MacBeth

MacBeth 2015 - Poster 2Regie: JUSTIN KURZEL
Drehbuch: JACOB KOSKOFF, TODD LOUISO und MICHAEL LESSLIE basierend auf einem Stück von Sir WILLIAM SHAKESPEARE
Medium: Kino
Spielzeit: 113 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 29. Oktober 2015

 

„Kommt, Geister, die ihr lauscht auf Mordgedanken . . . und entweiht mich!“

 

Sir WILLIAM SHAKESPEARE gehört zu den bedeutendsten Dramatikern der Menschheitsgeschichte, dessen Popularität auch 400 Jahre nach seinem Tod stetig weiterwächst. Unter seiner Feder entstanden von 1589 bis 1616 zahllose  Klassiker des Theaters, doch richtig berühmt ist SHAKESPEARE heutzutage vor allem wegen den drei Tragödien Romeo & Julia, Hamlet und MacBeth – einem selbstmörderischen Liebespaar, einem verrückten Prinzen und einem Königsmörder, der sich demnächst in einer aufwendigen Filmversion durch unsere Kinos morden wird.

 

SPOILER:


MacBeth 2015 - 18Gerade MacBeth gilt heute als eines der beliebtesten Stücke des Autors, was vermutlich auf dessen actionreiche, bluttriefende Geschichte und den teilweise derben Humor zurückzuführen ist. Tausende Male wurde das Stück bereits seit seinem Erscheinen aufgeführt und natürlich gibt es auch zig Filmversionen; unter anderem auch von AKIRA KUROSAWA als Das Schloss im Spinnwebwald. Doch direkt adaptiert wurde das Theaterstück eigentlich nur wenige Male. Hervorzuheben ist zum Einen die Version aus dem Jahr 1948 von und mit ORSON WELLES und zum anderen die Kinoadaption von ROMAN POLANSKI von 1971, die bis heute als die beste Leinwandversion des Klassikers gilt, obwohl dieser MacBeth damals recht umstritten war. Teilweise veränderte POLANSKI manch kleine Details, verzichtete jedoch nicht auf die groben sexuellen Anspielungen und schockierte das Publikum mit äußerst blutrünstigen Szenen und der Nacktheit der weiblichen Darsteller, was damals leicht für einen Skandal gereicht hätte. Doch man sah POLANSKI diese Blutrünstigkeiten und Scheußlichkeiten nach, wie das immerzu brunzdoofe Lexikon des internationalen Films schreibt, denn man vermutete, dass der Filmemacher durch diese bluttriefende Version von MacBeth die Ermordung seiner hochschwangeren Frau SHARON TATE durch die Manson Family verarbeiten wollte, was auch der Wahrheit entspricht. POLANSKI plante zunächst die Regie des harmlosen Science-Fiction-Thrillers Der Tag des Delphins, der letztendlich von MIKE NICHOLS umgesetzt wurde. Doch POLANSKI verfiel nach dem Mord an TATE und ihrem ungeborenen Baby in eine tiefe Depression und zog sich monatelang zurück, bis er aus eigenem Antrieb heraus beschloss MacBeth zu verfilmen.


MacBeth 2015 - 17Der Film war durchaus erfolgreich, blieb aber bis in die 1990er hinein viel eher ein Kritikerhit. In das Auge der Öffentlichkeit geriert dieser MacBeth erst wieder, als KENNETH BRANAGH im Jahr 1989 mit Henry V. eine regelrechte SHAKESPEARE-Welle auslöste. Alleine nach dem Jahr 1990 kamen bis dato sage und schreibe 58 Verfilmungen auf den Markt! Unter andern auch mehrere Male von Hamlet, Romeo & Julia, Richard II., Der Sturm und auffallend oft Othello. Am erfolgreichsten gilt die 1996er-Popkultur-Version von Romeo & Julia mit LEONARDO DiCAPRIO und CLAIRE DAINES in den Titelrollen sowie Titus aus dem Jahr 1999. Auch von MacBeth waren einige zeitgenössische Verfilmungen darunter, wie eine lächerliche und extrem bescheuerte Bollywood-Version, wo lieber getanzt als gemeuchelt wird, und eine ebenfalls recht mittelmäßige Adaption von GEOFFREY WRIGHT, in der SAM WORTHINGTON die Titelrolle spielte. Erst jetzt, fast 45 Jahre nach der überragenden Verfilmung von ROMAN POLANSKI, erscheint nun eine dritte große Kinoadaption von MacBeth. Der deutsch-irische Edelmime MICHAEL FASSBENDER (Centurion, 300, Prometheus) hat die erneute Verfilmung gemeinsam mit der Produktionsfirma See-Saw Films angestrengt und teilweise auch mitproduziert. Die Pläne für diese neue Verfilmung reichen angeblich schon bis ins Jahr 2012 zurück und wurden im Frühjahr 2013 der Öffentlichkeit präsentiert. Schon damals war eine äußerst werkgetreue Verfilmung angekündigt, die ebenso im 11. Jahrhundert angesiedelt sein sollte.


