Pirats Bestiarium: Komodowaran (Varanus komodoensis)

Komodowaran (Varanus komodoensis Ouwens, 1912)

 

Namensbedeutung. Das heutige Wort Waran und die latinisierte Variante Varanus leiten sich von einem arabischen Wort ab, „waral“, welches wiederum wohl auf die ägyptische Bezeichnung für den Nilwaran (Varanus niloticus) zurückgeht. Auch im Semitischen findet sich das ähnliche Wort „ouran“. Letzten Endes bedeutet das Wort immer das Gleiche: Eidechse. Die Artbezeichnung verweist auf den Herkunftsort des ersten der Wissenschaft bekannten Exemplars – die Insel Komodo in Indonesien, auf der noch heute eine der Hauptpopulationen des Komodowarans lebt.

 

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Deuterostoma; Chordata; Craniota; Vertebrata; Gnathostomata; Eugnathostomata; Osteichthyes; Sarcopterygii; Rhipidistia; Elpistostegalia; Stegocephali; Tetrapoda; Reptiliomorpha; Amniota; Reptilia; Eureptilia; Romeriida; Diapsida; Neodiapsida; Sauria; Lepidosauromorpha; Lepidosauria; Squamata; Unidentata; Episquamata; Toxicofera; Anguimorpha; Paleanguimorpha; Varanoidea; Varanidae; Varanus.

 

Die Verwandtschaftsbeziehungen der Warane wurden viel diskutiert im Laufe der Jahre, sowohl aufgrund morphologischer wie molekularer Daten. Häufig wurde eine enge Verwandtschaft mit den Schlangen angenommen, dann doch wieder eher mit den Anguimorpha, den Schleichenartigen. In jüngster Zeit sprechen die meisten Befunde eher für Letzteres. Durch die Aufdeckung der monophyletischen Gruppe der Toxicofera mittels molekulargenetischer Befunde löste sich dann auch allmählich auf, welcher Natur der Bezug zu den Schlangen war: Sofern Gemeinsamkeiten zwischen Waranen und Schlangen keine Konvergenz sind (also aufgrund ähnlicher Umstände unabhängig voneinander entwickelt) durfte es sich um gemeinsame Merkmale aufgrund der Zugehörigkeit beider Gruppen zu den Toxicofera handeln. Weiterhin nicht ganz unumstritten sind die Verhältnisse innerhalb der Anguimorpha. Klassischerweise werden die Warane zusammen mit den Krustenechsen (Helodermatidae) und den Taubwaranen (Lanthanotidae) sowie einigen ausgestorbenen Gruppen als Platynota zusammengefasst. Neuere Studien haben dies ziemlich zerschlagen. Die Krustenechsen sind enger mit den echten Schleichen verwandt und bei den ausgestorbenen Gruppen sind die genauen Verwandtschaftsbezüge noch aufzuklären. Dafür stellten sich andere Schleichenverwandte als deutlich enger mit den Waranen heraus. Um Missverständnisse zu vermeiden hat man daher die Platynota zu Grabe getragen und die Warane und ihre engsten Verwandten gehören wahrscheinlich eher in ein Taxon namens Paleanguimorpha.

 

Die Gattung Varanus ist eine ziemlich große Gruppe, zu der alle heutigen Waranarten gestellt werden. Man kann mehrere Untergattungen und Artengruppen unterscheiden, um die Aufspaltungen innerhalb der Gattung zu beschreiben. Der Komodowaran gehört zur Untergattung Varanus und dort zu der Artengruppe um Varanus varius, den Buntwaran. Diese brachte im Laufe der Stammesgeschichte einige besonders große Arten hervor, ein Muster, in welches der Komodowaran durchaus passt.

 

 

Von allen bisher im Bestiarium vorgestellten Arten ist der Helmbasilisk (Basiliscus basiliscus) am nächsten mit dem Komodowaran verwandt, denn beide gehören zu den Toxicofera.

 

Verbreitung. Der Komodowaran hat heute ein relativ überschaubares Verbreitungsgebiet. Die Tiere leben heute (von Westen nach Osten) auf der Insel Komodo und einigen benachbarten kleinsten Inselchen, auf der Insel Rinca mit der benachbarten nahebeiliegenden Insel Gili Dasami (auch als Nusa Kode bekannt), auf der Insel Gili Montang etwas weiter östlich und östlich von dieser in einem Gebietsstreifen im äußersten Westen von Flores. Eine weitere Population findet sich isoliert von dieser letztgenannten Population in einem weiteren Gebietsstreifen an der Nordküste des westlichen Flores. Auf Flores berichtet die Bevölkerung immer wieder, dass die großen Warane auch im Rest des Westteils der Insel und zumindest auch entlang der Nordküste des Ostteils der Insel vorkommen. Dies ist zwar noch nicht abschließend bestätigt, aber auch nicht auszuschließen – nicht zuletzt, weil die Komodowarane durchaus auch schon einmal auf eigene Faust umherstreifen können und dabei in noch nicht besiedelte Gebiete vordringen. Auf der Insel Padar, zwischen Komodo und Rinca gelegen, starb der Komodowaran Ende der 1970er Jahre aus.

 

Bild 1: Die heutige Verbreitung des Komodowarans in Indonesien. Quelle: Wikipedia.

 

Aus Fossilfunden weiß man jedoch, dass der Komodowaran einst noch viel weiter verbreitet war. Auf Flores waren die Tiere möglicherweise noch vor etwa 2000 Jahren weiter verbreitet als heute, die ältesten Fossilien der Art von dort sind rund 9000000 bis 850000 Jahre alt. Unter anderem fand man Überreste in der Höhle Liang Bua, die wir als Fundstelle des Flores-Menschen (Homo floresiensis) näher kennengelernt haben. Noch erstaunlicher sind sporadische Funde aus dem Norden und Osten von Queensland, vor allem von Bluff Downs (an der Nordspitze von Queensland), Chinchilla und Mount Etna (westlich und nördlich von Brisbane). Sie sind ziemlich eindeutig dem Komodowaran zuzuordnen und zwischen rund 5 Millionen und 750000 Jahren alt. Die geografische Brücke bildet schließlich der Nachweis von zwei fossilen Wirbeln, wahrscheinlich einige hunderttausend Jahre alt und zum Komodowaran gehörig, die man auf der Insel Timor fand. Die stammesgeschichtlichen und biogeographischen Implikationen dieser Funde werden uns weiter unten noch näher beschäftigen.

 

 

Einige fragmentarische Funde von Java, etwa 800000 bis 700000 Jahre alt, wurden 1972 ebenfalls zum Komodowaran gestellt. Auch 2009 wurden sie wegen ihrer großen Ähnlichkeit zum Komodowaran – vor allem in der Größe – noch als möglicherweise zu dieser Art gehörig eingestuft. Sie gehören aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zu dieser Art, sondern zum ausgestorbenen Varanus bolkayi.

 

Wenn Geschichten zur Wirklichkeit werden. Der Traum vieler ist es ja, dass immer noch große Tierarten entdeckt werden, die es vorher nur in Gerüchten gab. Mancher wünscht sich da ja bis heute doch noch die Entdeckung des Bigfoot oder des Yeti (sollte es jemals doch noch dazu kommen: ich werde berichten!). Eine große Fraktion belächelt so etwas wiederum. In der Tat werden die Räume auf der Welt enger, in denen sich noch eine wirklich große unbekannte Art verbergen könnte. Aber – und dieses Aber wiegt schwer – das hat man schon immer wieder mal gedacht und dann entdeckte man doch eine unbekannte große Art. Ein Beispiel dafür ist der Komodowaran. Ende des 19. Jahrhunderts machte sich ja die Auffassung breit, man habe im Grunde alle großen zoologischen Entdeckungen gemacht. Heute wissen wir: Man lag falsch.

 

Die Kleinen Sundainseln – so nennt sich der Archipel, zu dem Komodo, Flores und die anderen Inselchen, auf denen der Komodowaran lebt, gehören – waren lange Zeit wenig von der großen Weltgeschichte und europäischen Einflüssen berührt. Die Bevölkerungsdichte war auch nicht die Welt und die Niederländer besaßen damals nur einige Stützpunkte an den Küsten. Forschungsreisende konnten die Region tatsächlich bereisen, ohne dem Komodowaran zu begegnen – zum Beispiel Alfred Russel Wallace, der fast zeitgleich wie Darwin die natürliche Selektion als Triebfeder der Evolution entdeckte und zwar während ausgedehnter Forschungsreisen im heutigen Indonesien, bei denen er auch an Flores vorbeikam. Anfang des 20. Jahrhunderts änderten sich jedoch die Umstände. Die Niederländer trieben die Schaffung einer richtigen zusammenhängenden Kolonie voran, expandierten mit ihrer Macht auch unter Zuhilfenahme bewaffneter Argumente ins Hinterland ihrer Stützpunkte. 1910 war die gesamte Inselwelt Indonesiens im Wesentlichen fest in niederländischer Hand und wurde einer engmaschigeren Verwaltung unterworfen. Mehr Europäer kamen ins Land und die Kontakte mit den Einheimischen mehrten sich. Unter diesen Umständen musste eine so große Echse wie der Komodowaran dann doch irgendwann auffallen.

 

1910 vernahm der niederländische Leutnant Jacques Karel Henri van Steyn van Hensbroek während seiner Dienstzeit auf Flores Gerüchte über ein großes „Landkrokodil“, das auf der kleinen Insel Komodo leben und immun gegen Gewehrkugeln sein sollte. Der Leutnant nahm sich der Sache höchst selbst an und reiste nach Komodo. Dort konnte er tatsächlich die großen Echsen beobachten, deren größte Exemplare laut zwei holländischen Perlenfischern bis zu sieben Meter lang werden sollten (was niemals untermauert werden konnte, weder durch moderne Sichtungen, noch durch erlegte Exemplare oder Fossilien). Und van Steyn van Hensbroek bewies, dass die Tiere nicht kugelsicher waren: Er erlegte ein Exemplar, dem er die Haut abzog. Zu dem Zeitpunkt hatte er bereits Pieter Antonie Ouwens (1849-1922) geschrieben, damals Kurator des Zoologischen Museums von Buitenzorg (heute: Bogor) auf Java. Nun schickte er die Haut des erlegten Tieres und ein Foto hinterher. Dies war der Moment, in dem der Komodowaran erstmals von einem Wissenschaftler unter die Lupe genommen wurde. Ouwens erkannte in dem vermeintlichen „Landkrokodil“ einen ziemlich groß gewachsenen Waran und beauftragte sofort einen professionellen Tiersammler (im Grunde nix anderes als ein erfahrener Jäger vor Ort) damit, weitere Exemplare zu fangen. Dieser lieferte bei seiner Rückkehr nach Java bei Ouwens schließlich zwei geschossene erwachsene Warane ab und zwei lebendig gefangene Jungtiere. Ouwens hatte da schon die Erstbeschreibung in den Startlöchern. Er stellte jedenfalls fest, dass die Tiere ganz offensichtlich nicht sieben Meter lang werden – die ihm vorliegenden Exemplare waren alle nur 2 bis 3 m lang.

 

VanSteyn

Bild 2: Der niederländische Leutnant van Steyn van Hensbroek, der die Wissenschaft auf den Komodowaran aufmerksam machte. Quelle: Wikipedia (die niederländische Version, wohlgemerkt).

 

Als Ouwens 1912 seine Erstbeschreibung veröffentlichte, war es eine kleine wissenschaftliche Sensation. Schon bald wollten alle bedeutenden Zoos auf der Welt lebende Exemplare der drachenartigen neuen Art haben und auch vor Ort entwickelten sich die Komodowarane schnell zu einem Touristenmagneten.

 

Groß oder noch größer? Sehen wir uns den Komodowaran näher an – also, seinen Körperbau und seine äußere Erscheinung. Befassen wir uns zunächst mit dem, was viele Menschen so an diesem Tier fasziniert – die Größe. Wie bereits erwähnt wurde niemals der kleinste Hinweis gefunden, dass jemals ein Komodowaran eine Länge von 7 m erreicht hat. Solche Meldungen aus historischer Quelle sind dezente Übertreibungen. Aber: Wie groß können die Biester denn werden?

