Hide And Seek - Kein Entkommen

Hide  Seek - Cover 01Regie: HUH JUNG
Drehbuch: HUH JUNG
Medium: Blu Ray & DVD
Spielzeit: 104 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 26. September 2014

 

„Das gehört mir!"

 

Das koreanische Kino gewinnt in Deutschland immer mehr an Zulauf. Warum denn auch nicht? Schließlich hat sich das südkoreanische Kino seit den 1990ern extrem stark weiterentwickelt und produziert seit circa sechs bis sieben Jahren das stärkste Kino weltweit! Filme wie Oldboy, Durst, A Tale Of Two Sisters, The Chaser, The Host und Memories Of Murder haben sich längst als moderne Klassiker auf internationalem Niveau etabliert, mit denen sich Regisseure wie KIM JEE-WOON, BONG JOON-HO und KANG JE-GYU in die erste Liga Asiens katapultieren konnten.
Hide  Seek 04Ganz so weit ist der junge Filmemacher HUH JUNG zwar noch nicht, doch mit seinem Debüt Hide And Seek gelang ihm bereits ein erster wichtiger Erfolg in seiner Karriere. Hide And Seek kam in Südkorea im Sommer 2013 natürlich unter seinem Originaltitel Sumbakkogjil in die Kinos und konnte dort über 35 Millionen Won einspielen! HUH JUNG führte dabei nicht nur Regie, sondern schrieb auch das Drehbuch und besetzte die Hauptrollen seines Mysterythrillers mit SON HYUN JOO (The Chaser, A Father's War, The Devil's Game), JEON MI-SEON (Poseidon, Mother, Royal Family) und MOON JEONG-HEE (Deranged, The Iron Empress). Die Nebenrollen spielen die Kinderdarsteller JEON JOON-WON, KIM SOO-AN und KIM JI-YEONG III. Obwohl Hide And Seek in Südkorea also ein voller Erfolg war, dauerte es über ein Jahr, bis der Film nun international vertrieben werden konnte. Ein Problem, was auch direkt den deutschen Markt betrifft, denn Wartezeiten von bis zu zwei bis fünf Jahren sind hier leider keine Seltenheit, wobei Qualität und Erfolg absolut keine Rollen spielen. Da macht auch HUHs Debüt keine Ausnahme, da der Thriller erst am 26. September 2014 in Deutschland veröffentlicht worden ist. Um Verwechslungen mit gleichnamigen Thrillern zu vermeiden, denn den Titel Hide & Seek gibt es offiziell gleich fünf Mal in Deutschland, erschien der Thriller hierzulande unter dem Titel Hide And Seek – Kein Entkommen.

 

Hide  Seek 02Song-soo ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, der es zu Etwas gebracht hat. Er hat in den USA eine Menge Geld gemacht und lebt nun wieder in Seoul, wo er mit seiner Familie ein luxuriöses Apartment im besten Viertel der Stadt bewohnt. Niemand ahnt aber, dass Song-soos Erfolg auf einem düsteren Geheimnis weit in seiner Vergangenheit beruht. Einst wurde er nämlich von einem reichen Ehepaar adoptiert, doch deren leiblicher Sohn Song-cheol entpuppte sich als Triebtäter und wurde schon in jungen Jahren verstoßen, weshalb Song-soo das gesamte Vermögen erbte, was ihm schließlich als Kapitalanlage diente. Song-soo hütet dieses Geheimnis selbst vor seiner Familie und darum sind ihm auch die Briefe und Kontaktversuche seines Bruders ein Greul und ignoriert sie, obwohl sie in ihm ordentlich ins Gewissen schneiden. Erst ein Anruf von Song-cheols Bewährungshelfer bricht endlich Song-soos Schweigen. Song-cheol ist nämlich spurlos verschwunden und die Polizei ist ratlos, was Song-soo endlich zum Handeln bewegt. Er geht zu der Wohnung seines Bruders, die jedoch fast vollkommen leer zu sein scheint; als ob hier Niemand wirklich gelebt hätte. Song-soo forscht in der Nachbarschaft nach und stößt auf einige Zeugen sowie die störrische Joo-hee, die sich sogleich bei ihm beschwert, ihr Bruder hätte es auf ihre kleine Tochter abgesehen, bevor sie ihn aus ihrer Wohnung wirft. Während sich Song-soo weiter umsieht, entdeckt einige kleine Symbole nahe der Türklingeln, auf die er sich keinen Reim machen kann. Verwirrt macht sich Song-soo auf nach Hause, nur um zu entdecken, dass nun auch vor seiner Wohnung ebenfalls merkwürdige Symbole eingeritzt sind. Schon bald fühlt sich er selbst verfolgt und ausspioniert. Sogar in seiner Wohnung fühlt er sich nicht mehr sicher - aus gutem Grund!

