Kind 44

Child 44 - Poster 04Regie: DANIEL ESPINOSA
Drehbuch: RICHARD PRICE basierend auf dem Roman von TOM ROB SMITH
Medium: Kino
Spielzeit: 136 Minuten
FSK: ab 16 Jahren (beantragt)
Start: 4. Juni 2015

 

„Im Paradies gibt es keine Mörder!"

 

Child 44 - 04Der russische Serienkiller Andrei Tschikatilo gehört zu den schlimmsten und grausamsten Serienmördern des 20. Jahrhunderts, der erst nach langer und fast schon legendärer Suche gefasst werden konnte, was im Grunde eigentlich nur einem Mann zu verdanken ist: nämlich dem Gerichtsmediziner Wiktor Burakow, der sich gegen kommunistische Arroganz, Sturheit, Korruption und sogar selbst gegen die Polizei durchsetzen musste. Die Beharrlichkeit von Burakow ist inzwischen längst zu einem Thema an Polizeischulen in der ganzen Welt geworden, es wurden etliche Bücher über die Jagd nach dem Serienkiller geschrieben und 1995 erschien schließlich der Film Citizen X, der den Fall und die Verhaftung Tschikatilos äußerst authentisch und wahrheitsgetreu wiedergibt. Der Fall inspirierte aber auch den britischen Schriftsteller TOM ROB SMITH zum ersten Teil seiner Romantrilogie über den Moskauer Polizisten Leo Demidow mit dem Titel Kind 44, der sogleich ein internationaler Bestseller wurde. Aufgrund des riesigen Erfolges von Kind 44 wurde der Roman nun von einem exzellentem Team mit großem Aufwand verfilmt.
Child 44 - 14Krimispezialist RICHARD PRICE (Kopfgeld, Kiss Of Death, Melodie des Todes) adaptierte das Buch, Regie führte der Schwede DANIEL ESPINOSA (Easy Money, Safe House). Die Hauptrollen spielen TOM HARDY (Mad Max: Fury Road, No Turning Back, The Dark Knight Rises), GARY OLDMAN (Romeo Is Bleeding, RoboCop, Léon - Der Profi) und NOOMI RAPACE (Dead Man Down, Prometheus, Verblendung). In weiteren Rollen werden JOEL KINNAMAN (RoboCop, Run All Night, The Killing), CHARLES DANCE (Alien³, Game Of Thrones, Gosford Park), JASON CLARKE (Terminator: Genisys, Lawless, Zero Dark Thirty), VINCENT CASSEL (Die purpurnen Flüsse, Pakt der Wölfe, Der Mönch) und FARES FARES (Safe House, Schändung, Easy Money) zu sehen sein.
In Deutschland startet Kind 44 am 5. Juni 2015 in den Kinos, doch vorab wurde der Thriller von der deutsche Filmbewertungsstelle unter die Lupe genommen und sogar mit dem höchst seltenen Prädikat "Besonders wertvoll" ausgezeichnet. Doch auch wir haben uns den Thriller vorgenommen und überprüft, ob Kind 44 dieses Prädikat auch verdient.

 

Child 44 - 11Moskau im Jahr 1952. Seitdem sich Stalin gegen die Alliierten gestellt und die Sowjetunion ausgerufen hat, sieht er sich überall von Feinden, Spionen und Regimegegnern umgeben. Der junge MGB-Agent und Kriegsheld Leo Demidow hat alle Hände voll zu tun im ganzen Land Dissidenten festzunehmen. Da erreicht ihn die Nachricht, dass sein Freund und Kollege Alexei seinen Sohn verloren hat und sich weigert den offiziellen Befund zu akzeptieren. Angeblich soll es ein schrecklicher Unfall auf den Bahngleisen gewesen sein, doch Leo bemerkt sofort, dass der Junge ermordet worden ist. Das Problem: die kommunistische Partei ist dermaßen überzeugt von ihrem System, dass es in der UDSSR einfach keine Mörder geben kann – jede Abweichung von der Norm zieht eine sofortige Verhaftung nach sich! Leo weiß ganz genau, in welcher Gefahr Alexei und seine Familie nun schweben; und das macht ihm auch sein Vorgesetzter Major Kuzmin noch einmal unmissverständlich klar. Leo kann Alexei überzeugen seine Meinung zu ändern, doch nun gerät er selbst wegen seiner kritischen Haltung ins Visier des MGB. Als er schließlich gezwungen wird gegen seine eigene Frau Raisa zu ermitteln, entscheidet er sich für seine Frau, obwohl Leo genau weiß, dass es sie beide das Leben kosten kann. Der junge Offizier Vasili, der schon immer neidisch auf den Erfolg von Leo und Alexei war, nutzt die Gunst der Stunde und schafft es ihn zu denunzieren. Doch einen Helden der Sowjetunion hinrichten zu lassen, dieses Risiko will selbst Major Kuzmin nicht eingehen. Er degradiert Leo Demidow, der daraufhin zur Miliz strafversetzt wird. Leo muss mit Raisa in irgendein Provinzkaff ziehen und sich bei dem pragmatischen General Nesterov melden, worauf es zu Spannungen in ihrer Beziehung kommt. Leo glaubt sich am Ende, doch noch am nächsten Morgen wird in der Nähe eine Leiche gefunden. Es handelt sich um einen kleinen Jungen, der genauso sterben musste, wie Alexeis Sohn. Leo fühlt sich indirekt für den Mord verantwortlich und nun, da Leo ohnehin nichts mehr zu verlieren hat, setzt er alles daran den Kindermörder zu fassen – auch wenn er sich deswegen endgültig in Lebensgefahr begibt.

