Pirats Bestiarium: Furca bohemica

Furca bohemica Fritsch, 1908

 

Namensbedeutung. Es ist schade, dass diese Art so wenig bekannt ist – die Übersetzung des Namens ist nicht ohne Heiterkeit. Wegen der Form des Rückenschilds, der in mehrere lang ausgezogene Stacheln ausläuft, die entfernt an Gabelzinken erinnern, wurde der Gattungsname Furca gewählt, der nichts anderes als „Gabel“ bedeutet. Der Artname verweist auf die Herkunft – der Fundort liegt in dem Teil des heutigen Tschechien, der historisch Böhmen genannt wurde – und so ergibt die Gesamtübersetzung „böhmische Gabel“.

Syonyme. Furca pilosa, Pharastoma pulchrum.

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Protostomia; Ecdysozoa; Panarthropoda; Arthropoda; Marrellomorpha; Marrellida; Mimetasteridae; Furca.

Die Marrellomorpha sind eine der immer noch zu beackernden Baustellen der Gliederfüßer-Phylogenie. Ihre internen Verwandtschaftsverhältnisse sind relativ einfach, auch wenn gerade die Zuordnung von Furca bohemica zu den Mimetasteridae eher vorläufiger Natur ist. Aber dies durfte eher daran liegen, dass man noch gar nicht so viele Arten der Marrellomorpha kennt – und diese sind alle nur fossil überliefert. Viel schwieriger ist auf jeden Fall, die Verwandtschaftsbeziehungen zu anderen Arthropoden-Gruppen zu klären, vor allem zu den großen Linien – Spinnen, Krebsen und Insekten sowie Tausendfüßlern – die bis heute überlebt haben. Da jede Gruppe für sich auf ihre eigene Art spezialisiert ist, sind hier Detailmerkmale entscheidend, um die Verwandtschaft zu klären, was bei fossilen Formen nicht immer einfach ist. Da das Exoskelett der Marrellomorpha anscheinend nur schwach mineralisiert war, sind ihre Fossilien auch nur selten erhalten und noch seltener gut. Manche erkennbaren Merkmalskomplexe sind widersprüchlich – in dem Falle muss sich ein Forscher entscheiden welchem Merkmal er welches Gewicht beimisst. Die meisten Bearbeiter werteten in der Vergangenheit gemeinsame Details der Ausbildung der Gliedmaßen und Kopfanhänge (Fühler etc.) als Indizien für eine nahe Verwandtschaft zwischen Marrellomorpha und den Krebstieren (Pancrustracea bzw. Crustacea). Die beiden deutschen Biologen Carolin und Joachim Haug weisen jedoch daraufhin, dass sich im Kopf der Marrellomorpha anscheinend nur drei Segmente vereinten – bei allen Euarthropoda (also Krebstiere, Spinnen etc.)) sind es mindestens fünf. Dies würde dafür sprechen, dass die Marrellomorpha wesentlich basaler sind – möglicherweise eine ganz eigene Abspaltung auf der Stammlinie in Richtung Euarthropoda. Andere kleinere Ähnlichkeiten mit echten Euarthropoden wären dann durch konvergente Evolution entstanden.

Dieser letzteren Auffassung folge ich hier, da mir das Argument der in den Kopf integrierten Körpersegmente schlüssiger erscheint.

Fundorte. Furca bohemica ist nur aus der Umgebung des Ortes Beroun bekannt, welcher 30 km südwestlich von Prag liegt. Eine Fundstelle liegt am Ostrý-Hügel nahe bei Beroun, eine andere in der kleinen Veselá-Schlucht und schließlich eine auf dem Hügel Děd bei Drabov am Westrand von Beroun. An allen Fundstellen kommt die sogenannte Letná-Formation zutage, die aus Sand-und Siltsteinen, weniger aus Tonsteinen besteht. Besonders die quarzitischen Sandsteinlagen der Formation sind für ihren Fossilreichtum bekannt. Die Schichthorizonte, in denen sich Furca bohemica findet, gehören zur oberen Letná-Formation.

