Winter Ends: Cologne after Dark 23. 2. 2013

 

Der 23. Februar 2013 in Köln: Verregnet, vergraupelt und eisig kalt. Aber es lohnte sich, sich dennoch aus seiner Höhle zu trauen: Im Stadtteil Ehrenfeld fand in der kleinen Location „Die Werkstatt“ das kleine Kölner Dark Rock-und Gothic-Festival Winter Ends statt. Ganz unter dem Motto „Cologne after Dark“ hatte der Kopf hinter dem Ganzen, David Timsit, zum inzwischen zweiten Mal eine ganze Reihe weniger bekannter, aber auch bekannterer Bands zusammentrommeln können, um dem Publikum einen Nachmittag und einen Abend lang einzuheizen. Dabei muss man David ein gutes Händchen bescheinigen: Wie sich zeigen sollte, gab es keinerlei stimmungsmäßige Hänger da jede Band das Publikum hervorragend zu unterhalten verstand und eigene Akzente setzen konnte. Dadurch konnte es ja gar nicht langweilig werden.

Gleichwohl stand der Tag auch ein wenig im Zeichen kleinerer, aber nicht dramatischer Pannen – sie gaben dem Ganzen auch seinen eigenen Charme. Der Soundcheck dauerte etwas länger, ein paar Teilnehmer waren etwas spät dran wegen einem anderen Termin – am Ende begann das erste Konzert erst gegen 16 Uhr 40, mit fast einer dreiviertel Stunde Verspätung. Aber das machte absolut nichts. Das sich ab 15 Uhr versammelnde und ab irgendwann kurz vor vier schließlich eingelassene Publikum nutzte die Wartezeit sich erst einmal von der Kälte zu erholen und sich mit Getränken zu versorgen. Als die erste Band dann schließlich antrat, atmeten gleichwohl alle auf. Das letztlich doch alles klappte und das Event ordentlich rockte ist in diesem Zusammenhang neben der Crew als solcher auch David Timsit zu verdanken, der unermüdlich von einer Ecke der Location zur anderen eilte, dort jenes koordinierte, dort dieses regelte.

Die erste Band gehörte eindeutig in die Kategorie „hoffnungsvoller Nachwuchs“. The Beauty of Drowning gründeten sich 2009. Ihr Erfahrungshorizont bewegte sich bisher im Rahmen eines Albums und um die 10 Konzerte wie nun bei Winter Ends. Die Band hatte das große Glück über ein Facebook-Voting die Chance zur Teilnahme bei Winter Ends zu erhalten. Und sie nutzte sie! Im Umgang mit dem Publikum ist das junge Quartett zwar noch nicht so routiniert wie alten Hasen, aber musikalisch überzeugen sie. Sie begannen sehr melodisch und eher ruhig, zeigten aber gerade auch zum Schluss, dass man auch rauere Klänge von The Beauty of Drowning erwarten darf. Ein paar Kostproben neuerer Songs stellte die Band bei der Gelegenheit auch schon zur Auswahl. Das neue Album von The Beauty of Drowning mit dem Titel „II“ ist übrigens auf Oktober terminiert – so viel sei hier verraten.


BoD

The Beauty of Drowning


War das Publikum nach dieser Eröffnung bereits aufgetaut, so stieg die Stimmung noch zusätzlich als die zweite Band des Abends die Bühne betrat: Voodoma. Zwar ist auch Voodoma via Facebook-Voting zum Winters End gestoßen (sie belegten den ersten Platz vor The Beauty of Drowning), doch haben sie bereits wesentlich mehr Erfahrung als die Opener. Sechs Alben hat die Truppe bereits auf dem Kerbholz, eine weitere EP ist derzeit in Arbeit (Veröffentlichung zum 14. April 2013 inklusive vier Videos), Auftritte führten Voodoma bereits zu großen Festivals wie das Castle Rock oder Wacken Open Air. Entsprechend war das Spiel mit dem Publikum bereits routiniert. Dies und die Tatsache, dass Voodoma beim musikalischen Tempo deutlich anzogen bildeten einen Kontrast zur ersten Band. Kleine Story am Rande: Frontmann Michael Thionville musste wegen einer Knieverletzung mit Stock auf die Bühne. An dieser Stelle gute Besserung, auch wenn der Auftritt mit Stock etwas charismatisches hatte.