 

Auch hier hielten sich jahrzehntelang Gerüchte und Übertreibungen. Der amerikanische Wissenschaftler Walter Auffenberg, der seit 1969 die Komodowarane jahrelang in freier Wildbahn studierte, trug ein gerüttelt Maß dazu bei, hier für Klarheit zu Sorgen. Zum Beispiel findet man immer wieder die Angabe, dass Komodowarane bis zu 4 m Länge erreichen würden. Diese wahrscheinliche Falschangabe geht auf einen deutschen Adeligen zurück, der im Jahre 1923 auf Komodo unterwegs war und sich womöglich mit dem Abschuss einer riesigen Echse über den Machtverlust des Adels im eigenen Land hinwegzutrösten versuchte. Jedenfalls schoss er einen Komodowaran, von dem er berichtete, er wäre vier Meter lang. Dem Tier zog er die Haut ab und schickte sie nach Berlin. Als sie dort ankam, hatte sie nur eine Länge von 2,25 m. Natürlich kann es sein, dass die Haut beim Eintrocknen geschrumpft ist. Aber so stark? Zweifelhaft. Das Tier war ziemlich sicher niemals vier Meter lang. Ein anderer etwas kritisch zu wertender Fall ist der eines männlichen Komodowarans im Zoo von St. Louis, ein stattliches Tier und Besuchermagnet in den 1920er Jahren. Den zeitgenössischen Berichten zufolge soll es eine Länge von 3,1 m besessen haben. Auffenberg scheint dies nicht als absolut sichere Angabe gewertet zu haben: Er spricht in seinem 1981 erschienen Standardwerk „The Behavioral Ecology oft he Komodo Monitor“ nur davon, dass diese Länge „berichtet“ wurde. Über das Gewicht äußert er sich in diesem Fall gar nicht, manche Quellen kolportieren aber einen Wert von 331 Pfund, was gut 150 kg entspräche. Wirklich abgesichert ist das nicht, auch wenn es nicht unrealistisch klingt. Der Zoo ließ das Tier nach seinem Tod im Jahre 1933 ausstopfen, heute kann man es in einem kalifornischen Park besichtigen.

 

Gibt es denn gar nichts Verlässliches an Größenangaben? Aber sicher. 2006 publizierte ein amerikanisch-australisch-indonesisch-italienisches Forscherteam um Tim S. Jessop aus San Diego (USA) eine Studie über Schwankungen der Größenobergrenze der Komodowarane in verschiedenen Populationen. Die Ergebnisse dieser Studie werden uns noch weiter unten begegnen, an dieser Stelle ist wichtig, dass sie zahlreiche Exemplare exakt vermessen und gewogen haben. Dabei ist auch das größte bekannte sicher und exakt vermessene Exemplar! Kurzzeitig gefangen wurde es im Tal von Loh Liang auf Komodo, wo schon über 20 Jahre zuvor Auffenberg seine Forschungen durchführte. Das Tier war ein Männchen mit einer Kopf-Rumpf-Länge (bzw. von der Schnauzenspitze bis zur Analöffnung, wie es korrekt definiert ist) von 154,05 cm, also mehr als anderthalb Meter. Die Gesamtlänge betrug 304 cm, also etwas über 3 m. Dabei wog es 81,5 kg. Damit war das Tier aber nicht das schwerste gewogene Exemplar – einige kleinere Exemplare wogen mehr, das schwerste von Jessops Team gewogene Tier erreichte 87,4 kg. Das Gewicht ist stark abhängig davon, ob die Tiere gerade gefressen haben und ein richtig vollgefressener Komodowaran erreicht auch 100 kg oder mehr. Zugleich sind, das hat auch die Studie von 2006 einmal mehr bestätigt, wirklich große Exemplare von Komodowaranen nicht die Regel. Die meisten von ihnen bleiben kleiner und erreichen eher nur eine Länge von rund 2 m bei Gewichten von unter 30 kg. Das gilt erst recht für die Weibchen, die tendenziell kleiner als die Männchen bleiben. Das größte sicher bekannte Weibchen stammt von Flores und besaß bei einer Kopf-Rumpf-Länge von 135 cm eine Gesamtlänge von 267 cm und ein Gewicht von 42 kg. Interessant ist bei dieser Aufschlüsselung der Messwerte, dass ein großer Teil der Länge auf den Schwanz entfällt. Jessop und seine Kollegen zeigten in ihrer Studie sehr gut, dass die Größe der Komodowarane starken Schwankungen unterliegt (mehr zu den Gründen dafür später!).

 

Bild 3: Der Komodowaran geht auch manchmal am Strand auf Nahrungssuche, etwa nach Krabben oder Aas. Quelle: www.freeanimalspictures.com.

 

Der Komodowaran gilt auf jeden Fall als die größte heute lebende Echse (wenn man mal die Gruppe der Schlangen ausklammert). Und das obwohl von der Länge her der Bindenwaran (Varanus salvator) der Rekordhalter ist – bei ihm sind bis zu 3,21 m verbürgt. Aber: Der Komodowaran ist kräftiger und schwerer gebaut, damit bringt er mehr Masse auf die Waage. Hier spielt also nicht allein die reine Länge eine Rolle – ein schönes Beispiel dafür, dass es immer eine Frage des gewählten Maßstabs ist, wer gerade Rekordhalter ist. Bleibt natürlich die Frage, warum frühere Größenangaben beim Komodowaran so häufig übertrieben wurden. Zugegeben, die sieben Meter der Perlenfischer vor mehr als 100 Jahren waren wohl schlicht Prahlerei. Aber auch späteren Beobachtern unterliefen häufig Fehler – deshalb konnten sich auch Vier-Meter-Angaben so lange halten. Tatsächlich beruhen viele zu große Angaben für den Komodowaran auf Schätzungen beobachteter Tiere und dabei unterliegen selbst Feldforscher oft einer gewissen Täuschung. Schon Auffenberg wusste davon zu berichten. Er dokumentierte den Fall eines Feldforschers, der einen Komodowaran beim Fressen beobachtete und auf eine Länge von 4,2 m schätzte. Welcher Irrtum! Kaum eingefangen und gemessen, entpuppte sich das Tier als nur 3 m lang. Das Problem ist tatsächlich, dass diese Tiere in Aktion sehr kraftvoll und stark rüberkommen und dann tatsächlich größer wirken als sie eigentlich sind. Dieser Suggestion unterliegen dann auch Forscher. Ganz anders in der Tat die Einheimischen auf den von Komodowaranen bewohnten Inseln – sie kennen die Tiere ganz genau und neigen nicht zu übertriebenen Größenangaben.

 

Ein schuppiges Kraftpaket. Betrachten wir uns die äußere Erscheinung etwas genauer. Was einen unwillkürlich einen Drachen erinnert ist natürlich die schuppige Außenhaut. Diese ist sehr widerstandsfähig und wird an einigen Stellen – an den Beinvorderseiten, am Schwanzansatz und am Hals, außerdem auf der Kopfoberseite – durch verknöcherte Schuppen verstärkt, sogenannte Osteoderme. Farblich allerdings sind Komodowarane nicht sonderlich auffällig. Sie sind fast vollständig erdbraun, nur an der Unterseite tendieren sie eher zu grau. Die Weibchen haben schon einmal hellere oder violette Flecken an der Schnauze. Die Jungtiere sind deutlich anders gefärbt, sie besitzen eine scheckige Zeichnung aus dunklen Partien, die mit gelblich-grünen bis weißlichen Flecken durchsetzt sind, vor allem auf der Körperoberseite. Ihre Körperunterseite ist eher richtig hellgelb mit dunklen Flecken. Diese Färbung verliert sich im Laufe des Wachstums.

 

Auch im allgemeinen Körperbau finden sich Unterschiede zwischen den Jungtieren und den erwachsenen Komodowaranen. Die Jungtiere haben noch einen zierlicheren Körperbau, sind schlanker und haben im Verhältnis längere Körperbeine. Sie ähneln damit wesentlich mehr den meisten anderen heutigen Waranen. Während des Wachstums verändern sich die Proportionen deutlich, vor allem wenn die Tiere mit etwa 1,5 m Länge geschlechtsreif werden. Dann werden sie kräftiger, insgesamt massiger und muskulöser. Die Hinterbeine werden verhältnismäßig kürzer, wodurch Vorder-und Hinterbeine beim erwachsenen Waran mehr oder weniger gleich lang sind. Der Nacken wird muskulöser und auch der lange Schwanz wirkt dann immer wuchtiger. Der Kopf ist relativ flach mit einer breiten Schnauze. Der muskulöse Körper verleiht Komodowaranen eine große Kraft. Zusammen mit der beeindruckenden Bewaffnung macht diese sie zu gefährlichen Räubern: Die Zehen tragen kurze, stark nach hinten gebogene scharfe Krallen und die Kiefer besitzen messerscharfe nach hinten gekrümmte Zähne.

 

 

Die inneren Organe unterstreichen in ihrer Ausprägung noch, dass es sich beim Komodowaran um einen besonders kraftvollen Jäger handelt, der tatsächlich mehr Energie freisetzen kann als viele andere Echsenarten (was allgemein für die meisten Warane gilt, aber beim Komodowaran eine besonders markante Ausprägung findet). Dies betrifft das Herz und die Lunge. Die Herzen der meisten Echsen haben höchst unvollständig oder kaum voneinander getrennte Herzkammern, in denen sich das vom Körper zurückfließende verbrauchte Blut mit wenig Sauerstoff mit dem von den Lungen kommenden frischen Blut mit viel Sauerstoff vermischt. Die Folge ist, dass durch den Körper dieser Mix mit nicht optimalem Sauerstoffgehalt gepumpt wird. Dies limitiert letzten Endes das Energieaufkommen und die Stoffwechselrate. Für die meisten Echsen ist das allerdings auch natürlich vollkommen ausreichend und in Ordnung. Ein großer aktiver Jäger wie der Komodowaran käme damit aber vermutlich nicht weit. Diese Art konnte vermutlich nur so groß werden, weil ein Waranherz bereits etwas modifiziert ist und für eine bessere Sauerstoffausbeute sorgt. Es lohnt sich das kurz etwas näher zu begucken: Das Herz liegt ziemlich weit hinten im Körper eines Warans und ist gegliedert in zwei Vorhöfe, einen rechten und einen linken, sowie in drei Kammern: Das Cavum arteriosum und das Cavum venosum sind durch eine Scheidewand unvollständig voneinander getrennt, in sie münden der linke bzw. rechte Vorhof. Die Scheidewand zwischen beiden Vorhöfen läuft in zwei sogenannte septale atrioventriculare Klappen aus, die in die Herzkammern ragen. Das Cavum pulmonate hingegen ist durch eine Muskelleiste vom Cavum venosum abgegliedert, welche nur einen kleinen Spalt offen lässt, und von ihm geht die Hauptader in Richtung Lunge ab. Die genaue Funktion all dieser Teile wird deutlich, wenn man den Fluss des Blutes während eines Herzschlagzyklus beobachtet. Wenn sich das Herz durch Entspannung füllt (diese Phase wird Diastole genannt), strömt sauerstoffarmes Blut in das Cavum venosum und von dort weiter durch eine Öffnung zwischen der Muskelleiste und der Herzwand ins Cavum pulmonale. Sauerstoffreiches Blut hingegen strömt von der Lunge kommend ins Cavum arteriosum und zwar mit so hohem Druck, dass die linke septale atrioventriculare Klappe gegen die Scheidewand zwischen Cavum venosum und Cavum arteriosum gepresst wird. Dadurch werden beide Kammern tatsächlich gegeneinander abgeschlossen. Der nächste Schritt ist die Austreibungsphase oder Systole: Das Herz kontrahiert und komprimiert dadurch die Kammern. Der Druck in den Kammern wird größer als in den Vorhöfen, wodurch die beiden septalen atrioventricularen Klappen geschlossen werden – Cavum arteriosum und Cavum venosum sind nun von den Vorhöfen isoliert, dafür miteinander verbunden. Zugleich schließt sich die Lücke zwischen der Herzwand und der Muskelleiste, wodurch die Verbindung zwischen Cavum venosum und Cavum pulmonale verschlossen wird. Durch die weitere Kompression wird nun aus dem Cavum pulmonale das sauerstoffarme Blut zu den Lungen gepumpt. Das Cavum venosum dient einmal mehr als Durchgangsstation, hier vermischt sich das sauerstoffreiche Blut kurz mit letzten Rückständen sauerstoffarmen Blutes und wird dann über die Hauptschlagadern durch den Körper gepumpt. Eine gewisse Vermischung gibt es also auch hier, aber die Sauerstoffausbeute ist immer noch größer als bei anderen Echsen. Unterstützt wird dies noch dadurch, dass Waranblut generell mehr Sauerstoff aufnehmen kann als das bei anderen Echsen der Fall ist.

 

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Bild 4: Schematischer Aufbau eines Waranherzens. Abkürzungen: KK = Körperkreislauf, LK = Lungenkreislauf, RVH = Rechter Vorhof, LVH = Linker Vorhof, SAK = Septale atrioventriculare Klappen, CP = Cavum pulmonale, CV = Cavum venosum, CA = Cavum arteriosum, ML = Muskelleiste, S = Septum. Quelle: Wikipedia, nachgezeichnet nach Heisler, Neumann & Maloiy 1983: The mechanism of intracardiac shunting in the lizard Varanus exanthematicus. Journal of Experimental Biology 105: 15-31.

 

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Bild 5: Die Füllphase des Herzens – die Diastole. Der Muskel entspannt sich. Sauerstoffarmes Blut ist blau, sauerstoffreiches rot eingezeichnet. Quelle: Wikipedia bzw. wie Bild 4.

