Pirats Bestiarium: Editorial 4 - Zeit des Aussterbens

Pirats Bestiarium

 

 

Editorial 4 – Zeit des Aussterbens

 

Der Begriff des Aussterbens ist in der Popkultur angelangt. Der aktuelle Kinofilm „Transformers 4 – Ära des Untergangs“ heißt im englischen Original „Age of Extinction“ – Zeit des Aussterbens. Dort wird das Aussterben der menschlichen Art als neues Weltuntergangsszenario skizziert – und damit das Schicksal, welches wir derzeit in der Realität oft genug anderen Arten aufbürden, auf uns projiziert. Aussterben ist nicht länger nur ein Thema spleeniger Naturschützer.

 

Der Mann, der das Aussterben erfand. Das Konzept des Aussterbens ist im Verständniskatalog der Menschheit jedoch eher jung, zumindest in seiner modernen Begrifflichkeit. Noch im 18. Jahrhundert, als Linnaeus die wissenschaftliche Nomenklatur für die Zoologie und Botanik einführte und die Naturwissenschaften aufblühten, hätte niemand mit dem Begriff „Aussterben“ etwas anfangen können. Hätte damals jemand einem Wissenschaftler erzählt, dass eine Art komplett vom Angesicht der Erde verschwinden könnte, er wäre für verrückt erklärt worden. Mindestens.

 

Das Aussterben von Arten kam in der Vorstellungswelt selbst der Naturkundler damals einfach nicht vor. Die Wurzeln dafür gehen auf den christlichen Glauben zurück: Die Vorstellung, dass Gott alle Arten geschaffen und für jede einen Platz vorgesehen hatte – und deswegen verschwanden Arten nicht. Gott ließ das nicht zu. Selbst bei der Sintflut hatte er ja letztlich den Fortbestand aller Arten sichergestellt. Diese Argumentationskette hielt sich auch unter Naturforschern noch sehr lange – teilweise bis weit ins 19. Jahrhundert hinein. Erstaunlicherweise entwickelten auch erste Evolutionstheoretiker wie Lamarck kein wirkliches begriffliches Konzept für das Aussterben von Arten – zwar sollen Arten aus anderen Arten entstanden sein (jetzt einmal unabhängig vom Mechanismus), doch keine ausgestorben. Genauer gesagt: Frühe Evolutionstheoretiker beackerten das Thema einfach schlicht nicht. Vielleicht auch weil die Fragestellung so noch nicht erkannt wurde.

 

Wie passen da die Fossilien hinein, die ja nun auch diesen Gelehrten bereits bekannt waren und auch inzwischen als die Überreste früherer Organismen akzeptiert waren? Schließlich war es bei einigen fremdartigen Fossilien offenkundig, dass sie etwas ganz eigenständiges darstellten, das so heute keinem Menschen mehr über den Weg lief. Nun, im 18. und auch im 19. Jahrhundert noch war längst nicht die ganze Erde erkundet. Es gab noch wesentlich mehr weiße Flecken als heute. Es war – zumindest wenn man es sich leicht machen wollte – relativ einfach zu argumentieren, dass alle fossil bekannten Arten schon noch irgendwo auf diesem Planeten fernab von Menschen leben würden. Diese Idee wurde noch 1912 literarisch verarbeitet von Arthur Conan Doyle in seinem Werk „The Lost World“, in dem er im tiefsten südamerikanischen Dschungel einen Forschertrupp auf überlebende Dinosaurier stoßen lässt. 1912 war es vor allem nur noch eine Idee für einen guten Roman – 100 oder 150 Jahre vorher war es eine wissenschaftlich ernstgenommene Hypothese. In der Kryptozoologie wird dieser Gedankengang im Übrigen teilweise bis heute wiedergekäut, beflügelt durch die Entdeckung des Quastenflossers und einiger anderer Arten in der Tiefsee. Allerdings würde niemand mehr das für alle fossilen Arten unterstellen – die Tatsache, dass Arten ausgestorben sind, ist allgemein anerkannt.

 

Doch wer setzte die Idee des Aussterbens in die Welt? Sie geht – zumindest als wissenschaftliches Konzept – auf einen der größten Wissenschaftler des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts zurück: Georges Cuvier, nach seiner Adelung Baron de Cuvier. Cuvier (1769-1832) stammte aus dem damals württembergischen Mömpelgard (heute Montbéliard) und studierte ursprünglich in Stuttgart. Es zog ihn aber stets nach Frankreich – dort überstand er die ersten Revolutionsjahre als Hauslehrer in der Normandie. 1795 wurde er an das Muséum national d’histoire naturelle in Paris berufen – dort begann er eine beispiellose Karriere als Zoologe, Anatom und Paläontologe. Auf diesen Gebieten wurde er in der napoleonischen Ära zu der Kapazität schlechthin, eine Instanz, die auch in England und vielen anderen Ländern Europas geachtet wurde.

 

Dieser Mann erarbeitete um die Jahrhundertwende das Konzept des Aussterbens von Arten. Zunächst zeigte Cuvier, dass der Fossilbericht offenkundig Arten umfasste, deren heutige Existenz mit Fug und Recht angezweifelt werden darf. Er konnte dies für ausgestorbene Elefantenarten und für ausgestorbene große Meeresechsen nahelegen. Als ihm Anfang des 19. Jahrhunderts auffiel, dass die Faunen im Fossilbericht in bestimmten Abständen komplett gegen andere Artengemeinschaften ausgetauscht wurden, entwickelte er die Theorie des Katastrophismus. Diese besagte schlicht, dass immer wieder regionale oder globale Katastrophen fast alle vorhandenen Arten ausrotteten und danach die wenigen Überlebenden eine Neubesiedlung vornahmen. Nach Cuviers Vorstellung konnten diese Katastrophen das Antlitz der Erde massiv verändern. Ironischerweise verknüpfte er seine Theorie mit der Ablehnung fast jeglichen Konzeptes von Evolution. Zu Cuviers Zeit wurden verschiedene mehr oder weniger halbgare Ideen dazu diskutiert, die er jedoch alle ablehnte. Evolution würde eine rein allmähliche Veränderung der Faunengemeinschaften zur Folge haben – und dies schloss Cuvier aus. Seiner Meinung nach erfolgten solche Veränderungen stets rapide durch katastrophale Umstände und durch das Aussterben von Arten.