Child 44 - Banner 01

Ist Kind 44 ein hervorragender Thriller geworden? Ja, das ist er. Ist Kind 44 aber auch so „besonders wertvoll" geworden, wie die Filmbewertungsstelle es gesehen hat? Hm, ich bin ehrlich gesagt unschlüssig, denn für diese hohe Auszeichnung sind einige erzählerische Details dann doch etwas zu grob oder zu einfach gelöst.
Child 44 - 17In der Presse und den Medien wurde Kind 44 immer als Thriller bezeichnet, der sich um die Jagd auf einen Serienkiller dreht. Das stimmt auch so in etwa, doch viel interessanter sind an dieser Stelle vor allem die Zeit und der Ort des Films. Denn wie schon der Roman strebt die Verfilmung eine Momentaufnahme der stalinistischen Säuberungen an, die Anfang der 1920er und von 1948 bis 1953 über Russland hinwegfegten und insgesamt an die 20 Millionen Opfer forderte. Betroffen von diesen Säuberungen waren nicht nur politische Gegner oder Bauern, sondern ganze Volksstämme, die in Gulags aufgerieben oder gleich hingerichtet wurden. Der Staatssicherheitsdienst, der MGB und damit der offizielle Vorgänger des KGB, besaß sogar ein vorgegebenes Pensum an Staatsfeinden und Verrätern, was es zu verhaften und zu vernichten galt! Andernfalls drohten ihnen ähnliche Sanktionen.
Child 44 - 03Mit solchen Details hält sich Kind 44 jedoch nicht sehr lange auf, sondern versteht sich mehr als Protokoll dieser Zeit und schildert anhand eines konkreten Beispiels, wie der Staatsapparat im Jahr 1952 funktionierte. Es ist eine Zeit der Furcht und ständigen Bedrohung, von der nicht einmal die Leute des MGB verschont blieben, wie es Kind 44 eindrucksvoll demonstriert. Niemand wagt es, Personen in Uniform Widerworte zu geben oder sich ihnen gar entgegenzustellen. Telefone sind nur bestimmen Personen erlaubt, Spione und V-Leute lauern überall und sogar nur den Namen einer verdächtigen Person zu kennen, könnte zu einer Verhaftung führen. So brauchen Leo und Alexei lediglich den Namen eines Dissidenten, damit sich die menschenfressende Maschinerie in Gang setzt. Sofort wird eine Verhaftung angesetzt, ein zermürbendes Verhör beginnt und sollten am Ende des Tages keine weiteren Namen bekannt sein, so droht die unmittelbare Hinrichtung. Dabei gehen PRICE und ESPINOS dermaßen vorsichtig vor, dass niemals konkrete Namen, wie Stalin oder Lenin fallen und dieses bedrohliche Szenario in Relation zum gesamten System setzen. Man kann Kind 44 deswegen problemlos als überaus systemkritischen Film betrachten, der den Kommunismus ganz bewusst von seiner schlechtesten Seite zeigt – und zwar sowohl als Täter als auch Opfer, denn im Mittelpunkt von Kind 44 steht mit Leo eben einer dieser Täter, der dem System quasi blind vertraut und gehorcht, und dennoch zum Opfer des Selbigen wird. Wir erleben aus erster Hand, wie die Staatsmacht so gnadenlos wie effizient Menschen jedwelcher Berufung aus den nichtigsten Gründen inhaftiert und wie sehr der Kommunismus Korruption und Diktatur fördert.
Child 44 - 18Doch schon hier kommt es zu ersten Komplikationen, weil man als Zuschauer den ganzen Film über ganz nah dran an Leo Demidow ist und von Anfang bis Ende begleitet, doch sein Charakter bleibt dennoch weitgehend undurchschaubar und lässt sich nicht ganz nachvollziehen. Anfangs, da erleben wir nämlich noch einen parteikonformen Agenten der im blinden Vertrauen auf den Kommunismus Verräter erledigt – bis es zu dem ersten Schock kommt, dass der Sohn seines Freundes einem Mörder zum Opfer gefallen ist. Doch seltsamerweise ist deswegen Leos Weltbild nicht erschüttert, denn als Kriegsveteran kennt er natürlich die destruktive Natur des Menschen. Vielmehr ist es die Tatsache, dass Alexei und seine Familie in Gefahr schweben, nur weil sie die Wahrheit wissen wollen. Eigentlich Grund genug für Leo seine Einstellung zum System zu überdenken, dem er bislang treu gedient hat, doch genau dies macht unsere Hauptfigur nicht! Und das wirkt in diesem Moment schon etwas widersinnig. Es wird zwar wage angedeutet, dass Leo lediglich an seinen Privilegien und seiner Ehefrau festhalten will, doch überzeugend wirkt dieser Starrsinn nicht. De Facto muss unsere Hauptfigur fast Alles verlieren, bevor er sich entscheidet seinen moralischen Ansprüchen zu gehorchen, die er über weite Strecken von Kind 44 vernachlässigt. Vielleicht ist dieser Zwiespalt im Roman besser erklärt, doch wir haben es hier mit einer Verfilmung zu tun, die auch eine andere Vorgehensweise erfordert.