Datierung. Die obere Letná-Formation wird in das letzte Drittel des Ordovizium datiert, welches vor 485,4 Millionen Jahren (+/- 1,9 Mio. J.) begann und vor 443,4 Millionen Jahren (+/- 1,5 Mio. J.) endete. Die Schichten wurden zu Beginn des oberen Ordoviziums abgelagert, zur Zeit einer Sandbium genannten Stufe. Deren Beginn wird auf 458,4 Millionen Jahre (+/- 0,9 Mio.J.) datiert und das Ende auf 453 Millionen Jahre (+/- 0,7 Mio. J.).

Damit ist Furca bohemica die bisher älteste fossile Art, die hier vorgestellt wird.

Bild 1: Die Erforschungsgeschichte von Furca bohemica begann mit diesem Mann: Joachim Barrande (1799-1883). Quelle: Wikipedia.

 

Eine vergessene Art. Furca bohemica ist im wahrsten Sinne eine vergessene Art – Jahrzehntelang erübrigte kein Forscher nennenswerte Aufmerksamkeit für diese Art. Die Entdeckungsgeschichte reicht sogar rund 160 Jahre zurück und schon da brauchte es mehr als ein halbes Jahrhundert, bis das Tier einen Namen bekam und ordnungsgemäß beschrieben wurde. Aber der Reihe nach.

Entdeckt wurden die ersten Fossilien von Furca bohemica bereits in den 1840er Jahren von Joachim Barrande (1799-1883) gefunden. Obschon Franzose wurde Barrande der Vater der tschechischen Geologie und vor allem Paläontologie – sogar ein Prager Stadtteil ist nach ihm benannt. Eigentlich war Barrande Ingenieur und wurde Hauslehrer von Henri de Chambord, dem Enkel von Karl X., dem letzten Bourbonenkönig von Frankreich. Als dieser 1830 von der Julirevolution gestürzt wurde, mussten der kaum 10 Jahre alte Chambord und Barrande zusammen mit dem restlichen Hofstaat nach England flüchten. Zwei Jahre später reisten die zwei nach Prag, wo sie in der höheren Prager Gesellschaft verkehrten. Während Chambord vor Ort die deutsche Sprache (damals die örtliche Amtssprache) lernte, genoss Barrande die Gesellschaft zahlreicher Naturwissenschaftler des Vaterländischen Museums von Böhmen (das später mehrfach umbenannt wurde und heute Nationalmuseum heißt). Einer von ihnen, der über 70jährige Kaspar Maria von Sternberg, noch ein Universalgelehrter alter Schule (er war Theologe, Mineraloge, Botaniker und noch mehr) bat Barrande um einen kleinen Gefallen: Er solle ein technisches Gutachten zu der neuen Pferdebahn von Prag nach Lana erstellen. Diese von Pferden gezogene Bahn (sie wurde ab 1855 von Zügen mit Dampflokomotiven abgelöst) verfiel zu dieser Zeit, denn die Betreibergesellschaft war insolvent gegangen und der Betrieb wurde eingestellt. Bevor sie wieder in Betrieb gehen konnte, mussten umfangreiche Reparaturen und ein weiterer Ausbau vorgenommen werden. Hier war Barrandes Expertise gefragt. Barrande übernahm den Auftrag und bereiste dadurch erstmals die Gebiete südwestlich von Prag. Hier stieß er auf anstehende und gut aufgeschlossene Sedimentgesteine, uralte Zeugnisse der Erdgeschichte. Heute kennen wir ihr genaues Alter – durchweg über 400 Millionen Jahre alt. Barrande sammelte zum ersten Mal in seiner Laufbahn Fossilien – gut erhaltene Trilobiten und andere Tiere jener Zeit. Seit diesem Zeitpunkt war gefesselt von der Paläontologie. Nach dem Abschluss der Arbeiten für die Pferdebahn verschrieb er sich der geologischen und paläontologischen Forschung in Böhmen. Besonders die Region rund um Prag und südwestlich davon wurde sein Tätigkeitsbereich. Dem Nationalmuseum vermachte er dabei umfangreiche Sammlungen und legte zugleich einen Grundstock an fossilem Material, welches noch heute Wissenschaftler beschäftigt und einen kompletten Überblick über die frühere marine Fauna jener Region liefert. Barrande legte nicht nur Beschreibungen der Fossilien vor, sondern auch Arbeiten zur stratigraphischen Gliederung der von ihm bearbeiteten Sedimentschichten.