 

Cuviers Problem blieb, dass er eigentlich nie wirklich definieren konnte welcher Art diese Katastrophen waren. Außerdem musste er irgendwann, je mehr Veränderungen der Arten im Fossilbericht belegt wurden, eine absurd hohe Zahl an Katastrophen postulieren. Ebenso wenig hilfreich waren die Erweiterungen seiner Theorie, die einige englische Gelehrte vornahmen. Sie griffen Cuviers Theorie auf und wollten sie mit der biblischen Schöpfungsgeschichte in Einklang bringen. So wurde die Sintflut zu einer der Katastrophen, die Cuvier postuliert hatte. Cuvier selber hat dies allerdings nie behauptet – er war im atheistisch geprägten Umfeld der französischen Naturwissenschaftler zwischen 1789 und 1815 sozialisiert und entsprechend lehnte er jegliche Vermischung der Wissenschaft mit religiösen Dingen ab.

 


 

Bild 1: Baron Georges Cuvier (1769-1832), ein Stich aus dem 19. Jahrhundert. Quelle: Wikipedia.

 

Katastrophismus versus Gradualismus. Die Debatte im 19. Jahrhundert um Cuviers Ideen war stark von zwei Gegensätzen geprägt: Den Befürwortern eines Katastrophismus (egal in welcher Variation) und denen des Gradualismus. So nannte man ursprünglich in der Geologie die Sichtweise, dass sich Landschaften durch Erosion und Ablagerung nur langsam veränderten – graduell würde der Fachmann sagen, daher Gradualismus. In der Paläontologie waren es vor allem die Verfechter von Evolutionstheorien, die den Gradualismus befürworteten. Ein Aussterben von Arten kam darin entweder nicht vor oder war nachrangig, da sich die meisten Arten ganz allmählich in neue Arten wandeln würden.

 

Diese Sichtweise setzte sich nach Charles Darwins Veröffentlichung „Die Entstehung der Arten“, mit der er die bis heute akzeptierte (und durch zahlreiche Belege bewiesene!) Theorie der Evolution durch natürliche Selektion begründete, immer mehr durch. Der Katastrophismus geriet ins Hintertreffen. Zwar setzte sich durchaus die Erkenntnis durch, dass Arten ausgestorben sind. Doch Katastrophen als Grund dafür wurden nicht mehr in Betracht gezogen. Vielmehr verband man das Aussterben nun mit dem alltäglichen Fortgang der Evolution: Arten starben aus, wenn sie von anderen Arten verdrängt wurden, sich an neue Umweltbedingungen nicht mehr anpassen konnten und so weiter. Das konnten Klimaveränderungen sein, zum Beispiel. Das war im Grunde die Weltsicht der meisten Forscher während der meisten Zeit des 20. Jahrhunderts. Arten starben aus, ja, aber nicht in katastrophischen Szenarien. Scheinbar plötzliche Aussterbeereignisse wurden meist mit den Lücken im Fossilbericht begründet, die ein kurzfristiges Ereignis vorgaukelten anstelle des wirklich geschehenen allmählichen Prozesses.

 

Die Rückkehr des Katastrophismus. Der Katastrophismus feierte seine fröhliche Rückkehr wegen der Dinosaurier. Gerade bei dieser Tiergruppe fiel besonders auf, dass sie offensichtlich zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Erdgeschichte komplett verschwanden. Es fiel auf, weil ihr Fossilbericht doch ziemlich gut war, außerdem genossen sie schon immer eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit. Obschon die langjährige Lehrmeinung auch hier von einem langsamen Aussterben durch einen Klimawandel ausging, gab es immer wieder neue Ideen über andere Gründe. Manche Vorschläge wie gewaltige Vulkanausbrüche klangen dabei schon wieder eher nach einem katastrophalen Ereignis. 1980 veröffentlichten schließlich der Physiker Luis Alvarez und sein Sohn, der Geologe Walter Alvarez erstmals die Theorie, dass ein gewaltiger Asteroid einschlug und die Dinosaurier deshalb ausstarben. Diese Theorie brachte wieder Schwung in die alte Debatte und machte den Katastrophismus wieder salonfähig. Das lag vor allem an einer Tatsache: Es gab erstmals ein messbares Indiz (mal abgesehen vom Verschwinden ganzer Tierarten). Und zwar in Form einer dünnen Schicht mit erhöhten Iridiumwerten, die sich vor 65 Millionen Jahren zeitgleich mit dem Aussterben der Dinosaurier ablagerte. Iridium ist auf der Erde ein seltenes Metall, kommt aber in Asteroiden häufig vor. Die beiden Alvarez‘ berechneten, dass der Himmelskörper etwa 10 km groß gewesen sein muss und vermutlich einen Krater von 100 bis 200 km Durchmesser schlug. Die Auswirkungen eines solchen Crashs wären in der Tat gewaltig.

 

Diese Theorie stachelte die Debatte auf breiter Ebene an – unter Wissenschaftlern wie in der Öffentlichkeit. Verschiedene Punkten wurden plötzlich wieder heiß debattiert und neu erforscht: Mit den Dinosauriern starben ja auch noch andere Gruppen aus – ließ sich das auch mit einem Asteroideneinschlag erklären? Wenn es diesen Einschlag gab – wo ist der Krater? War der Einschlag allein schuld? Im Zuge dieser Forschungen wurde eines offenkundig: Es gab doch relativ plötzliche Aussterbeereignisse. Wie sich zeigte nicht nur jenes, dass die Dinosaurier abgesehen von den Vögeln vom Angesicht der Erde tilgte. Es gab noch andere große Aussterbeereignisse - manche Forscher glaubten sogar an eine Periodizität im Abstand von etwa 25 oder 50 Millionen Jahren. Die Debatten, die seit nunmehr über 30 Jahren über die Massenaussterben geführt wurden, haben zu einer äußerst fruchtbaren Forschung geführt, die das Verständnis über die Erdgeschichte, die Abläufe auf diesem Planeten und auch auswärtige Einflussnahmen (in Form etwa von Asteroiden; den Krater für den von Luis und Walter Alvarez angenommenen Asteroiden hat man nebenbei zwischenzeitlich gefunden) enorm erweiterte. Gleiches gilt für das Verständnis der Evolution. Unabhängig von den vielen Detailfragen, die zu diesem Thema immer noch heiß debattiert werden und noch nicht eindeutig beantwortet sind, hat sich doch eine Erkenntnis herausgeschält:

 

Das Aussterben von Arten gehört bei der Evolution dazu. Und es verläuft sowohl graduell als auch katastrophisch. Katastrophisten und Gradualisten hatten beide Recht!