 

Child 44 - 01Das Interessante daran ist die Tatsache, dass Kind 44 seine Systemkritik in der spannenden Jagd auf einen Serienkiller verpackt und sich dabei zu sehr weiten Teilen an der Ergreifung von Andrei Tschikatilo orientiert. Überraschender Weise hält sich Kind 44 sogar sehr sehr dicht an die kriminalistischen Ermittlungen, die zur Verhaftung des Kannibalen führten. Leo muss wie Wiktor Burakow der starren Ideologie des Kommunismus und der Allmacht des Systems trotzen, um den Killer zu fassen und auch bekommt er insgeheim Unterstützung von einem General der Roten Armee. Anders als in der Fiktion handelte es sich aber bei General Nesterov und Major Grachev um ein und dieselbe Person – nämlich General Fetisow – und dieser musste nicht erst bekniet und angebettelt werden, damit er hilft den Serienkiller zu fassen. De Facto griff Fetisow sogar zu radikalen Mitteln, nutze Korruption und Erpressung, um Burakow bei den Ermittlungen zu unterstützen. Hätte also im Endeffekt noch eine Möglichkeit mehr geboten, in die Korruptionsmechanik des Kommunismus zu blicken. Doch diese Option hatte sich bereits TOM ROB SMITH mit seinem Roman verwehrt und machte seinen General Nesterow eher nur zu einem nützlichen Helferling anstatt verlässlichen Partner. Allerdings bleibt Kind 44 der Realität insofern treu, dass der Serienkiller von der Stadt Rostow aus auf Beutejagd geht und es hauptsächlich auf Jungen abgesehen hat. Sogar der Charakter von Andrei Tschikatilo und dessen verschlagene Strategie wurden übernommen. Nur gegen Ende weicht Kind 44 von der wahren Geschichte des Rippers von Rostow ab, um seiner Geschichte ein dramatischeres und kinogerechteres Ende bieten zu können.

 

