Pirats Bestiarium: Lythronax argestes

Lythronax argestes Loewen, Irmis, Sertich, Currie & Sampson, 2013

 

Namensbedeutung. Manche Forscher haben durchaus einen Hang zur blühenden Fantasie. Wenn sie dann noch so faszinierende Biester wie Tyrannosaurier erforschen, dann kann das schon mal so manche Blüte treiben. Tyrannosaurier – damit verbinden nicht nur Laien blutrünstige drachenartige Raubtiere. Und so besteht der Gattungsname dieses Tyrannosauriers aus den griechischen Wörtern „lythron“ (= geronnenes Blut, schmutziges Blut) und „anax“ (=König). Er bedeutet also in etwa „König des geronnenen Blutes“, was in der englischen Übersetzung „Gore King“ nochmal ein wenig poetischer klingt (und schwer so, als habe das ein Metal-Fan erfunden). Der Artname ist weniger blutrünstig, aber auch aus dem Griechischen: Argestes war bei Homer der Südwestwind – und so verweist der Name auf die Herkunft dieses Tieres aus dem Südwesten der USA.

 

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Deuterostomia; Chordata; Craniota; Vertebrata; Gnathostomata; Eugnathostomata; Osteichthyes; Sarcopterygii; Rhipidistia; Elpistostegalia; Stegocephali; Tetrapoda; Reptiliomorpha; Amniota; Reptilia; Eureptilia; Romeriida; Diapsida; Neodiapsida; Sauria; Archosauromorpha; Archosauriformes; Archosauria; Ornithotarsi; Ornithodira; Dinosauromorpha; Dinosauria; Saurischia; Theropoda; Neotheropoda; Averostra; Tetanurae; Orionides; Avetheropoda; Coelurosauria; Tyrannoraptora; Tyrannosauroidea; Tyrannosauridae; Tyrannosaurinae; Lythronax.

 

Was ist das? Mal keine große Baustelle in Sachen Phylogenie, über die ich mich hier auslassen müsste. Dabei war das noch vor nicht einmal 20 Jahre deutlich anders – gerade bei den Theropoden gab es viele Baustellen. Doch von denen wurden etliche – vor allem die Schlimmsten – in den letzten Jahrzehnten abgearbeitet. Intensive phylogenetische Studien und neue Funde halfen zahlreiche Probleme zu lösen. Aber auf einen wichtigen Umstand, der sich dabei heraus kristallisierte möchte ich hinweisen. Die Position der Tyrannosaurier – zu denen neben Lythronax argestes eben auch der berühmte Tyrannosaurus rex gehört – innerhalb der Theropden (also der räuberisch lebenden Dinosaurier einschließlich der Vögel) entpuppte sich als kleine Überraschung. Klassischerweise sah man die großgewachsenen massigen Tyrannosaurier als den Höhepunkt einer Entwicklungslinie schwergewichtiger Theropoden, die man Carnosauria nannte. Diese standen einer Linie kleiner, leicht gebauter Raubsaurier, den Coelurosauria gegenüber. Soweit die klassische Idee. Wie sich dann aber herausstellte, war es nicht so einfach. Innerhalb der Theropoden war die Körpergröße ein sehr variabler Faktor – in der gleichen Entwicklungslinie konnte es sowohl große, massige Arten geben wie auch kleine, leichtgebaute. Und so entpuppten sich die Tyrannosaurier als waschechte Coelurosaurier, die von leichtgebauten Vertretern abstammten und vor allem erst gegen Ende ihrer Karriere großwüchsige Formen hervorbrachten. Inzwischen weiß man, dass diese Entwicklungslinie, benannt als Tyrannosauroidea, wesentlich formenreicher war als man früher geahnt hat. Die Tiere sind als Coelurosaurier entfernte Verwandte der Vögel und bei wenigstens zwei Arten der Tyrannosauroidea hat man inzwischen filamentartige Protofedern nachgewiesen. Innerhalb der Gruppe gehört Lythronax argestes zu den am höchsten abgeleiteten Vertretern rund um Tyrannosaurus rex. Dabei ist Lythronax argestes deren ältester bekannter Vertreter, allerdings nicht der im Stammbaum basalste.

