Heartless



Regie: PHILIP RIDLEY
Drehbuch: PHILIP RIDLEY
Medium: Blue-Ray & DVD
Spielzeit: 114 Minuten
FSK: ab 18 Jahren
Start: 07.01.2011

„Ich kann all deine Wünsche wahr werden lassen. Alles, was ich dafür will . . . ist nur ein kleines bisschen Chaos.“


Der Brite PHILIP RIDLEY ist ein Londoner Boy durch und durch und gehört ganz nebenbei zu den herausragensten Künstlern, die das vereinigte Königreich zu bieten hat. Er ist Photograph, Autor und Regisseur für die Theater- und Filmkunst. RIDLEYs hauptsächliches Interesse liegt in dem Schaffen von Werken für Jugendliche, die sich jedoch fern von der schleimerischen Heile-Welt-Illusion bewegt und die Realität meist schonungslos darstellt. So entstanden beispielsweise der Roman Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?, die Kurzgeschichte Das Hooligan-Shampoo und die beiden Filme Schrei in der Stille von 1990 und fünf Jahre später das hochgelobte Meisterwerk Die Passion des Darkly Noon. Beides sehr intelligente, unglaublich düstere Horrorfilme, die darüber hinaus sehr ernste Hintergründe haben. Danach allerdings arbeitete RIDLEY verstärkt an Bühnenstücken und zuletzt stark an Theaterstücken für junge Erwachsene. Durch sein soziales Engagement kam er darum mit etlichen Menschen aus den Problemvierteln der englischen Städte in Kontakt, mit denen er jene Werke wie Moonfleece, Brokenville und Vincent River auf die Bretter der Bühnen brachte. Ganze 13 Jahre gingen so vorüber, in denen sich die Probleme häuften und verhärteten. Man denke an dieser Stelle nur an die gnadenlose Form der Jugendgewalt, die immer mehr Teens das Leben kostet. Soziale Brennpunkte, die auch an RIDLEY nicht vorübergingen und ihn 2008 zu dem Charakter Jamie Morgan inspirierten, was 2009 schließlich in dem Horrordrama Heartless mündete.
In den ersten Phasen der Entstehung hätte aus Heartless ebenso gut ein Roman oder ein weiteres Theaterstück werden können. Aber schon sehr bald hatte RIDLEY in dem Stoff das Potential für einen Film entdeckt und entwickelte daraus ein Drehbuch, dass wie seine bisherigen Filme als Mischung aus Drama und Horrorfilm konzipiert war. Dank des guten Skriptes und den Kultstatus von Die Passion des Darkly Noon waren schon sehr schnell Produzenten gefunden. Als Hauptdarsteller wurde JIM STURGESS verpflichtet, der in 21 schon eine beeindruckende Vorstellung gab und durch den True Crime Thriller Fifty Dead Men Walking bekannt ist. In den zahlreichen Nebenrollen wurden darüber hinaus nur erstklassige Schauspieler verpflichtet. Wie etwa CLÉMENCE POÉSY (Brügge sehen . . . und sterben?, Harry Potter, Krieg und Frieden), NOEL CLARKE (Centurion), JOSEPH MAWLE (Red Riding, Waking The Dead), EDDIE MARSAN (Sherlock Holmes, Red Riding, The Bunker, 21 Gramm, Der Illusionist) und TIMOTHY SPALL (Wüstenblume, Harry Potter, Sweeny Todd, Die Weisheit der Krokodile). In den vereinigten Staaten und in Großbritannien wurde das Horrordrama bereits auf mehreren Festivals gezeigt und erntete grandiose Kritiken. In Deutschland wird der sozialkritische Grusel am 7. Januar 2011 auf DVD und Blue-Ray veröffentlicht.