Bild 2: Das Nationalmuseum in Prag, in welchem bis heute die umfangreiche Sammlung von Barrande inklusive der ersten Stücke von Furca bohemica aufbewahrt wird. Quelle: Wikipedia.

 

Die ersten Funde von Furca bohemica beschrieb Barrande leider nicht ausführlich. Die Fossilien dieser Art sahen aus wie ein in vier Zacken oder Stacheln auslaufender Schild. Barrande katalogisierte sie im Museum in Prag, etikettierte die Fossilien auch mit dem Namen „Furca bohemica“. Zur selben Zeit arbeitete der Paläontologe Ignaz Hawle (1783-1868) zusammen mit dem eher aus dem Bereich der Botanik kommenden Kollegen August Karl Joseph Corda (1809-1849) an einer umfassenden Monographie über die Trilobiten Böhmens, die die beiden 1847 publizierten. Dort bildeten sie erstmals in der wissenschaftlichen Literatur ein Exemplar von Furca bohemica ab und vertraten die Auffassung, es handele sich dabei lediglich um ein Hypostom – den zentralen Teil eines Trilobitenkopfschilds, der bei zerfallenen Panzerüberresten dieser marinen Arthropoden auch abfallen und isoliert erhalten werden kann. Hawle und Corda erklärten, es handele sich um ein Hypostom der Trilobitenart Pharastoma pulchrum. Das es sich bei Furca bohemica nur um den isolierten Rest der Panzerung eines bereits bekannten Trilobiten handele geisterte noch Jahrzehnte durch die Fachliteratur – sei es nun als Teil des Kopfschildes oder als Schwanzschild. Beides trug vermutlich sehr zum mangelnden Interesse der Wissenschaft an diesem Tier bei. Dies durfte mit ein Grund gewesen sein, dass die Art lange nicht formal beschrieben wurde, was ja schon Barrande versäumte. So blieb die Bezeichnung „Furca bohemica“ rein inoffiziell.

Zumindest 1908 – über 60 Jahre nach den ersten Funden – tat sich endlich etwas. Der tschechische Zoologe, Geologe und Paläontologe Anton Fritsch (eigentlich Antonín Frič, 1832-1913), der eigentlich schwerpunktmäßig die Fossilien aus der Kreidezeit Böhmens bearbeitete, befasste sich mit einigen problematischeren Fossilien aus den älteren Schichten Böhmens. Dabei beschrieb er erstmals Furca bohemica formal unter diesem Namen, weshalb Fritsch die Ehre zuteil wurde als Erstbeschreiber aufgeführt zu werden. Außerdem interpretierte er dieses Fossil komplett neu – als Überrest eines juvenilen Stadiums eines Stachelhäuters (als Stachelhäuter oder Echinodermata fasst man Seesterne, Seeigel, Seelilien, Seegurken und andere zum Teil bizarre Formen zusammen). Eine interessante, leider aber auch nicht korrekte Interpretation, die von keinem anderen Bearbeiter danach aufgegriffen wurde. Etwa 10 Jahre später warf Jaroslav Perner (1869-1947) noch einen Blick auf Furca bohemica. Er führte die Arbeit fort, die Barrande angefangen hatte und war der erste, dem Ähnlichkeiten mit einer anderen fossilen Art auffielen, die einige Jahre zuvor in Kanada entdeckt worden war: Marrella splendens. Perner identifizierte die fossilen Überreste von Furca bohemica korrekt als Kopfschild einer mit der kanadischen Spezies verwandten Art. Es handelte sich also tatsächlich um einen Gliederfüßer (Arthropoden), aber nicht um einen Trilobiten oder eine sonst bereits bekannte Art.