Hide  Seek - Banner 01

HUH JUNG gelang mit seinem Thriller Hide And Seek ein wirklich beeindruckendes Debüt, das einen dermaßen professionellen Eindruck macht, wie man es bei den jungen Filmemachern in den USA und Europa vergeblich suchen würde. Erst gegen Ende merkt man leider, dass HUH JUNG noch einige Details zu lernen hat.
Hide  Seek 01HUH JUNGs Debüt kann man über weite Strecken dem Mysterythriller zuordnen, weil sich der junge Koreaner in seinem ersten Kinofilm auf ein scheinbar unheimliches Rätsel konzentriert, was HUH in typisch asiatischer Weise mit allerhand Details anreichert. Menschen verschwinden ohne eine Spur hinterlassen, was oft mit einer letzten und merkwürdigen SMS begleitet wird, Symbole an den Türen, die Niemand identifizieren kann, und ein unfreiwilliger Held, der selbst einige Details in seinem Leben lieber verschweigt. Dabei macht Hide And Seek schon in den ersten Szenen klar, dass hier ein grausamer Mörder sein Unwesen treibt, wodurch HUH Spannung auf zwei Ebenen schüren kann. Einerseits ist man interessiert zu erfahren, was mit den verschwundenen Menschen geschehen ist und auf der anderen Seite wird dem Zuschauer durch den Mörder auch eine Bedrohung bewusst, die sich natürlich im Laufe des Thrillers an Song-soo richtet. Zwar etwas vorhersehbar, doch anders als westliche Regisseure richtet der Koreaner diese Bedrohung zunächst nur subtil auf seine Hauptfigur, was unter anderem auch mit einigen verstörenden Träumen und Illusionen zusammenhängt. Auf diese Weise schielt Hide And Seek sogar ein wenig in den Horror, der hier vor allem auf psychischer Ebene stattfindet; lässt er doch den Zuschauer lange im Unklaren, wie es um Song-soos geistige Gesundheit bestellt ist. Dass Song-soo einen Knacks hat, fließt auch nicht unerheblich in die falschen Fährten mit ein, die HUH JUNG auf dem Weg zum Finale legt. Tatsächlich stellt uns der junge Regisseur gleich mehrere verdächtige Personen vor und rückt sogar die Möglichkeit in Betracht, dass Song-soo selbst für das Verschwinden der Menschen verantwortlich sein könnte.
Hide  Seek 03Auf diese Weise gelingt es Hide And Seek fast bis zum Ende ein spannendes und vielschichtiges Szenario zu erschaffen, was HUH JUNG leider nicht bis zum Ende aufrecht erhalten kann. Kritisch wird es nämlich genau ab dem Zeitpunkt, an dem Song-soo hinter das Geheimnis von Song-cheols verschwinden kommt, denn anstatt einer etwas undurchsichtigeren Lösung für das Rätsel, die man durchaus von einem solchen Mysterythriller erwarten kann, bevorzugt HUH JUNG doch schon eine äußerst bodenständige Ursache. Diese Tatsache allein könnte man noch so stehen lassen, würde HUH ausgerechnet das Finale nicht so unnötig krampfhaft in die Länge ziehen, indem das endgültige Duell zwischen Held und Unhold nicht zu Lasten der Logik in einem unplausiblen Kampf ums Überleben ausufert. Wie kann es nämlich sein, dass zwei gesunde, erwachsene Menschen nicht im Geringsten mit einem zierlichen Täter fertig werden? Bei der Statur würde es genügen den Täter festhalten oder auch simpel zusammenschlagen, um ein größeres Unglück zu verhindern. Ein einziger g'scheider Schlag in die Fresse würde bereits ausreichen, doch die Protagonisten in Hide And Seek humpeln fast schon absichtlich von einem Niederschlag zum Nächsten. Es tut mir richtig leid, wenn das nun schon zu viel gespoilert ist, doch um unser Urteil nachvollziehen zu können, muss man wissen, dass sich HUH JUNG hier im Finale ziemlich unnötig auf dünnes Eis begibt, nur um Hide And Seek bis zum Ende noch nervenzerrender und spannender dastehen zu lassen, was aber wegen unlogischen Prämisse überhaupt nicht funktioniert.

 

Hide  Seek 09Womit sich Hide And Seek jedoch wirklich abheben kann, ist seine Erzählung. Denn südkoreanisches Kino kann man direkt mit italienischem Essen vergleichen: man nehme einfache Zutaten, aber bereitet sie ganz frisch zu. Darauf verlässt sich zwar auch HUH JUNG ein Bisschen, doch anders als ganz viele seiner Landsmänner erzählt der Filmemacher seinen Mysterythriller recht komplex und vielschichtig. So stellt uns HUH zwar schon recht früh seinen tragischen Helden Song-soo vor, wechselt jedoch des Öfteren die Perspektive, benutzt Rückblenden und widmet sich in einigen Szenen auch der Familie Song-soos, die im Laufe des Films immer wichtiger wird. Dabei nimmt sich HUH JUNG sogar die Zeit heraus die Ursache für Song-soos schlechtes Gewissen zu erkunden und die Charaktere seiner Frau sowie seiner Kinder etwas näher unter die Lupe zu nehmen. Ironischerweise kommt Hide And Seek trotz der komplexen Erzählweise überwiegend ohne Logiklöcher und Anschlussfehler aus, obwohl ausgerechnet das Finale etwas unglaubwürdig wirkt. An sich endet Hide And Seek abgeschlossen und bedarf keines Sequels, weil der Thriller gut für sich alleine stehen kann. Trotzdem verzichtet der Koreaner auch nicht auf eine genretypische Schlusseinstellung, die den Zuschauer mit dem unwohligen Gefühl zurücklässt, dass die Gefahr dennoch nicht ganz vorüber ist. Verwertet werden diese Ansätze jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht, denn Fortsetzungen sind im koreanischen Kino höchst selten und jede weitere Erklärung würde Hide And Seek schon Etwas von seiner nachhaltigen Wirkung rauben. Eine Tatsache, was im westlichen Kino viel zu oft ignoriert wird, um aus einem Sequel Kapital zu schlagen.