Child 44 - 05Zwischendrin jedoch kommt es gelegentlich zu einigen erzählerischen Schwächen wie Anschlusslücken und wunderbare Zufälle, mit denen Leos Leben entweder weiter verdammt oder gerettet wird. Denn die narrative Schwierigkeit von Kind 44 liegt darin, dass er im Grunde gleich ganze drei Geschichten erzählt, die sich zur gleichen Zeit abspielen und immer mal wieder gegeneinander die Überhand gewinnen. Da ist in erster Linie Leos Jagd auf den Serienkiller, der dutzende von kleinen Jungen umgebracht hat, doch parallel dazu gibt es einen nicht minder dominanten Handlungsstrang um die Denunzierung, Degradierung und Versetzung der Demidows, die sich im Laufe des Films immer mehr miteinander vermischen. Und zu guter Letzt wirft Kind 44 noch einen ausführlichen Blick auf die Beziehung zwischen Raisa und Leo, die keineswegs das ach so harmonische Paar sind, wie es zu Beginn scheint. Diese drei Geschichten unter einen Hut zu bringen ist nicht leicht und da haben auch solche verlässlichen Filmemacher wie ESPINOSA und PRICE ihre Probleme. Wie und warum Leo und seine Frau denunziert werden, löst sich im Laufe der Geschichte auf. Warum aber der ehemalige MGB-Agent ausgerechnet in der Provinz erneut dem Kindermörder auf die Spur kommt und verdächtigerweise auch nur einen Tag später, das wirkt schon etwas krampfhaft. Erst recht, wenn man erfahren muss, dass Alexeis Sohn das einzige Kind war, was in Moskau umgebracht worden. Das sind etwas zu viele Zufälle für meinen Geschmack, denn selbst die übermächtige, allgegenwärtige Gefahr der Stalinistischen Säuberungen kann mit dem Tod des Diktators im Jahr 1953 quasi wie von Zauberhand entkräftet werden. Zwar war sich Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow der politischen Verbrechen seines Vorgängers sehr wohl bewusst und unternahm Alles, um das Blutvergießen zu beenden, doch Kind 44 macht es sich an dieser Stelle viel zu einfach. Sobald der Killer nämlich gefasst und alle Bösewichte entweder Tod oder hinter Schloss und Riegel sind, herrscht auf einmal wieder heiterer Sonnenschein über der Sowjetunion. Aber das System brach erst Ender der 1980er zusammen, weshalb die letzten Minuten von Kind 44 sich nicht wirklich in das düstere Bild einfügen wollen.


Child 44 - 06Immerhin – und das muss man diesem Thriller wirklich zu Gute halten – liefert Kind 44 über zwei Stunden lang spannende Unterhaltung auf einem sehr hohen Level ab, was der Film leider nicht über die gesamte Strecke halten kann und dennoch Lust auf Mehr macht. Schließlich veröffentlichte TOM ROB SMITH mit Kolyma und Agent 6 zwei weitere Romane über Leo Demidow, doch ob Kind 44 fortgesetzt werden wird, steht derzeit noch in den Sternen. Mit dem erheblichen Aufwand war der historische Thriller sicherlich nicht billig, aber in den USA wurde Kind 44 schon Mitte April nur begrenzt in den Kinos gezeigt. Warum? Wieso? Man weiß es nicht, denn letztendlich greift Kind 44 das totalitäre Feindsystem der Demokratie- und Freiheitsliebenden Amerikaner ganz arg und auf sehr realistische Weise an und ist sogar teilweise von amerikanischen Studios mitfinanziert worden.

 

Child 44 - 15Vielleicht waren die Amerikaner aber auch von der Sprache abgeschreckt, denn zumindest im Originalton begeht Kind 44 den krassen Fehler ausnahmslose alle Schauspieler mit einem russischen Slang sprechen zu lassen, obwohl sich in der Besetzung kein einziger Russe findet. Sollte dies den Thriller noch atmosphärischer machen? Noch stilechter? Da ist die deutsche Version ausnahmsweise wesentlich besser als der O-Ton, denn dort gibt es keinen Dialekt. Ich persönlich kann mich schwer mit dem Gedanken anfreunden, dass so ein erfahrener Regisseur wie DANIEL ESPINOSA zu solchen Mitteln greift, die im Endeffekt auch überflüssig sind. Kind 44 verfügt nämlich über eine fabelhafte Ausstattung, mit der das Leben in der UDSSR bis ins kleinste Detail rekonstruiert werden konnte. Die Kostüme wurden strengstens den Uniformen der Miliz und des MGB, dem Vorläufer des KGB, nachempfunden. Teilweise wurden sogar Originale aus den 1950ern verwendet, ohne die man manche Massenszenen mit bis zu 800 Statisten kaum bewältigen konnte. Auch bei den meisten Fahrzeugen handelt es sich um richtige Oldtime, die die Sowjetunion überlebt haben; inklusive einem Güterzug, der von einer historischen Sowjet-Lok angetrieben wurde. Natürlich ist der Wodka jederzeit griffbereit, noch wichtiger sind aber Zigaretten, die hier jeder Charakter bis zum Ende raucht. Nur wer genau aufpasst, der wird bemerken, dass in Kind 44 keine einzige Panorama-Aufnahme Moskaus zu finden ist, denn der Thriller wurde gänzlich in Tschechien gedreht. Dreharbeiten in Moskau hätte der alte KGB-Funktionär und Kommunismus-Freund Putin auch niemals zugelassen. Aber unter dem Strich bleibt der Aufwand für Kind 44 enorm und ist vollends gerechtfertigt.

