusst zu provozieren. In den frühen 1990ern erlebte Südkorea einen außergewöhnlich großen Boom, was auch der Filmindustrie einen erheblichen Aufschwung bescherte. In jener Ära fing auch KANG JE-GYU an Filme zu drehen, wobei die Meisten von kleinerem Budget waren und auch inhaltlich nicht gerade besonders glänzen konnten. Schließlich fing KANG an selbst Drehbücher zu schreiben, was ihm jedoch noch mehr Kritik einbrachte. Sein leicht trashiger Fantasyfilm Eunhaengnamoo chimdae von 1996, bei uns leider unter dem dummen Titel The Legend Of Gingko 2 bekannt, bekam sehr dürftige Kritiken, aber einigermaßen positive Resonanz beim Publikum. Sein nächstes Projekt Ji sang man ga wollte man dagegen ein Jahr später gar nicht sehen. KANG JE-GYU stand kurz davor der Filmbranche den Rücken zu kehren. Freunde jedoch überredeten ihn nicht aufzugeben, was er auch tat. Nun aber beschloss er nur noch die Projekte zu drehen, die er auch wirklich drehen wollte. Sein erstes Projekt in diesem Sinne war Shiri zu dem er das Drehbuch schrieb und auch Regie führte. Shiri war ein sehr riskantes Projekt, denn es handelte sich um den ersten groß budgierten Actionfilm Koreas. Ein brachialer Actionthriller im Hollywood-Stil, der aber inhaltlich beinahe bösartig den Hass zwischen Nord- und Südkorea aufgriff und darum auch politischen Zündstoff bot. Aber die Rechnung ging auf. Shiri brach in Korea alle Rekorde, wurde zu einem Blockbuster, der jeden ausländischen Film übertraf. KANG JE-GYU war mit einem Mal einer der vielversprechensten Regisseure Asiens.

Brotherhood 08Aber noch im Zuge des Erfolges von Shiri sah KANG JE-GYU eine Reportage über den Koreakrieg. Thema dieser Reportage war die Ausgrabung von gefallenen Soldaten. Unter anderem wurde dort auch eine Frau gezeigt, die seit 50 Jahren auf ihren Ehemann wartete. Als man ihr jedoch die Knochen ihres Gatten zeigte, brach sie zusammen und weinte hemmungslos. Fünf Jahrzehnte lang hatte sie ihren Geliebten nicht mehr gesehen und all die Jahre gewartet. Die tief emotionale Szene berührte KANG JE-GYU so stark, dass er beschloss einen Film über den Koreakrieg zu drehen. Keinen wüsten Actionfilm, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Bruderkrieg aus der Sicht einfacher Soldaten und Zivilisten. Für das Drehbuch holte sich KANG JE-GYU noch die Autoren KIM SANG-DONG und HAN JI-HOON hinzu. Anschließend begannen 2½ jährige Recherchen über das Leben der Soldaten. Schon früh jedoch hatte KANG die Idee, zwei Brüder gegen ihren Willen in den Kampf zu schicken. Provokant offen natürlich stellvertretend für Nord- und Südkorea, was aber auch dazu dienen sollte eine eindeutige Botschaft zu vermitteln. Dabei verließ er sich einerseits auf einen altgedienten Schauspieler, aber gemäß seiner provokanten Art auch auf einen jungen, unerfahrenen Akteur, den man die Rolle nicht zutraute. So haben wir auf der einen Seite den erfahrenen und international geachteten JANG DONG-GUN (2009: Lost Memories, Wu Ji – Die Reiter der Winde, The Coast Guard) und an seiner Seite den jüngeren BIN WON (Mother, The Man From Nowhere), der bis dato nur einen ernsten Kinofilm mit dem Titel Guns & Talks vorzuweisen hatte und hauptsächlich für schwülstige Telenovelas und Dramas im Fernsehen bekannt war. In einer Nebenrolle wurde die junge Schauspielerin LEE EUN-JU verpflichtet, die sich kaum ein Jahr später das Leben nahm. Brotherhood war ihr vorletzter Film, der zu dieser Zeit auch international promoted wurde.