MacBeth 2015 - 07JACOB KOSKOFF, TODD LOUISO und MICHAEL LESSLIE,  die eigentlich viel mehr für`s Theater arbeiten,  haben den gut 400 Jahre alten SHAKESPEARE-Klassiker adaptiert. Als Regisseur wurde jedoch JUSTIN KURZEL (Our Kind Of Traitor), verpflichtet, der auf Drängen von FASSBENDER engagiert wurde. Der Star wurde schon durch dessen Debüt Snowtown im Jahr 2011 auf KURZEL aufmerksam und wollte unbedingt einen Film unter seiner Regie drehen, lange bevor eine erneute Verfilmung von MacBeth in die Entwicklung ging. Durch eine Vorführung von Snowtown gelang es MICHAEL FASSBENDER auch die anderen Produzenten überzeugen, weshalb seine Verpflichtung auch kein Hindernis darstellte. MICHAEL FASSBENDER war von Anfang in der Titelrolle vorgesehen, während zunächst NATALIE PORTMAN als Lady MacBeth zu sehen sein sollte. Doch PORTMAN sprang frühzeitig wieder ab, weshalb sich FASSBENDER und KURZEL nach einer anderen Hauptdarstellerin umsehen mussten. Schon recht schnell fiel ihre Wahl auf die französische Oscar-Preisträgerin MARION COTILLARD (La Vie En Rose, Contagion, The Dark Knight Rises), die bereits erhebliche internationale Erfahrung mitbrachte. In weiteren Rollen zu sehen sein werden PADDY CONSIDINE (Blitz, The World`s End, Yorkshire Killer 1980) als Banquo, SEAN HARRIS (Prometheus, Harry Brown, Mission Impossible) als MacDuff, JACK REYNOR (Cold, Transformers 4) als Malcolm sowie DAVID THEWLIS (Anonymus, Regression, Dragonheart) und ELIZABETH DEBICKI (Der große Gatsby) als Duncan und Lady MacDuff.


MacBeth 2015 - 12Alles in Allem beste Voraussetzungen für einen spannenden und bluttriefenden Kinoabend, was sich jüngst in Cannes bestätigte. Dort wurde MacBeth im Wettbewerbsrahmen und die Goldene Palme uraufgeführt und auch für den begehrten Filmpreis in der Kategorie Beste Regie nominiert, konnte aber die Trophäe leider nicht in Empfang nehmen. Stattdessen ging die Goldene Palme an das (selbstverständlich französische) Flüchtlingsdrama Dheepan; warum auch immer. Doch immerhin konnte die Öffentlichkeit erstmals einen Blick auf MacBeth erhaschen. Die ersten Kritiken sprechen von einer selten werkgetreuen und umwerfend authentischen Verfilmung, die ganz besonders dreckig, düster und sehr sehr blutig ausgefallen sein soll. Bei Metacritic besitzt MacBeth derzeit sehr starke 85%, bei Rotten Tomattoes gar bei überwältigenden 92%! Damit übertrifft der neue Kinofilm die schier übermächtige Version von ROMAN POLANSKI. Doch gute Kritiken allein machen noch keinen Kinohit und klassische Stoffe scheinen in unserer hochmodernen und vernetzten Welt kaum noch einen Platz zu haben. Doch schaut man sich einmal die großen Kinoerfolge der letzten drei Jahre an, dann stellt man schnell fest, dass etliche dieser Filme auf bereits bekannten und populären Geschichten basieren. Und da stehen die Chancen von MacBeth gar nicht mal so schlecht dar. Alleine der Trailer wurde innerhalb von nur wenigen Tagen über eine Million Mal angeklickt! Inzwischen sogar über drei Millionen Mal! Das bedeutet, das Interesse an MacBeth ist definitiv hoch.