 

Fundorte. Bisher ist Lythronax argestes nur von einer Fundstelle her bekannt. Sie liegt nahe dem kleinen Hügel Nipple Butte, keine 20 km vom Lake Powell entfernt in Kane County im Süden des US-Bundesstaates Utah. Das Gebiet ist Teil des Grand Staircase-Escalante National Monument.

 

Bild 1: Der Nipple Butte. Ich überlasse es der Fantasie des Lesers, den Nippel zu finden. Quelle: http://www.panoramio.com / Eliot Garvin.

 

Fundort

Bild 2: Der Fundort (A) von Lythronax argestes liegt im Südwesten der USA im Bundesstaat Utah. Quelle: entnommen aus Google-Maps.

 

 

Datierung. Die Schichten, in denen die Knochen von Lythronax argestes gefunden wurden, gehören zum mittleren Teil der Wahweap-Formation, die zeitlich in das Campanium (oder kurz oft: Campan; vor etwa 83,6 bis 72,1 Millionen Jahren) eingeordnet wird. Das Campanium ist eine Stufe der Periode der Kreide (vor etwa 145 bis 65 Millionen Jahren (65 Millionen Jahre ist die klassische Angabe, einige neuere Arbeiten datieren das Ende der Kreide auf 66 Millionen Jahre vor heute)). In diesem Falle lässt sich der Fund aber noch genauer einordnen. Denn die Fundschicht liegt glücklicherweise genau zwischen zwei vulkanischen Aschebetten. Diese konnten mit Hilfe der Messung von Mengenverhältnissen von radioaktiven Isotopen (in dem Falle der beiden Argon-Isotope 40Ar und 39Ar, wobei ersteres stabil, letzteres instabil ist) ziemlich genau datiert werden. Das untere (ältere) Aschebett wurde auf ein Alter von 80,6 +/- 0,15 Millionen Jahre vor heute datiert, das obere (jüngere) Aschebett auf ein Alter von 79,9 +/- 0,3 Millionen Jahre vor heute. Lythronax argestes lebte also in der Zeitspanne zwischen beiden Aschebetten, womit sich seine Zeit immerhin auf wenige Hunderttausend Jahre genau eingrenzen lässt.

 

Ein unvollständiger Fund. Einen neuen Tyrannosaurier zu finden ist auch heute noch für Forscher eine aufregend und bemerkenswerte Sache. Und wenn es dann sogar eine neue Art ist – da kann man auch damit leben, wenn das Skelett nur unvollständig erhalten ist. Es kann einem ja trotzdem eine Menge verraten. So war es auch bei dieser Neuentdeckung.

 

Gefunden wurde Lythronax argestes an einer Fundstelle, die unter der Ägide des Natural History Museum of Utah (UMNH) steht – als UMNH VP Locality 1501. Sie liegt in Sichtweite des Nippel Butte, der seinen Namen tatsächlich deshalb hat, weil er entfernt an einen Nippel erinnert. Dort wurden die Überreste im Jahr 2009 entdeckt. Die anschließende sorgfältige Ausgrabung dauerte beinahe ein Jahr.

 

Man würde sich ja freuen, wenn es wenigstens ein vollständiges Skelett gewesen wäre, aber leider war vor allem das Körperskelett nur sehr unvollständig erhalten: Eine Rippe, ein Chevron (so nennt man die Y-förmigen länglichen Knochen, die in einer Reihe unterhalb der Schwanzwirbelsäule sitzen und dort eine Stützfunktion haben), vom Becken beide Schambeine (Pubis, Mehrzahl Pubes), das linke Schienbein (Tibia) und das linke Wadenbein (Fibula) sowie zwei linke Mittelfussknochen (die Metatarsalia II und IV). Besser erhalten waren der Schädel und der Unterkiefer, von denen große Teile erhalten sind. Der Schädel lässt sich dadurch relativ umfassend rekonstruieren; bei der Rekonstruktion des Körpers gehen die Forscher derzeit davon aus, dass dieser im Großen und Ganzen dem Körperbau anderer Tyrannosaurier glich. Demnach hätte auch Lythronax argestes zum Beispiel relativ kurze Arme mit nur zwei Fingern gehabt und der Körper wurde von zwei kräftigen Hinterbeinen getragen, ausbalanciert durch einen muskulösen Schwanz. Betrachten wir uns aber das, was bekannt ist etwas näher.