In Südkorea hatte KANG JE-GYU nämlich abermals sämtliche Rekorde gebrochen. 11,5 Millionen Zuschauer sahen den Film, bei einer Gesamtbevölkerung von gerade mal 45 Millionen Menschen, was das Werk national zu einem der erfolgreichsten Kinofilme aller Zeiten macht. Aber auch international konnte der Film Zuschauer für sich gewinnen, räumte zig Preise ab und etablierte sich sowohl wegen seiner Authentizität als auch seiner tiefgründigen Handlung sofort als einer der besten Kriegsfilme in der Geschichte des Kinos.

 

Brotherhood 04Südkorea im Frühjahr 1950: Lee Jin-tae und Lee Jin-seok sind zwei Brüder, die mir ihrer Mutter in Seoul leben. Jin-tae ist Mitte 20, nicht dumm, hat aber keinen Schulabschluss. Seitdem nämlich der Vater vor einigen Jahren starb, kümmert er sich um seine Mutter und seinen Bruder, hält sie mit Schuhputzen über Wasser. Denn Jin-soek, der gerade 18 geworden ist, ist auch nicht auf den Kopf gefallen, liest gern und zeigt schriftstellerisches Talent. Darum soll er die Schule beenden, studieren und ein anständiger Autor werden. Ihr Leben ist einfach, einige kleinere Nahrungsprobleme plagen die Stadt, aber ansonsten geht es ihnen gut. Jin-soek konzentriert sich auf die Schule, Jin-tae geht Schuhe putzen und plant seine Freundin Kim Young-shin zu heiraten, die auch deren Mutter immer hilft. Dann verbreitet sich die Nachricht, dass der Norden in den Süden eingefallen ist. Es herrscht Krieg, alle flüchten. Jin-soek und Jin-tae haben gerade mit ihrer Habe den Marktplatz erreicht, als sie feststellen, dass sie Jin-soeks Asthma-Medizin vergessen haben. Kurz nachdem Jin-tae gegangen ist, um die Medizin zu holen, tauchen Soldaten der Regierung auf, die rigoros jeden Mann und jeden Jungen über 18 zum Militär einziehen. Die Regel immer nur Einen aus jeder Familie mitzunehmen wird konsequent ignoriert. Als ihn Jin-tae aus dem Rekrutierungszug wieder retten möchte und anbietet seinen Platz einzunehmen, wird er kurzerhand zusammengeschlagen und ebenfalls eingezogen. Ihr Weg führt jedoch nicht in ein Ausbildungslager, sondern gleich an die Front.

Brotherhood 11Dort angekommen erwartet sie schon kurz nach ihrem Eintreffen ein Bombardement der Nordkoreaner, was auch sogleich viele Leben kostet. Jin-tae bemüht sich sofort, Jin-soek wieder heimzuschicken. Man zeigt Verständnis für seine Situation, schickt ihn aber auch gleich weiter zum nächsten Vorgesetzten, bis er schließlich vor dem Kommandeur landet. Dieser macht ihm einen Vorschlag: das Heimschicken von Verwandten können sich nur herausragende Kämpfer erlauben, die sich durch Heldentaten die Ehrenmedaille erworben hätten. Wenn sich also Lee Jin-tae im Kampf bewährt, so verspricht es ihm sein Kommandeur, werde er Jin-soek nach Hause schicken. Jin-tae akzeptiert und meldet sich für beinahe jede Mission freiwillig. Er nimmt ein Himmelfahrtskommando nach dem nächsten an und tötet unzählige Feinde. Jin-soek ist das gar nicht recht, denn er durchschaut schon sehr früh Jin-taes Spiel. Er findet es ungerecht, sein eigenes Leben über das der anderen Soldaten zu stellen. Außerdem scheint sich Jin-taes Charakter zu verändern, wird immer mehr zu einem kaltblütigen Killer ohne Moral. Er ignoriert die Kritik seines Bruders und strebt ungehindert weiter nach Heldentaten. Seine leichtsinnige Sucht nach Ruhm kostet schon bald die ersten Menschenleben, weswegen ihn Jin-soek zu verachten beginnt. Je weiter Jin-tae aufsteigt, desto mehr wendet sich Jin-soek von ihm ab. Hinzu kommt das tägliche Grauen des Krieges, dass die beiden Brüder endgültig zu spalten droht, bis der Irrsinn des Krieges mit voller Wucht zuschlägt.