Eigentlich hätte das Grund genug sein können, interessante Fragen zu stellen – wie die beiden Arten, zwischen denen auch ein deutlicher zeitlicher Abstand lag (Marrella splendens ist deutlich älter) ebenso wie ein geographischer Abstand, miteinander zusammenhingen und was das einem über die frühe Evolution der Arthropoden sagt. Aber das geschah nicht. Stattdessen verschwand Furca bohemica für 80 Jahre in der Versenkung. Die Art wurde quasi von der Wissenschaft vergessen.

 

Bild 3: Der Mann, der Furca bohemica schließlich offiziell beschrieb: Antonin Frič (1832-1913). Quelle: Wikipedia.

 

Wiederentdeckung. Es war schließlich Ivo Chlupáč vom Institut für Geologie und Paläontologie in Prag, der sich 1999 wieder mit den Arthropoden-Fossilien aus der Letná-Formation befasste und dabei auch wieder auf Furca bohemica stieß. Anlass dazu war die Tatsache, dass im alten Fundgebiet neues Fossilmaterial gesammelt worden war, darunter auch an einigen neuen Fundstellen in dem Gebiet. Einige Exemplare ähnelten Furca bohemica sehr, sahen aber in einem Punkt anders aus: Sie besaßen entlang des Schildrands einen Kranz von zusätzlichen dünnen Stacheln. Chlupáč wertete dies als Indiz für eine zweite Art, die er Furca pilosa taufte.

Chlupáčs Artikel holte Furca bohemica aus dem Dornröschenschlaf, zumindest ein bischen. Mehr Bearbeiter betrachteten sich bei Forschungen über die Marrellomorpha nun auch den wenig bekannten Vertreter der Gruppe aus Tschechien wieder näher. 2013 schließlich, rund 105 Jahre nach der Erstbeschreibung von Furca bohemica und fast 170 Jahre nach dem ersten Fund, veröffentlichte Štěpán Rak vom Prager Institut für Geologie und Paläontologie zusammen mit britischen Kollegen eine umfassende Neubeschreibung dieser Art.

FurcaFundstücke

Bild 4: Verschiedene Exemplare von Furca bohemica, alle vom Ostrý-Hügel und der Veselá-Schlucht im Distrikt Beroun südwestlich von Prag. Man beachte, dass die Erhaltung lediglich als Abdruck vorliegt und ebenso die Verfärbungen der Fossilien im Gegensatz zum umgebenden Gestein. Länge der Maßstäbe: 1 cm. Quelle: Rak et al. 2013.

 

Merkmale und Erhaltungszustand. Furca bohemica ist bis heute nur von seinem Kopfschild bekannt. Vom restlichen Körper, wie man ihn zum Beispiel von der verwandten Art Marrella splendens aus Kanada kennt, ist dagegen nie etwas gefunden worden. So lässt sich hier vor allem der Kopfschild genauer beschreiben, der eine Länge von lediglich 2 bis 3 cm aufweist.

Das Kopfschild besteht aus einem leicht konvexen, also nach außen gewölbten Kernstück, dessen gerade Vorderkante seitlich in je einen kurzen Stachel ausläuft. Dieses Stachelpaar kann gerade oder auch deutlich gebogen sein. Direkt dahinter folgt ein zweites Stachelpaar, welches deutlich länger und nach hinten gebogen ist. Das hintere Ende des Schildes läuft in ein drittes paar langer, nur leicht gebogener Stacheln aus. Im hinteren Bereich des konvexen Kernbereiches findet sich eine längliche kleine Delle, ein sogenannter Sulcus. Dieser Sulcus deutet möglicherweise auf eine interne Struktur des Schildes, an der vielleicht Muskeln ansetzten – ähnliches ist durchaus von heutigen Arthropoden bekannt.