 

Schädel

Bild 3: Die Schädelreste und die Rekonstruktion des Schädels von Lythronax argestes (Inventarnummer des Fundes: UMNH VP 20200). A: zeichnerische Rekonstruktion des Schädels; links von der Seite, rechts von oben. B: Darstellung welche Schädelelemente erhalten sind und welche nicht. Links: linke Seite. Mitte: von oben. Rechts: rechte Seite. Farbig unterlegt sind die erhaltenen Schädelteile. Fehlende Teile sind verwandten Arten nachempfunden. C bis J: Einige der gefundenen Schädelteile, links ist jeweils vorne, rechts hinten. C: Maxillare (Oberkiefer), mit Zähnen. Oben in Seitenansicht, darunter Ansicht von unten (Blick auf die Zahnreihe). D: Nasale (Nasenbein). Oben von der Seite, darunter in Aufsicht. E: Frontale (Stirnbein) und Laterosphenoid, oben von der Seite, unten in der Aufsicht. Der Laterosphenoid ist ein Knochen der Hirnkapsel, der nur bei Archosauriern (Krokodile, Dinosaurier inklusive Vögel und Verwandte) ausgebildet ist. F: Jugale (Jochbein), oben von der Seite, darunter von unten. G: Quadratbein (Quadratum), der obere Teil des Kiefergelenks, in Seitenansicht (linke Seite). H: Surangulare, der obere Knochen des hinteren Unterkieferabschnitts, in linker Seitenansicht. I: Präartikulare, ein weiterer Knochen des Unterkiefers und zwar von der Innenseite des hinteren Unterkieferrandes. Ebenfalls in linker Seitenansicht. J: Dentale (der vorder, zahntragende Unterkieferknochen), von der Seite und von unten. Maßstäbe der Teilabbildungen A und C bis J repräsentieren jeweils 10 cm. Für B gilt der 50 cm-Maßstab. Quelle: Loewen et al. 2013.

 

Kopfrekonstruktion

Bild 4: Eine Lebendrekonstruktion des Kopfes von Lythronax argestes. Quelle: M. Loewen; http://phenomena.nationalgeographic.com/2013/11/06/all-hail-the-gore-king/ ; Künstler: L.Panzarin.

 

 

Ein genauerer Blick. Der Schädel von Lythronax argestes erinnerte im Gesamthabitus durchaus an den Schädel seines berühmteren Verwandten Tyrannosaurus rex. Markant war die relativ kurze Schnauze, die nur etwas mehr als die Hälfte der gesamten Schädellänge betrug und auch relativ schmal war. Die erhaltenen Unterkieferknochen zeigen außerdem, dass der Unterkiefer im hinteren Bereich deutlich höher wurde, was zusätzliche Ansatzpunkte für die kräftige Muskulatur bot. Von oben betrachtet wurde der Schädel auch im hinteren Bereich breiter – die Breite betrug mehr als die Hälfte der Schädellänge. Dadurch waren die Augenhöhlen deutlich nach vorne orientiert – ein Hinweis darauf, dass Lythronax argestes wenigstens zum Teil über räumliches Sehen verfügte. Im Übrigen wirkte der Schädel durch diese Proportionen leicht gedrungen und kräftig. Die Gesamtlänge des Schädels betrug wohl etwas mehr als 80 cm, bei einer maximalen Breite im hinteren Bereich von etwas mehr als 50 cm.

 

Das Nasenbein (Nasale) macht den größten Teil der Schnauzenoberseite aus. Es fällt durch eine rauhe, gerunzelte Oberfläche auf. Eine ähnliche gerunzelte Ornamentierung tritt auch am unteren Seitenrand des Jochbeins (Jugale) auf. Vom Oberkiefer ist nur der Hauptknochen, das Maxillare bekannt. Dessen untere Kante besitzt eine leichte konvexe Biegung. Es trägt insgesamt 11 Zähne, von denen die ersten fünf sehr groß und kräftig sind, die darauf folgenden sechs Zähne dagegen relativ kurz und deutlich kleiner. Diese Unterschiede in der Zahngröße deuten auf unterschiedliche Aufgaben beim Beuteschlagen und anschließenden Fressen hin. Alle Zähne besaßen aber gesägte Schnittkanten, wodurch sie leichter durch Fleisch schnitten.