Jamie ist Mitte 20 und teilt sich mit seiner Mutter eine nette kleine Wohnung in einem heruntergekommenen Viertel in London. Nicht nur, dass die Gegend immer mehr zu einem lebensgefährlichen Ghetto wird, er gilt zudem als Sonderling, da sein Körper von Muttermalen überzogen ist. Ein großer Fleck in Form eines Herzes ziert sein linkes Auge, weswegen er schon immer ausgegrenzt und gehänselt wurde und nun so gut es geht Menschen aus dem Weg geht. Er verbirgt seinen Makel unter einer Kapuze und geht meist nur nachts vor die Tür. Angestellt ist er bei seinem älteren Bruder Ray, der ein Fotostudio besitzt. Die Fotographie ist auch Jamies große Leidenschaft, denn für ihn ist es eine Flucht vor der Realität. Bewaffnet mit einer Kamera macht er sich in den Abend- und Nachtstunden auf die Suche nach interessanten Motiven. Dabei kommt er zufällig einer neuen Gang auf die Schliche, die seit einiger Zeit das Viertel unsicher macht und den Nachrichten zufolge auch für mehrere sehr brutale Morde verantwortlich ist. Jamies Neugier ist geweckt und er stellt eigene Nachforschungen an. Er entdeckt, dass es sich in Wahrheit nicht um irgendwelche Teenies handelt, sondern um Dämonen, die versuchen sich des Viertels mit Gewalt zu bemächtigen. Doch die Dämonen dulden keine Mitwisser und bedrohen Jamie, der sich dies jedoch nicht gefallen lässt. Irgendetwas treibt ihn weiter, bis es schließlich zur Katastrophe kommt und Jamie von einem Beobachter zum Rächer werden lässt. Doch in der dunkelsten Stunde offenbart sich ihm auch eine Chance. Der Anführer der Dämon, ein gewisser Papa B, möchte Jamie ein Friedensangebot unterbreiten. Er lebt schon seit Urzeiten und besitzt riesige Macht. Er behauptet, er könne Jamies Träume wahr werden lassen und ihm seinen größten Wunsch erfüllen. Alles, was er dafür verlangt, ist nur ein kleines bisschen Chaos.




Schon allein aus dem Angebot heraus, dass Papa B dem jungen Jamie macht, kann man schon erkennen, dass Heartless ein wenig mit dem Faust-Mythos spielt. Und wie man sich an dieser Stelle denken kann, gehen die Definitionen von „ein klein wenig Chaos“ bei Jamie und Papa B ziemlich weit auseinander. Aber was PHILIP RIDLEY daraus macht, ist nichts Geringeres als ein beispiellos guter Mix aus Drama und Horror. Übrigens die erste Mischung, die auch in jeder Hinsicht überzeugt und funktioniert.
Dies gelingt PHILIP RIDLEY, indem er immer genau – aber auch haargenau – stets den richtigen Wendepunkt findet, um zwischen den beiden Genres hin und her zu schalten, ohne allerdings viel Aufwand zu betreiben. Beispielsweise begleitet die Kamera Jamie, wie er in den ersten Filmminuten auf der Suche nach Motiven für seinen Fotoapparat ist. Man erkennt die miese Gegend sofort wieder, die Armut und soziale Probleme wiederspiegelt, die auch sogleich in Form einer Jugendgang Gestalt annehmen. Aber anstatt eines pickeligen Gesichtes von einem kleinkriminellen Hooligan erblickt Jamie die Fratze eines Dämons. Die ghettolastige Kulisse verschmilzt hier schon von Anfang an sehr gut mit den Elementen des Horrors, da der leider sehr reale Schrecken in Form von unheimlichen, bösartigen Wesen dargestellt wird. Dabei versteht man von Beginn an Jamie, der sich aufgrund seiner Ausgrenzung Niemandem mitteilen kann. Schließlich erlebt der Zuschauer hautnah mit, wie sehr der junge Mann darunter zu leiden hat und sich nur schwer anderen Menschen außer seiner Familie öffnen kann. Aber wenn man glaubt, der Film verharre bei diesen Problemen, trifft die Familie wieder ein realer Schicksalsschlag, der jedoch von übernatürlichen Dämonen begangen wird. Wenn sich allerdings Jamie auf dem Pfad gegen diese Wesen befindet, benutzt er dazu wiederum alle irdischen Mittel, die ihm zu Verfügung stehen. Heartless reizt so grandios die spannungsgeladenen Möglichkeiten eines Horrorfilms aus, während er gleichzeitig einen Blick auf soziale Brennpunkte wirft. Im Mittelpunkt steht nämlich stets Jamie, der sowohl Opfer seiner Lebensumstände als auch von übernatürlich Dämonen ist. Allen voran Papa B, der quasi den Teufel in Person verkörpert und dabei gleichermaßen charmant wie destruktiv ist.
Dieses raffinierte Schema erlaubt es RIDLEY auch noch mehr Elemente in Heartless zu packen, ohne dass es aufgesetzt oder gepresst wirken würde. Egal ob spannungsgeladener Grusel, anspruchsvolles Drama, derber Horror, realistischer Problemfilm, schwarze Komödie, ambitionierte Milieustudie oder kleiner Happen für Romantiker – Heartless bietet die komplette Bandbreite ohne der Rührseeligkeit zu verfallen oder hemmungslos zu übertreiben, aber dafür gut zu würzen. Gemäß dem Horror kommt Heartless auch nicht ohne Blutvergießen aus und schreckt auch vor drastischem Splatter nicht zurück. Angesichts der Gewalt hätte man zwar eine FSK 16 geben können, allerdings ist auch die FSK 18 bei näherer Betrachtung nachvollziehbar. Denn trotz einiger plakativer Splattereinlagen, die sich sehr in Grenzen halten, sind besonders die Morde schockierend realistisch inszeniert und kontrastieren bewusst zum selbstzweckhaften Spiel mit abgeschlagenen Körperteilen wie Arme oder Köpfe. Beinahe im selben Augenblick erweckt der Film jedoch einen Gegensatz mit Gefühl für seine Figuren, Hirn und makaberem Witz. Saukomisch beispielsweise die Episoden mit dem gnadenlos arroganten und narzisstischen Stricher oder dem pflichtbewussten Waffenmann. Also auch wenn Heartless sowohl als Drama und als Horrorfilm sehr düster daherkommt, darf hier durchaus Hoffnung geschöpft und gelacht werden. Doch auch Fans von hintersinnigen Gedankenspielchen und philosophischem Mindfuck kommen auf ihre Kosten, da sich der Film auch die Zeit für eine Spiel mit der Wahrnehmung von Realität und Einbildung herausnimmt, wenn es auch bei Weitem nicht im Mittelpunkt steht.