 

Bild 2: Heute ist man sich sicher: Ein Asteroid schlug am Ende der Kreidezeit ein und gab den finalen Stoß zu einem der größten Massenaussterben der Erdgeschichte. Quelle: br.de / dpa.

 

 

Aussterben ist normal. Arten sterben andauernd aus. Genauso wie auch neue Arten entstehen, sterben andere aus. Das ist schon immer die Normalität in der Natur. Ein Insekt da, ein Vogel hier, eine Blume dort, ein Pilz andernorts. Die Ursachen sind vielfältig: Krankheiten können dazu beitragen, Konkurrenz durch andere Arten, lokale Katastrophen (etwa ein Vulkanausbruch auf einer Insel), ein neuer Fressfeind, Klimaveränderungen, Veränderungen im Nahrungsangebot….häufig sind es mehrere Ursachen. Vor diesem Hintergrund ist es schon ein wenig lächerlich, wenn wir Menschen in Schnappatmung verfallen weil mal wieder eine Art abzutreten droht. Selbst wenn wir daran schuld sind – wir wären nicht die erste Art, die zum Aussterben anderer Arten beiträgt und der Natur ist es letzten Endes egal. Weil Aussterben wie gesagt dazu gehört. Es ist so normal, dass ein Bonner Professor einmal erklärte, noch keiner Art sei dies erspart geblieben – und es gebe auch keinen Grund anzunehmen, es würde uns Menschen erspart bleiben.

 

Wie sehr das Aussterben von Arten normal ist zeigt auch der Umstand, dass auch die meisten fossil bekannten Arten einfach so irgendwann ausgestorben sind – und nicht bei einem Massenaussterbeereignis. Ein schönes Beispiel sind die hier im Bestiarium vorgestellten fossilen Arten: Von diesen neun Arten ist nur eine – Dunkleosteus terrelli – wahrscheinlich einem der großen Massensterben zum Opfer gefallen, die anderen hat es jeweils wohl schlicht einfach so erwischt. Das gilt bezeichnenderweise auch für die beiden Dinosaurier Giraffatitan brancai und Lythronax argestes. Warum diese Arten ausgestorben sind ist daneben im Einzelnen meist nicht bekannt und lässt sich kaum noch rekonstruieren. Immerhin, bei Homo floresiensis könnte ein Vulkanausbruch oder aber der moderne Mensch schuld sein.

 

Das Arten aussterben muss uns also an sich keine Sorgen machen. Was uns Sorgen machen muss, ist das Phänomen des Massenaussterbens.

 

When life nearly died… Neben dem quasi alltäglichen Aussterben von Arten gibt es aber eben auch eben dieses: Das katastrophische Aussterben von sehr vielen Arten weltweit binnen einer relativ kurzen Zeitspanne (einige tausend bis möglicherweise wenige Millionen Jahre). Dann schießt die Aussterberate in die Höhe, ohne durch die Entstehung neuer Arten kompensiert oder übertroffen zu werden. Dann sterben sogar ganze Gruppen von Arten aus und brechen die sich bisher eher langsam entwickelnden Ökosysteme global zusammen. Wenn alles vorbei ist, ist die Welt eine andere. Zwar sind diese Massenaussterben nicht der alleinige Trigger für Veränderungen, wie sich das noch Cuvier dachte. Aber sie geben der Evolution durchaus schon einmal eine ganz neue Richtung, weil sie die Karten neu mischen.

 

Viele dieser Events (das englische Wort hat sich unter Wissenschaftlern als griffige Bezeichnung eingebürgert) fallen mit den von der Wissenschaft gezogenen Grenzen zwischen verschiedenen Zeitabschnitten der Erdgeschichte zusammen. Das liegt einfach daran, dass diese Grenzen seit dem 18. Jahrhundert unter anderem an Veränderungen in der Zusammensetzung der Fossilien festgemacht wurden. Erst im 20. Jahrhundert kamen Methoden hinzu, mit denen sich absolute Altersangaben hinzufügen ließen. Nun machen sich Massenaussterben in der Erdgeschichte eben auch gerade daran bemerkbar, dass sich die Zusammensetzung des Fossilberichts radikal ändert.

 

Massenaussterben sind globale tiefgreifende Events. 1982 identifizierten Jack Sepkoski und David Raup in einer bahnbrechenden Arbeit fünf besonders herausstechende Massenaussterben, die seit dem als die Big Five bekannt sind. Ein kurzer Überblick verdeutlicht das Ausmaß des Geschehens:

 

Vor etwa 445 bis 443 Millionen Jahren an der Grenze vom Ordovizium zum Silur gab es ein Massenaussterben, das in zwei Phasen mit einer kurzen Pause dazwischen ablief. Die Ursachen sind bis heute nicht ausreichend geklärt, möglicherweise spielten massiver Vulkanismus, veränderte Nährstoffkreisläufe durch die ersten Landpflanzen und eine Eiszeit eine Rolle, manche glauben auch an eine kosmische Ursache in Form eines Gammablitzes. Sicher sind nur die Auswirkungen: Zwischen 50 und 70 % aller Arten verschwanden. Zuvor artenreiche Gruppen überlebten nur schwer gebeutelt.

 

Das nächste große Massenaussterben fand gegen Ende des Devons statt, vor etwa 375 bis 358 Millionen Jahren. Wieder gab es mehrere Phasen mit kurzen Atempausen dazwischen. Dadurch war diese Zeit eine einzige lange Krise für das Leben. Die genauen Ursachen sind auch hier noch ziemlich unklar. Vor allem das Leben im Meer war stark betroffen. Insgesamt starben auch diesmal zwischen 50 und fast 70 % aller Arten aus. So verschwanden eine ganze Reihe urtümlicher kiefertragender Fische für immer von der Bildfläche. Am gravierendsten war vielleicht das fast völlige Verschwinden der zu jener Zeit lebenden riffbildenden Korallen. Für eine lange Zeit in der Erdgeschichte sollte es keine Korallenriffe mehr geben.

