Annabelle

Annabelle - Poster 02Regie: JOHN R. LEONETTI
Drehbuch: GARY DAUBERMAN
Medium: Kino
Spielzeit: 98 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 9. Oktober 2014

 

„Und Gott möge euren Seelen gnädig sein!!!"

 

Annabelle 02Der traditionelle Gruselfilm The Conjuring der Horrormacher JAMES WAN und LEIGH WHANNELL (Saw, Dead Silence, Insidious) war mit fast 320 Millionen Dollar Einspielergebnis an den globalen Kinokassen ein überwältigender Hit, obwohl der Gruselfilm sogar mit einem R-Rating anlief. Da ist es kein Wunder, dass sich ein zweiter Teil derzeit in der Entwicklung befindet, der im November 2015 in unseren Kinos anlaufen soll. Wegen des immensen Erfolges von The Conjuring kamen noch im letzten Herbst Gerüchte über ein Spin-Off auf, was sich um die Puppe Annabelle drehen sollte, die im ersten Kinofilm als Intro diente, um dem Publikum das geisterjagende Ehepaar Ed und Lorraine Warren vorzustellen. Wer The Conjuring gesehen hat, der wird auch bestätigen können, wie sehr sich jene Puppe geradezu für einen eigenen Film prädestinierte. Tatsächlich wurden diese Gerüchte nur wenige Wochen später, im Januar 2014, bestätigt. Das Spin-Off trägt den schlichten Titel Annabelle, wobei es sich um ein Prequel zu The Conjuring handelt. Selbstverständlich wurde Annabelle von JAMES WAN und LEIGH WHANNELL produziert. Als Regisseur stand schon von Beginn an JOHN R. LEONETTI (Butterfly Effect 2, Mortal Kombat 2) fest, der schon seit etlichen Jahren der Kameramann von WAN ist und mit Annabelle sein Kinodebüt geben wird. Das Drehbuch wurde von GARY DAUBERMAN (Bloodmonkey, Swamp Devil) beigesteuert und die Hauptrollen spielen (ironischerweise) ANNABELLE WALLIS (Die Tudors) und WARD HORTON (One Life To Live). In den Nebenrollen sind TONY AMENDOLA (Continuum) und ALFRE WOODARD (Copper, State Of Affairs) zu sehen.
Annabelle wird gleich von Anfang an weltweit vertrieben, wobei die internationalen Termine sehr dicht beieinander liegen. Darum läuft der Gruselfilm schon am 9. Oktober 2014 in den deutschen Kinos an. Doch zuvor durften wir schon einen Blick auf Annabelle werfen und erfahren, warum die kleine Puppe denn so bösartig ist.

 

Annabelle 15Kalifornien in den frühen 1970ern. Das junge Ehepaar John und Mia Form freut sich auf ihr erstes Kind, obwohl John noch an seiner Doktorarbeit feilt. Das Paar hat also nicht viel Geld zu Verfügung, aber immerhin wohnen sie in einer guten christlichen Gemeinde und haben mit den älteren Higgins fürsorgliche und freundliche Nachbarn, die sie ein wenig unterstützen. Darum kann John Mia endlich ein lange gehegtes Geschenk machen: eine alte Puppe im Hochzeitskleid, die Mias Sammlung komplettiert. Die werdende Mutter ist überglücklich, doch noch in der gleichen Nacht bricht die Katastrophe herein. Die Higgins werden bestialisch von ihrer eigenen Tochter Annabelle und ihrem Freund abgeschlachtet. Annabelle schloss sich Jahre zuvor den Hippies an und landete letztendlich in einer Sekte, die versuchten einen alten Dämon zu beschwören, dem es nach Blut verlangt. Gleich nach dem Mord an dem alten Ehepaar versuchen sie darum auch John und Mia zu ermorden, doch die Polizei kann die irrsinnigen Killer gerade noch rechtzeitig stoppen. Annabelle entzieht sich durch Selbstmord der Verantwortung. Das Erlebnis traumatisiert das junge Paar, besonders Mia leidet unter dem Angriff und dem Tod ihrer Nachbarn. Aber damit ist der Alptraum noch lange nicht vorbei, denn schon kurz darauf ereignen sich in ihrem Umfeld beängstigende Phänomene. Mia gelangt rasch zu dem Glauben, es würde an der Puppe liegen, die Annabelle vor ihrem Tod in die Hand nahm. Die junge Frau ahnt sehr genau, dass in der Nacht ihres Todes irgendetwas Unheimliches mit der Puppe geschehen ist. Doch die Wahrheit ist viel schlimmer . . . und sehr viel gefährlicher!