 

Hide  Seek 08Ein an sich recht kleiner Mysterythriller wie Hide And Seek konnte natürlich ohne großen Aufwand realisiert werden. Tatsächlich beschränken sich die Sets auf maximal zwei umfangreichere Drehorte, die in direktem Kontrast zueinander stehen. Das ist der luxuriöse Apartmentkomplex für die vermögende Upperclass von Seoul und daneben das dreckige, stinkende Wohnviertel der Armen, wo Verbrecher, Asylanten und Arbeitslose eine billige Bleibe finden können. Die Außenaufnahmen fanden darum auch an Originalschauplätzen in Seoul und Busan statt, während für die Innenraum-Szenen detaillierte Sets entstanden. Um die düstere, geheimnisvolle Atmosphäre noch zu unterstreichen, griff HUH JUNG auf einen blassen Farbfilter zurück, während die Kamera oft statisch bleibt. Die Score orientiert sich dabei an westlichen Vorbildern und verlässt sich weitgehend auf düstere Streicher, die klassisch arrangiert sind, wie sie bei solchen Thrillern schon lange Tradition sind.

 

Hide  Seek 05Die Hauptrolle in Hide And Seek übernahm ein wie immer etwas zurückhaltender SON HYUN JOO, der sich in der Rolle von Song-soo lange zurückhält und oft kaum eine Mine verzählt; weder lächelt noch grimmig wirkt. Das wirkt zwar etwas seltsam, doch man darf an dieser Stelle nicht vergessen, dass Hide And Seek den Zuschauer lange Zeit im Ungewissen über den Charakter von Song-soo lassen will. Dagegen weiß man bei JEON MI-SEON gleich woran man ist, denn sie spielt mit Song-soos Ehefrau Min-ji die typisch arrogante und verwöhnte Oberschicht-Tussie, die gerne in protzigen Klamotten herumläuft und sich auf ihren finanziellen Erfolg in den USA etwas einbildet. Dass es sich bei Min-ji auch um eine fürsorgliche Mutter handelt, erkennt man erst nach und nach. Ihr Pendant in Hide And Seek hört auf den Namen Joo-hee und wird von MOON JEONG-HEE gespielt, die hier zwar ebenfalls als fürsorgliche und behutsame Mutter beschrieben wird, doch auch als ängstlich, misstrauisch und gegenüber der vermögenden Min-ji auch peinlich berührt, was im Verlauf des Films ein immer wichtigeres Detail darstellt. Alle drei Akteure spielen auf einem sehr überzeugenden Niveau mit Elan und Nachdruck, wo man schlicht die mittlerweile hohe Professionalität der koreanischen Filmbranche bemerkt. Viel größeres Lob verdienen an dieser Stelle die drei Kinderdarsteller JEON JOON-WON, KIM SOO-AN und KIM JI-YEONG III.
Der damals 10-jährige JEON JOON-WON spielt mit dem nervigen Ho-se den frechen, aufdringlichen Krüppel, der penetrant auf seine Spielkonsole pocht und dabei trotzdem versucht auf seine Schwester Soo-ah aufzupassen, die von der zwei Jahre jüngeren KIM SOO-AN gespielt wird, die hier in Hide And Seek nicht nur ihrer Mutter, sondern bewusst auch dem Zuschauer auf die Nerven geht. Als etwas zurückhaltender und vorsichtiger ist KIM JI-YEONG III in der Rolle von Pyeong-hwa zu sehen, Joo-hees Tochter, die das hibbelige und krampfhafte Wesen ihrer Mutter nahtlos zu übernehmen scheint.

 

Fazit: Koreanisches Kino ist einfach ein absoluter Qualitätsgarant und selbst ein Debütant wie HUH JUNG kann mit seinem ersten Kinofilm Hide And Seek über sehr weite Strecken einen atmosphärisch dichten und äußerst spannenden Mysterythriller vorweisen, der jedoch ausgerechnet gegen Ende aus dem Tritt kommt. Wer sich nicht an dem unnötig reißerischen und in die Länge gezogenen Finale stört, der kann mit Hide And Seek durchaus einen sehr spannenden und teilweise gruseligen Abend verbringen, denn schließlich präsentiert sich HUH JUNG hiermit vor allem als erzählerisches Talent. Wir ritzen euch 7 von 10 Symbole in die Haustür.