 

Verschiedene Details der gefundenen Schädelreste unterscheiden Lythronax argestes eindeutig von anderen Tyrannosauriern. Ein weiteres Detail offenbarte sich trotz der Unvollständigkeit der Überreste im Fußgelenk: Der sogenannte aufsteigende Fortsatz des Sprungbeins (Astragalus) ist deutlich größer ausgebildet als bei anderen höheren Tyrannosauriern. Dieser Fortsatz sitzt als flache, leicht dreieckige Platte auf der Oberseite des Astragalus und sitzt direkt vor dem Schienbein (Tibia), wo er dort in eine flache Vertiefung passt. Daher wissen wir auch wie dieser Fortsatz bei Lythronax argestes ausgebildet war: Die Tibia ist erhalten geblieben, im Gegensatz zum Astragalus.

 

Ebenfalls sehr markant – und eigentlich erinnert es mehr an spätere Tyrannosaurier – ist das Erscheinungsbild des Schambeins (Pubis): Es verbreitert sich an seinem unteren Ende zu einer flachen, schuhartigen Knochenplatte. Deren Länge beträgt von vorne bis hinten etwa 60 % der gesamten Länge des Schambeins. In unterschiedlichem Ausmaße kennt man solche Verbreiterungen auch von anderen Raubsauriern und ihr Zweck ist nicht völlig erforscht. Im Gespräch sind Muskelansatzflächen und eine stützende Funktion.

 

Die Größe von Lythronax argestes konnte nur geschätzt werden. Das Tier wurde vermutlich etwa 7 m, maximal 8 m lang und wog dabei vermutlich bis zu 2,5 Tonnen.

 

Skelettrekonstruktion

Bild 5: Eine Skelettrekonstruktion von Lythronax argestes. Oben: Beige unterlegt die Knochen, die gefunden wurden. Grau sind die noch nicht bekannten Knochen. Mitte: Schwarz-weiß-Rekonstruktion in der gleichen Haltung. Unten: Skelettrekonstruktion mit aufgerissenem Maul vor der Silhouette einer Frau. Die fehlenden Teile des Skeletts wurden nach dem Vorbild verwandter Arten rekonstruiert. Quelle: M. Loewen; http://phenomena.nationalgeographic.com/2013/11/06/all-hail-the-gore-king/ ; Künstler: S. Hartman.

 

 

Die Sache mit den Federn. Was bei Rekonstruktionen von Lythronax argestes derzeit schwer einzuschätzen ist, ist der Grad einer eventuellen Befiederung. In der Tat! Man weiß, dass die Linie, die zu den Tyrannosauriern führte, bereits zu den Raubsauriern gehörte, die sogenannte Protofedern besaßen – die filamentartigen länglichen Frühformen der Federevolution, die ihrem Besitzer vermutlich ein leicht struppiges Aussehen verliehen. Nachgewiesen wurde dies für basale Tyrannosaurier aus China, die allerdings auch deutlich kleiner waren als etwa Lythronax argestes. Nach derzeitiger Lehrmeinung dienten diese Protofedern als Isolierung, um die Temperaturregulierung zu erleichtern – ähnlich wie das Fell heutiger Säugetiere. Bei kleineren Raubsauriern machte dies Sinn: Der „Pelz“ hätte ein zu rasches Auskühlen verhindert, welches ja selbst dann auftritt, wenn man einen warmblütigen, raschen Stoffwechsel besitzt (wie sich jeder überzeugen kann, der mal im Winter ohne Kleidung vor die Tür geht). Man nahm aber an, dass größere Tyrannosaurier aus der Kreidezeit lediglich als Jungtiere so etwas wie einen Federflaum besaßen und als erwachsene Tiere unbefiedert waren – die reine Körpermasse etwa eines Tyrannosaurus rex würde genügend Wärme speichern.