Erst 1999 wurden wie erwähnt Exemplare beschrieben, die rund um den Rand des Schildes einen Kranz von dünnen abstehenden Stacheln besaßen. Dies wurde als Indiz für eine neue Art gewertet – eine Vermutung, die sich bei näherer Betrachtung aber als nicht haltbar erweist. Ob diese sekundären Stacheln sichtbar sind ist vielmehr eine Frage der Fossilerhaltung. Hier lohnt es sich den Erhaltungszustand der Fossilien etwas näher zu betrachten. Bis auf wenige Ausnahmen finden sich die Fossilien von Furca bohemica nur in Sandsteinhorizonten, die eine mittelgrobe bis grobe Körnung besitzen. Dies ist für eine gute Erhaltung von Details bereits nicht optimal – ähnlich wie die Pixelzahl bei Bildern die Auflösung von Details beeinflusst, beeinflusst die Korngröße die fossile Erhaltung der Strukturen. Dies durfte ein Grund sein, warum stets nur der Kopfschild von Furca bohemica erhalten ist – er ist vermutlich die robusteste Struktur des gesamten Tieres gewesen und dadurch leichter auch in grobkörnigem Sediment überliefert. Ein anderer Grund durfte sein, dass der Kopfschild als vermutlich schwerster Körperteil sich zuerst vom restlichen Körper löste, wenn der Kadaver zerfiel. Auch die Kopfschilde selber konnten weitere Beschädigungen und weiteren Zerfall erfahren, was sich dann an abgebrochenen Hauptstacheln erkennen lässt. Der Stachelkranz entlang des Randes war ebenfalls davon betroffen – seine Stacheln brachen vermutlich oft als erste ab. Außerdem war ihre Erhaltung in grobkörnigem Sediment schwieriger. Beide Effekte führen dazu, dass viele Exemplare scheinbar keine sekundären Stacheln haben. Deshalb fielen diese erst spät auf und wurden schließlich als Unterscheidungsmerkmal für eine eigene Art Furca pilosa herangezogen. In Wirklichkeit gibt es nur eine Art – Furca bohemica -, deren erhaltene Fossilien lediglich unterschiedliche Zerfallsstadien zeigen.

FurcesekundärStacheln

Bild 5: Neuere Funde sind zum Teil so gut erhalten, dass sie als weiteres Detail einen Kranz von sekundären Stacheln rund um den Schildrand zeigen. Eines dieser Stücke ist dieses hier, mit der Sammlungsnummer NML 32998. Der im linken Bild (A1) grau unterlegte Bereich ist im rechten Bild (A2) vergrößert dargestellt, die Stacheln sind gut zu erkennen. Länge der Maßstäbe: 1 cm. Quelle: Rak et al. 2013.


Auffallend sind zwei weitere Aspekte: Selbst die Kopfschilde sind nur als Abdruck erhalten. Beim lebenden Tier waren sie vermutlich nur schwach mineralisiert, weshalb sich das eigentliche Gewebe nach dem Tode in Folge des Fossilisationsprozesses auflöste. Darauf deutet auch der zweite Punkt: Die Kopfschildabdrücke unterscheiden sich oft farblich vom Umgebungsgestein – sie sind rötlich oder leicht schwärzlich verfärbt. Typischerweise gibt es zwei häufige Vermutungen, was solche Verfärbungen auslöst: ein erhöhter Anteil kohlenstoffhaltiger Verbindungen (die aus früherer organischer Materie hervorgingen) im Gestein oder aber ein erhöhter Anteil von Eisen-und Manganverbindungen. In diesem Falle spricht viel dafür, dass es sich tatsächlich um eisenhaltige Verbindungen handelt: Man weiß, dass vermodernde organische Materie im Sediment zur Ausfällung von entsprechenden Eisenverbindungen führt, wodurch ein verfärbter eisenreicher Halo rund um den Kadaver gebildet wird – eben genau solche Verfärbungen des Fossils und seiner Umgebung wie man sie in diesem Fall beobachten kann. Und dies passt zur Erhaltungsweise von Furka bohemica – die eigentliche Körpersubstanz ist zerfallen und hat nur den Abdruck und die Verfärbungen im Sediment hinterlassen.