 

 

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Bild 6: Die Kontraktionsphase des Herzens, die Systole. Die Muskelleiste ist dunkler gezeichnet, weil sie hier nun abdichtet. Farbkennung wie in Bild 5. Quelle: Wikipedia bzw. wie Bild 4.

 

Auch Lunge und Atmung sind besonders angepasst. Die Lungen sind sehr groß, liegen ebenfalls relativ weit hinten im Körper und sind in Kammern untergliedert, die reich an Lungenbläschen sind. Dies erhöht die Fläche für den Gasaustausch gegenüber den sehr schlichten, sackartigen Lungen anderer Echsen. Hinzu kommt eine einzigartige Atemtechnik. Wie alle Echsen steuern Komodowarane ihre Atmung grundsätzlich über die Zwischenrippenmuskulatur. Diese bewegt die Rippen, um die Lungen zu erweitern – das Tier atmet ein. Allerdings wird diese Muskulatur auch zur Unterstützung der Fortbewegung durch seitliche Schlängel-oder Wellenbewegungen des Rumpfes gebraucht. Vor allem bei schneller Fortbewegung führt dies dann gewissermaßen schnell zur Atemnot. Warane haben jedoch einen Weg gefunden, dies zu umgehen. Sie pumpen beim Laufen Luft in die Lungen, indem sie ihren Zungenbeinapparat in der Kehle senken und heben. Durch dieses Kehlpumpen können sie auch dann noch zumindest teilweise weiteratmen, wenn andere Echsen schon längst aufgeben müssen.

 

Komodowarane sind damit kraftvolle und ausdauernde Jäger, die man nicht unterschätzen sollte. Vor allem nicht, wenn man sich ihre Hauptbewaffnung in den Kiefern mal näher ansieht.

 

Zähne… Die Kieferknochen des Komodowarans tragen ein beeindruckendes Arsenal: Im Oberkiefer besitzt das ganz vorne sitzende Prämaxillare 7, das daran anschließende Maxillare 13 Zähne auf jeder Seite. Jeder Unterkieferast trägt 12 Zähne. Die Zähne sind seitlich abgeflacht und nach hinten gekrümmt, die Zähne des Maxillare besitzen außerdem einen gesägten Hinterrand mit bis zu 55 feinen Widerhaken. Ausgefallene Zähne werden durch im Kiefer gebildete neue Zähne ersetzt, die schnell nachrücken – und zwar ein Leben lang. Bei großen Individuen sind die Zähne nachweislich bis zu 2 cm lang. Diese Zähne gehen wie ein Steakmesser durch Fleisch und ermöglichen es dem Komodowaran seine Beute festzuhalten und Stücke herauszureißen. Aber die Zähne allein machen den großen Waran noch nicht zu einem so tödlichen Jäger. Es kommen weitere Anpassungen des Schädels hinzu und wie man jüngst entdeckte tatsächlich Gift.

 

Sehen wir uns zunächst den Schädel näher an. Wie die Schädel vieler Echsen sind auch Waranschädel ein mustergültiges Beispiel für eine effiziente Bauweise: unwesentliche Schädelelemente wurden reduziert und nur das nötigste zum Auffangen auftretender Kräfte ist erhalten geblieben. Gerade hinter den Augen sind beim Komodowaran verschiedene Knochen reduziert, wodurch der Schädel leichter ist und den Kiefermuskeln mehr Raum gegeben wird. Zugleich kann der Oberkiefer durch eine Gelenkung gegen den Hirnschädel bewegt werden, auch die Hinterhauptsknochen sind beweglich gegenüber dem Rest des Schädels. Dies dient nur zum Teil dem Auffangen und Verlagern von Kräften – im Zusammenspiel mit dem Unterkiefer und dem Quadratbein (Quadratum) dient dies viel eher dazu, das Maul zu weiten und größere Nahrungsbrocken passieren lassen zu können. Das Quadratum bildet ja das obere Element des Unterkiefergelenks und ist seinerseits gelenkig mit dem restlichen Schädel verbunden, wodurch das Maul viel weiter geöffnet werden kann. Der Unterkiefer besitzt zwischen seinem hinteren Bereich, der aus mehreren Knochen besteht, und dem vorderen Bereich, der nur aus dem Dentale besteht, ebenfalls ein mit Bindegewebe stabilisiertes Gelenk. Dadurch ist der Unterkiefer flexibler, was das Maul deutlich verbreitert, wenn erforderlich.

 

Schädel

Bild 7: Ein digitales Modell eines Schädels des Komodowarans. Eingezeichnet sind die wichtigsten Kiefermuskeln, die den Unterkiefer zuschnappen lassen. Die Abkürzungen für die Muskeln und Knochen sind hier erstmal nicht weiter wichtig. Gut erkennbar und wichtiger ist die Tatsache, wieviel Raum die Muskulatur hat, weil im hinteren Schädelbereich ein Teil der seitlichen Knochen reduziert wurde. Quelle: Moreno et al.2012.

 

 

Diese Flexibilität geht aber nicht auf Kosten der Festigkeit. Gerade die Schnauze ist außerordentlich robust und hält die beim Zubeißen auftretenden Belastungen aus. Diese werden überwiegend über das Maxillare an die restliche Schädelkonstruktion übertragen. Bei Computersimulationen auf Basis einer sogenannten Finite-Elemente-Analyse (FEA; eine komplexe mathematische Sache, die dank moderner Computerprogramme dann doch leichter umsetzbar ist und eigentlich aus den Materialwissenschaften und dem Ingenieurswesen kommt, inzwischen aber in der Biologie eine weite Verbreitung gefunden hat) konnte gezeigt werden, dass das Muster der auf die Knochen wirkenden Belastungen sich deutlich mit der Art, wie die Tiere zubeißen verändert. Beim Zubeißen treten überwiegend Kompressionsbelastungen auf. Diese sind am geringsten, wenn der Komodowaran nur mit der vorderen Kieferpartie zubeißt. Beißt er mit voller Maullänge zu, so werden die größten Kräfte auf die vordere Partie der Schnauze ausgeübt. Interessanterweise verlagern sich die Belastungen deutlich, wenn das Tier beim Zubeißen den Kopf ruckartig zurückzieht (ein durchaus häufig zu beobachtendes Verhalten). Dann werden die Belastungskräfte zur Schädeldecke weitergeleitet und sind dort am größten. Die Schädelkonstruktion kann das aber alles problemlos auffangen. Lediglich bei einem Bewegungsablauf offenbarte zumindest das digitale Schädelmodell Schwächen: Wenn das Tier zubeißt und dann mit dem Kopf seitwärts zieht. Dafür scheint zumindest der Schädel an sich nicht allzu gut ausgelegt zu sein. Allerdings wurden bei diesen Simulationen die zusätzlichen stabilisierenden Effekte von Weichteilen wie Muskeln, Sehnen, Bindegewebe, Haut etc. nicht berücksichtigt, so dass diese Schwäche beim echten lebenden Tier vielleicht de facto nicht auftritt.

 

FEA

Bild 8: Das digitale Schädelmodell in der FEA-Untersuchung, um die Verteilung von Belastungen beim Zubeißen zu ermitteln. Links bei einem normalen Biss, rechts bei einem Biss, bei dem das Tier den Kopf zurückzieht. Oben der Biss jeweils mit den vorderen Kieferabschnitten, unten mit den hinteren. Die Farbskala rechts zeigt an, welche Farben für Zugspannungen und welche für Kompressionskräfte stehen. Quelle: Moreno et al. 2012.

 

Andere Untersuchungen, bei denen direkte Beobachtungen bei in Gefangenschaft gehaltenen Komodowaranen mit Computermodellen kombiniert wurden, erbrachten interessante Einblicke zur Frage, welche Kräfte der Waran eigentlich beim Zubeißen auf sein Opfer ausübt. Erstaunlicherweise ist die eigentliche Bisskraft eines Komodowarans ausgesprochen gering. Üblicherweise nimmt die Bisskraft, die ein Raubtier ausüben kann, mit seiner Körpermasse zu. Dies lässt sich zwischen verschieden großen Komodowaranen auch in der Tat in etwa nachvollziehen – die größeren Exemplare haben eine größere Bisskraft als die kleineren. Aber im Vergleich zu anderen Spezies ist der Biss eines Komodowarans erstaunlich schwach – selbst einige kleinere Echsenarten bringen größere Bisskräfte auf. Ein ganz konkreter Vergleich verdeutlicht dies: Während ein erwachsener Komodowaran mit einer Kraft von 39 Newton zubeißt, ist ein gleich großes Krokodil zu Bissen mit über 250 Newton imstande. Aber wie kann ein Komodowaran Fleischstücke aus seiner Beute reißen und einen Kadaver zerlegen, wie es ja dokumentiert ist? Das Geheimnis ist offenbar das ruckartige und kräftige Zurückziehen des Kopfes, wenn die Beute oder der Kadaver gepackt ist. Dabei setzt der Komodowaran seinen gesamten Körper ein, wenn es sein muss, um möglichst viel Kraft aufzubringen. Die dabei frei werdenden Kräfte ergänzen die rein vom Kiefer erzeugten Bisskräfte und ermöglichen es dem Tier Fleischstücke abzureißen. Deshalb besitzt der Komodowaran auch eine verhältnismäßig kräftige Nackenmuskulatur. Dazu passt in der Tat ja auch, dass der Schädel die dabei auftretendne Kräfte wie gesehen am besten aushält.

 

…und Gift. Eine weitere Waffe im Arsenal macht den Komodowaran noch etwas gefährlicher und durfte mit dafür sorgen, dass die eigentliche Bisskraft zumindest für das Beuteschlagen vielleicht gar nicht so groß sein muss: Gift. Dessen Existenz war die vielleicht größte Überraschung für die Forscher in jüngster Zeit.

 

In der Tat waren gewisse Effekte nach Komodowaran-Bissen beobachtet worden, darunter mutmaßliche Infektionssymptome wie Schwellungen rund um die Wunde. Man wusste außerdem, dass die Tiere häufig ihre Beute einmal beißen und verwunden und dann nur noch verfolgen und warten bis sie zusammenbricht und stirbt. Neben einem potentiell großen Blutverlust wurde dafür eine Blutvergiftung durch im Speichel des Warans befindliche Bakterien verantwortlich gemacht. In der Tat lassen sich im Speichel des Komodowarans pathogene Bakterien nachweisen, die wahrscheinlich auf Nahrungsresten zwischen den Zähnen gute Nährböden finden. Man weiß außerdem, dass die Komodowarane diese Bakterien beim gemeinsamen Fressen an einem Kadaver untereinander weitergeben. Allerdings hatte die Theorie einen Haken: An einer Blutvergiftung durch einen bakterienverseuchten Biss sollte ein größeres Beutetier eher innerhalb von Tagen sterben, es wird jedoch beobachtet, dass der Zusammenbruch deutlich früher erfolgt.

 

Erst vor einigen Jahren machten die Wissenschaftler dann die faszinierende Entdeckung: Der Komodowaran hat tatsächlich Giftdrüsen! Dies ist auch deshalb eine Sensation, weil bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts es als sicher galt, dass nur zwei Untergruppen der Squamata Giftdrüsen hervorgebracht haben und das unabhängig voneinander: Eine Reihe von Schlangen und die Krustenechsen (Helodermatidae). Doch jüngere Forschungen zeigten dann zunächst auf genetischer Basis auf, dass die Fähigkeit zur Giftproduktion vielleicht doch nur einmal innerhalb der Squamaten entstand und auf einen gemeinsamen Vorfahren zurückgeht – dessen Nachfahren man als Toxicofera („Giftträger“) zusammenfasste. Nur fielen darunter auch viele vermeintlich ungiftige Gruppen, wie die Warane. Dass der Komodowaran tatsächlich Giftdrüsen besitzt, ist da ein deutlicher Beweis für die Richtigkeit des Toxicofera-Konzepts! Aber das eigentlich Sensationelle ist, dass diese Entdeckung ein ganz neues Licht auf den Komodowaran und seine Jagdtaktiken wirft. Sehen wir uns seine giftige Ausstattung also genauer an.