 

Diese Annahme wurde 2012 erschüttert, als ein chinesisches Forscherteam die Art Yutyrannus huali beschrieb – und obwohl dieser Tyrannosaurier rund 9 m lang war, besaß er tatsächlich ebenfalls die filamentartigen Protofedern. Dieser Fund hat damit alte Gewissheiten erschüttert und man muss nun wohl davon ausgehen, dass auch erwachsene große Tyrannosaurier zumindest teilweise befiedert waren. Ganz sicher ist das im Einzelfall aber jedoch nicht und so kann niemand sagen, ob Lythronax argestes nun befiedert war oder nicht. Die ersten Rekonstruktionen zeigten ihn eher im klassisch schuppigen Gewand.

 

Bild 6: Diese Skulptur des Kopfes von Lythronax argestes zeigt einige struppige filamentartige Protofedern im Nacken des Tieres. Seit 2012 weiß man, dass auch größere Tyrannosaurier Federn getragen haben könnten, wenngleich diese nur wenig an die Federn moderner Vögel erinnerten. Quelle: M. Loewen; http://phenomena.nationalgeographic.com/2013/11/06/all-hail-the-gore-king/ ; Künstler: G. Staab.

 

 

Es war einmal Laramidia. Die Welt von Lythronax argestes war immer noch eine deutlich andere als heute. Die Kontinente näherten sich damals zwar schon den heutigen Positionen, aber es gab noch gravierende Unterschiede. Der Nordatlantik war damals noch wesentlich schmaler und Nordamerika lag daher weiter östlich als heute. Allerdings lag es bereits etwa auf der heutigen Breitengradhöhe. Zu Lebzeiten von Lythronax argestes lag der Meeresspiegel aber wesentlich höher als heute. Ein riesiges Binnenmeer, das sich von Norden nach Süden erstreckte und als Western Interior Seaway bekannt ist, teilte Nordamerika in einen westlichen und einen östlichen Teil. Der westliche Teil war im Grunde eine hunderte Kilometer lange schmale Insel, die die Wissenschaftler Laramidia getauft haben.

 

Laramidia wies eine bemerkenswerte Geographie auf. Dieser langgestreckte Landstrich besaß im Westen eine hohe Gebirgskette, die frühen Rocky Mountains. Einen breiteren flachen Teil besaß Laramidia nur im Osten und im Süden. Hier lagerten die von den Bergen kommenden Flüsse größere Mengen toniger, sandiger und noch grobklastischerer Sedimente ab. Das Klima war allgemein warm (die Durchschnittstemperaturen waren durchweg höher als heute) und durchaus bereits jahreszeitlich geprägt, grad die Niederschläge besaßen zu Zeit von Lythronax argestes in dieser Region eine ausgeprägte Saisonalität bei allgemein feuchtem Klima. Flüsse bildeten hier Schwemmland, durchsetzt von Wäldern. Allerdings – und das war das besondere – waren diese flacheren Ebenen stark begrenzt: Im Westen vom Gebirge, im Süden und Osten vom Meer. Ausläufer der Hochländer im Westen unterteilten die Ebene in mehrere beckenartige Abschnitte. Die Ausdehnung nach Osten schwankte stark, weil der Meeresspiegel stark schwankte und im Zusammenspiel mit der Sedimentation durch die Flüsse zu einer stark wechselnden Küstenlinie führte. In manchen Zeiten konnten die Ebenen dadurch deutlich schmaler sein und die einzelnen Abschnitte von Höhenzügen und Küstenlinie so begrenzt sein, dass sie regelrecht isoliert voneinander waren. In anderen Zeiten gab es im Osten wieder eine stärker durchgängige schmale Ebene. Besonders deutlich wurde bei hohem Meeresspiegelstand die Unterbrechung der Verbindung zwischen dem südlichen Laramidia und dem nördlichen Laramidia. Diese zeitweise Unterbrechung während Teilen der oberen Kreide schlägt sich deutlich in den unterschiedlichen Arten von Landbewohnern nieder, die man im Fossilbericht beider Teile von Laramidia findet. Seit einigen Jahren haben die Forscher begonnen sich mit diesem Phänomen näher zu befassen.