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Wenn man sich Brotherhood - Taegukgi ansieht, dann muss man sich darüber im Klaren sein, dass man es mit keinem leichten Film zu tun hat. Denn den KANG JE-GYU bombardiert nicht nur seine Schauspieler, sondern auch die Zuschauer mit ungeschöntem Realismus und bitteren Bildern. Eingebettet jedoch in einer nahezu epischen Geschichte, die sich tatsächlich zugetragen hat.

Brotherhood 35Schon in seiner Basis erkennt man den politischen Anspruch, da man Jin-tae und Jin-soek stellvertretend für Nord- und Südkorea interpretieren kann. Denn grundlegend wird ein tief ergreifendes Drama von zwei Brüdern erzählt, die einst harmonisch zusammen lebten und durch den Krieg immer weiter auseinandergezogen werden. Dabei geht es weniger um Politik, als um die rein menschliche Seite. Das Drama zeigt unverblümt, wie fehlende Rücksichtnahme zu Hass und Verachtung führt, die sich gewaltsam entlädt und dabei alle beteiligten Personen an den Abgrund führt. Brotherhood ist nicht nur ein ernsthafter Kriegsfilm über den bittere Metapher über den Koreakrieg, sondern auch eine bittere Metapher zu den politischen Hintergründen. Stück für Stück zerstört Jin-tae nämlich die Beziehung zu seinem Bruder, weil er es nur gut mit ihm meint, ihn beschützen will. Er ist sogar bereit sein eigenes Leben für Jin-soek zu opfern, damit er und seine Familie eine bessere Zukunft haben – ganz nach kommunistischer Theorie. Den bitterbösen Nachdruck bekommt der Charakters Jin-taes, da er ohne Rücksicht auf Verluste das Leben aller anderen Kameraden riskiert, zugunsten eines Einzelnen – so wie die kommunistische Wirklichkeit aussieht, wo Machtmissbrauch und Korruption an der Tagesordnung sind. Jin-soek hingegen ist so ein Verhalten natürlich zuwider, da er die demokratische Seite wiederspiegelt. Er versteht nicht, warum sich andere Menschen für ihn aufopfern sollten, wenn er doch genauso wie jeder Andere seine Pflicht zu erfüllen hat. In seinen Augen ist Jin-tae ein Mörder, der nur die pure Verachtung verdient. Er möchte seinen eigenen (individuellen) Weg gehen, ohne dass er von anderen Befehlen entgegennimmt. Wenn man so will handelt es sich bei Brotherhood um KANG JE-GYUs eigene Interpretation des Konfliktes, wobei die Ursache mehr oder weniger egal ist. Wichtig ist, wie man damit umgeht und dass Versöhnung möglich ist, was der Film auch direkt anspricht. Nicht von ungefähr heißt der Film im Original Taegukgi; der Name der großkoreanischen Nationalflagge, die bis zu der Herrschaft Japans das Symbol des Landes war. Ein Symbol der Einheit, hinter welchem sich tatsächlich genau dieser Sinn verbirgt! Der ideologische Zweispalt führt schließlich so zu einem sehr ergreifenden Drama von einer ungebremsten emotionalen Wucht. Sehr ergreifend und gefühlvoll, aber eben nicht verlogen rührseelig oder oberflächlich und peinlich, wie in manchen Hollywood-Filmchen.