 

Vor 252 Millionen Jahren, am Ende des Perm, kam es dann zum größten Massenaussterben der bisherigen Erdgeschichte. Die Ursachen sind auch hier bis heute heiß debattiert. Der heißeste Favorit scheint eine der heftigsten und größten Serien von Vulkaneruptionen zu sein, die damals im heutigen Sibirien stattfanden. Bis heute sind diese Ausbrüche in Form des Sibirischen Trapp belegt – ein sogenannter Flutbasalt, der immer noch rund 2 Millionen Quadratkilometer abdeckt, ursprünglich waren es wohl einmal 7 Millionen Quadratkilometer. Die gesamte Mächtigkeit dieser Basalte beträgt bis zu 6500 m. Binnen einer Millionen Jahre wurde dort eine Menge von bis zu vier Millionen Kubikkilometer Lava abgegeben – mit menschlichen Maßstäben kaum zu erfassen. Auch hier könnte es mehrere Phasen des Geschehens gegeben haben, aber wahrscheinlich in einer nur sehr kurzen Zeitspanne von etwa 200000 Jahren. Dieser Event brachte das Leben an den Rand des totalen Todes. Zwischen 90 und 96 % aller Arten verschwanden – mehr als 70 % aller an Land lebenden Arten und mindestens 96 % aller marinen Arten. Ganze Gruppen verschwanden: Verschiedene urtümliche Korallenarten, einige Gruppen von Landwirbeltieren, die letzten Trilobiten, einige urtümliche Kopffüßer und so weiter. Auch etwa ein Drittel aller Insekten scheint es getroffen zu haben – kein anderes Massenaussterben erwischte die Insekten so stark mit. Die Erde muss am Ende regelrecht entvölkert gewesen sein. Aber selbst davon erholte sich das Leben und die überlebenden Arten brachten neue Vielfalt hervor!

 

Wesentlich weniger klar ist die Sache vor etwa 201 Millionen Jahren, am Übergang von der Trias zum Jura. Irgendwas ist da passiert, aber was genau, bleibt unklar, im Gespräch sind rein klimatische Veränderungen, ein Asteroideneinschlag oder verstärkter Vulkanismus. Es gab auf jeden Fall eine Krise und der vielen wieder ganze Gruppen zum Opfer: Viele basalere Verwandte der Dinosaurier und Krokodile, Stammlinienvertreter der Säugetiere, einige marine Gruppen wie die Conodonten (kleine wurmartige Tiere, die entfernt mit den Wirbeltieren verwandt sein durften). Überhaupt waren marine Lebensräume am stärksten betroffen (wie so oft bei diesen Events). Insgesamt scheinen etwa 70 % aller Arten ausgestorben zu sein. Manche Gruppen waren aber fast gar nicht betroffen – die Dinosaurier zum Beispiel überstanden dieses Event erstaunlich gut und entfalteten sich danach erst recht.

 

Das letzte der Big Five ist zugleich das in der Öffentlichkeit berühmteste: Das Aussterben vor 65 Millionen (oder nach neueren Datierungen: 66 Millionen) Jahren. Es ist vermutlich auch das am besten untersuchte. Einige der Untersuchungen deuten bereits auf einige Probleme für viele Arten kurz vorher hin, vermutlich verursacht durch massive Flutbasaltausbrüche in Indien, heute als Dekkan Trapp bekannt und vergleichbar mit den Ausbrüchen in Sibirien gegen Ende des Perm. Den letzten Rest gab dann aber wohl wirklich der Asteroideneinschlag, von Vater und Sohn Alvarez erstmals postuliert und inzwischen durch einen Krater auf der mexikanischen Halbinsel Yukatan nachgewiesen. Das Ergebnis war gravierend: Alle Dinosaurier außer die Vögel – ausgestorben. Die Pterosaurier – ausgestorben. Alle großen Meeresreptilien – ausgestorben. Die Ammoniten – ausgestorben. Einige andere Kopffüßer – ebenfalls ausgestorben. Selbst Plankton war betroffen und eigentlich gab es keine Gruppe, die merkbar verschont wurde, selbst wenn sie überlebte. Am Ende waren 75 % aller Arten ausgestorben.

 

Daneben gab es eine Reihe kleinerer Aussterbeereignisse, die nicht ganz so schlimm gewesen zu sein scheinen. Die meisten davon betrafen meistens das marine Ökosystem. So gab es in der Mitte der Kreidezeit vor etwa 120 bis 115 Millionen Jahren eine Krise im Meer, bei der viele Arten ausstarben. Ein wesentlich älteres Ereignis scheint es vor etwa 488 bis 485 Millionen Jahren gegeben zu haben, am Ende des Kambriums, als zahlreiche frühe Gruppen von Meeresorganismen ausstarben oder stark ausgedünnt wurden. Die überlebenden Gruppen wie Trilobiten und Kopffüßer wurden in der Folge zu den dominierenden Arten. Dieses Ereignis war durchaus so einschneidend, dass es als weiteres großes Sterben (dann hätte man „Big six“) diskutiert werden könnte. Inzwischen auch als Aussterbeereignis anerkannt ist auch das Geschehen in der Zeit zwischen 70000 und 10000 Jahren vor heute, bekannt als Pleistozänes Aussterbeereignis. Es kulminierte vor allem vor 12000 bis 10000 Jahren am Ende der letzten großen Eiszeit. Dabei verschwanden die meisten großen Säugetiere, die zuvor auf der Erde gelebt haben – unter anderem die berühmten Mammuts. Lange nahm man einfach klimatische Gründe an, aber inzwischen gibt es immer mehr Verfechter der These, dass der Mensch ein entscheidender Faktor war. Viele der großen Säugetierarten könnten durch Überjagung ausgestorben sein. Bewiesen ist das nicht, wird aber heiß debattiert.

 

Bild 3: Die Ausdehnung der Sibirischen Flutbasalte, auch als sibirischer Trapp bekannt. Sie entstanden vor 252 Millionen Jahren bei den womöglich massivsten Vulkanausbrüchen der Erdgeschichte und scheinen eine entscheidende Rolle beim größten bisherigen Massensterben gespielt zu haben. Quelle: Wikipedia/ Jo Weber.