 

FurcaRekonstruktion

Bild 6: Eine Rekonstruktion des Kopfschildes von Furca bohemica. Maßstab: 1 cm. Quelle: Rak et al. 2013.



Bild 7: Zum Vergleich einmal diese Rekonstruktion der verwandten Art Marrella splendens. Quelle: Yoho-Burgess Shale Foundation/ http://www.bcfossils.ca

 

Böhmen – vor 455 Millionen Jahren. Aufgrund der sehr begrenzten Erhaltung sind auch weitere Erkenntnisse über Furka bohemica durchaus begrenzt. Worüber man sich jedoch ein relativ deutliches Bild machen kann, ist der Lebensraum des kleinen urtümlichen Gliederfüßers.

Die Welt, in der Furca bohemica lebte war eine ganz andere. Das allgemeine Klima war zu jener Zeit allgemein vermutlich eher gemäßigt bis warm – aber zum Ende des Ordoviziums kühlte es so merklich ab, dass es zu einer Vereisung auf der Südhemisphäre und einem Massensterben kam. Leider sind die klimatischen Modelle für das Ordovizium noch immer recht dürftig. Die Kontinente konzentrierten sich überwiegend auf die Südhalbkugel und die Äquatorregion. Da die Erde sich noch schneller drehte als heute (sie wurde seitdem von der Schwerkraft des Mondes abgebremst), waren auch die Tage und Nächte etwas kürzer. Die Lebenswelt, also die Biosphäre, war damals noch so anders zur heutigen: Das Land war damals noch wenig besiedelt, gerade die Flächen im Innern der Kontinente durften noch sehr kahl gewesen wahr. Allerdings war das Land damals nicht so unbelebt wie man lange glaubte: Erste Pilze und Pflanzen wagten sich an Land und es gibt so manches Indiz, dass auch erste Tiere Ausflüge aufs Trockene wagten. Aber das meiste Leben spielte sich immer noch im Meer ab und auch Furca bohemica war eine komplett marine Art.

Bild 8: Dieses Bild zeigt die Welt vor etwa 470 Millionen Jahren, kurz vor der Zeit von Furca bohemica – trotz des zeitlichen Unterschieds von 15 Millionen Jahren gibt dieses Bild einem eine ungefähre Vorstellung von den damaligen Verhältnissen. Die riesige Landmasse, die sich rund um den Südpol konzentriert, aber teilweise auch bis zum Äquator hochzieht, ist Gondwana. Die drei nächstgrößeren Kontinente in der Mitte des Bildes sind Laurentia (links, entspricht etwa Nordamerika), Sibiria oder Angaraland (oben rechts, entspricht etwa Sibirien und weiteren Teilen Ostasiens) und Baltica (unten rechts, entspricht Skandinavien, dem Baltikum und Teilen Russlands und Polens). Verschiedene Inselketten und kleinere Mikrokontinente (Terrane) sind ebenfalls erkennbar. Südlich von Baltica sieht man ganz gut den Terran Avalonia. Die Terrane der Armorica-Gruppe lösen sich gerade erst als langgestreckte Insel von Gondwana ab. Quelle: Wikipedia/ cpgeosystems.com/ Ron Blakey.

 