 

Brotherhood 33Denn eingebettet ist dieses Drama in den tristen, mörderischen Alltag des Krieges, dass KANG JE-GYU hautnah an der vordersten Front erzählt. Der Zuschauer wird Zeuge von beißendem Hunger, der die Soldaten wahnsinnig macht. Der Feind könnte jeden Moment angreifen, Verletzte werden bei lebendigem Leib von Maden aufgefressen, die humanitäre Situation ist eine Katastrophe. Die Verzweiflung ist in diesem passiven Kriegsaspekt in jeder Sekunde spürbar. Der Weg der Lee-Brüder führt aber auch direkt in ausgedehnte und zum Teil sehr lange, brachiale Actionszenen. Man wird Zeuge von blutigen Schießerei, wildem Kampfgetümmel, erbitterten Zweikämpfen und wuchtigen Explosionen. KANG JE-GYU zieht alle Register und lässt hier wieder seine Vorliebe zum Actionfilm aufleben. Jetzt jedoch nicht sauber und heroisch wie in Shiri, sondern mit einem beängstigenden Realismus. Geschrei, Granaten, Dreck wird herumgeschleudert, Leichen liegen überall am Boden und Projektile fliegen durch die Luft. In den Schützengräben gehen die Männer mit Bajonetten und Messern aufeinander los, schneiden sich die Kehlen durch und schießen ihren Feinden aus nächster Nähe ins Gesicht. Der Gewaltgrad in der Action ist somit sehr heftig, Blut und Splatter prasseln ungeschützt auf den Zuschauern ein. Drastische Kopfschüsse, abgerissene Gliedmaßen, Hirnmasse, Gedärm – Brotherhood lässt keine Grausamkeit aus. Action und Gewalt hängen hier jedoch unwiderruflich miteinander zusammen und beeinflussen das Handeln der Figuren ganz direkt. KANG JE-GYU arbeitet mit einer immensen emotionalen Wucht, die den Zuschauer förmlich mitreißt. Hinter dem Geschehen von Brotherhood verbirgt sich aber auch die Botschaft, endlich wieder Frieden zu schließen, da es keinen Grund gibt, sich gegenseitig umzubringen. Ein Protagonist sagt es sogar selbst: „Was ist so wichtig, dass sich Brüder gegenseitig abschlachten?“ Brotherhood ist ein eindrucksvolles Mahnmal gegen den Irrsinn des Bruderskrieges und eine Warnung, dass man jeden geliebten Menschen um sich herum ins Verderben reißt, wenn er nicht beendet wird. Dabei gelingt es aber KANG JE-GYU wie keinem anderem Filmemacher zuvor, die Widersprüchlichkeit des Koreakrieges in einem anspruchsvollen, packenden und sehr actionreichen Kriegsdrama zu erzählen.

 

Brotherhood 28Das Geheimnis, so eine bombastische Atmosphäre zu zaubern, die gleichermaßen dramatisch, actionreich und emotional ist, liegt in der authentischen Handlung von Brotherhood – Taegukgi, denn kaum eine Episode des Films ist Fiktion. Jedes Ereignis, jedes Erlebnis der beiden Brüder - sei es an der Front oder Zuhause - hat tatsächlich stattgefunden! Das wird schon in den ersten Minuten deutlich, wenn man den gealterten Jin-soek kennenlernt, der über den Leichenfund seines Bruders informiert wird; ganz ähnlich wie in der Reportage, die KANG JE-GYU zu dem Film veranlasste. Ebenso gab es wirklich zwei Brüder, die im Koreakrieg aufeinander gehetzt wurden. Der Vorfall, indem südkoreanische Offiziere einige nordkoreanischen Soldaten zwingen, um ihr Essen zu kämpfen, ist tatsächlich belegt. Ebenso die rigorosen Rekrutierungsmethoden der südkoreanischen Armee und die ausbeuterische Propaganda ihrer Kriegshelden. Wie man sich denken kann, beinhaltet der Brotherhood deswegen auch saftige Kritik. Jedoch weniger an Nordkorea, wie man zunächst glauben mag, sondern verstärkt am Verhalten Südkoreanischer Einheiten, umrahmt von der Frage nach Gewalt und Gegengewalt. In einem Dorf, in welchem die Nordkoreaner ein Massaker an der Bevölkerung abhielten, wurden Sprengfallen an den Leichen angebracht, was einige Soldaten blutig das Leben kostet. Die südkoreanischen Soldaten (unter Jin-tae) sind natürlich wütend und zelebrieren ihrerseits ein Massaker an feindlichen Soldaten. Kriegsverbrechen finden also auch auf beiden Seiten statt und nicht nur an der Front. Bürgerwehr-Milizen ziehen nämlich durch die Straßen und picken sich jeden Menschen heraus, der einmal für die kommunistische Partei tätig war, und richten sie einfach ohne Gerichtsverfahren hin – dafür aber mit ausdrücklicher Genehmigung der Regierung. Wobei die Meisten dieser Opfer es nur auf den Reis abgesehen hatten, die sie pro Unterschrift bekamen.