 

Die beiden Giftdrüsen befinden sich beim Komodowaran im Unterkiefer, was interessanterweise stark an die Verhältnisse bei den Krustenechsen erinnert. Die Giftdrüse einer Unterkieferseite ist länglich und besteht aus einem hinteren Hauptteil mit Drüsengewebe und mehreren kleineren vorderen Teilen mit Drüsengewebe. Das Gift wird in einen Hohlraum innerhalb der Drüse abgegeben und dann über einen Kanal abgeleitet, der zwischen den Unterkieferzähnen nach außen mündet. In ihrem Detailbau sind die Drüsen ausgesprochen komplex und in keinerlei Weise urtümlich. Das produzierte Gift besteht aus verschiedenen Proteinen, ein Teil davon Enzyme, die in der Lage sind andere Proteine aufzuspalten – darunter Phospholipase A2 und auch Kallikrein. Letzteres kommt auch bei ungiftigen Tieren (zum Beispiel auch beim Menschen) vor – etwa in Speicheldrüse, der Bauchspeicheldrüse und in den Nieren. Es ist einerseits ein Hinweis darauf, dass die Giftdrüsen aus Speicheldrüsen hervorgingen. Und andererseits spielt das Kallikrein auch eine Rolle bei der Blutdruckregulation – was einen Teil der Symptome nach einem Biss des Komodowarans erklärt. Diese sind vielfältig, zielen aber überwiegend auf den Kreislauf und das Blut ab: Neben einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit wird die Blutgerinnung gehemmt, was eine Bisswunde offen hält und innere Blutungen und dadurch einen Volumenmangelschock im Kreislaufsystem verursacht. Dies geht einher mit einem Blutdruckabfall. Alles zusammen führt zu einem raschen Kollaps eines gebissenen Opfers.

 

Giftdrüsen

Bild 9: Eine MRT-Aufnahme des Kopfes eines Komodowarans. Farbig hervorgehoben sind die schleimigen Speichel produzierenden Drüsen (gelb) und vor allem die Giftdrüsen, deren einzelne aufeinanderfolgende Abschnitte abwechselnd rot und rosa dargestellt sind. Die Drüsen auf der linken Unterkieferseite sind heller dargestellt als die im Vordergrund liegenden Drüsen des rechten Unterkiefers. Quelle: Fry et al. 2009.

 

Inzwischen ist man sich sicher, dass das Gift eine wichtige Rolle für den Jagderfolg des Komodowarans spielt – und zwar eine viel größere als die Bakterien im Speichel des Tieres. In gewissem Sinne ist es die Geheimwaffe des Komodowarans – so geheim, dass die Wissenschaft fast 100 Jahre brauchte, sie zu bemerken.

 

Sinnesorgane. Wie jeder gute Jäger hat auch der Komodowaran die notwendigen Sinnesorgane, um seine Beute zu finden. Dabei sind geruchlich-geschmackliche und optische Reize für dieses Tier am wichtigsten – das Hörvermögen ist eher schlecht und von untergeordneter Bedeutung.

 

Die Augen werden außer durch die Augenlider auch durch eine zusätzliche Nickhaut geschützt und nehmen besonders gut Bewegungen und durchaus auch Farben wahr. Bewegungen können die Komodowarane auch aus größerer Entfernung ausmachen, während unbewegliche Objekte für sie unscharf bleiben. Dies deshalb, weil sie kein stereoskopisches Sehen besitzen, denn die Sichtfelder der seitlich am Schädel sitzenden Augen überschneiden sich nur in einem kleinen Bereich.

 

Ein weiteres optisches Sinnesorgan ist das sogenannte Parietalorgan, umgangssprachlich auch als Scheitelauge oder „drittes Auge“ bekannt. Es liegt unauffällig unter einer größeren Schuppe auf der Kopfoberseite und besteht tatsächlich auch aus einer Netzhaut mit vorgelagerter Linse und einem Sehnerv, der durch eine Öffnung zwischen dem rechten und linken Scheitelbein (Parietale) zum Gehirn führt. Gleichwohl ist es nicht zu Sehleistungen wie die normalen Augen fähig, sondern vor allem nimmt es Hell und Dunkel wahr. Darüber wird offensichtlich der Tagesrhythmus des Tieres geeicht, zumindest deuten darauf Experimente mit anderen Waranarten, deren Schlafgewohnheiten sich verändern, wenn man das Parietalorgan künstlich verdeckt.

 

Am wichtigsten ist für die Tiere aber die olfaktorische Wahrnehmung – also die Geruchswahrnehmung. Dazu dient dem Komodowaran aber nicht nur die eigentliche Nase, sondern vor allem auch das Jacobson-Organ. Dieses befindet sich als kleine Vertiefung an der Oberseite der Mundhöhle und ist ebenfalls mit einem Geruchsepithel ausgekleidet. Dieses Organ ist der Grund, warum Komodowarane dauernd mit ihrer gelben zweispitzigen Zunge züngeln. Die Zunge nimmt beim Herausstrecken Geruchspartikel auf, entweder in der Luft oder von Oberflächen, und führt sie dann ins Maulinnere zum Jacobson-Organ. Bei Waranen ist die Zunge derart auf diese Aufgabe spezialisiert, dass sie keine raue Oberfläche mehr besitzt und auch beim Transport der Nahrung durch die Mundhöhle keine Rolle mehr spielt. Letztere Aufgabe erfüllt der sehr kräftig ausgebildete Zungenbeinapparat. Komodowarane können mit Hilfe ihres Geruchssinns Beute, Kadaver oder Artgenossen schon auf größere Entfernung wahrnehmen. Dies hilft auch dabei, bereits angeschlagene Beute durch das Dickicht zu verfolgen.

 

Bild 10: Die lange gespaltene Zunge des Komodowarans dient dem Tier dazu, Duftstoffe aufzunehmen. Die Geruchswahrnehmung dieses Jägers ist extrem fein. Quelle: WWF/Michael Poliza.

 

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Bild 11: Dieser Komodowaran nimmt mit seiner Zunge Witterung auf. Aufgenommen von Marina Spann im Zoo Münster.

 

Wie die Drachen leben. Die Lebensweise des Komodowarans gilt inzwischen als ausgesprochen gut erforscht – auch dank umfangreicher Grundlagenarbeiten inklusive Freilandbeobachtungen durch Forscher wie Auffenberg.

 

Die erwachsenen Komodowarane sind prinzipiell Bodenbewohner. Zwar verlieren die Tiere eine grundsätzliche Kletterfähigkeit wohl nie ganz, aber ausgewachsen sind sie für wirklich gelungene Kletteraktionen einfach zu groß. Außerdem finden sie ihre Nahrung vorwiegend am Boden. Aber auch am Boden sind diese kraftvollen Tiere ausgesprochen beweglich und agil. Sie streifen auf der Suche nach Nahrung oder einem Paarungspartner in ihrem Revier umher und legen dabei wenigstens einige hundert Meter, oft aber auch mehrere Kilometer am Tag zurück. Wenn es nötig wird – etwa um vor einer mutmaßlichen Gefahr zu flüchten oder eine Beute einzuholen – können Komodowarane auch relativ schnell werden: Über kurze Strecken (maximal einen halben Kilometer) erreichen sie Spitzengeschwindigkeiten von über 18 km/h. Ohne die Besonderheiten ihrer Physiologie wäre dies für eine so große Echse unmöglich. Im Wasser sind sie jetzt keine schlechten, aber auch keine überragenden Schwimmer. Sie können bis zu vier Meter tief tauchen und schwimmen mit schlängelnden Bewegungen, wobei die Beine angelegt sind. Es ist bekannt, dass die Tiere so vorgelagerte Inselchen erreichen, sofern diese nicht weiter als etwa 450 m vom Ufer entfernt sind. Besonders häufig sind solche Schwimmtouren allerdings nicht.

 

An Land kommt der Komodowaran mit fast allen Lebensräumen klar, die die von ihm bewohnten Inseln zu bieten haben. Dabei handelt es sich vor allem um Savannen und lichte Trockenwälder. Lediglich entlang von Wasserläufen gibt es auch dichtere und feuchtere Wälder, in die sich die großen Warane seltener wagen. Interessanterweise scheint es für sie eine gewisse Höhengrenze zu geben: Oberhalb von 400 m über dem Meeresspiegel trifft man sie nur sehr selten an. Einen großen Teil des Tages richten die Komodowarane unter anderem auch darauf aus, ihre Körpertemperatur zu regulieren. Prinzipiell sind Komodowarane ektotherm, also von äußeren Wärmequellen (in der Natur üblicherweise die Sonne) abhängig. Das heißt aber nicht, dass sie einfach passiv äußeren Temperaturschwankungen ausgesetzt wären. Sie wissen wann sie wo Sonne und damit Wärme tanken können und wann sie besser Schatten aufsuchen. Durch entsprechende Bewegungsmuster können sie damit ihre Körpertemperatur über den Tag hinweg relativ gut im Optimum halten. Das Klima auf Komodo, Flores und den anderen vom Komodowaran bewohnten Inseln ist tropisch heiß. Von Januar bis März gibt es eine etwas feuchtere und leicht kühlere Regenzeit, der Rest des Jahres ist richtig heiß und ziemlich trocken. Diese minimalen Witterungsunterschiede schlagen sich im Verhalten der Tiere nieder. In der Regenzeit sind die Komodowarane um die Mittagszeit am aktivsten, wenn es am wärmsten ist. In der Trockenzeit tanken sie morgens erstmal richtig Sonne, begeben sich während der Mittagshitze in den Schatten, wo es kühler ist, und werden dann erst im Laufe des Nachmittags wieder aktiver (in bewaldetem Terrain früher als in offenem Terrain). Als Unterschlupf während der Mittagszeit und in der Nacht dienen Erdhöhlen – entweder die okkupierten Behausungen von anderen Tieren, oder selbst gegrabene Höhlen, die bis über 3 m weit in den Boden reichen können. Der Tagesrhythmus im Verhalten der Tiere wird über das Parietalorgan gesteuert, über welches der Komodowaran die Lichtveränderungen im Laufe von 24 Stunden wahrnimmt. Von anderen Waranarten weiß man, dass ihr Thermoregulationsverhalten (also wann sie sich sonnen, wann es in den Schatten geht) aus dem Tritt kommt, wenn man ihnen das Parietalorgan zudeckt, ebenso wie dies für den Schlafrhythmus gilt. Wie effektiv die Tiere ihre Körpertemperatur mit dem geschickten Wechsel zwischen Sonne und Schatten steuern können zeigt die Tatsache, dass ihre Körpertemperatur nachweislich nur zwischen 36° und 40° C pendelt. Lediglich bei den jüngeren und noch kleineren Tieren sinkt sie in der Nacht noch etwas deutlicher ab. Die großen, ausgewachsenen Komodowarane jedoch haben genügend Körpermasse um einen großen Teil der am Tag aufgenommenen Wärme besser halten zu können. Dadurch sind sie gegenüber nächtlichen Temperaturschwankungen relativ unempfindlich.

 

Bild 11: Dieser Komodowaran reißt sein Maul auf. Solche Gebärden gehören auch zum Drohrepertoir unter Artgenossen. Quelle: MSN.com/ Imago.

 

Im Allgemeinen sind Komodowarane ziemliche Einzelgänger. Dies mag verwundern angesichts der verbreiteten Bilder, die ganze Rudel von Komodowaranen zeigen, welche sich an einem Kadaver laben. Tatsächlich sind dies dann Gelegenheiten, bei denen die Komodowarane andere Artgenossen tolerieren, um sich dennoch einen Anteil an einer willkommenen Mahlzeit zu sichern. Damit das funktioniert wird eine kurzfristige Hierarchie gebildet, die die Tiere untereinander durch Imponiergehabe und Drohgebärden durchsetzen. Dazu gehören Kopfheben und die geblähte Kehle präsentieren, Zischgeräusche, Schwanzschläge (der kräftige Schwanz ist eine nicht zu unterschätzende Waffe), Maulöffnen, Schnappen und Beißen und so weiter. Die unterlegenen Tiere senken dann meistens den Kopf, pressen sich auf den Boden und/oder rennen weg, um auf Abstand zu gehen. Solche und ähnliche Unterwerfungsgesten beenden die Konfrontation und zementieren die kurzzeitige Hierarchie. Solange diese dann von keinem der anwesenden Tiere in Frage gestellt wird, ist das Fressen an einem Kadaver am wichtigsten. Ansonsten sind Komodowarane ausgesprochen territorial. Ihre Reviere markieren sie mit Hilfe von Exkrementen als Duftmarkern und verteidigen sie auf Patrouillen gegen andere Komodowarane. Kommt es zu Konfrontationen, werden diese meist über Drohgebärden gelöst, ähnlich wie bei der Festlegung kurzfristiger Hierarchien. Auf diese Weise verteidigen die Komodowarane vor allem ein bestimmtes Kerngebiet, das ihre besten Stellen zum Sonnen, die besten verfügbaren Verstecke und die ergiebigsten Stellen für die Jagd beinhaltet. Dieses Kerngebiet wird am meisten von den Tieren genutzt. Daneben gibt es ein sogenanntes Streifareal um dieses Kerngebiet herum, in dem die Komodowarane ebenfalls regelmäßig auf der Suche nach Beute umherstreifen. Besonders große und dominante Exemplare können sogar ein noch über dieses Streifareal hinaus Kadaver beanspruchen. In den Streifgebieten außerhalb des Kerngebietes dulden die Komodowarane aber auch immer wieder Artgenossen. So kommt es, dass sich vor allem diese Streifgebiete überschneiden. In jüngerer Zeit hat man die Gebietsgrößen, die von Komodowaranen beansprucht werden, mit Hilfe von an den Tieren angebrachten Peilsendern kartiert und statistisch ausgewertet. Je nach den verfügbaren Ressourcen, der Größe des Tieres und der Populationsdichte schwankt die Größe des beanspruchten Kerngebietes stark. Die kleinsten scheinen – je nach statistischer Auswertungsmethode der per Telemetrie empfangenen Daten – 170 bis 278 Hektar zu umfassen, die größten Kerngebiete umfassen wohl bis zu 530 Hektar. Die weniger stark verteidigten Streifgebiete überschneiden sich zum Teil stark mit denen anderer Komodowarane – das eines Männchens zu bis zu 99 % mit den Streifgebieten von Weibchen, zu einem weitaus geringen Anteil jedoch (etwa 35 %) auch mit denen anderer Männchen. Die Zusammenkünfte mehrerer Komodowarane an einem Kadaver kommen bezeichnenderweise nur in Streifgebieten oder nicht beanspruchten Arealen vor.