 

 

Das sechste große Sterben. Und vielleicht war die Ausrottung der eiszeitlichen Großsäuger dann ja auch nur der Beginn – der Beginn des sechsten großen Sterbens. Verursacht – durch uns. Sollten die Mammuts, Säbelzahntiger etc. wirklich durch den Menschen ausgelöscht sein, so setzt sich dieses Muster eigentlich fast ununterbrochen fort – die Liste der in historischer Zeit vom Menschen ausgerotteten Arten ist lang. In jüngster Zeit hat der Mensch bekanntlich immer mehr Arten ausgerottet oder an den Rand der Ausrottung gebracht. Wir bejagen andere Arten nicht nur, wir verändern auch massiv ihren Lebensraum und nehmen einen Einfluss auf das Klima, dessen Auswirkungen wir nicht wirklich absehen können. In einer neueren Studie kamen Forscher erst im Juli 2014 zu dem Schluss, dass jährlich bis zu 58000 Tierarten durch menschlichen Einfluss aussterben.

 

Die Frage ist: Warum sollte uns das kümmern? Uns geht’s schließlich gut, vielleicht zu gut dabei – dass die menschliche Weltbevölkerung immer weiter wächst, ist ja Teil des Problems. Aber das könnte trügerisch sein. Schon jetzt kann man, auch verglichen mit den Ereignisse im Laufe der Erdgeschichte, die derzeitige Lage als ernste Krise bezeichnen, die sich später auch im Fossilbericht wird nachweisen lassen. Und wenn es so weiter geht, wird sich daraus wohl das sechste große Massenaussterben entwickeln. Das könnte dann auch tatsächlich einer Art ganz besonders wehtun: Uns.

 

Um das zu verstehen muss man sich einige Dinge vergegenwärtigen, die durch die eingehende Untersuchung der vergangenen Massenaussterben deutlich wurden. Es gibt eine Reihe von Faktoren, die eine Art mehr oder weniger anfällig machen, auszusterben – unter normalen Umständen zumindest. So sind Arten mit einem begrenzten Verbreitungsgebiet, besonderen Nahrungsspezialisierungen oder Anforderungen an den Lebensraum besonders gefährdet. Arten mit einer hohen Individuenzahl, nur wenigen besonderen Anforderungen an ihre Lebensbedingungen und einer möglichst weiten Verbreitung dagegen haben eine bessere Chance gut über die Runde zu kommen. Geht man auf ein höheres Level und betrachtet ganze Tiergruppen kommt ein weiterer Faktor hinzu: Gruppen mit einer nur geringen Artenvielfalt sind deutlich eher gefährdet auszusterben. Eine Tiergruppe mit etwa 1000 Arten ist also weniger in Gefahr als eine mit nur 10 Arten. Bezieht man dies auf den Menschen, so sieht es zunächst beruhigend aus: Wir sind viele, kommen überall vor und haben wenige Anforderungen an unsere Umweltbedingungen um zu überleben und uns zu vermehren. Sieht man das aber auf der höhen Ebene von Artengruppen, so haben wir doch einen sehr großen Risikofaktor: Es gibt nur noch eine Art von uns. Und selbst wenn man die Menschenaffen hinzunimmt, lassen sich die heutigen Arten an zwei Händen abzählen. Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass wir und die Menschenaffen allesamt aussterben ist größer, als dass alle Nager aussterben (deren fast 2300 Arten eine gewisse Sicherheit gewährleisten, dass irgendetwas von dieser Gruppe überlebt). Aber vermutlich können wir diesen Punkt mit unserer Intelligenz kompensieren. Das eigentliche Problem ist ein anderes.

 

Bei Massenaussterben gelten diese relativ simplen Gesetzmäßigkeiten so nicht mehr. Die Umweltbedingungen ändern sich dann so schnell und tiefgreifend, dass die Frage wer überlebt und wer nicht, mehr als sonst in der Evolution auf eine Art Russisches Roulette hinausläuft. Das verdeutlicht zum Beispiel das Massensterben vor 65 Millionen Jahren. Ausgerechnet einige der Gruppen, die immer noch sehr erfolgreich, artenreich, weit verbreitet waren und in ihrer vorherigen Evolutionsgeschichte bereits mehrere Krisen überstanden hatten, starben aus. Darunter die Dinosaurier, sieht man von den Vögeln ab. Das einzige Muster, das noch galt: Kleinere Arten überleben eher. Klein zu sein garantiert nichts, hilft aber. Anmerkung am Rande: Der Mensch fällt nicht unter klein. Als klein gelten Tiere unterhalb einen Meter Größe. Mindestens. Worauf die gesamte Argumentation hinausläuft: Unter normalen Umständen hätte der Mensch eine gute Chance, nicht allzu schnell auszusterben. Bei einem Massenaussterben jedoch könnte es auch uns treffen. Es sterben dann so viele Arten aus, dass ganze Ökosysteme kollabieren und Kaskadeneffekte immer mehr Arten in den Abgrund reißen – und das kann dann auch uns treffen. Denn der Mensch lebt nicht isoliert vom Rest des Planeten. Zum Beispiel hängt ein Großteil der Ernährung der Weltbevölkerung immer noch vom Meer ab. Das Ökosystem der Meere jedoch leidet bereits jetzt stark – und das war auch bei allen Big Five so. Die marinen Ökosysteme traf es immer am ersten, schnellsten und härtesten. Die Auswirkungen, wenn die Meere sich noch mehr leeren als jetzt schon, lassen sich für uns Menschen eigentlich nur in apokalyptischen Maßstäben beschreiben. Ähnliches gilt auch für die Möglichkeit, dass die Blüten unserer Nahrungspflanzen nicht mehr von Insekten bestäubt werden. Unrealistisch? Schon jetzt plagt die Imker das Bienenvölkersterben, viele Wildbienen und Hummeln sind selten und bedroht. Wenn ein Massenaussterben auch nur einen bedeutenden Teil der Bestäuber für die Blüten dahinrafft, hat auch die Menschheit ein ernsthaftes Problem. Und das waren grad nur die beiden offensichtlichsten Beispiele.

 

Das große Sechste würde also auch uns bedrohen. Der beste Schutz davor ist tatsächlich das, was in der Vergangenheit als Spinnerei von Ökos abgetan wurde: Natur-und Artenschutz. Allerdings wird dieser längst nur noch auf Schadensbegrenzung hinauslaufen können, schon allein der Klimawandel durfte für mehr zu fortgeschritten sein. Spinnerei ist eigentlich nur, dabei von der Rettung des Planeten zu schwaffeln. Der Planet Erde braucht unsere Rettung nicht. Auch das hiesige Leben nicht. Irgendwas würde überleben – das hat es schon bei fünf wirklich schweren Katastrophen und vielen kleineren bewiesen. Die Frage ist nur, ob wir es überleben. Und so endet dieser Exkurs polemisch, wenn ich sage: Wir schützen nicht die Natur oder andere Arten oder das Klima. Wir schützen uns.