Brotherhood 26Dies sind alles Erlebnisse und Episoden, die KANG JE-GYU, HAN JI-HOON und KIM SANG-DON während ihren Recherchen herausgefunden hatten. Dass heißt, sie basieren alle auf verschiedene Personen, wurden aber für Brotherhood zu einer Handlung verschmolzen, die sich voll und ganz auf die beiden Brüder konzentriert. Konsequent verfolgt die Kamera Jin-tae, Jin-soek oder beide zusammen. Nebenhandlungen gibt es darum gänzlich nicht, wohl aber eine kleine Rahmenhandlung. Beginnen tut der Film nämlich im Hier und Jetzt, wo in den ersten Dialogen bereits klar gestellt wird, dass es sich um den gealterten Jin-soek handelt, der sich an die Kriegsereignisse von damals zurückerinnert, nachdem er endlich die Leiche seines Bruders wiedergefunden hat. Das Tempo von Brotherhood – Taegukgi ist dabei sehr gut ausbalanciert. Zwar beginnt der Film noch recht ruhig, aber Brotherhood entwickelt sich sehr schnell. Die Charaktere von Jin-tae und Jin-soek werden rasch eingeführt und dabei besonders Wert auf ihre Beziehung untereinander gelegt, sowie zu ihren Freunden und ihrer Familie. Hierbei verplempert das Kriegsdrama allerdings nicht unnötig Zeit und konzentriert sich auf das Wichtigste. Deswegen befindet sich der Zuschauer schon nach ungefähr 20 Minuten mitten im Krieg. Jetzt ist es Zeit für heftige Actionszenen und das Drama zwischen den Brüdern, was sich nun vollends entfalten kann. Jetzt ist der Film richtig in Fahrt mit einem konstant hohen Tempo, aber auch auf ruhigere Momente und Schlüsselszenen wird hier nicht verzichtet. Insgesamt steigert sich das Werk so von Minute zu Minute, wird gleichermaßen dramatischer und spannender. Überraschende Wendungen und Schockmomente inbegriffen, was dafür sorgt, dass Brotherhood neben all der Action auch eine grandios erzählte Handlung besitzt.

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Brotherhood 30Dank Shiri konnte KANG JE-GYU aus dem Vollem schöpfen und inszenierte mit Brotherhood die bis Dato teuerste und aufwendigste Filmproduktion Südkoreas. Der Aufwand war auch nach internationalen Maßstäben gigantisch. 25.000 Statisten wirkten an diesem Kriegsfilm mit, für den extra 19.000 Uniformen genäht werden mussten. 6.000 zeitgenössische Requisiten wurden eigens für den Film hergestellt und meist auch in Handarbeit. Die Dreharbeiten nahmen neun Monate in Anspruch und wurden in 20 Freiland-Sets gedreht. Darin inbegriffen eine zwei Kilometer lange künstliche Kampflinie für die bombastischen und dennoch gnadenlos realistischen Kampf- und Actionszenen, bei denen 200 künstliche Leichen mit Verstümmlungen aller Art zum Einsatz kamen. Für das epische und bombastische  Finale von Brotherhood wurde die Schlacht von Doo-Mil-Ryung nachgestellt. Alleine in diesen letzten 20 Minuten waren 3.000 Statisten und 500 Stunt-Spezialisten beteiligt und es wurden 15.000 Patronen verschossen. Die Action hierzu bewegt sich auf einem sehr authentischen Level. Die Explosionen sind bis auf wenige Ausnahmen beispielsweise weniger feurig, dafür fliegen zahlreiche Trümmer und Dreck durch die Gegend. Allerdings finden sich hier in den letzten Szenen einige auffällige CGI-Effekte, die im Gegensatz zu amerikanischen Gegenstücken nicht ganz ausgereift sin. Interessant ist die Wahl des Farbfilters, der die Farben ein klein wenig verblassen lässt, je weiter der Film vorankommt. Überwiegend ist Brotherhood mit einer statischen Kamera gedreht. Erst in den Actionszenen, besonders wenn es in den Gräben zu den brutalen Zweikämpfen kommt, geht man über zur Handkamera über. Wie es sich für einen dermaßen großen Film gehört, besteht der Soundtrack aus einem komplett orchestralen Arrangement. Die epische Musik stammt aus der Feder von LEE DONG-JUN (Shiri, The Legend Of Ginko 2, 2009: Lost Memories), mit dem KANG JE-GYU schon mehrfach zusammengearbeitet hat. Unytpisch für den Inhalt des Films ist die Musik ein ganz klein wenig zu rührseelig ausgefallen, stört aber kaum.