Während es atmosphärisch etliche bewusste Überschneidungen gibt, bevorzugt RIDLEY beim Erzählen der Handlung eine strikte Trennung, was auch durchaus seinen Sinn hat. Denn so fällt es viel leichter das Gleichgewicht zwischen Drama und Horror zu treffen, während die Atmosphäre das verbindende Element darstellt. Bislang scheiterte jeder Mix aus Drama und Horror nämlich daran, dass man sich nicht auf eine Balance einigen konnte; den Zuschauer entweder mir sinnlosen Problemchen langweilte oder sich zu sehr auf Blut und Gewalt versteifte. PHILIP RIDLEY umgeht dies in Heartless sehr geschickt, indem er die Handlung regelrecht episodisch erzählt. Hier merkt man noch deutlich, dass RIDLEY in den fast 14 Jahren zwischen seinen Filmen sehr oft Theaterstücke inszeniert hat. Es gibt Szenen, die sich eindeutig dem Horror zuordnen lassen und wieder andere, die man sofort mit dem Drama in Verbindung setzt, und jeder Szenenblock erinnert regelrecht an einen Theaterakt. Die Charakterisierung von Jamie und von den meisten Nebencharakteren läuft so beinahe automatisch ab, ohne noch zusätzlich Zeit dafür opfern zu müssen. Die Abwechslung, die dadurch entsteht, verleiht dem Film ein recht hohes Tempo und einen noch höheren Unterhaltungsfaktor. Der Handlungsrahmen umfasst dabei mehrere Wochen und wird geradlinig erzählt, wobei RIDLEY jedoch auch auf mehrere Flashbacks angewiesen ist. Diese bremsen den Film jedoch kaum aus.