 

 

Bevor wir uns nun dem Jagdverhalten noch einmal näher zuwenden, werfen wir erst einmal einen Blick auf die intimeren Momente im Leben eines Drachen – denn schließlich müssen sich auch die fortpflanzen….

 

Nachwuchs – und noch ein gut gehütetes Geheimnis… Obwohl es prinzipiell das ganze Jahr über zu Paarungen kommen kann, gibt es doch eine Zeit von Mai bis August, die man gewissermaßen als Paarungszeit des Komodowarans bezeichnen kann. Die paarungsbereiten Männchen sind dann offensiver auf der Suche nach Weibchen. Entweder streifen sie umher und dringen in die Reviere von Weibchen ein oder aber sie treffen sie beim gemeinsamen Fressen an einem Kadaver an. Meistens kommt es dann zu Konfrontationen mit anderen Männchen, die ebenfalls auf der Suche nach einem Weibchen erschienen sind. Auch hier muss die Hierarchie zunächst geregelt werden – und da es diesmal um mehr geht, geht es auch härter zur Sache. Es geht schließlich um den Zugang zu den Weibchen. Oft reichen die üblichen Drohgebärden nicht aus, weshalb es dann zu den sogenannten Kommentkämpfen kommt. Dabei bäumen sich zwei rivalisierende Männchen auf zwei Beine gegeneinander auf, umgreifen den jeweils anderen mit ihren Vorderbeinen und versuchen sich gegenseitig zu Fall zu bringen. Einzige Stütze dabei ist dann ihr kräftiger langer Schwanz. Fällt schließlich eines der Männchen, hat es verloren und muss sich wohl oder übel zurückziehen. Der Sieger kann dann auf eine Paarung mit den Weibchen hoffen. Allerdings gibt es noch eine Hürde. Nämlich die Weibchen selber. Die sind selten wirklich begeistert, wenn ein Männchen sich nähert, um sie zu besteigen. Zwar versuchen die Männchen durch Bezüngeln des Körpers des Weibchens, durch das Reiben des eigenen Kopfes am Weibchen und ähnliche Körperkontakte das Weibchen gnädig zu stimmen. Doch meist wehren die Weibchen erste Versuche auf sie aufzusteigen durch Drohgebärden oder gar Bisse ab. Irgendwann klappt es freilich dann doch noch.

 

Nach der Paarung ist das Thema für die Männchen erledigt. Die Weibchen legen etwa im August und September die Eier ab. Zunächst einmal muss ein Komodowaran-Weibchen eine geeignete Stelle herrichten. Die Tiere können ja – man sieht es an ihren eigenen Wohnbauten – recht gut graben und so heben sie dann oft eine kleine Nistmulde aus, in die sie die Eier legen. Oft nutzen die Warane aber auch die über einen Meter hohen Erd-und Komposthügel, die von den in der Region lebenden Großfußhühnern als eigene Bruthügel angelegt wurden. Je nach der Zahl der Eier – die stark schwanken kann, aber maximal 33 beträgt – legt ein Weibchen mehrere Nester an, was die Überlebenschancen der Eier erhöht: entdeckt ein Nesträuber ein Gelege, erwischt er nicht alle Eier auf einmal. Außerdem scheinen die Weibchen die Gelege zumindest teilweise zu bewachen und kontrollieren. Die Eier selbst sind länglich, fast 9 cm lang. Wiegen normalerweise 125 g und besitzen eine ledrige Eierschale. Sie brauchen erstaunlich lang, bis sie durch die Wärme von Sonne und/oder vermodernder Pflanzenteile ausgebrütet sind – bis zu 8 Monate. Die Jungen schlüpfen dann im März oder April gegen Ende der Regenzeit. Es gibt aber auch Beobachtungen kürzerer Brutzeiten – vermutlich je nach verfügbarer Temperatur.

 

Bilder 12 und 13: Zwei Komodowarane im Kommentkampf. Dabei erweisen sich die Tiere als erstaunlich agil. Quelle: www.komodowarane.com (auf dieser Seite finden sich noch weitere großartige Bilder dieses Kommentkampfes, zu empfehlen!).

 

 

Das ist sozusagen der übliche Ablauf. Aber Komodowarane haben noch einen Trick auf Lager – einen Trick, den sie erst in der Gefangenschaft im Zoo offenbart haben. Zwei Weibchen erregten die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler. Das eine Komodowaran-Weibchen namens Sungai aus dem Londoner Zoo legte auf einmal 22 Eier, davon vier mit sich entwickelnden Embryonen. Der letzte Kontakt mit einem Männchen war zu dem Zeitpunkt zweieinhalb Jahre her. Nach mehr als 7 Monaten schlüpften aus den vier Eiern Junge, die sich bester Gesundheit erfreuten. Noch bemerkenswerter war der Vorgang beim Komodowaran-Weibchen Flora aus dem Chester Zoo, ebenfalls in England. Sie legte auf einmal 25 Eier, von denen tatsächlich 11 Embryonen enthielten. Man verfrachtete die Eier in einen Inkubator, wobei drei noch zu Bruch gingen. Die restlichen acht Eier wurden weiter bebrütet, bis die Jungen schlüpften. Das wirklich erstaunliche: Flora hatte noch nie Kontakt zu einem Komodowaran-Männchen! Aber wie…? Das Phänomen nennt sich Parthenogenese und ist nur von wenigen Wirbeltieren bekannt (darunter durchaus auch ein paar anderen Echsenarten): Ohne Zutun eines Männchens kann das Weibchen dennoch Junge hervorbringen. Bei verschiedenen Arten gelingt dieses Kunststück auf unterschiedliche Weise, beim Komodowaran scheint es eine Art Selbstbefruchtung zu sein: Die Eizellen entstehen zunächst normal durch Reifeteilung (Meiose) und besitzen dadurch nur einen einfachen, unpaaren Chromosomensatz, sie sind also haploid. So wie man das auch von anderen Wirbeltieren inklusive dem Menschen kennt. Beim Komodowaran-Weibchen können jetzt aber zwei haploide Zellen wieder verschmelzen und dadurch eine wieder diploide Eizelle entstehen lassen. Allerdings besaßen die haploiden Ursprungszellen hier dann immer gleiche Chromosomensätze, die wieder zusammengeführt werden. Dies hat Konsequenzen für die Geschlechtsbildung: Die Geschlechtschromosomen bei Komodowaranen sind wie bei vielen Reptilien und Vögeln das Z und das W Chromosom. Man kann das mit den X-und Y-Chromosomen bei uns Menschen vergleichen. Nur das hier die Weibchen die Chromosomen-Paarung ZW tragen und die Männchen ZZ. Bei der parthenogenetischen Fortpflanzung bilden sich beim Komodowaran also nie ZW-Paarungen, die Jungen sind also nie Weibchen. Embryonen mit der Paarung WW sind nicht lebensfähig und sterben früh ab. So kommen automatisch nur die Jungen mit der Chromosomenausstattung ZZ durch und die werden dann alles Männchen. Dies wiederum hat weitreichende Implikationen: Ja, ein Komodowaran-Weibchen kann ohne ein Männchen Junge hervorbringen – etwa wenn es auf einer Insel gestrandet ist. Aber das sind alles wiederum Männchen, die sich dann nur mit der eigenen Mutter paaren können. Theoretisch kann so eine neue kleine Population entstehen, aber sie wäre rein inzestuös begründet und langfristig genetisch verarmt. Gleichwohl könnte die Art so neues Terrain besiedeln – wenn später weitere Artgenossen von außerhalb eintreffen, könnte dies auch die genetische Vielfalt wieder steigern. Bedeutung hat diese ungewöhnliche Vermehrungsweise beim Komodowaran aber auch für das von Zoos betriebene Nachzuchtprogramm, mit dem die Wildpopulation unterstützt werden soll. Dabei wird besonders darauf geachtet, dass eine möglichst große genetische Vielfalt bei den nachgezüchteten Exemplaren vorliegt. Dazu muss Inzucht vermieden werden, was angesichts des in den Zoos vorhandenen begrenzten Bestandes an Komodowaranen schon so schwer genug ist. Die meisten Zoos halten Weibchen dieser Art, es gibt nur wenige Männchen in Gefangenschaft, die von Zoo zu Zoo gereicht werden, um die Weibchen bei Bedarf zu decken. Seit der Veröffentlichung der Forschungsergebnisse zu den beiden Parthenogenese-Fällen in englischen Zoos im Jahr 2006 wird dieses Verfahren überdacht. Denn was man eigentlich nicht möchte ist parthenogenetisch entstandener Nachwuchs – eben auch wegen der genetischen Vielfalt. Was die Sache noch komplizierter macht: Die Weibchen des Komodowarans können offensichtlich ganz nach Belieben zwischen gewöhnlicher Fortpflanzung und Parthenogenese wechseln. Dies zeigte Sungai, das Weibchen im Londoner Zoo. Nur zwei Monate nach dem sie die parthenogenetisch erzeugten Eier gelegt hatte, paarte sie sich mit einem inzwischen herbeigebrachten Männchen und legte anschließend Eier, wenn auch nur sechs Stück.

 

Nachwuchs

Bild 14: Ein zwei Wochen altes Jungtier des Komodowarans. Es gehört zu einer Nachzucht im Zoo von Rotterdam und vertilgt hier gerade eine Heuschrecke. Quelle: Visser et al. 2009. Foto von Marten van Dijl/Zoo Rotterdam.

 

 

Der Weg zum großen Waran. Beim Schlüpfen sind die Komodowarane nicht sehr groß: Sie sind dann nur wenig über 40 cm lang und wiegen gerade mal 100 g. Wie bereits geschildert sind sie auch wesentlich schlanker und feingliedriger gebaut als die erwachsenen Tiere. Aus diesem noch völlig anderen Habitus ergibt sich tatsächlich eine in vielen Teilen andere Lebensweise als bei den erwachsenen Tieren. So sind die Jungtiere ausgesprochen gute Kletterer und sie verbringen auch tatsächlich viel Zeit in Bäumen. Sie können bis in 10 m Höhe klettern. Vermutlich bietet dies ihnen einen besseren Schutz vor Fressfeinden, denn kleine Komodowarane sind durchaus noch Teil des Speiseplans verschiedener anderer räuberischer Tiere – nicht zuletzt eigener größerer Artgenossen! Entsprechend bevorzugen die kleinen Komodowarane eher die bewaldeten Gebiete, wo sie genügend Klettermöglichkeiten und Deckung finden. Interessanterweise bewegen sich frisch geschlüpfte Komodowarane in der ersten Zeit nach dem Schlupf fast linear vom Ort des Schlüpfens weg. Dieses Verhalten dient wahrscheinlich dazu, das sich der Nachwuchs in der weiteren Umgebung ausbreitet und möglicherweise auch neue Gebiete erschließt. Im weiteren Wachstum sind die Jungtiere weiterhin sehr viel unterwegs, allerdings mit zunehmend stärkerer Bindung an ein gewohntes Gebiet.

 

Die jungen Warane jagen sehr aktiv, suchen potentielle Beute unter Rinde und im Unterholz. Das Beutespektrum umfasst zunächst große Insekten und kleine Echsen. Später, wenn sie größer werden, erweitern sie das Beutespektrum auch um Nagetiere. Diese werden von den Komodowaranen zum Teil sogar aus ihrem Bau ausgebuddelt. Auch Vögel werden dann zur Beute. In dieser Zeit sind die Tiere bereits etwa einen Meter lang. Diese Länge erreichen die jungen Komodowarane nach etwa acht bis zwölf Monaten – danach nimmt die Wachstumsgeschwindigkeit ab. Die Marke einer Länge von 2 m knacken die Komodowarane wohl erst mit rund 11 Jahren. Bereits ab einer Länge von anderthalb Metern gehen sie jedenfalls zu einer überwiegend bodenbewohnenden Lebensweise über. Etwa bei dieser Größe bzw. bei einem Alter von fünf bis zehn Jahren (dies schwankt, in Gefangenschaft ist dies früher, vermutlich je nach Ernährungszustand) werden die Tiere auch geschlechtsreif. Ab da suchen sie sich dann endgültig ihre festen Reviere. Und das Beutespektrum verändert sich weiterhin, wird immer breiter – weil auch immer größere Beutetiere dazukommen.