Wie wir also sehen, ist der schottische Tyrann nach wie vor ein weltberühmter Charakter und das Potential zu einem Kinohit ist zweifelsfrei vorhanden und scheint besonders im Commonwealth stark zu sein. In Großbritannien, Neuseeland und Australien läuft MacBeth bereits Anfang Oktober an und auch der deutsche Markt ist mit einem Start am 29. Oktober 2015 dicht dran, wo er sich aber gegen The Last Witch Hunter, Paranormal Activity – Ghost Dimension und besonders dem neuen Bond-Film Spectre auseinandersetzen muss. Aber nachdem MacBeth von der Filmbewertungsstelle sogar mit dem Prädikat „Besonders Wertvoll“ ausgezeichnet worden ist, scheint der Königsmörder auch nach 400 Jahren eine echte Konkurrenz darzustellen. Oder?

 

MacBeth 2015 - 11Schottland im 11. Jahrhundert. Der adelige MacBeth und sein Freund Banquo sehen sich einem  Überraschungsangriff norwegischer Invasoren gegenüber, die von einem verräterischen Than unterstützt werden. Die Schlacht ist lang, brutal und MacBeth befindet sich in der Unterzahl, doch es gelingt ihm den Angriff zurückzuschlagen und die Verräter an Ort und Stelle zu richten. Der schottische König Duncan ist überschwänglich vor Dank und macht MacBeth zum Than von Cawdor, doch dem Edelmann scheint die Ehre nicht zu behagen und versucht Duncan aus dem Weg zu gehen. Denn der gutmütige König weiß nicht, dass MacBeth zusammen mit seinem Weib einen finsteren Plan ersonnen hat, selbst den Thron zu besteigen – und da kommt die gewonnene Schlacht gerade recht! Um seinen König ehren, lädt MacBeth zu einem Bankett ein, wo er ihn trotz heftiger Gewissensbisse ermordet und die Tat betrunkenen Dienern in die Schuhe schiebt. Duncans Sohn Malcom und der eigentliche Thronfolger ist derart geschockt, dass er Hals über Kopf flieht und sich somit verdächtig macht. MacBeth ist nun der beste Kandidat und wird – wie geplant – zum König gekrönt. Eigentlich wäre der Königsmörder nun am Ziel, doch es gibt eine Sache, die ihm keine Ruhe lässt. Kurz nach der Schlacht offenbarten sich ihm drei Hexen, die ihm prophezeiten, MacBeth würde selbst zum König werden. Doch auch Banquo war dabei, der ebenfalls eine Weissagung erhielt: seine Nachkommen sollen den Thron besteigen. Das will MacBeth nicht zulassen, der nun versucht Alle zu ermorden, die seine Herrschaft gefährden könnten. Doch all der Blutzoll fordert seinen Tribut in Wahnsinn und Tod.