Europa gab es zu jener Zeit noch nicht. Europa war selbst als Kontinent ferne Zukunft. Ein Teil – Skandinavien und Teile Russlands und des Baltikums – lag als Kontinent Baltica deutlich südlich des Äquators. Andere Teile Europas waren noch viel weiter südlich Teil des riesigen Südkontinents Gondwana. In Form mehrere Mikrokontinente, sogenannter Terrane, lösten sie sich allmählich ab und drifteten langsam nach Norden. Einer dieser Terrane, Avalonia, umfasste Gebiete, die heute zu Neufundland, den Britischen Inseln und Deutschland gehören. Zu Zeit von Furca bohemica hatte dieser kleine Kontinent bereits deutlichen Abstand zu Gondwana gewonnen, hatte aber noch nicht zu Baltica aufgeschlossen. Weiter südlich, am Nordrand Gondwanas gab es eine Gruppe weiterer Terrane, die man früher für einen einzigen Terran hielt, den man Armorica nannte. Zu diesem sollte ein großes Gebiet von Westfrankreich über Süddeutschland bis hin nach Tschechien gehört haben. Heute geht man davon aus, dass es sich um mehrere kleine enger zusammenliegende Terrane handelte, die sich nach und nach von Gondwana lösten und nach Norden drifteten. Der Ozean zwischen diesen Terranen und Avalonia wird Rheischer Ozean genannt. Seine einzigen Spuren sind heute noch die mächtigen marinen Ablagerungen, die sich in Mittel-und Westeuropa aus jener Zeit finden und die einen Zeitraum von rund 150-200 Millionen Jahren umfassen. Der Ozean war zu seiner besten Zeit möglicherweise rund 1000 km breit. Einer dieser Terrane, Perunica, entspricht etwa dem heutigen Böhmen – so zumindest ein Sichtweise, die noch mit einem Rest Unsicherheit behaftet ist, uns hier aber als ungefähre Vorstellung der damaligen Verhältnisse reichen soll. Es war danach ein kleiner kontinentaler Block, der sich bereits im Ordovizium vom Rest Gondwanas abgespalten hatte und nach Norden gedriftet war. Dadurch war Perunica bereits relativ isoliert sowohl von Gondwana als auch von anderen Terranen oder gar Baltica – was sich in einer sehr eigenständigen Fauna in den Küstengewässern niederschlägt. Daher findet man hier in der Spätphase des Ordoviziums Arten wie Furca bohemica, die es andernorts nicht gab. Durch den damals weltweit relativ hohen Meeresspiegel waren auch die Schelfgebiete von Perunica mit Flachmeeren überflutet – und genau hier lebte Furca bohemica. Die Letná-Formation besteht aus einer Abfolge von Sandsteinen unterschiedlicher Korngrößen, mit wenigen dazwischengeschalteten Silt-und Tonsteinen. Die meisten Sandsteine, in denen sich Furca bohemica findet, sind mittel-bis grobkörnig. Zum Teil haben sie einen hohen Anteil an Feldspatkörnern neben den Quarzkörnern, dann spricht man von Grauwacken. Diese Abfolge sagt bereits einiges über den Lebensraum aus. Dieser befand sich auf dem Schelf, in einem relativ flachen Becken. Die Unterschiede in der Körnung der Sedimente deuten auf gewisse Schwankungen der Umgebungsparameter – gröbere Sandsteine können auf kürzere Entfernungen zum Liefergebiet auf Perunica (und damit auf größere Küstennähe, zum Beispiel) deuten, Lagen feinerer dunkler Silt-und Tonsteine können auf einen regionalen Hochstand des Meeresspiegels deuten, da sie sich meist eher in größerer Tiefe ablagern. Auf jeden Fall wurden auf dem Schelf die Erosionsprodukte von Perunica abgelagert. Klimatisch lag das Gebiet vermutlich in den höheren und damit kühleren, maximal gemäßigten Breiten der Südhalbkugel. Es gab keine größeren Riffe, dafür war der Sedimenteintrag zu groß – stattdessen muss man sich einen Schelf mit sandig-schlickigen Böden vorstellen, besiedelt von zahlreichen Organismen – vor allem verschiedenen Gliederfüßern (vor allem Trilobiten) und Armfüßern (Brachiopoden; muschelartige Filtrierer). Spurenfossilien deuten aber auch auf verschiedene grabende Organismen.