 

Das Größenwachstum hört vermutlich nie ganz auf, auch wenn es immer langsamer wird. Das Maximalalter für Komodowarane wird auf 30 Jahre geschätzt. In Sydney wurde ein in Gefangenschaft gehaltener Komodowaran jedenfalls 24 Jahre alt.

 

Jagd. Kommen wir nun zu den für viele spannendsten Aspekten des Komodowarans: Der Jagd. Ab einer Länge von etwa 2 m jagen diese Echsen auch wesentlich größere Beute als Nagetiere oder Großfußhühner, obwohl solcherlei Beute auch auf dem Speiseplan bleibt. Zunächst jagen sie auch noch mehr oder weniger aktiv, spüren ihre Beute mittels Züngeln auf. Die größeren und älteren Komodowarane jedoch sind typische Lauerjäger, die sich ihren Speiseplan dann auch noch mit aufgefundenem Aas ergänzen. Sie legen sich im dichten Gras oder Unterholz auf die Lauer, oft an Wildwechseln. Dann warten sie, bis die Beute auf wenige Meter, manchmal nur einen Meter Entfernung heran ist. Im Zweifel pirschen sie sich auch noch etwas heran. Im günstigen Moment dann prescht ein Komodowaran dann hervor. Dank ihrer erstaunlichen Physiologie können sie für eine kurze Strecke, maximal ein paar hundert Meter, eine Geschwindigkeit von über 18 km/h erreichen. Kleinere Beute ist meist mit einem Bissen gepackt und wird dann geschüttelt und mit Hilfe von Kiefern und Vorderbeinen zu Boden gedrückt und dann gefressen. Große Beute jedoch ist schwieriger. Hier versuchen sich die Komodowarane an unterschiedlichen Taktiken. Oft kann der Waran seine Beute dann durch die Aufprallwucht zu Boden reißen und an der weicheren Körperunterseite tödlich verletzen. In anderen Fällen kann der Waran nur eine klaffende Wunde beibringen und muss dann nochmal nachsetzen, nachdem er die blutende Beute noch eine Weile verfolgt hat. In jedem dieser Fälle spielt das Gift eine wichtige Rolle, gerade bei großen Beutetieren. Es sorgt dafür, dass binnen Minuten der Kreislauf des Opfers kollabiert. Eine beliebte Taktik bei großer Beute ist auch, mit dem Biss auf die Achillessehne des Opfers abzuzielen. Ist diese erstmal durchbissen, kann sich das Opfer nur noch schwer dahinschleppen – die weitere Tötungsarbeit ist dann für den Komodowaran ein Kinderspiel. Als Beute nehmen große Komodowarane fast alles aufs Korn, was irgendwie nach Fressen aussieht und sich bewegt: Makaken, Großfußhühner (deren Erdnester auch häufiger von Komodowaranen geplündert werden), andere Echsen, Schlangen, Schildkröten, Ziegen, verwilderte Hunde. Zu besonders beliebten Beutetieren gehören Hirsche, die relativ häufig sind, aus dem Hinterhalt leicht erlegt werden können und noch dazu reichlich Nahrung abgeben. Und manchmal, da erlegen große Komodowarane auch schon einmal einen Wasserbüffel, wie Auffenberg berichten konnte. Und die sind ja nun auch schonmal an die 320 kg schwer! Spätestens gegen eine solche Beute wird es aber auch für den Komodowaran, egal wie groß er ist, riskant. Ein Wasserbüffel kann ziemlich übel zutreten – und das kann für den Waran im schlimmsten Fall wohl durchaus auch einen gebrochenen Kiefer bedeuten.

 

Jagdszene

Bild 15: Diese Szene konnten Forscher beobachten, die im Rahmen einer Studie Komodowarane mit Peilsendern ausgestattet hatten. Eines der mit Sendern versehenen Tiere verfolgte diesen Hirsch, der zuvor von einem anderen Waran verletzt worden war und es damit versuchte, ins Meer zu flüchten. Doch der Komodowaran ist hartnäckig – und wird später den Hirsch auch erlegen. Quelle: Bull et al. 2010.

 

Aas ist natürlich leichter aufzustöbern. Es kann ja nicht mehr weglaufen oder sich mit wuchtigen Huftritten wehren. Und der Geruchssinn der Komodowarane ist ausgezeichnet – wenn der Wind günstig steht riechen sie Aas schon aus 10 km Entfernung. Deswegen ziehen größere Kadaver die Warane fast so sicher an wie Fliegen. Durch die Hierarchie, die die Tiere dann untereinander festlegen, kommt es zu einer festgelegten Reihenfolge beim Fressen – die großen, dominanteren Exemplare (meist Männchen) fressen zuerst, wenn sie satt sind die nächstgrößeren Warane und so weiter. Die Kleinsten zuletzt.

 

Komodowarane fressen ausgesprochen effektiv, egal ob sie selbst gerade etwas frisch erlegt oder nur Aas gefunden haben. Mit ruckartigen Rückwärtsbewegungen des Kopfes, oft unter Einsatz des ganzen Körpers, reißen sie Fleischbrocken ab. Gliedmaßenteile werden gepackt und dann auf den Boden geschlagen, um sie weiter auseinander zu nehmen. Letztlich werden große Nahrungsbrocken mit schlingenden Bewegungen heruntergeschluckt. Komodowarane kriegen binnen einer Woche fast alles verdaut – nur Haare, Federn, Hufe, Zähne, große Knochen und ähnliches werden schon frühzeitig wieder herausgewürgt. Ansonsten schmeckt ihnen quasi alles. Auf diese Weise werden selbst große Kadaver zu rund 70 % oder mehr verwertet. Eine Beute wie etwa ein Hausschwein kann von Komodowaranen binnen 17 Minuten zerlegt und gefressen werden. Ein großer Komodowaran kann sich bei einer richtigen Fressorgie den Bauch so richtig vollschlagen – dann kann er 70 % mehr wiegen als vorher.

 

 

Menschenfresser. Die berüchtigste Komponente des Speiseplans des Komodowarans soll eine Beute sein, die uns so richtig gruseln lässt: Wir selber. Auf so etwas reagieren Menschen bekanntermaßen ziemlich allergisch. Wenn eine Tierart auch Menschen frisst, gibt es zwei Reaktionen: Entweder kommt das Tier vollends in Verruf (was oft mit der Bejagung des Tieres und manchmal mit dessen Ausrottung endet), denn dass eine andere Art uns als Nahrung ansieht, darf es einfach nicht geben. Zu einem späteren Zeitpunkt ergibt es sich dann meist, dass das Verhalten für unnormal und unnatürlich erklärt wird, diese Art normalerweise ja gar keine Menschen frisst und so weiter, sofern es denn überhaupt wahr gewesen ist. Man bemüht sich also, den Ruf des Tieres wiederherzustellen. Auch hier ist das Motiv: Dass eine andere Art uns als Nahrung ansieht, darf es einfach nicht geben. So ist es auch beim Komodowaran. Zeitweise fürchterlich verrufen als gruseliger Menschenfresser, tendierte man später dazu, das Thema möglichst klein zu reden. Beides trug zur Mythologisierung des Warans bei. Aber wie sieht es mit den Fakten aus?

 

Vor Ort sieht es so aus, dass die Bevölkerung jetzt nicht gerade in panischer Angst vor den Komodowaranen lebt, aber durchaus einen gehörigen Respekt vor der Gefährlichkeit dieser Tiere hat. Wenn man sich etwas umhört, findet man durchaus den ein oder anderen Einheimischen, der im Verwandten-oder Bekanntenkreis ein Opfer zu beklagen hat. Diese Erfahrung hat zum Beispiel auch Auffenberg, der „God-father“ der Komodowaran-Forschung gemacht. So erzählte ihm ein Mann auf Komodo von seinem 14jährigen Sohn, der von einem großen Komodowaran aufs Korn genommen wurde, als er im Wald unterwegs war. Beim Versuch wegzulaufen, verfing sich der Junge wohl in einer Ranke. So kurz gestoppt, erwischte ihn der Waran und riss einen großen Bissen aus dem Hinterteil des Jungen. Der Junge starb dann binnen einer halben Stunde am Blutverlust. Bemerkenswert ist hier aber, dass nicht berichtet wird, dass der Junge komplett gefressen wurde. Über die Gründe kann spekuliert werden, vielleicht diente der Angriff aus Sicht des Warans nicht dem Erbeuten der nächsten Mahlzeit.

 

Ähnliche Geschichten wurden auch dem Wissenschaftsjournalisten und Buchautor David Quammen zugetragen, als dieser sich die Komodowarane in den 1990er Jahren vor Ort ansehen will, angeleitet von einheimischen Führern. So wurde ihm zum Beispiel berichtet, dass im Dorf Pasarpanjang auf Rinca ein Komodowaran ins Dorf schlich. Er versteckte sich offensichtlich unter den Stufen eines Hauses und als ein sechsjähriges Kind herausrannte, schnappte er sich es. Zwar war sofort das ganze Dorf auf den Beinen, als man das Tier aber zu packen bekam, hatte der Waran das Kind schon halb heruntergeschlungen. Der Komodowaran wurde getötet und das Kind aus den Kiefern des Tieres befreit – doch es war schon tot. Einen Tag später wurde ihm von einer Frau berichtet, die beim Schilfschneiden am Ufer eines Gewässers von einem Komodowaran am Arm gepackt wurde. Sie konnte sich losreißen und auf einen Baum flüchten, doch die rasiermesserscharfen Zähne hatten fast alles Fleisch vom Arm gerissen. Später überlebte sie dank einer Behandlung im Krankenhaus, wo sie einen Monat zubrachte.

 

Auch noch jüngere Fälle sind bekannt. 2007 etwa wurde ein neunjähriger Junge, der beim Ausbessern von Fischernetzen half, von einem fast drei Meter langen Komodowaran angegriffen. Zunächst erwischte dieser den Jungen mit den Krallen am Bein, dann bekam er ihn mit den Kiefern zu packen, schüttelte ihn hin und her, schleuderte den ihn durch die Luft und biss immer wieder zu. Als die Dorfbewohner schließlich das Tier mit Steinwürfen vertrieben, war der Junge bereits tot. Ebenso wenig Glück hatte ein Mann im Jahre 2009, der beim Sammeln von Früchten im Komodo-Nationalpark von gleich mehreren Komodowaranen attackiert wurde – ein erstaunlicher und wohl auch seltener Fall, dass die Tiere gemeinsam jagten (denn eigentlich sind Komodowarane ja Einzelgänger). Auch diesem Mann konnte nicht geholfen werden. Einer der letzten Zwischenfälle fand im Februar 2010 statt, als ein Komodowaran von mehr als zwei Metern Länge einen Parkranger auf Komodo angriff und sich im Fuß verbiss. Seine Kollegen eilten wegen der Schreie herbei und vertrieben die große Echse mit Stockschlägen. Das Opfer musste, nachdem es mehrere tiefe Fleischwunden erlitten und wohl auch Gift abbekommen hatte, stationär im Krankenhaus behandelt werden, überlebte aber.

 

Was sagen solche Berichte aus? Nicht immer ist die Intention der Komodowarane klar erkennbar. In manchen Fällen war der Angriff vielleicht der Verteidigung eines Brutplatzes geschuldet. Oder das Tier fühlte sich in die Enge gedrängt (in dem Falle drohen die Tiere vorher oder schlagen mit dem Schwanz um sich). Aber manche Angriffe mögen wirklich der Jagd gedient haben. Wenn Menschen auf Komodo, Rinca oder Flores verschwinden, verdächtigt man gerne die Warane. Unterm Strich ist die Zahl der Attacken zwecks Nahrungsbeschaffung wohl eher klein – es gibt nur sehr wenige Berichte, die ganz klar einen unprovozierten Angriff dokumentieren. Es bleibt aber eben auch die Erkenntnis: Komodowarane greifen manchmal Menschen an und zumindest teilweise fressen sie dann auch ihre Opfer. Das ist aber eben – so sehr es uns gruselt – nichts so fürchterlich Besonderes: Für den Waran ist das dann wie ein Angriff auf eine x-beliebige andere Beute von passender Größe. Gerade Kinder bieten sich größenmäßig und von der Wehrhaftigkeit als leichte Beute an, sie sind in einem recht großen Teil der Berichte auch die Opfer. Andererseits liefern sie – nüchtern betrachtet – nicht so viel Fleisch wie ein Hirsch. Jedenfalls denkt sich ein Komodowaran da nix bei. Die einzigen, die komplexbehaftet dieses Verhalten entweder verteufeln oder wegdiskutieren wollen sind – wir. Sogar Auffenberg ist in diese Rolle verfallen und glaubte, die wenigen Exemplare, die wirklich Menschen gefressen haben, wären abnormale und unnatürlich aggressive Vertreter ihrer Art gewesen. Nach seiner Schätzung sind vielleicht zwei von 100 Komodowaranen mutig genug, Menschen aufs Korn zu nehmen. Recht hat Auffenberg allerdings schon, wenn er sagt, dass verteufeln fehl am Platz sei. Die Menschen auf Komodo (Einwohner: etwa 2000), Rinca (etwa 1000 Einwohner) und den anderen Inseln haben längst gelernt entsprechend vorsichtig zu sein und einen Bogen um allzu dreiste und kühne Warane zu machen. Wohl mit Grund, warum es so wenige Angriffsopfer gibt. Unbeliebt sind die Komodowarane eigentlich mehr wegen der Haustiere, die sie ab und an reißen, etwa Ziegen. Die meisten kleineren Komodowarane sind selber auch eher scheu und weichen dem Menschen aus.