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Naaaaaaa ja, wir hatten ja schon bei Kind 44 unsere Probleme mit der Filmbewertungsstelle, doch mit ihrem Prädikat zu MacBeth haben sie sich endgültig als seriöser Gradmesser disqualifiziert, weil uns die Verfilmung von JUSTIN KURZEL und MICHAEL FASSBENDER vor etliche Fragezeichen stellt, die entweder in einem Facepalm enden oder uns fassungslos den Kopf schütteln lassen.  
MacBeth 2015 - 16Der immense Fauxpas dieser Verfilmung liegt nämlich darin, dass man sich bei dieser SHAKESPEARE-Verfilmung zwar der Sprache des Theaterfürsten bedient und die Handlung seines Bühnenstücks weitgehend nacherzählt, aber die Dialoge teilweise aus dem Stück herausreißt und sie an anderer Stelle wieder einsetzt! Dass dieses Vorhaben nicht viel Sinn ergibt, sollte jedem Leser dieser Kritik und auch jedem Zuschauer klar sein - und das kostet MacBeth auch sehr viele großartige Momente und Ansätze, die im Bühnenstück bereits perfekt ausgearbeitet und ausbalanciert waren. Sir WILLIAM SHAKESPEARE ist nämlich heute immer noch so beliebt und bekannt, wie vor 400 Jahren, gerade weil er so ein formvollendeter und selten genauer Geschichtenerzähler war. Das liegt nicht nur an der Sprache, sondern auch wie SHAKESPEARE seine Geschichten erzählt, wo er bestimmt Szenen platziert und welche Schlüsselmomente er aneinanderreiht. SHAKESPEAREs Stück sind meist aus narrativer Perspektive dermaßen ausgeklügelt und so sauber gearbeitet, dass man die Stücke als direkte Drehbücher verwenden kann; wie übrigens POLANSKI im Jahr 1971. Das macht den Theaterfürsten auch für das moderne Kino populär, weil man eben keine Autoren braucht, was den narrativen Irrsinn von MacBeth noch tragischer macht. Warum in aller Welt kamen KURZEL und FASSBENDER nur auf so eine Idee? Wir wissen es nicht, das Ergebnis ist aber unzureichend und wird der Vorlage keinesfalls gerecht.
MacBeth 2015 - 22Ziel der Filmemacher war es offensicht, einen von Grund auf düsteren Film zu erzählen. Genau deswegen fällt der derbe Humor der Vorlage nun vollkommen unter den Tisch, da man den sexuell frustrierten Torwächter restlos gestrichen hat, der im Original den tragenden Charakteren mit diversen Thesen über Vor- und Nachteile von Busen und Erektionen auf die Nerven geht. Allerdings ist diese MacBeth-Version dadurch auch etwas kürzer und ein wenig actionreicher. Nicht zuletzt deswegen, weil JUSTIN KURZEL erstmals die entscheidende Schlacht zeigt, mit der die norwegischen Invasoren zurückgeschlagen werden. Im Stück selbst und allen anderen Verfilmungen beginnt die Geschichte erst nach der Schlacht, weshalb MacBeth tatsächlich anfangs noch einen sehr guten Eindruck macht. Man erlebt die Vorbereitungen zur Schlacht und wie die beiden Heere gnadenlos aufeinanderprallen. Sie schlagen, stechen und hauen aufeinander ein, wobei natürlich eine Menge Dreck und Blut spritzt. Brutaler oder blutiger als die Version von ROMAN POLANSKI ist dieser MacBeth jedoch nicht, weil JUSTIN KURZEL einen ganz anderen Ansatz verfolgt, da sich dessen visueller Stil weitgehend am Arthouse orientiert, was durch eine atemberaubend schöne Bildsprache, kalten Farben und extreme Zeitlupen zum Ausdruck kommt - und genau das wirkt auf den Betrachter schon ziemlich seltsam, da man nun kaum noch erkennen kann, was für einen Film uns JUSTIN KURZEL zeigen will. Einen Arthouse-Film? Ein Historienfilm? Oder nicht doch eine SHAKESPEARE-Verfilmung? Wir wissen es nicht, nehmen aber an, dass der Australier uns von Allem etwas bieten wollte, weshalb manche Momente in MacBeth geglückt sind, viele hingegen aber doch recht seltsam wirken, weil die gezeigten Bilder nicht mit der wunderbaren Sprache SHAKESPEAREs harmonieren wollen. Als Beispiele sei hier die Szene genannt, wo MacBeth den Geist des frisch ermordeten Banquo bei einem großen Bankett entdeckt, der gesamte Saal jedoch stoisch vor dem Essen steht, keine Miene verzieht und den Blackout des Königs quasi kaum zur Kenntnis nimmt.