Annabelle - Banner 01

Annabelle ist ein traditioneller und im besten Sinne klassischer Gruselfilm, indem sich GARY DAUBERMAN und JOHN R. LEONETTI besonders auf zwei Dinge konzentrieren: durchgehend Suspense und derbe Schockeffekte!
Annabelle 17Gleich zu Beginn des Gruselfilms greift LEONETTI den Vorgänger The Conjuring auf. Genauer gesagt die Krankenschwestern und jüngste Opfer von Annabelle, was allerdings nur wenige Sekunden dauert. Doch schon hier schüren die Filmemacher erste unwohlige Spannung, denn sie deuten bereits auf diese Weise an, was für eine bösartige Kraft in der Puppe verborgen ist. Die große Frage lautet jedoch an dieser Stelle, wodurch der Fluch nun entstanden ist. Wie wir bereits in The Conjuring gesehen haben, läuft es auch in Annabelle auf eine dämonische Besessenheit hinaus, was man eindeutig als Geschmackssache werten kann. Mir persönlich fällt es recht schwer, an derlei Blödsinn zu glauben, weil der monotheistische Glaube generell nur schwer greifbar ist. Das war schon in The Conjuring ein Problem und offensichtlich war auch Drehbuchautor DAUBERMAN dieser Ansicht, denn Annabelle geht zunächst andere, moderne Wege, indem die Puppe ähnlich wie bei Chucky vom Geist einer psychisch kranken Mörderin besessen ist. Dabei setzt Annabelle geschickte Querbezüge zur Realität, indem er die Morde der Manson-Familie in seine Handlung mit einbezieht und auch seine Gewalttaten auf einen satanistischen Kult stützt. Auf die Motivation der Mörder, darauf gibt Annabelle zwar selbst nur wenig Aufschluss, doch menschliche Gewalt ist so alt wie der Mensch selbst und darum wirkt dieser Erklärung für den Fluch Annabelles doch gleich viel akzeptabler. Auf diese Weise besitzt Annabelle den ganz entscheidenden Vorteil, dass seine Spannungsszenen und Schockeffekte viel besser auf den Zuschauer wirken können – und da hat JOHN R. LEONETTI viel und vor allem gut von JAMES WAN gelernt.
Annabelle 12Annabelle ist handwerklich gesehen sehr gut umgesetzt und liefert von Anfang bis Ende äußerst unheimliche Unterhaltung auf einem hohen Niveau, denn LEONETTI versteht es geschickt kleinere und größere Spannungsbögen zu einem immer bedrohlicheren Szenario zu verweben, die jedoch nicht immer von einem Schockeffekt gekrönt sind – unvorhergesehene Momente dafür schon, wobei auch sehr viel mit der Musik und dem Sound gespielt wird. Und genau das macht Annabelle so unberechenbar, obwohl die Absichten des Dämons im Verlauf des Gruselfilms immer deutlicher werden, was natürlich nur über dritte Personen klar werden kann. Wie etwa den Gemeindepfarrer oder die hilfsbereite Nachbarin, die rein zufällig einen Buchladen besitzt und sich doch glatt noch ein wenig mit Okkultismus auskennt! Etwas zu aufdringlich und offensichtlich, während LEONETTI mit Annabelle selbst viel behutsamer umgeht. So sieht man in keiner Sekunde die Puppe sich bewegen, ohne dass sie entweder von einem Menschen oder Monster angefasst wird. Obwohl Annabelle vor allem auf psychischer Ebene zu schocken und zu gruseln mag, wurde der Horrorfilm in den USA mit einem R-Rating belegt. Wie bei der MPAA zu lesen, wegen „intensiven Szenen verstörenden Terrors", doch vermutlich auch wegen dem äußerst blutigen Mord an den Higgins und dem Angriff auf Mia und John. Diese Szenen waren offensichtlich auch der FSK zu heikel, weshalb Annabelle in Deutschland mit einer FSK 16 eingestuft wurde.