RIDLEYs Liebe zum Theater merkt man auch an der Kamera, denn Heartless benutzt auffällig oft die statische Kamera und verzichtet fast vollends auf verwackelte Bilder oder aufwendige Fahrten. Es gibt mehrere fest gelegte Kulissen, die man quasi an einer Hand abzählen kann. Da ist Jamies lieblich eingerichtete Wohnung, die er sich mit seiner Mutter teilt, das Atelier seines Bruders, ein grüner Park und natürlich das miese Viertel an für sich. Um welches Viertel es sich dabei genau handelt, wird im Film selbst nicht verraten; der Zuschauer weiß nur, dass es in London ist. Tatsächlich handelt es sich um Bethnal Green im Londonder East End, wo PHILIP RIDLEY seit seiner Jugend lebt und arbeitet. Wir sehen hässliche, lieblose Backsteinbauten, dreckige Hinterhöfe, leer stehende Häuser und kalte Straßen. Dazwischen Jugendgangs und Besitzer von kleinen Läden, die langsam auf Waffenhandel umrüsten. Das Viertel war die perfekte Kulisse für die sozialen Probleme in Heartless, die wahrhaftig auch selbst aus dem Viertel kommen. Laut eigener Aussage hatte RIDLEY die Idee für Jamies Geschichte, als er selbst in Bethnal Green fotografierte und nicht zuletzt spielt diese Kunst auch für den Hauptcharakter eine wichtige Rolle. Um den Horror-Drama-Mix zu unterstreichen wurden verschiedene Farbgebungen verwendet. Aufgrund der Dämonen-Thematik gibt es hier auch einige Special Effects zu bestaunen, von denen die Computereffekte leider nicht perfekt gelungen sind. Dafür sieht das Make-Up umso besser; besonders der Look von Jamie sieht sehr realistisch aus. Dramatische Handlungsanteile sind gänzlich ohne Farbfilter zu sehen, geht es in den Horror über kommen dunkle Rottöne zum Einsatz und die Flashbacks werden natürlich vom Weichzeichner in hellen Tönen bestimmt. Im Soundtrack findet sich ebenfalls eine dementsprechende Mischung aus modernem Brit-Pop und Metal und psychedelischen Streichern. Zwei der Tracks, die für den Soundtrack aufgenommen wurden, sang Hauptdarsteller JIM STURGESS sogar selbst.

Und JIM STURGESS ist es auch, der das Schauspielerensemble mit einer brillianten Performance anführt. Gestikuliert er noch zurückhaltend, spricht seine Mimik Bände und der Zuschauer wird Zeuge von Angst, Scham, Trauer, Wut, Glück und Verzweiflung. STURGESS lebt Jamie in jeder Sekunde und präsentiert sich als einer der besten Nachwuchsschauspieler Europas. Er allein ist schon ein Grund, warum Heartless so ein exzellenter Film geworden ist, hing doch von seiner Leistung sehr viel von der Klasse des Films ab. JOSEPH MAWLE überzeugt als charmanter, weltgewandter und dämonischer Verführer Papa B auf der ganzen Linie, macht aber als übernatürlicher Wüterich nicht so eine starke Figur. CLÉMENCE POÉSY spielt mit großer Natürlichkeit die osteuropäische Einwanderin, die auf der Suche nach Glück etliche Jobs wahrnimmt. NOEL CLARKE ist ein überzeugender A.J., der neue Nachbar von Jamie. Augenscheinlich ein guter Kerl, der sich aber mit den falschen Leuten eingelassen hat. EDDIE MARSAN sorgt mit seinem kompetenten Auftritt als Waffenmann für einige Lacher, ohne sich jedoch der Lächerlichkeit preiszugeben. Und zu guter Letzt zeigt TIMOTHY SPALL, dass er weit mehr kann als den rattengesichtigen Idioten in Harry Potter zu mimen, muss er doch hier den gutmütigen und fürsorglichen Vater von Jamie mimen. Jedoch abermals auf einer sehr natürlichen Ebene und auf eine sehr glaubhafte Art und Weise.
Insgesamt glänzt Heartless schauspielerisch auf einem sehr hohen Niveau. Egal ob nun JIM STURGESS in der Hauptrolle oder die etlichen Nebendarsteller, man kann sich als Zuschauer fast in jeden Charakter hineinversetzen und ihre Handlungen nachvollziehen.

Fazit: Warum der Film weltweit gleich auf Video veröffentlicht wird, ist angesichts der immensen Klasse und Qualität ein absolutes Rätsel. PHILIP RIDLEYs moderne Faust-Version Heartless ist die erste und bislang auch einzige Mixtur aus Horrorfilm und Drama, die wirklich überzeugt und dabei außergewöhnlich gut unterhält. Die Atmosphäre ist ziemlich düster, das anspruchsvolle Drama sehr nah an der Realität, der Horror und Grusel hochspannend und dennoch wartet Heartless sogar noch mit Romantik und pechschwarzem Humor auf. Die Schauspieler, allen voran JIM STURGESS, geben eine unglaublich gute Leistung ab und auch der düstere Soundtrack wird sehr stimmig eingesetzt. 10 von 10 Punkten.