 

MacBeth 2015 - 15Die Regie von JUSTIN KURZEL ist also nicht das Wahre – so schön und episch seine Bildsprache auch sein mag – und das ist leider nicht das einzige Problem von MacBeth, da sich die Filmemacher offensichtlich genötigt sahen etliche kleinere und größere Details in der Handlung zu verändern. Nicht umsonst haben wir es hier durch JACOB KOSKOFF, TODD LOUISO und MICHAEL LESSLIE mit ganzen drei Autoren zu tun, die hier gewaltig ihre Finger im Spiel hatten. FASSBENDER und KURZEL planten nämlich eine grundsätzlich düstere, aber auch realistischere Version des Bühnenstücks, womit unweigerlich historischer Anspruch mit narrativen Ambitionen kollidieren und dabei viele Dellen hinterlassen. Denn historische Authentizität bei einer MacBeth-Verfilmung zuzulassen ist schon von Beginn an absurd, da der echte MacBeth alles andere als ein Tyrann war. Er tötete zwar seinen König Duncan, doch er verhalf Schottland zu großer Stabilität sowie innerer und äußerer Sicherheit. Die historische Figur wird allgemein als zuverlässig, intelligent und gerecht beschrieben, ist bei SHAKESPEARE und dieser Verfilmung aber ein Tyrann der dem Wahnsinn verfallen ist. Authentisches bzw. realistisches Historienkino ist darum überhaupt nicht möglich! Ergo hätte man sich bei der Inszenierung viel mehr Freiheiten gönnen können, anstatt auf historische Korrektheit zu achten, was dieser Verfilmung wirklich gut getan hätte. Denn auf diese Weise gibt es zahlreiche Augenblicke, die nun von der Vorlage abweichen und lange nicht mehr so einschneidend wirken können, wie im Original von Sir WILLIAM SHAKESPEARE.

MacBeth 2015 - Banner 01MacBeth 2015 - 10Konnte im Bühnenstück MacBeth noch ungesehen König Duncan ermorden, so wird er hier ganz offen von dessen Sohn Malcolm auf frischer Tat ertappt! Was tut also dieser MacBeth? Logisch überlegt, müsste er nun auch Malcolm umbringen, denn dieser ist erstens ein Augenzeuge und zweitens steht er MacBeths Ambitionen im Weg. Stattdessen aber wird Malcolm hier lediglich bedroht und noch in der Nacht davongejagt, was inhaltlich kaum einen Sinn ergibt und auch mehr schlecht als recht inszeniert worden ist. So bittet MacBeth den armen Jungen hier geradezu ins Zelt der Bluttat herein. Aber halt; fehlt da nicht noch Jemand? . . . Yepp, nämlich Malcoms Bruder Donalbain, der in diesem MacBeth ebenfalls nicht auftaucht. Dementsprechend kann es auch nicht zu ihrem Dialog kommen, wo sie versuchen zu ergründen, wer für den Tod ihres Vaters verantwortlich sein kann. Das mag auf den ersten Blick hin nur von sekundärer Bedeutung sein, trägt aber später viel zum Verfolgungswahn von MacBeth bei, da er nicht sicher sein kann, welcher der Brüder nun gegen ihn in die Offensive geht. Außerdem gibt es im Bühnenstück ein sehr interessantes Gespräch zwischen Duncan, Malcom und Donalbain wo es um die Undurchsichtigkeit des Menschen geht; dass man niemals die wirklichen Gedanken hinter den Augen erahnen kann. Das ist ein wichtiges Gespräch, weil es die Kernaussage von MacBeth haargenau trifft – im Film aber nicht vorkommt! Selbst der Tod des Tyrannen ist auf der Bühne meist viel grausamer und erschütternder dargestellt, obwohl es auch hier hart zur Sache geht. In MacBeth ergibt sich der Wüterich seinem Schicksal, während er im Original bis zu einem Ende verbissen kämpft und etliche Soldaten mit in den Tod reißt. Übrigens ist MacBeth zwar ein blutiger Film, jedoch lange nicht so blutrünstig und derbe wie die POLANSKI-Version. Letztendlich hat sogar die FSK ein Auge zugedrückt und dem Film mit einer FSK 12 freigegeben, was man an dieser Stelle ruhig in Frage stellen sollte.
MacBeth 2015 - 08Insgesamt gibt es also nur wenige Momente in MacBeth, die nun schlüssiger und plausibler erzählt sind. Unter anderem ist es nun der Geist eines jungen Mannes, der bei der Schlacht am schottischen Ufer ums Leben kam, der MacBeth zum Zelt von Duncan lockt und ihm das Messer für seine schändliche Tat hinhält. Es wird also sehr sehr zaghaft angedeutet, dass die Geister der gefallenen Soldaten dem Königsmörder eine Art Legitimation verleihen. Sei es aus Rache oder Prävention, um weitere Bürgerkriege zu vermeiden. Außerdem liefert MacBeth nun eine direkte Antwort darauf, warum Lady MacBeth plötzlich dem Wahnsinn verfällt, indem sie selbst Augenzeuge wird, wie ihr Gatte aus seinem Verfolgungswahn heraus Frauen und Kinder rücksichtlos hinrichten lässt. Wiederum andere Ideen der Autoren sind zwar ganz nett, haben aber keinen Einfluss auf die Handlung oder der Atmosphäre, was sie in gewissem Sinne überflüssig macht. Zum Beispiel erfahren wir, dass MacBeth Vater eines kleinen Mädchens war, dass er vor Kurzem begraben musste. Macht das MacBeth aber nun düsterer? Mitnichten und es hat für die Handlung des Film absolut keinen Nutzen, da in keiner weiteren Minute dazu Stellung bezogen wird.