Voodoma

Voodoma


Die nächsten in der Riege fähiger Rockmusiker waren Crud. Die Jungs aus Dormagen gehören ebenfalls bereits zu den erfahreneren Vertretern des Abends und man bemerkte im Publikum auch bereits eine gewisse Fangemeinde. Nicht nur optisch erinnerten Crud doch sehr an die Inkarnation skandinavischer Gothrocker wie etwa die The 69Eyes oder Type O Negative. Auch musikalisch erinnerten sie bei dem Auftritt an solch illustre Kollegen. Das ist in diesem Falle aber kein Manko, schließlich gefällt es dem Publikum – erhobene Hände und jubelnde und mitsingende Menschen sprechen Bände. Als der hochgeschossene Frontmann Jens Rüsgen als vorletzten Song eines der ältesten Stücke der Band – Tell me – ankündigte, raunten einige Anwesende bereits: „Ah, ein Klassiker.“


Crud

Crud


Was folgte klang fast nach alten Hasen, obwohl es tatsächlich Newcomer sind – ich hatte es nach entsprechender Anmerkung auf der Homepage des Festivals erst nicht glauben wollen, musste mich aber eines Besseren belehren lassen. Der scheinbare Widerspruch erklärt sich aber doch dann daraus, dass die fünf Bandmitglieder von Guerilla Tree bereits musikalisch tätig waren, bevor sie 2010/11 zusammenfanden. Neues Projekt, aber mit Erfahrung. Das Resultat lässt sich sehen bzw. hören. Melodisch, oft etwas ruhiger, aber dennoch kraftvoll sind die Stücke. Anfangs ließ sich das Publikum dazu hinreißen ebenfalls einen Gang zurückzuschalten. Doch zum Schluss schlossen Guerilla Tree dann noch richtig brachial ab, was die Stimmung wieder anheizte. Das Resultat war dann doch noch eine Zugabe, zur Freude aller Anwesenden.


GT

Guerilla Tree


An dieser Stelle nun, zur Vorstellung der nächsten musikalischen Recken, die einem den Abend versüßten, muss kurz noch einmal an diese Meldung erinnert werden: Wenige Tage vor dem Winter Ends wurde bekannt, dass Undertow aufgrund einer Grippe-Erkrankung nicht würden auftreten können (an dieser Stelle auch gute Besserung, Grippe ist nun wirklich unschön). Nun gelang es David Timsit tatsächlich einen adäquaten Ersatz aufzutreiben: The Very End sprangen freundlicherweise ein und ernteten dafür auch den gebührenden Dank. Die Truppe legte den lauten, brachialen Gang ein und heizte den Anwesenden damit ordentlich ein. The Very End können auch schon auf etwas Erfahrung zurückblicken und lieferten eine gute Mischung aus eigenen melodischen Trash-Metal-Stücken und fetzigen Coverstücken bekannterer Bands. Dies und die eindeutig „aufmunternde“ Gestik von Frontmann Björn Goossess, der sich besonders gern mit der Faust gegen den Kopf klopfte, animierten zum Headbangen. Björn gab sich von allen Musikern des Abends auch am meisten schnoddrig bei den Ansagen, nicht zuletzt bei dem Hinweis auf den Merchandise-Stand im Keller (auf diesen hingewiesen hatten auch z.B. Crud bereits), wo man nach seinen Worten den „ganzen Scheiß für’n Appel und nen Ei“ bekommen könne. Zwischen zwei Liedern sorgte dies für eine kleinere Welle der Erheiterung vor der Bühne. 