 

Annabelle 01Nachdem sich Annabelle also atmosphärisch schon ein gutes Stück besser als The Conjuring präsentiert hat, schaffen es JOHN R. LEONETTI und GARY DAUBERMAN auch erzählerisch das Thema facettenreicher und komplexer zu erzählen, als es der Vorgänger vorgemacht hat. Standen die Spannungsbögen und Schocksequenzen im Film von JAMES WAN noch für sich allein, so hat jeder üble Schreck hier einen Sinn und wird sinnvoll in die Story eingebunden, wobei die Szenerie mit der Zeit natürlich immer bedrohlicher wird. Dabei schreitet Annabelle schnell und flüssig voran, variiert jedoch gelegentlich das Tempo und konzentriert sich voll und ganz auf die Auseinandersetzung zwischen der Mutter und der Monsterpuppe, was jedoch eine weitere Fortsetzung für Annabelle stark einschränkt. Tatsächlich existiert hier nur ein sehr kleines Zeitfenster zwischen Annabelle und The Conjuring, woran sich ein Sequel orientieren könnte. Außerdem gewährt uns der Horrorfilm als gelungenes Schlussbild noch einen kurzen Blick auf die echte Annabelle, die nun in einer Vitrine im Haus der Warrens aufbewahrt wird, womit sich auch eine stabile und direkte Überleitung zu The Conjuring ergibt, den man sich dieser Stelle bequemen reinziehen könnte. Also macht JOHN R. LEONETTI auch hier wieder weitgehend Alles richtig, sofern er auch die Logiklöcher auf ein Minimum reduziert, denn man kann sie ebenso gut Annabelle wie dem Wahnsinn von Mia in die Schuhe schieben, doch auch auf Anschlusslücken verzichtet Annabelle fast vollständig, wodurch sich ein sehr rundes und sehr flüssiges Gesamtbild ergibt.
Annabelle 11Allerdings weist dieses Bild inhaltlich frappierende Parallelen mit Rosemaries Baby auf; ROMAN POLANSKIs Horrorklassiker aus dem Jahr 1968, was zwischen den Zeilen richtige derbe bzw. skandalöse Provokationen zur Schau stellt. Da haben wir ein schickes Hochhaus, eine junge Mutter, die den Verstand zu verlieren droht, und satanische Mächte, die hinter ihrer Familie her sind. Beide Filme spielen sich in etwa zur gleichen Zeit ab, nämlich Ende der '60 bis Anfang der '70, und besitzen darüber hinaus eine äußerst unbequeme Verbindung zur Realität. Wir erinnern uns: die Wurzel allen Übels ist in Annabelle ein satanistischer Kult, der ähnlich blutrünstige Morde verübt, wie die Manson-Family. Ja, das Ehepaar Form sieht sich hier in Annabelle gar einen TV-Bericht über die Manson-Family an und zu allem Überfluss spielte die Hauptrolle in Rosemaries Baby eine junge MIA FARROW, die ANNABELLE WALLIS recht ähnlich sieht, welche in Annabelle den Namen Mia Form trägt! Brisant sind diese offenen Anspielungen deswegen, weil de facto POLANSKIs Lebensgefährtin SHARON TATE der Manson-Family zum Opfer fiel. 1968 wurde die hochschwangere Frau zusammen mit einigen Bekannten in ihrem Haus in Beverly Hills brutal abgeschlachtet, aufgehängt und die Wände mit ihrem Blut beschmiert. Das ist keine Fiktion (!!!) und wirkt im Kontext des aktuellen Horrorfilms schon arg pietätlos und provokativ. Auf Annabelle als Film haben diese Tatsachen jedoch wenig Einfluss, da man sich dieser Brisanz erst bewusst, wenn man mit den Manson-Morden vertraut ist und Rosemaries Baby schon einmal gesehen hat.