FurcaProfil

Bild 9: Diese Grafik zeigt das Profil der Letná-Formation, das beim Ostrý-Hügel ansteht. Man erkennt, wie sich im Laufe der Zeit die verschiedenen Sedimentlagen ablösten. Bestimmte Tierarten treten dann nur in bestimmten Schichtgliedern auf, die ihrem damals bevorzugten Lebensraum entsprechen. Dies gilt wie man sieht auch für Furca bohemica, die an dieser Lokalität nur in zwei Schichthorizonten auftaucht. Quelle: Rak et al. 2013.

 

Begrenztheit des Wissens. Wie aber lebte Furca bohemica denn genau? Hier muss die Forschung Farbe bekennen: Man weiß es nicht. Die unvollständige Erhaltung stellt uns einfach vor die Tatsache, dass man zu wenig weiß, um mehr als begründete Spekulationen äußern zu können. Um die genaue Lebensweise eines Arthropoden abschätzen zu können ist vor allem wichtig, die Ausbildung seiner Gliedmaßen zu kennen – und davon kennt man bei Furca bohemica nicht eine einzige. So weiß man nichts über die Schwimmfähigkeit der Art, noch darüber, was sie gefressen hat. Man vermutet lediglich, dass dieses kleine Tier direkt am Meeresboden lebte, vielleicht auch schlicht Detritus zu sich nahm, um die Mikroorganismen des sandigen Untergrunds zu vertilgen. Das bleibt aber, wie gesagt, nicht mehr als begründete Spekulation.

Fast 100 Jahre lang vergessen, bleibt Furca bohemica also ein Lehrstück dafür, dass auch die Möglichkeiten moderner Forschung ihre Grenzen haben und die Wissenschaftler längst nicht alles wissen. Abhilfe können da nur neue, vollständigere Funde liefern – die aber auch aus Schichten kommen müssten, die mehr Details wesentlich besser erhalten. Unmöglich ist das nicht. Die Entdeckung sekundärer Stacheln entlang des Randes des Kopfschildes war auch besser erhaltenen Funden zu verdanken. Man kennt nun ein Detail mehr über das Aussehen von Furca bohemica. Dafür hat man eine Frage mehr: Wozu waren diese Sekundärstacheln gut? Genau weiß das keiner und ehrlich gesagt gibt es keine wirklich gute Theorie dazu. Diese Stacheln konnten zwar bis zu 7 mm lang werden, erscheinen aber zu dünn und zerbrechlich um eine ernsthafte Verteidigungsfunktion gehabt zu haben. Die Idee, dass die Tiere an diesen Stacheln vielleicht Dreckpartikel, andere sesshafte Lebensformen wie Schwämme oder auch Algen trugen, um getarnt zu sein, klingt zwar interessant und auch elegant. Aber es gibt kein fossil erhaltenes Indiz, welches sie stützt.

Vorerst behält Furca bohemica daher seine Geheimnisse für sich.



Literatur.

Chlupáć, I. 1999. Some problematical arthropods from the Upper Ordovician Letná Formation of Bohemia. – Journal of the Czech Geological Society 44, 1-2: 79-87.

Haug, J.T., Castellani, C., Haug, C., Waloszek, D. & Maas, A. 2013. A Marrella-like arthropod from the Cambrian of Australia: A new link between “Orsten”-type and Burgess Shale assemblages. – Acta Palaeontologica Polonica 58, 3: 629-639.

Rak, Š., Ortega-Hernández, J. & Legg, D.A. 2013. A revision of the Late Ordovician marrellomorph arthropod Furca bohemica from Czech Republic. – Acta Palaeontologica Polonica 58, 3: 615-628.

Servais, T., Dzik, J., Fatka, O., Heuse, T., Vecoli, M. & Verniers, J. 2008. Ordovician. – in: McCann, T. (Editor): The Geology of Central Europa. Volume 1: Precambrian and Palaeozoic: 203-248. The Geological Society of London.

http://de.wikipedia.org/wiki/Antonín_Frič

http://de.wikipedia.org/wiki/Barrande

http://de.wikipedia.org/wiki/Nationalmuseum_(Prag)

http://de.wikipedia.org/wiki/Ordovizium

http://de.wikipedia.org/wiki/Perunica