 

Bild 4: Diese Grafik zeigt die Aussterberate mariner Lebewesen auf Gattungsniveau in den letzten 550 Millionen Jahren. Sepkoski und Raup machten diese Grafik berühmt. Später wollte Sepkoski mit weiteren Grafiken eine Zyklizität des Aussterbens etwa im Rhythmus von 25 oder 50 Millionen Jahren nahelegen. Die Big Five sind markiert; man sieht aber, dass zumindest in dieser Grafik noch mehr ähnlich auffällige Spitzen zu sehen sind. Dies erklärt sich zum Teil durch die Wahl des Maßstabs: Gattungen sind eben nicht das Gleiche wie Arten. So können bei einem der wirklichen Massensterben weniger Gattungen ausgestorben sein als bei anderen Gelegenheiten, aber eben doch immer noch mehr Arten. Quelle: www.ukrigs.org

 

 

Nachlese

 

Nach diesem düstern Exkurs kommen wir zu zwei anderen Punkten: Zunächst noch etwas Nachlese, wo neue Erkenntnisse einige meiner Artikel in neuem Licht erscheinen lassen. Und dann in aller Kürze noch etwas Statistik, gefolgt von dem Stammbaum der bisher vorgestellten Arten.

 

Ja, in der Forschung hat sich mal wieder was getan. Und ich beginne mit etwas, dass ich ehrlich gesagt im letzten Porträt ein wenig vergessen hab. Aber mit Grund. Ich wurde aber von einem Leser darauf hingewiesen und möchte es nachreichen.

 

Der Komodowaran (Varanus komodoensis) eine Verzwergung?

 

Ich wurde darauf hingewiesen, dass in der Dissertation von E.A. Arida aus dem Jahr 2011 der Verdacht geäußert wurde, dass der australische Vorfahre des Komodowarans deutlich größer wurde und der Komodowaran erst auf den Sundainseln quasi auf seine heutige Größe „schrumpfte“. Es wäre ein etwas schräger Fall von Inselverzwergung. Grund ist die Tatsache, dass die wahrscheinliche Schwesterart Varanus priscus tatsächlich größer wurde als der Komodowaran. Heute ist diese Art aber ausgestorben. Ich hatte Aridas Arbeit wegen anderer Teilfragen zu Rate gezogen, war über diesen Aspekt aber hinweggegangen. Der Grund ist simpel: Aus Australien kennt man Fossilien des Komodowarans, die älter als alle Fossilien auf den indonesischen Inseln sind. Und diese Funde geben keinerlei Hinweis darauf, dass die ersten Komodowarane größer als ihre heutigen Nachkommen waren. Wenn sie eine Verkleinerung ihrer Vorfahren darstellen, dann muss das bereits vorher passiert sein, in Australien. Damit liegt soweit ich das erkennen kann, kein Fall von Inselverzwergung vor.

 

Ich danke Armin Schmitt, dass er mich auf das Versäumnis hinwies, dies bereits im eigentlichen Waranartikel vernünftig geklärt zu haben.

 

Die Placodermi und ihre Monophylie

 

Ich gebe es zu: Im Artikel über Dunkleosteus terrelli hab ich mich etwas weit aus dem Fenster gelehnt. Ich schloss mich damals noch der Auffassung an, dass diese Art zu einer einheitlichen, monophyletischen Gruppe der Placodermi gehörte. Diese meist stark gepanzerten urtümlichen Fische scheinen bei oberflächlicher Betrachtung bei aller Formenvielfalt einen so charakteristischen Körperbau gehabt zu haben, dass es doch gar nicht anders sein konnte – oder? Ich wusste von ersten Befunden, die für eine andere Möglichkeit sprachen: Dass es gar keine einheitliche Gruppe Placodermi gab. Stattdessen würde es sich um eine Reihe von kleineren Gruppen basaler kiefertragender Wirbeltiere handeln, die sich nach und nach von der Hauptlinie in Richtung der Knorpel-und der Knochenfische abspalteten. Ich hielt die Evidenz dafür damals aber noch für zu schwach.

 

Nun muss ich gestehen: Ein Irrtum. Angeregt durch einige Ausführungen, die ich im März 2014 auf einer Tagung im bayrischen Dasing verfolgen konnte, hab ich mir mal die neuesten Paper der letzten zwei Jahre näher angesehen und die Tendenz geht eindeutig dahin, dass der relativ einheitliche Körperbau der Placodermi eher so eine Art ursprünglicher Körperbau der kiefertragenden Wirbeltiere war. Verschiedene Gruppen auf dieser Stammlinie variierten diesen immer wieder neu und schließlich bildeten sich auch Linien heraus, die zum Beispiel die so prägnante Panzerung verloren und richtige Zähne entwickelten. Zwei dieser Linien wurden als Knorpelfische (Chondrichthyes) und Knochenfische (Osteichthyes, inklusive der Landwirbeltiere) sehr erfolgreich. Die Arthrodira, zu denen Dunkleosteus terrelli gehörte, waren eine der frühen Nebenlinien. Zwar meinte der Experte in Sachen Placodermi in Dasing noch: „Das kann sich ja eh alles wieder mit dem nächsten Nature-Paper ändern.“ Stimmt. Aber das gilt ja theoretisch für alles – künftig werde ich die Placodermi hier nicht mehr als monophyletische und damit natürliche Gruppierung behandeln. Und hoffe, dass sich das nicht schon wieder in zwei Jahren ändert.

 

Die neueste Lektüre hierzu:

 

Dupret, V., Sanchez, S., Goujet, D., Tafforeau, P. & Ahlberg, P.E. 2014. A primitive placoderm sheds light on the origin of the jawed vertebrate face. – Nature 507: 500-503.

 

Immer diese Plattwürmer…

 

Ein wenig ähnlich wie bei den Placodermi ist das, was sich im Falle der Plattwürmer (Plathelminthes) getan hat. Auch hier gibt’s eine neue phylogenetische Studie, basierend auf genetischen Analysen. Unter anderem hat man sich diesmal aber um eine breite Auswahl an in die Analyse aufgenommenen Arten aus den Plattwürmern und anderen kleineren Gruppen, die man früher unter dem Begriff Platyzoa zusammenfasste, bemüht. Dies ergab eine bessere Datengrundlage und daraus resultierend ein hoffentlich besseres Bild von den verwandtschaftlichen Zusammenhängen.