 

MacBeth 2015 - 20Wodurch MacBeth also erstmals wieder wirkliche Pluspunkte sammeln kann, sind die Dreharbeiten an Originalschauplätzen in Schottland. Darunter auch Northumberland und die Isle Of Skye, ganz im Norden Schottlands. Das kalte Wetter, der Regen und die dichten Nebel in MacBeth sind hier also echt und stammen nicht aus dem Computer. Tatsächlich hatten sich JUSTIN KURZEL und MICHAEL FASSBENDER genau dieses widrige Wetter erhofft, was es dem Cast und der Crew jedoch ständig schwer machte. Das Ergebnis kann sich jedoch sehen lassen, da dieses von Nässe und Nebel geprägte Klima sehr viel zur düsteren Atmosphäre von MacBeth beiträgt. JUSTIN KURZEL versteht es auch, die raue Schönheit Schottlands in klaren und herrlichen Panoramaaufnahmen einzufangen. Das heißt, solange er sich nicht in seinen Arthouse-Ambitionen verkünstelt. Da spielt der Australier nämlich mit zahlreichen und extremen Zeitlupen, verwendet rasche Schnitte und setzt teilweise auf grelle Farben, die im Kontrast zur düsteren Atmosphäre stehen. Hinzu kommen ungewöhnliche Winkel und einige krasse Nahaufnahmen, die besonders im Finale von MacBeth zur Geltung kommen. Anders als in der Vorlage, wird der Wald hier nämlich angezündet, wodurch die ganze Szenerie schon fast wie in einem Fiebertraum erscheint, aber wiederum viel zu sehr ans Arthouse erinnert, um dem MacBeth von Sir WILLIAM SHAKESPEARE wirklich gerecht zu werden. Und da sich KURZEL mit MacBeth schon arg an das Arthouse-Kino anlehnt, fällt die Musik in der Verfilmung natürlich auch sehr gering aus und besteht eigentlich hauptsächlich aus dunklem Grollen. Auch nicht unbedingt das Wahre.

 