 

Denn diese biogeographische Geschichte ist für das Verständnis der evolutionären Ereignisse im Nordamerika der oberen Kreide von Bedeutung. Ähnlich wie auf einer Insel scheint das vom Norden isolierte südliche Laramidia ein Schmelztiegel gewesen zu sein, in dem neue Arten und zum Teil sogar ganz neue Entwicklungslinien entstanden, deren Nachkommen etwa 10 Millionen Jahre später im gesamten Nordamerika sehr erfolgreich sein sollten. Zugleich erklärt der Umstand, dass eine relativ kleine Landfläche in viele noch kleinere Bereiche unterteilt war, deren Artbestand sich zeitweilig jeweils isoliert weiterentwickelte, warum man aus dieser Zeit so viele unterschiedliche Arten in einem relativ begrenzten Gebiet findet – mehr als man angesichts der Größe der verschiedenen Arten erwarten würde (je größer ein Tier, umso seltener ist es normalerweise und umso geringer ist sonst normalerweise auch die Artenvielfalt).

 

Bild 7: Eine Rekonstruktion von Nordamerika vor rund 80 bis 75 Millionen Jahren. Der Western Interior Seaway teilte den Kontinent in Laramidia im Westen und Appalachia im Osten. Viele bemerkenswert reichhaltige Dinosaurierfundstellen liegen entlang der Küstenebene von Laramidia, einige sind gelb eingezeichnet. Quelle: http://ngm.nationalgeographic.com/print/2014/05/utah-dinosaurs/miller-text

 

 

In diesem Kontext ist eben auch Lythronax argestes hochinteressant. Er lebte zu einer Zeit im Süden Laramidias, als dieser vom Norden isoliert war. Setzt man seine Verwandtschaftsbeziehungen in Zusammenhang mit der Entwicklung der damaligen Geographie, so ergeben sich interessante Muster. Im Norden Laramidias lebten zu einer späteren Zeit als Lythronax argestes basalere Vertreter der Tyrannosauridae – zum Beispiel Albertosaurus sarcophagus. Noch basalere Tyrannosaurier kennt man bisher nur aus Asien (und einen Vertreter aus dem Osten Nordamerikas), aber so basale Formen sind nicht aus dem Süden Laramidias bekannt. Dafür treten mit Lythronax argestes relativ früh moderne Formen im Südteil Laramidias auf, die dann erst später auch im Norden Laramidias auftauchen (als die Verbindung zwischen beiden Bereichen wieder hergestellt ist). Diese Tyrannosaurinae genannte Untergruppe ist gegen Ende der Kreidezeit sehr erfolgreich und taucht dann auch wieder in Asien auf. Das sagt uns jetzt was?

 

Nun, das derzeitige Szenario, wie es sich nach bisheriger Fundlage abzeichnet, verlief wie folgt: Basalere Tyrannosaurier müssen irgendwann in der mittleren Kreide, vor rund 100 Millionen Jahren vermutlich, es von Asien nach Nordamerika geschafft haben. Als der Meeresspiegel wieder anstieg und sich der Western Interior Seaway herausbildete, wurde ein Teil von ihnen auf Laramidia isoliert und entwickelte sich zu den ersten Tyrannosauridae. Allerdings spalteten sich diese schon früh in zwei Linien auf, vor etwa 85 Millionen Jahren. Die Linie der Tyrannosaurinae blieb jedoch im nördlichen Laramidia selten und starb dort zunächst aus, als beide Teile Laramidias voneinander isoliert wurden. Im südlichen Laramidia jedoch entwickelte sich die Linie zu kräftigeren, größeren Räubern. Lythronax argestes ist ihr ältester bekannter Vertreter, erstaunlicherweise aber nicht der basalste. Etwas basalere Verwandte von ihm kennt man aus leicht jüngeren Schichten (etwa Teratophoneus curriei, welcher auch noch nicht so groß war) des südlichen Laramidia. Das verrät uns, dass sich die Linie dort früh bereits in mehrere Vertreter aufgespalten haben muss – und dass man im Fossilbericht also noch manche Überraschung erwarten darf. Interessant ist was dann aber vor etwa 76 bis 78 Millionen Jahren geschehen sein muss. Nachkommen von Lythronax argestes und seinen anderen Verwandten wanderten wieder nach Nordlaramidia ein. Aus diesen „Auswanderern“ entstanden die wirklich riesigen Vertreter wie Tyrannosaurus rex , der in beiden Teilen Laramidias vertreten ist. Basalere Tyrannosaurier aus dem nördlichen Laramidia dagegen erlebten einen Rückgang. Und schließlich wanderten vor etwa 75 Millionen Jahren die großen Tyrannosaurinae auch nach Asien aus, wo sie sich zu Arten wie Tarbosaurus bataar entwickelten.