 

Im Artikel über den Acropora-Strudelwurm (Amakusaplana acroporae) bin ich noch der Auffassung gefolgt, dass die Plattwürmer zu den Platyzoa gehören und die wiederum den basalsten Zweig der größeren Gruppe der Lophotrochozoa bildeten. In diesem Konzept hätten die Plattwürmer wahrscheinlich sekundär ihre Leibeshöhle eingebüßt, in der bei den meisten höheren Tieren die Organe untergebracht sind. Die neue Studie zeichnet ein doch etwas anderes Bild:

 

Die Platyzoa sind demnach nicht monophyletisch und damit keine natürliche Gruppe. Vielmehr scheinen die Plattwürmer mit einer kleinen Gruppe namens Gastrotricha die Gruppe der Rouphozoa zu bilden, die die basale Schwestergruppe der Lophotrochozoa (Weichtiere, Brachiopoden, Ringelwürme und einige andere Gruppen gehören dazu) bilden. Rouphozoa und Lophotrochozoa werden daher als Platytrochozoa zusammengefasst. Zwei andere kleinere Gruppierungen, die man vorher zu den Platyzoa stellte, bilden einen basaleren Seitenzweig, der als Gnathifera bezeichnet wird. Alle diese Gruppen zusammen werden nun als Spiralia zusammengefasst und den Ecdysozoa (hierher gehören unter anderem alle Gliedertiere (Arthropoda)) als Schwestergruppe gegenübergestellt. Die Spiralia gab es schon früher mal in der Forschung – allerdings noch etwas schwammiger abgegrenzt und definiert. In weiten Teilen schienen sie zeitweise mit den Lophotrochozoa identisch. Diese sind in der neuen Analyse deutlich besser abgegrenzt zu den basaleren Gruppen und die Spiralia bilden den Oberbegriff. Bisher sind die Spiralie beim Bestiarium außer durch den Acropora-Strudelwurm noch durch die Mittelmeer-Pilgermuschel (Pecten jacobaeus) und den Vampirtintenfisch (Vampyroteuthis infernalis) repräsentiert, beides Vertreter der Weichtiere (Mollusca).

 

Die Autoren der neuen Studie argumentieren im Übrigen, dass ihre Ergebnisse dafür sprechen, dass das Fehlen einer Leibeshöhle doch ein ursprüngliches und kein sekundäres Merkmal bei den Plattwürmern gewesen sei – und eben auch damit ein ursprüngliches Merkmal der Spiralia. Nur auf die Spiralia betrachtet ist dies in der Tat wahrscheinlich. Aber eine Frage bleibt: Lässt sich dies auch für die Ecdysozoa annehmen? Besaß der letzte gemeinsame Vorfahre von Spiralia und Ecdysozoa eine Leibeshöhle oder nicht? Das scheint mir von meiner Warte aus noch unklar. Die Frage ist nicht ganz trivial, weil es darum geht, wie oft im Laufe der Evolution eine Leibeshöhle im Tierreich unabhängig voneinander entwickelt wurde. Dies durfte ein spannendes Forschungsfeld bleiben.

 

Die entsprechende Studie:

 

Struck, T.H., Wey-Fabrizius, A.R., Golombek, A., Hering, L., Weigert, A., Bleidorn, C., Klebow, S., Iakovenko, N., Hausdorf, B., Petersen, M., Kück, P., Herlyn, H. & Hankeln, T. 2014. Platyzoan Paraphyly based on phylogenomic data supports a noncoelomate ancestry of Spiralia. – Molecular Biology and Evolution 31, 7: 1833-1849. Doi:10.1093/molbev/msu143

 

Feuerfische und die Jagd im Rudel

 

Neues gibt’s auch vom Pazifischer Rotfeuerfisch (Pterois volitans) - sozusagen. Wie Forscher nun beobachten konnten gehen Feuerfische doch auch in Paaren oder Gruppen auf die Jagd! Dabei übernimmt stets ein Feuerfisch die Initiative, indem er einen anderen Feuerfisch mit aufgestellten Brustflossen, gesenktem Kopf und schnell wedelnder Schwanzflosse zur gemeinsamen Jagd auffordert. Meistens wird diese Anfrage von einem Jagdpartner dann mit einem Flossenwedeln beantwortet und er folgt dann dem Aufforderer. Bei der anschließenden Jagd wird die Beute, oft ganze Schwärme kleinerer Fische, gemeinsam mit Hilfe der Brustflossen in die Enge getrieben. Dann darf zuerst der Feuerfisch die Beute verschlingen, der zur Jagd aufgefordert hat. Erst danach fressen die Jagdpartner abwechselnd. Insgesamt bedeutet diese Taktik für alle Beteiligten einen größeren Jagderfolg – Grund genug für kurze Zeit das sonst deutliche Revierverhalten etwas zurückzustellen. Was dabei vielleicht auch hilft, ansonsten aber besonders erstaunlich ist: Häufig fordern die Tiere nicht einmal eigene Artgenossen zur Jagd auf, sondern Vertreter nahe verwandter Feuerfischarten! Beobachtet wurde das Verhalten bei den kleineren Arten Dendrochirus zebra und Pterois antennata, noch nicht direkt bei Pterois volitans. Doch die Forscher gehen davon aus, dass es ein typisches Verhalten der Feuerfische ist und demzufolge wahrscheinlich auch beim Pazifischen Rotfeuerfisch vorkommt. Möglicherweise erklärt dies auch den Erfolg dieser Tiere in Regionen, in denen sie eingeschleppt wurden, wie etwa in der Karibik.

 

Das hochgradig interessante Paper wurde im Juni veröffentlicht:

 

Lönnstedt, O.M., Ferrari, M.C.O. & Chivers, D.P. 2014. Lionfish predators use flared fin displays to initiate cooperative hunting. – Biology Letters 10, 6. Doi: 10.1098/rsbl.2014.0281

 

Warum hängen Geckos noch gleich an Decken und Scheiben?

 

Beim Türkisblauer Zwergtaggecko (Lygodactylus williamsi) beschäftigte uns ja kurz die Frage, warum Geckos eigentlich mit ihren lamellenartigen Ballen unter den Zehen selbst an glattesten Oberflächen kopfüber laufen können. Ich hatte ja noch die bisher gängige Lehrmeinung geschildert, dass es die Van-der-Waals-Kräfte auf molekularer Ebene sind, die in ihrer Summe den Gecko haften lassen.