 

Brotherhood 14Schauspielerisch verließ sich KANG JE-GYU fast vollkommen auf sein führendes Duo JANG DONG-GUN und BIN WON, die sich hier beide die Seele aus dem Leib spielen. JANG DONG-GUN betrachtete seine Rolle als Lee Jin-tae als die schwierigste seines Lebens und versuchte während der Dreharbeiten gar seinen eigenen Charakter zu verdrängen, was ihm auch sehr eindrucksvoll gelang. Er passt seine Mimik und seine Gestik perfekt der Situation an, spiegelt überzeugend die innere Zerrissenheit wieder, die langsam aber sich zu der charakterlichen Änderung führt, die Jin-tae im Laufe von Brotherhood durchmacht. Besonders JANGs Spiel mit den Augen ist überwältigend. Wut, Trauer, Angst, Entsetzen, Arroganz kommen so spürbar und vor allem lebensecht beim Zuschauer an. BIN WON seinerseits gibt sich ebenfalls keine Blöße, agiert jedoch gemäß seiner Rolle zunächst zerbrechlicher und leidenschaftlicher, mit dem weiteren Verlauf des Films jedoch auch immer agiler, aggressiver und wütender. Jin-soeks Verachtung gegenüber Jin-tae wird so in jeder Szene fast direkt greifbar. Das Drama zwischen den Brüdern bleibt so vollends glaubwürdig, was den Film nur umso besser macht. Was die beiden jungen Schauspieler hier abziehen ist schlicht eine absolute Wucht auf höchstem internationalen Niveau. JANG DONG-GUN und BIN WON wurden nicht ohnehin durch diesen Film über Nacht zu Superstars des asiatischen Kinos. Von der jungen LEE EUN-JU, die Jin-taes Freundin Kim Young-shin spielt, gibt es leider nicht allzu viele Szenen zu sehen. Lediglich kurz zu Beginn und später gegen Ende des Film gibt sie lediglich Jin-taes treue Freundin, ohne dass man sich von ihr näher ein Bild machen könnte. Dafür bekommt man in einer anderen kleinen Nebenrolle den genialen CHOI MIN-SIK (Oldboy, I Saw The Devil, Sympathy For Lady Vengeance) als nordkoreanischen General zu sehen; eine kleine Anspielung auf Shiri, wo er eine ähnliche Rolle spielte.

 

Fazit: KANG JE-GYU schuf mit Brotherhood – Taegukgi ein absolutes Meisterwerk. Kein anderer Kriegsfilm schilderte je mit erschütterndereren Bildern den Koreakrieg, kein zweiter Film kritisierte hemmungsloser die Widersprüchlichkeit und den Irrsinn des Bruderkrieges. Mit gigantischem Aufwand, verfilmt glänzt das Kriegsdrama Brotherhood auch inhaltlich mit einer ausgeklügelten Handlung, deren Episoden auf tatsächliche belegten Ereignissen beruhen, was dem Film eine schier unerreichbare Authentizität verleiht. Dass Brotherhood so verdammt gut geworden ist, hat er auch seinen grandiosen Hauptdarstellern zu verdanken. Denn erst durch sie erreicht das sehr bewegende Drama auch eine immense Tiefe. 10 + X Punkte.