 

Child 44 - 12TOM HARDY hat sich mittlerweile als einer der ganz wenigen Schauspieler etabliert, die in großen Blockbustern ebenso Zuhause sind, wie in anspruchsvollen Charakterdramen. Und damit ist er bei Kind 44 genau richtig, der sich zwischen den Stühlen bewegt. HARDY spielt die Titelfigur Leo Demidow und damit einen linientreuen MGB-Agenten, der anfangs bewusst arrogant und überheblich seiner Arbeit nachgeht. Doch HARDY entwickelt sich mit dem Film kontinuierlich weiter, bis er selbst in der verhängnisvollen Lage des Systemopfers ist und dadurch mental immer angreifbarer wird. Unterstützung bekommt er dabei nur von seiner Frau Raisa und dem General Nesterow. Raisa wird in Kind 44 von NOOMI RAPACE verkörpert, die jedoch ungewöhnlicher Weise hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt und sich auf ein mehr oder weniger festes Minenspiel verlässt, nur um gelegentlich zur Amazone zu mutieren. Das bleibt zwar noch im Rahmen, ist aber Alles in allem ein wenig enttäuschend. Etwas verlässlicher ist da schon GARY OLDMAN als General Nesterow, der sich nach außen hin ebenso kühl wie energisch den Kommunismus durchsetzt, doch insgeheim und seriös Leo unter die Arme greift. Doch der größte Feind von TOM HARDY alias Leo ist nicht einmal der Serienkiller, sondern JOEL KINNAMAN in der Rolle des Emporkömmlings Vasili. KINNAMAN spielt den Agenten auch bewusst unsympathisch, indem er sich zunächst feig und heuchlerisch präsentiert, später jedoch umso bösartiger und verschlagener präsentiert. Tatsächlich bewegt sich KINNAMN hier schon mit GARY OLDMAN und TOM HARDY auf Augenhöhe. FARES FARES spielt Leos langjährigen Freund Alexei, der eine ähnliche Arroganz wie Leo besitzt und durch den Mord an seinem Sohn auf den Boden der sowjetischen Tatsachen zurückgeholt wird. Und damit spiegeln sich auch Verbitterung und Wut wieder, wie man sie in diesem Fall auch erwarten kann.
Child 44 - 07Enttäuschung sollte sich vor Allem bei den Menschen einstellen, die sich einen größeren Auftritt von VINCENT CASSEL, JASON CLARKE und CHARLES DANCE erhofft hatten. CLARKE spielt einen flüchtigen Regimegegner namens Brodsky, der ein paar hübsch dramatische Szenen parat hat, bevor er bereits am Anfang des Films erschossen wird. Und das ist jetzt keineswegs gespoilert, denn Kind 44 lässt nicht den geringsten Zweifel, dass der Charakter in den nächsten 10 Minuten rücksichtlos hingerichtet wird. VINCENT CASSEL ist als Major Kuzmin zu sehen und in dieser Funktion auch eindeutig als Gegenspieler von Leo identifizierbar. Warum Major Kuzmin sich feindseelig gegenüber dem linientreuen Leo verhalten muss und sogar dessen Denunzierung unterstützt, erfahren wir als Zuschauer nicht. VINCENT CASSEL gelingt es jedoch immerhin im Zuschauer die Vermutung zu wecken, dass die Fehde zwischen Leo und Kuzmin persönlicher Natur ist. Minimaler ist nur der Auftritt von CHARLES DANCE, der erst ganz am Ende für noch nicht einmal zwei Minuten auftaucht und sich darin exakt wie Tywin Lannister aus Game Of Thrones präsentiert.

 

Fazit: Hat Kind 44 wirklich das Prädikat „besonders wertvoll" verdient? Nun, die Romanverfilmung von DANIEL ESPINOSA ist zweifelsohne ein atmosphärisch sehr dichter und historisch überraschend treuer Thriller, der sich sehr dicht an der wahren Geschichte der Verhaftung von Andrei Tschikatilo orientiert. Gleichzeitig ist Kind 44 eine beeindruckend realistische Momentaufnahme des Kommunismus und der Stalinistischen Säuberungen, die von einem enormen, detailverliebten Aufwand und einem überzeugenden Ensemble getragen werden. Allerdings kann Kind 44 das hohe Niveau nicht durchgehend halten, kommt leider nicht ohne einige Ungereimtheiten aus und macht sich manche Storyinhalte zu einfach. Wir ziehen ein Resümee von 8 von 10 Punkten.
Übrigens wird Kind 44 in Russland insgeheim boykottiert, weil Putin schon seit langer Zeit an die alten Siege und das alte Reich unter dem Kommunismus appelliert, um seine fast schon totalitäre Macht zu sichern, aber dessen Schattenseiten lieber verschweigen möchte.