 

Das haben sich jetzt ein paar kanadische Forscher näher angesehen – und erlebten eine Überraschung. Viel wichtiger scheinen demnach elektrostatische Ladungen zu sein! Ähnlich wie bei einem Luftballon, den man statisch aufgeladen hat und der nun zum Beispiel Haare anzieht. Der Effekt konnte fast genauso bei Geckos nachgewiesen werden. Dazu erfassten die Forscher die Ladungsverteilung zwischen verschiedenen Kunststoffoberflächen und dem Fuß eines Geckos der Art Tokee (Gekko gecko). Jedes Mal luden sich die Härchen der Lamellen an den Geckofüßen positiv auf und die Kunststoffoberfläche negativ. Die verschiedenen Kunststoffe ermöglichten es dem Gecko unterschiedlich gut, sich zu halten – am besten haftete er tatsächlich auf Teflon AF. Dort waren die elektrostatischen Ladungen am größten. Ironischerweise sind aber ausgerechnet bei Teflon AF die Van-der-Waals-Kräfte geringer als bei einem Vergleichskunststoff! Das bedeutet: Für den Gecko sind die elektrostatischen Ladungen wichtiger als die Van-der-Waals-Kräfte, um sich an glatten Oberflächen zu halten.

 

Aber wie konnte das zum Geier übersehen werden? Nun, es wurde schon einmal untersucht. Und zwar 1934 von Wolf-Dietrich Dellit aus Gotha. Er schloss nach einem eigenen Experiment die elektrostatischen Ladungen als Grund für die Haftfähigkeiten der Gecko-Lamellen aus. Allerdings war seine Methodik, wie sich nun im Nachhinein herausstellte, mangelhaft. Das Ergebnis wurde aber bisher nie überprüft, nur immer abgeschrieben. Das Lob gebührt den kanadischen Forschern, mit dieser Tradition gebrochen und alles noch einmal überprüft zu haben.

 

Ich hätte mir nur gewünscht, dieses Paper wäre zwei Monate früher rausgekommen, dann hätte ich das noch direkt in meinem Gecko-Artikel berücksichtigen können:

 

Izadi, H., Stewart, K.M.E. & Penlidis, A. 2014. Role of contact electrification and electrostatic interactions in gecko adhesion. – Journal of the Royal Society Interface 11. Doi: 10.1098/rsif.2014.0371

 

 

Die Stichprobe

 

Nun umfasst unsere Stichprobe schon 30 Arten. Hier möchte ich die verschiedenen Statistiken, die sich innerhalb dieser Stichprobe erheben lassen gar nicht so ausufernd durchgehen. Hervorzuheben ist, dass der Anteil von fossilen Arten auf 30 % gestiegen ist. Von den verbliebenen nicht fossilen Arten sind die meisten entweder Riffbewohner (14 %; 10 % bezogen auf alle 30 Arten) oder Regenwaldbewohner (29 % bzw. 20 %). Beide Lebensräume sind in der Tat heutzutage die artenreichsten Ökosysteme. Die meisten vorgestellten Arten stammen außerdem aus dem Gebiet der Neotropis, die Süd-und Mittelamerika umfasst – 19 % aller nicht fossilen Arten aus dem Bestiarium stammen von dort. Auf dem zweiten Platz rangiert der Indopazifik mit 14 %. Unter den 30 Arten sind Insekten allerdings mit lediglich 13 % immer noch unterrepräsentiert. Wenn man sich die Gliederfüßer (Arthropoda) als Ganzes betrachtet, kommt man auf einen Anteil von 23 %. Je 17 % aller vorgestellten Arten sind Strahlenflosser (Actinopterygii) oder Säugetiere (Mammalia). Nach der nächsten Staffel schauen wir uns diese Statistiken wieder etwas umfassender und genauer an. Eine soll hier noch erwähnt werden: Der Anteil der von Linnaeus im Jahre 1758 beschriebenen Arten unter den hier vorgestellten ist von 60 % auf 23 % geschrumpft. Der Anteil der in den letzten 10 Jahren beschriebenen Arten ist auf 16,7 % gestiegen.

 

Der Stammbaum.

 

Phylogenie3

 

Bild 5: Der neue Stammbaum aller 30 im Bestiarium bisher vorgestellten Arten, außerdem ist der Mensch (Homo sapiens) eingefügt, um eine Orientierung zu ermöglichen, wo im Stammbaum wir uns befinden. Was hat sich unser Stammbaum gewandelt! Zugegeben, bei den Strahlenflossern (Actinopterygii) hat sich nichts getan, weil in der letzten Staffel kein Vertreter der Gruppe dabei war. Aber sowohl bei den Gliederfüßern (Arthropoda) wie bei den Amniota (Säugetiere und Reptilien) hat sich einiges getan – der Stammbaum ist buschiger geworden. Was vor allem auch heraussticht ist die nun deutlichere Aufspaltung zwischen der Linie der Dinosaurier, die zu den Vögeln führt, und der zu den heutigen Echsen führenden Linie. Die weiter oben berichteten neuen Erkenntnisse zu den Verwandtschaftsbeziehungen von „Placodermi“ (hier vertreten durch Dunkleosteus terrelli) und Plattwürmern (hier vertreten durch Amakusaplana acroporae) tangieren diesen Stammbaum zum Glück noch nicht – die Auswirkungen dieser neuen Erkenntnisse werden sich erst bei einem weiteren Anwachsen des Stammbaums bemerkbar machen. Der Homo floresiensis erscheint in diesem Stammbaum als Schwesterart zu Homo sapiens – einfach weil er in unserer Stichprobe der nächste Verwandte ist. Bei weiteren Vertretern der Gattung Homo in der Stichprobe würde dies sicherlich wieder anders aussehen.

 

 

Wie es weiter geht…

 

 

 

Ja, wie wohl? Spannend! Nicht ganz so viele fossile Arten wie zuletzt wird es in der neuen Staffel geben, aber eine breit gestreute Auswahl, die auch Tiergruppen umfassen wird, denen wir noch nicht begegnet sind. Einen klaren Schwerpunkt hab ich diesmal aber nicht. Und unter anderem werden wir dem Satan begegnen….aber ich greife vor.