 

So war das südliche Laramidia die Wiege der wirklich großen Tyrannosaurier – hier erlebten sie ihre erste Artenvielfalt, von hier aus starteten sie ihre späte Erfolgsgeschichte. Lythronax argestes ist bislang der älteste Zeuge dafür und seine Existenz beweist eine frühe Aufspaltung diese Linie in unterschiedliche Arten (die Wissenschaftler sprechen von einer Radiation).

 

Bild 8: Eine Lebendrekonstruktion von Lythronax argestes, hier ohne Federn. Quelle: http://phenomena.nationalgeographic.com/2013/11/06/all-hail-the-gore-king/ ; Künstler: A. Atuchin.

 

An der Spitze der Nahrungskette. Lythronax argestes war vermutlich zu seiner Zeit im südlichen Laramidia ein Gipfelräuber (im Englischen auch sehr griffig als „apex predator“ bezeichnet). Als solche werden Raubtiere bezeichnet, die an der Spitze der Nahrungskette stehen und so ziemlich jedes potentielle Beutetier jagen können. Eine vergleichbare Rolle nehmen zum Beispiel heute Tiger und Löwen ein. Die Zahl natürlicher Feinde ist für solche Tiere ziemlich begrenzt – ihre Populationsdichte wird vor allem durch das Beuteangebot und den verfügbaren Lebensraum bestimmt. Im allgemeinen sind solche Gipfelräuber wesentlich seltener als ihre Beutetiere.

 

Lythronax argestes war als erwachsenes Tier groß genug, um sich gegen fast jeden Gegner zur Wehr setzen zu können und zugleich immer noch agil genug, um mit kurzen Sprints größere Beute zu erlegen. Seine größeren Fangzähne im Oberkiefer waren sicherlich seine Hauptwaffe, mit der er klaffende Wunden riss. Die anderen Zähne im Unterkiefer dienten wohl eher zum besseren Halt beim Zubeißen und die kleineren Zähne weiter hinten im Kiefer verhinderten das Rausfallen von Nahrungsbrocken beim Herunterschlingen. Eine kräftige Kiefermuskulatur verlieh dem Raubsaurier eine enorme Bisskraft.

 

Der Lebensraum von Lythronax argestes bot zahlreichen Arten ein Auskommen: In den Gewässern lebten Lungenfische, Rochen, verschiedenste Mollusken, Krabben, Frösche, Schildkröten und auch Krokodile. An Land wurden frühe Säugetiere, noch relativ klein, von kleineren Raubsauriern gejagt. Eine breite Palette von mittelgroßen bis größeren pflanzenfressenden Dinosauriern lebte außerdem in dem Gebiet, namentlich der gehörnte Diabloceratops eatoni und der Hadrosaurier Acristavus gagslarsoni. Während ersterer sicher die wehrhaftere Beute war, könnten Letzterer und verwandte Arten sicherlich eine beliebtere Beute für Lythronax argestes gewesen sein.

 

 

Literatur.

 

Loewen, M.A., Irmis, R.B., Sertich, J.J.W., Currie, P.J. & Sampson, S.D. 2013. Tyrant Dinosaur Evolution Tracks the Rise and Fall of Late Cretaceous Oceans. – PloS ONE 8, 11: e79420. Doi:10.1371/journal.pone.0079420

 

Sampson, S.D. 2012. Dinosaurs of the lost continent. – Scientific American March 2012: 42-47.

 

Xu, X., Wang, K., Zhang, K., Ma, Q., Xing, L., Sullivan, C., Hu, D., Cheng, S. & Wang, S. 2012. A gigantic feathered dinosaur from the Lower Cretaceous of China. - Nature 484: 92-95.

 

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Lythronax

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Lythronax

http://phenomena.nationalgeographic.com/2013/11/06/all-hail-the-gore-king/