 

Bild 16: Auf Komodo eine Touristenattraktion: Die Fütterung der drachenartigen Riesenechsen mit Ziegen. Quelle: blick.ch/Schweizer Illustrierte.

 

Die andere Seite: Der gefährdete Touristenmagnet. Doch die Interaktion zwischen Menschen und Komodowaranen beschränkt sich nicht auf einige unrühmliche Zusammenstöße, die einer der beiden Seiten den Tod bringen. Für die Menschen auf den von Komodowaranen bewohnten Inseln, vor allem auf Komodo, bedeutet der Komodowaran auch eines: Bares Geld.

 

Der Komodowaran ist eine Attraktion. Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden sie zu Attraktionen in den europäischen und amerikanischen Zoos, wo man feststellte, dass die Tiere erstaunlich zutraulich werden können (sie bleiben aber nichtsdestotrotz durchaus auch gefährlich, 2001 etwa gab es einen Bissunfall im Zoo von Los Angeles, der den Ehemann von Sharon Stone – ja, genau die – fast einige Zehen gekostet hätte).

 

Heute sind Komodowarane längst nicht mehr in so vielen Zoos vertreten wie einst. Dafür hat man sie als Attraktion inzwischen in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet erschlossen. 1980 wurde der Nationalpark Komodo gegründet, erst als Schutzgebiet nur für den Waran, inzwischen für die gesamte Flora und Fauna vor Ort. Der Park umfasst Komodo, Rinca, Padar und ein paar kleinere Inselchen. Auf den Inseln leben alles in allem etwa 3000 bis 4000 Menschen. Mit der Gründung des Nationalparks kamen die ersten Touristen. Und was wollten die Touristen vor allem sehen? Richtig, die riesigen Echsen. Auf Komodo selbst wurden mehrere sogenannte „viewing sites“ eingerichtet: größere Freiflächen im Buschwerk, an dessen Rand eine Art eingezäunter Zwinger erbaut ist. Dieser bietet den Touristen Schutz. Denn auf der freien Fläche werden dann tote Ziegen für die Komodowarane angeboten. Diese haben schnell gelernt, wo es regelmäßig etwas zu holen gibt und finden sich daher stets in größeren Pulks zu diesen „viewing sites“ ein. Man kann dann beobachten, wie die Tiere die Ziegen zerlegen, zerreißen und verschlingen. Natürlich gegen Entgeld. Zwar gab es immer wieder Debatten darüber, ob die Komodowarane durch diese Fütterungen Menschen mit Nahrung verbinden und in der Folge aggressiver werden und eher einen Menschen anfallen. Doch gab es dafür bisher keinen ernsthaften Hinweis. Und außerdem sind die Einnahmen durch den darauf aufbauenden Tourismus einer der Dreh-und Angelpunkte der lokalen Wirtschaft. Die Touristen sind meistens in Hotels auf Flores oder anderen Inseln untergebracht und werden mit Fähren als Tagesausflug nach Komodo gebracht. Fährbesatzungen und Parkwächter sind dadurch in Lohn und Brot. Die Einheimischen verkaufen die Ziegen für die Fütterungen. Die wirtschaftliche Bedeutung des Spektakels ist in der Tat nicht zu unterschätzen: Auf dem Höhepunkt des Komodowaran-Tourismus in den 1990er Jahren kamen jährlich zehntausende Touristen aus Europa, Amerika und Australien und ließen in manchen Saisons mehr als eine Million Dollar auf der Insel (allerdings kam das Geld nicht in gleichem Maße bei allen Teilen der Bevölkerung an – aber dafür kann der Waran ja nix). Inzwischen haben sich die Touristenzahlen bei durchschnittlich 20000 jährlich eingependelt.

 

Nur wenige Touristen freilich kamen in den Genuss von wesentlich direkteren Freilandbeobachtungen. Die dann unter Umständen sogar noch beeindruckender sein konnten als eine Horde Warane, die ein paar Ziegen zerlegen. Ein Beispiel dafür schilderte der bereits genannte Autor David Quammen, der in Geleit eines Nationalparkangestellten die Umgebung einer „viewing site“ erkundete. Ich zitiere hier einfach mal seine Schilderung aus dem Buch „Der Gesang des Dodo“:

 

„Wir bemerken, dass sich unmittelbar vor uns im Gestrüpp etwas bewegt. Dann wird ein außerordentlich großer Komodo sichtbar, den wir durch unser Vordringen aufgestöbert haben, und klettert die senkrechte Front der Klippe hinauf, wie ein Alligator, der an der Fassade eines vierstöckigen Gebäudes hochstürmt. Steinbrocken brechen ab und poltern herab. Mir bleibt der Mund offenstehen.

 

 

Wir sehen zu, wie der Komodo sich aus dem Staub macht. Was mögen seine genauen Maße sein? Spräche nicht alles dafür, dass mich die Suggestion von Energie und Stärke in die Irre führt, die von ihm ausgeht, ich würde ihn auf vier bis viereinhalb Meter Länge und rund 360 Pfund Gewicht schätzen. Ich lasse es jedoch lieber bleiben, denn mehr als ungefähr drei Meter und 180 Pfund konzediert mir Walter Auffenberg ohnehin nicht. Also gut, drei Meter und 180 Pfund – aber, um Himmels willen, das Biest galoppiert eine Felswand hinauf.

 

Ich hebe rechtzeitig das Glas, um zu sehen, wie der Komodo den Scheitelpunkt erreicht. Er hält dort an, hebt sich als riesige Reptiliensilhouette gegen den strahlend hellen Himmel ab. Dann ist er hinüber und verschwindet aus unserem Blickfeld.“

 

Bei allem Pathos und aller Kritik, die es etwa an den Ziegenfütterungen gab: Diese Form des Tourismus ist die Grundlage für eine momentane Koexistenz von Komodowaran und Mensch. Denn auch der Komodowaran steht unter Druck. Die IUCN stuft ihn als gefährdet ein, seit 10 Jahren wird aber auch debattiert, die Art als stark gefährdet einzustufen. Das Washingtoner Artenschutzabkommen listet den Komodowaran in Anhang I, womit der Handel mit lebenden Tieren, aber auch Körperteilen dieser Art verboten ist (außer man besitzt eine spezielle Genehmigung). Der direkte Jagddruck auf Komodowarane ist zwar eher gering. Aber die Menschen verändern die von den Waranen bewohnten Lebensräume – unter anderem durch Brandrodungen für neues Ackerland. Dieses Problem ist vor allem auf Flores verbreitet. Auf den kleineren Inseln sorgte Bejagung durch den Menschen für einen Mangel an den so wichtigen Beutetieren wie Hirschen und Wildschweinen. Es wird vermutet, dass dies auch der Grund für das Aussterben der Population auf der Insel Padar war. Dort vermuten manche Einheimische allerdings auch, dass die letzten Komodos erst 1991 in Folge eines großen Buschfeuers verschwanden. Was in beiden Fällen auf menschliche Eingriffe zurückgehen durfte. Die Ranger des Nationalparks versuchen seit Jahren vergeblich, die Wilderei effektiv einzudämmen. Entsprechend gehen die Bestände zurück. Auf Komodo selber lebten noch in den 1990er Jahren rund 2500 Exemplare, im Jahr 2002 schätzte man den dortigen Bestand auf 1700 Exemplare. Ebenfalls 2002 schätzte man den Bestand auf Flores auf etwa 2000 Tiere, inzwischen befürchtet man, dass der dortige Bestand auf rund 500 Tiere geschrumpft ist. Auf Rinca ist der Bestand dagegen zwischen den 90er Jahren und 2002 leicht gewachsen, auf etwa 1300 Tiere. Auf Gili Motang und Gili Dasami leben jeweils etwa 100 Komodowarane.

 

Diese Lage ist natürlich bedenklich. Der Tourismus sichert immerhin, dass die Bevölkerung ein grundsätzliches Interesse daran hat, dass diese Tiere nicht ganz verschwinden. Daher ist er so wichtig. Gerade vor dem Hintergrund, dass der Platz für die Komodowarane begrenzt ist: Die Art lebt schließlich auf Inseln. Wo der Tourismus nicht so gut läuft, schlägt den Tieren eher schon einmal Wut entgegen, wenn es wieder einen Zwischenfall gab. So auf Flores, wo nach gelegentlichen Angriffen auf Menschen Rufe laut werden, die Behörden mögen das Problem doch lösen – was im Zweifel nur bedeuten kann, die Komodowarane zu eliminieren. Im Westen von Flores gibt es auch für die großen Echsen Schutzgebiete. Sobald sie diese verlassen, dürfen sie aber nicht mit viel Gegenliebe rechnen. Für die Komodowarane besteht die Gefahr, dass diese Schutzgebiete am Ende zu einer Insel auf einer Insel werden.

 

Eine kleine Population gibt es aber auch immer noch in Gefangenschaft. Dort wird seit einiger Zeit versucht ein Nachzuchtprogramm aufzubauen, um die Wildbestände zu unterstützen. Die erste Nachzucht außerhalb von Indonesien gelang 1992 im Smithsonian National Zoological Park.

 

Warum so groß? Kommen wir an dieser Stelle zum letzten großen Geheimnis der Komodowarane. Warum werden sie so groß? Diese Frage hat die Wissenschaft in der Tat eingehend beschäftigt. Offenkundig ist jedenfalls, dass die Größe nicht ganz unabhängig von äußeren Umständen ist. Zwei Umstände scheinen besonders nicht nur die Populationsgröße, sondern auch die Körpergröße des Komodowarans zu beeinflussen: Die verfügbare Fläche bewohnbaren Lebensraums und die verfügbare Nahrung. Beide Faktoren sind uns bereits immer wieder und wieder begegnet, vor allem bei räuberischen Arten – und sie werden uns immer wieder begegnen.

 

Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass Komodowarane auf größeren und an Beutetieren reicheren Inseln auch größer werden. Diese Feststellung erscheint schon fast zu banal. An sie gekoppelt ist aber auch die Tatsache, dass eine Insel unterhalb einer bestimmten Größe oder unterhalb eines bestimmten Angebots an Beutetieren unbewohnbar für die Warane wird. Beides hängt auch oft zusammen, muss aber nicht. Padar scheint ein Beispiel zu sein, wo der Verlust der Beutetiere maßgeblich zum lokalen Aussterben der Art beitrug. Ansonsten ist es so, dass es eine große Anzahl kleiner Felsen und Inselchen zwischen Komodo und Flores gibt, die auf den ersten Blick einfach wie eine kleinere Version von Komodo wirken – aber nicht durch Komodowarane besiedelt sind. Sie sind zu klein um genügend Beutetiere für eine stabile Komodowaran-Population zu beherbergen und damit für die Komodowarane unbewohnbar. Dieser Zusammenhang lässt sich deutlich nachvollziehen, wenn man jede dieser Inseln besucht und es sich selbst anschaut – David Quammen hat dies für seine Buchrecherchen beispielsweise getan. Zu den kleinsten Arealen mit einer Komodowaran-Population gehört Gili Motang – die Insel ist grade einmal 9 Quadratkilometer groß. Irgendwo unterhalb dieses Wertes liegt die Mindestanforderung für Komodowarane. Es fällt auf, dass kleinere Inseln in dem Gebiet auch keine Hirsche und Wildschweine haben. Komodowarane brauchen aber Beute in dieser Größenordnung. In der Tat weiß man – und kann dies mit zahlreichen Statistiken und sogar Formeln belegen -, dass die Artenvielfalt auf einer Insel von der Fläche abhängig ist und mit der Artenvielfalt steigt auch die Chance auf größere Arten und damit auf einen großen Räuber. Die größten und stabilsten Komodowaran-Populationen (mal abgesehen von Flores) finden sich auf den beiden größten Inseln – Rinca mit rund 200 Quadratkilometer und Komodo hat 390 Quadratkilometer. Der anscheinend aufgetretene Bestandsverlust auf Flores hängt dort nicht mit der Inselgröße zusammen, sondern mit der größeren menschlichen Bevölkerung.