TVE

The Very End


Nach The Very End erlebte der Abend einen Auftritt, der bei manchen etwas Melancholie hinterlassen haben durfte. Aber der Reihe nach. Als nächstes waren Mirrored in Secrecy an der Reihe, das musikalische Projekt des Masterminds von Winter Ends, David Timsit. In der aktuellen Besetzung existierte die Band erst seit 2010 und erst 2011 hatte man einen Vertrag mit Echozone unterschrieben – vorherige EPs, darunter „Truth“ von 2009, waren in Eigenregier produziert worden. David gab beim Auftritt ganz den Gastgeber und bedankte sich noch einmal bei The Very End für das spontane Einspringen. Musikalisch verwöhnten Mirrored in Secrecy die Versammelten mit melodischem, aber kraftvollen Gothic Metal und Dark Rock, auch schon einmal garniert mit einem wunderbaren Schlagzeugsolo. Gegenüber den anderen Bands dieses Abends war natürlich DAS Alleinstellungsmerkmal der Kombo die Co-Sängerin Julia Kahlert, die nicht nur optisch auffällt, sondern deren gesangliches Zusammenspiel mit Frontmann David nur gelobt werden kann. Im Publikum ließ man sich gerade so richtig von den rockigen Stücken mitreißen und gab sich hin, als David mit einer Ankündigung nicht nur bereits gestandene Fans, sondern auch diejenigen, die die Gruppe zum ersten Mal sahen, hörten und sich begeistern ließen, überraschte: Dieser Auftritt würde der letzte von Mirrored in Secrecy sein. Die Gruppe löst sich auf, wie zu vernehmen war aufgrund musikalisch-künstlerischer Differenzen darüber wo der Weg hingehen sollte. Der Jubel für den letzten Auftritt freilich führte auch bei David zu dem Bekenntnis: „Da wird man echt ein bischen sentimental.“ Aber an der Tatsache ist nicht zu rütteln: Mit einem letzten schönen und das Publikum begeisternden Auftritt verabschieden sich Mirrored in Secrecy. Man kann allen Bandmitgliedern nur viel Glück und weiteren Erfolg bei künftigen Projekten wünschen.


MiS

Mirrored in Secrecy

 

Es blieb nur eine kleine Pause, um diese überraschende Eröffnung zu verdauen. Denn dann folgte bereits die Gruppe, auf die viele gewartet hatten und für die einige Gäste sogar erst später gekommen waren: Der Headliner des diesjährigen Winter Ends, Lacrimas Profundere. Die Jungs fingen mit fast 45 Minuten Verspätung an – ja, man hatte die Verzögerungen am Anfang nicht wirklich wieder einholen können. Aber das war irrelevant und vergessen, als Lacrimas Profundere in die Saiten hauten und routiniert die Bühne rockten. Das Publikum aktivierte nochmal alle Energie, ließ sich mitreißen und ging ordentlich mit. Neben „Scream!“-Aufforderungen seitens Roberto Vitacca und Posing mit erhobener Gitarre zum Anheizen der Menschen gab es auch eine komödiantische Einlage: Roberto hatte eine kleinere Kollision mit dem Mikrophonständer. Es wäre nicht so sonderlich im Gedächtnis geblieben, hätte er das nicht mit dem Satz, er hätte „nix geileres erlebt als diesen Ständer“ kommentiert. Die resultierende Erheiterung ergänzte die gute Stimmung bestens. Zu den musikalischen Schmankerln gehörte sicherlich das Stück „My believes in pain“, das Lacrimas Profundere zum ersten Mal live spielten. Das Stück stammt von dem neuen, für Mai angekündigten Album und soll auch mit einem Video erscheinen, von dessen Dreh in Berlin die Gruppe gerade zurückgekehrt war. Die Stimmung war zu fortgeschrittener Stunde so gut, dass ein wenig Melancholie aufkam bei dem Gedanken, dass sich das Festival dem Ende näherte. Auch Frontmann Roberto spürte dies und merkte völlig korrekt an, dass man immer wenn man sich grad warm gespielt hat, schon aufhören müsse. Um Mitternacht sollte laut Plan alles vorbei sein. Was geschah? Lacrimas Profundere überzogen zumindest gefühlt spontan und spielten noch eine ordentliche Zugabe! Es war dann fast 0 Uhr 15, als dann doch die Lichter ausgingen.


LP

Lacrimas Profundere

 

Leider reagierte die Crew von der Location „Die Werkstatt“ darauf etwas verstimmt. Da nach dem Konzert noch eine reguläre Party stattfinden sollte wurden die Räumlichkeiten dann dermaßen eilig und ruppig geräumt, dass manche Festivalgäste nicht einmal ihre Pfandmarken loswerden konnten. Dieser Wermutstropfen freilich durfte kaum eine ansonsten rundum gelungene und mitreißende Veranstaltung nachhaltig getrübt haben. Der Dank dafür geht an Cheforganisator David und alle Bands, die dabei waren.

Kurz nach Mitternacht des 24. Februar 2013 in Köln, wieder vor der Location. Es liegt Schnee. In der Luft Schneegestöber. Bitterkalt. Verdammt, der Winter ist doch noch nicht zu Ende…