MacBeth 2015 - 19Das Beste an dieser MacBeth-Verfilmung ist mit Abstand der fabelhafte Cast, der von MICHAEL FASSBENDER und MARION COTILLARD angeführt wird. FASSBENDER spielt selten furios den von Zwiespalt zerrissenen Tyrannen, der sich trotz aller Zweifel von seiner hinterhältigen Ehefrau zu dem schändlichen Mord überreden lässt. Der deutsch-Ire lacht zwar herzlich und doch gibt es nicht den geringsten Zweifel, dass hinter diesen traurigen Augen der pure Wahnsinn steckt, im Laufe von MacBeth immer mehr und mehr Machtgier gewinnt. Der Machthunger ist auch bei MARION COTILLARD extrem spürbar, die ihre gesamte Mimik und ihren gesamten Körper dazu verwendet, MacBeth ihrem Willen zu unterwerfen. Da redet COTILLARD einmal fein und charmant, andererseits mit fester Stimme und einer Bösartigkeit, dass uns das Blut in den Adern gefriert. Später ist sie es jedoch, die unter zuerst unter der Last ihrer Verbrechen kollabieren wird, was die Französin mit einer blassen Traurigkeit erreicht, der sämtliches Feuer fehlt. Nein, das ist hier kein Defizit, sondern spiegelt den Lebensunwillen wieder, der von Lady MacBeth Besitz ergriffen hat. Warum MacBeth als Film derzeit so gehyped wird, ohne dass FASSBENDER und COTILLARD bis jetzt ausgezeichnet worden sind, ist absolut nicht nachvollziehbar.

MacBeth 2015 - 14Der ärgste Gegenspieler von MacBeth ist ein schottischer Edelmann namens MacDuff, der von SEAN HARRIS porträtiert wird und das durchaus grimmig, jedoch hat man HARRIS auch schon überzeugender und leidenschaftlicher erlebt. PADDY CONSIDINE spielt MacBeths Freund und Waffenbruder Banquo, der ihm mit Rat und Tat zur Seite steht, jedoch von Anfang an sehr vorsichtig agiert; zurückhaltend an Mimik und Tonfall. So, als würde dieser Banquo noch vor der Prophezeiung ahnen, was für ein Schicksal ihn erwartet. Auch DAVID THEWLIS spielt als König Duncan überraschend zurückhaltend und gemütlich, wobei er selbst im größten Freudentaumel kaum die immer freundliche Miene verzieht. Sehr kurz fallen dagegen die Auftritte von JACK REYNOR und ELIZABETH DEBICKI aus. REYNOR ist als Duncans Sohn Malcolm zu sehen, wo er immerhin sehr überzeugend den angsterfüllten Prinzen spielt, der klugerweise lieber davonrennt, als sich dem erfahrenen Krieger MacBeth zu stellen. DEBICKI spielt Lady MacDuff die Gattin von MacDuff, die jedoch nach nur wenigen Zeilen Dialog geopfert wird.

 

Fazit: Nein! Wir können uns wirklich nicht der allgemeinen Kritikermeinung zu MacBeth anschließen, denn die SHAKESPEARE-Verfilmung von JUSTIN KURZEL und MICHAEL FASSBENDER ist ein recht durchwachsenes Produkt, bei dem historischer Anspruch des Öfteren mit der Vorlage des Theaterfürsten kollidiert. Tatsächlich weicht dieser Film oft und manchmal recht misslungen von dem grandiosen Klassiker ab und verliert sich viel zu sehr in seiner atemberaubend schönen Bildsprache, die schon arg ans Arthouse-Kino grenzt, wobei wichtige Charaktere und Schlüsselelemente in dieser Verfilmung rücksichtslos gestrichen worden sind. So, dass nur noch wenige Momenten gut konstruiert worden sind und eine plausible Ergänzung bilden, während sich JUSTIN KURZEL in seiner Regie stellenweise zu arg verkünstelt. Was man MacBeth wirklich zu Gute halten muss, ist seine durchgehend düstere Atmosphäre, etwas mehr Action in den fabelhaften Schlachtszenen, der Dreh an Originalschauplätzen mit dem herrlich schaurig-schottischen Wetter und den Hauptdarstellern MICHAEL FASSBENDER und MARION COTILLARD, die in MacBeth einmal mehr extrem eindrucksvoll beweisen, warum sie derzeit zur globale Elite der Schauspielzunft zählen.
MacBeth ist wegen seiner durchwachsenen Komposition ein recht durchschnittlicher Film, für den wir an dieser Stelle 6 von 10 Punkten vergeben. Mit einer solideren Regie und viel mehr Dichte zu Sir WILLIAM SHAKESPEARE wäre jedoch mit Leichtigkeit eine wesentlich höhere Wertung möglich gewesen. Denn eine werkgetreue Verfilmung war zwar angekündigt, was jedoch definitiv nicht der Fall ist!