 

Annabelle 06Wegen der geringen Prämisse konnte Annabelle fast vollständig in den Studios von Los Angeles gedreht werden, wo man lediglich einige Apartments sowie das Haus der Forms aufbauen musste, was mit allerhand Accessoires und Mobiliar der frühen 1970er ausgestattet ist. Die Mode und die Haartrachten wirken vollkommen natürlich als direktes Abbild der damaligen Zeit, was auch mit einigen Außenaufnahmen von historischen Gebäuden und einigen alten Autos unterstrichen wird. Selbstverständlich dürfen da einige Evergreens im Soundtrack nicht fehlen, doch weitgehend stützt sich Annabelle auf den hervorragenden Soundtrack von JOSPEPH BISHARA, der hauptsächlich für Horrorfilme komponiert und schon seit Jahren mit JAMES WAN zusammenarbeitet. BISHARA nutzt als Routinier vor allem dunkle und rhythmische Bässe für ein außerordentliches Gefühl der Bedrohung und hohe Streicher, um die Spannungsszenen und Schockeffekte bis zum Ende auszureizen. Zwar altbewährtes Rezept, doch es auch in Annabelle hervorragend auf. Zur Freude von Kritikern und Zuschauern verzichtet JOHN R. LEONETTI auf großartige CGI-Effekte, wie sie in den letzten Jahren wieder in Mode gekommen sind, und verlässt sich vor allem auf ein wenig Make-up, schräge Kamerafahrten und einen Schnitt, mit dem sich die Schockeffekte manchmal sogar noch intensivieren lassen. Alles in Allem also eine sehr gute handwerkliche Arbeit, die uns LEONETTI in seinem Kinodebüt präsentiert.

 

Annabelle 09Das hat Annabelle auch seinen überzeugenden Darstellern zu verdanken. Allen voran ANNABELLE WALLIS in der Rolle von Mia Form, die Stück für Stück den Verstand zu verlieren droht. WALLIS präsentiert sich in Annabelle als junges und unverbrauchtes Gesicht, was es versteht den Zuschauer mit furchterfülltem Blick an ihren Ängsten teilhaben zu lassen, während sie von ihrem Gatten John weitgehend allein gelassen wird. In der Rolle des John erleben wir einen ebenso überzeugenden WARD HORTON, dem es als klugscheißendem Arzt natürlich widerstrebt an unnatürlichen Phänomenen festzuhalten, was HORTON oft mit einem Grinsen überspielt. Zwar fließen sowohl in Mia als auch John etliche Klischees mit ein, denn sie sollen ganz bewusst die typisch amerikanische Biedermann-Familie der 1960er wiederspiegeln, aber eben nicht eindimensional und auch nicht frei von charakterlichen Schwächen, was es WALLIS und HORTON auch leichter macht ihre Figuren realitätsnaher zu verkörpern. So hört man zwischen den Zeilen heraus, dass für John das Baby wohl doch zu einem ungünstigen Zeitpunkt kommt und er wohl weniger auf seine Frau Rücksicht nimmt, wie es ihr gut täte. Neben diesen beiden hat Annabelle eigentlich nur zwei nennenswerte Nebendarsteller zu bieten. Und das sind TONY AMENDOLA und ALFRE WOODARD, die sich als Pfarrer Perez und Buchladenbesitzerin Evelyn nur in ihrer Hilfsbereitschaft und Fürsorge übertreffen. Zwar durchgehend überzeugend, wie man es von Darstelleren ihres Formats erwarten kann, doch auch recht eindimensional mit jeweils traurigem Blick, behütender Mine und erhabener Gestik. Doch auch für AMENDOLA und WOODARD hat Annabelle eine fürchterliche Antwort parat.

 

Fazit: Man spürt deutlich, wie sehr JOHN R. LEONETTI von JAMES WAN gelernt hat. Annabelle ist ein nahezu traditioneller Gruselfilm mit simpler Ursache, aber großer Wirkung. Wer sich nämlich nicht an dem üblichen Besessenheits- und Dämonenirrsinn stört, auf dem Drehbuchautor DAUBERMAN ohnehin viel weniger herumreitet als WAN und WHANNELL in The Conjuring, der erlebt einen handwerklich sehr gut inszenierten und auch gut gespielten Horrorfilm, der von Anfang bis Ende sehr viel Suspense und in manchen Szenen gar nervenzerrende Schockeffekte bietet. Teilweise ist dieser Film also sogar besser als das Original, obwohl Annabelle auch vor skandalösen Anspielungen nicht zurückschreckt. Wir vergeben wohlwollende 8 von 10 Punkten für ein unheimlich gelungenen Horrorabend.