 

Die Größenvariation zwischen den Komodowaranen verschiedener Inseln wurde 2006 näher untersucht. Sie ist in der Tat auffällig. Zunächst einmal hatten die beiden kleineren Inseln Gili Motang und Gili Dasami (Nusa Kode) eine geringere Dichte an Hirschen als Komodo und Rinca. Dies korrelierte sehr gut damit, dass die Komodowarane auf Komodo und Rinca deutlich größer wurden. Hirsch-Dichte? Diese wurde von den Forschern ermittelt, indem man die auffindbaren Hirschfäkalien entlang von 150 m langen Messstrecken zählte. Mehr Hirsche produzieren mehr Scheiße, vereinfacht gesagt. Auf Gili Motang erhält man davon ausgehend nur einen Indexwert von 5,86. Auf Komodo ist es ein Wert von 20,73. Plus minus ein wenig Standardabweichung. Diese riesigen Unterschiede in der Dichte des vielleicht wichtigsten Beutetieres für große Komodowarane schlagen sich anscheinend direkt in der Körpergröße der Tiere wieder. Die größten 15 % der Komodowarane auf Komodo besitzen eine um rund 33 % größere Kopf-Rumpf-Länge als die größten 15 % der Tiere auf Gili Motang. Der Unterschied bei der Körpermasse (sprich: Dem Gewicht) ist sogar noch größer.

 

GrößenvariationBeutedichte

Bild 17: Diese Grafiken zeigen sehr schön den Zusammenhang zwischen der Größe der größten 15 % von Komodowaranen auf verschiedenen Inseln (a: ausgedrückt als Kopf-Rumpflänge; b: ausgedrückt als Masse in kg) und der über gezählte Kotspuren entlang von Messstrecken (Transects) ermittelten Bestandsdichte der Hauptbeute, dem Hirsch. Quelle: Jessop et al. 2006.

 

Solche Effekte sind auch von anderen Reptilien bekannt und sind auf Inseln durch deren Isolation besonders auffällig. In der Tat lässt sich die Isolation der verschiedenen Komodowaran-Populationen auch genetisch nachweisen. Die genetischen Unterschiede zwischen Tieren von einer Insel sind geringer als zwischen Exemplaren, die etwa von Komodo und Rinca stammen. Und auch hier gibt es markante Muster, die auf die Inselgröße zurückgehen! Die genetische Variabilität ist auf Gili Motang und Gili Dasami nämlich extrem gering – anscheinend gehen die dortigen Populationen auf nur wenige Stammtiere zurück. Auf Flores, Komodo und Rinca dagegen gibt es eine größere genetische Vielfalt innerhalb der Art. Sie bilden eindeutig einen größeren Querschnitt der ursprünglichen zusammenhängenden Population aus Zeiten ab, als ein niedrigerer Meeresspiegel noch für Verbindungen zwischen den Inseln sorgte. In Falle etwa von Gili Motang wird man vermutlich durchaus fragen können, ob die Population nicht vielleicht auf ein Weibchen, das sich parthenogenetisch fortpflanzte, zurückgeht, kombiniert mit späteren gelegentlichen Auffrischungen durch Zuwanderung von außerhalb.

 

Aber zurück zur Größe. Die bisherigen Ausführungen klären eigentlich vor allem erstmal die Frage, warum Komodowarane nicht eigentlich noch größer werden, als sie es ohnehin schon sind. Auf Komodo, Rinca und Flores erreichen sie ihre maximale Größe, weil dort die Lebensbedingungen am optimalsten sind. Und weil sie dort die einzigen großen Raubtiere sind. Ist eine Insel kleiner, bleiben sie kleiner. Die andere Frage lautet: Warum aber werden diese Biester denn überhaupt größer? Andere Warane sind kleiner (oder zumindest leichter gebaut).

 

Schon Auffenberg hat sich an diesem Problem abgearbeitet. Der Komodowaran unterliegt wie jedes Raubtier der schlichten Tatsache, dass eine größere Körpergröße erst einmal Vorteile bei der Jagd bietet (das Beutespektrum wird erweitert, mehr Kraft etc.), ab einem bestimmten Punkt aber wieder zur Last wird – wenn die Größe das Raubtier auf unterschiedlichste Weise zu sehr behindert. Ab dem Punkt wird man dann entweder reiner Aasfresser oder stirbt aus. Auffenberg stellte durchaus korrekt fest, dass die Hirsche auf Komodo in kleinen Herden leben, die es einem großen Hinterhaltjäger, wie der Waran einer ist, ermöglichen effizienter von ihnen zu leben, als wenn die Hirsche nur als Einzelgänger umherstreunen würden. Da schimmert bereits der 2006 untersuchte Zusammenhang zwischen der Größe und der Beutedichte durch. Aber Auffenberg stellte ebenfalls fest, dass die Hirsche und selbst die Wildschweine auf den Inseln erst seit einigen tausend Jahren dort leben – der Mensch hat sie hierhergebracht. Da war der Komodowaran aber bereits so groß. Die Hirschherden können also nicht der Grund sein, warum sich diese Art zu so etwas großem entwickelt hat. Auffenbergs Theorie: Der Komodowaran wurde so groß, weil im Pleistozän zwei Arten verzwergter Elefanten auf den Inseln lebten (sie sind uns bereits beim Flores-Mensch (Homo floresiensis) kurz begegnet). Diese hätten seine Hauptbeute dargestellt und nur ein großer und kräftiger Jäger hätte sie erbeuten können.

 

Eine andere einfachere Theorie besagt, dass der Komodowaran einfach eine typische Inselart ist. Auf Inseln verzwergen bekanntlich manche auf dem Festland große Arten – wir sprachen beim Flores-Menschen darüber. Und auf dem Festland kleine Arten werden dafür deutlich größer. Der Komodowaran galt vielen als Paradebeispiel dafür. Hier möchte jetzt aber ein riesiges „aber“ anfügen. Mal abgesehen davon, dass diese sogenannte Inselregel in jüngerer Zeit wiederholt angegriffen wurde, etwa in einer Studie aus dem Jahr 2007 (denn nicht alle Tiergruppen halten sich an diese vermeintliche Regel und was in der Natur beobachtet werden kann ist häufig wesentlich komplexer als eine solche Regel, so schön sie auch klingt), setzen diese Thesen immer eines voraus: Dass der Komodowaran auf Komodo oder Rinca oder Flores, eben da, wo wir ihn heute vorfinden, entstanden ist und seine Größe entwickelt hat. Aber: Stimmt das denn überhaupt? Man ging immer einfach irgendwie davon aus, doch es muss gelten: Überprüfe immer zuerst die eigenen Annahmen.

 

Denn seine Herkunft war in Wirklichkeit das große Geheimnis des Komodowarans.

 

Gar kein Einheimischer – und ein letztes Refugium. Ein neuer Ansatz, der die Größe des Komodowarans erklärt, wurde zwischen den Jahren 2000 und 2010 entwickelt. Erste Hinweise ergaben sich aus phylogenetischen Analysen sowohl auf morphologischer wie auf molekularer Basis, die die genauen verwandtschaftlichen Beziehungen zu anderen Waranarten klärten. Dabei fand man heraus, dass der Komodowaran einer von vier Waranarten ist, die besonders eng miteinander verwandt sind und einen gemeinsamen Ahnen gehabt haben. Die anderen drei Arten sind der Buntwaran (Varanus varius), der Papuawaran (Varanus salvadorii) und die ausgestorbene Art Varanus priscus, die unter ihrem Synonym Megalania prisca berühmt wurde. Alle diese Arten sind ausgesprochen groß und werden wenigstens 2 m lang. Zumindest Varanus priscus wird wohl auch ein Großwildjäger ähnlich wie der Komodowaran gewesen sein. In dieser Gruppe aus vier Arten scheint eine Tendenz zu größeren Abmessungen vorzuliegen, die diesen Arten wahrscheinlich ein breiteres Beutespektrum eröffnete. Das allein schon bedeutet, dass die außerordentliche Größe des Komodowarans wahrscheinlich nicht das Leben auf einer Insel zur Ursache hat.

 

Damit verbunden ist dann aber die Frage: Wo entwickelten diese Warane ihre Größe? Der Verdacht der Forscher fiel auf – Australien. In Australien lebt heute noch der Buntwaran, Varanus priscus lebte auch dort und der Papuawaran lebt auf Neuguinea. Der Komodowaran lebt heute westlich davon. Sollte der Komodowaran aus Australien zugewandert sein? Eine gewagte Idee, für deren Nachweis es eines bedarf: Fossilien! Und? Nun, die gibt es in der Tat!

 

Es sind die ältesten bekannten Fossilien, die man dem Komodowaran zuordnen kann: Einzelne Knochen und Knochenfragmente, die man überwiegend an drei Lokalitäten in Queensland gefunden hat. Also in Australien, ziemlich weit weg von Komodo. Die Funde umfassen Wirbel (gefunden etwa bei Bluff Downs, Chinchilla und Mount Etna), Schädelteile und Kieferreste (Chinchilla und Mount Etna) und sogar Gliedmaßenreste (Mount Etna). Wohlgemerkt: Es handelt sich nicht etwa um die Fossilien eines nahen Verwandten des Komodowarans, sondern um die Überreste dieser Art selbst, also um echte Komodowarane. Zusammen mit anderen Fossilfunden etwa auf Timor und Flores und deren Datierung ergibt sich ein klares Muster: Der Komodowaran tauchte zuerst in Australien auf, war dort bereits recht groß und breitete sich dann nach Norden aus – über die Landbrücken, die zu Zeiten der pleistozänen Vereisungen aufgrund des niedrigen Meeresspiegels Australien mit der indonesischen Inselwelt verbanden. Später dann, die Eiszeit fand ihr Ende und der Meeresspiegel stieg wieder und überspülte die vormaligen Landverbindungen, starb der Komodowaran in weiten Teilen seines Verbreitungsgebietes aus – auch in Australien. Das heutige Verbreitungsgebiet ist lediglich ein Relikt, ein letztes Refugium!

 

HumerusAustral

Bild 18: Funde wie diese belegen die Existenz des Komodowarans in Australien bereits vor mehreren Millionen Jahren. A und B zeigen das Bruchstück eines linken Humerus (Oberarmknochens), gefunden bei Chinchilla in Queensland. Zum Vergleich der linke Humerus eines heutigen Komodowarans in selber Blickrichtung. Markiert ist die typische markante Vertiefung für den Ansatzpunkt des Latissimus dorsi-Muskels (lat dors) – dieser kräftige Muskel zieht von diesem Ansatzpunkt an der Oberseite des Humerus zur Körperseite und zieht das Vorderbein nach hinten zum Körper hin. Maßstab: 1 cm. Quelle: Hocknull et al. 2009.

 

Dies wiederum bedeutet: Der Komodowaran ist nicht wegen seines Lebens auf Inseln so groß. Sondern aus anderen Gründen. Evolutionär liegen die Vorteile auf der Hand: Weniger eigene Feinde, neues Beutespektrum wird erschlossen. Und trotzdem gibt es den Komodowaran heute nur noch in einem letzten Refugium. Da stellt sich die Frage nach dem Warum. Warum ist die Art in ihrer ursprünglichen Heimat Australien ausgestorben? Eine klare Antwort darauf gibt es derzeit nicht. Der Komodowaran und sein naher Verwandter Varanus priscus bildeten dort die beiden Topräuber. Ihr Verschwinden dort scheint mehr oder weniger mit dem Aussterben zahlreicher anderer größerer Tierarten zusammenzufallen. Dies weist mindestens auf massive Umweltveränderungen hin; manche glauben auch, die Einwanderung des Menschen sei der entscheidende Faktor gewesen.

 

Eine bemerkenswerte Implikation ergibt sich auch aus der Interpretation der weiter oben erwähnten Funde aus Java. Würden sie zum Komodowaran gehören würde dies bedeuten, dass diese Art die Wallace-Linie überschritten hätte – jene Linie zwischen den Inseln Bali und Lombok, die eine markante Grenze zwischen der eher asiatisch geprägten Fauna im Westen und der eher australisch geprägten Tierwelt im Osten darstellt. Nur wenige Arten konnten diese Grenzlinie jemals überschreiten, sicher nachgewiesen ist es nur für einige Käfer (und auch das erst seit etwa einem Jahr) und die Ahnen des Flores-Menschen (Homo floresiensis). Selbst zur Eiszeit bestand zwischen Bali und Lombok eine deutliche Trennung durch das Meer. Die Inseln Flores, Timor und Komodo waren zwar auch zur Eiszeit von Australien noch von Meeresarmen getrennt, doch diese waren sehr flach und konnten auch vom Komodowaran überwunden werden. Nach Stand der Dinge gelang ihm dies nicht mit der Wallace-Linie. Sollte sich doch noch das Gegenteil herausstellen, wäre dies überaus verblüffend.

 

LeipzigerZoo1

Bild 19: Dieser Komodowaran aus dem Zoo Münster wirft uns noch einen letzten Blick zu. Dieses Bild machte dankenswerterweise Marina Spann.

 

 

 

Literatur.

 

 

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