Pirats Bestiarium: Editorial 3 - Nachlese

Pirats Bestiarium

 

 

Editorial 3 - Nachlese

In den bisherigen Editorials habe ich ja grundsätzliches ausgebreitet – grundsätzliche Konzepte, die den Forschungen, über die ich in den Tierporträts berichte, zugrunde liegen. Ich weiß, dass ist oftmals ein wenig trocken und anstrengend. Daher lasse ich dieses Mal Gnade walten und werde den geneigten Leser nicht wieder mit so was quälen (kommt dann wieder im Editorial 4). Das hat aber noch einen Grund: Ein paar Sachen haben sich angesammelt, die nachgetragen gehören zu bestimmten Tierartikeln. Daher eine Art Nachlese, und dann wenden wir uns kurz der Statistik für die nun erweiterte Stichprobe aus der gesamten zoologischen Diversität zu.

Das Percomorpha/Perciformes-Problem

Der vielleicht wichtigste Nachtrag betrifft die Systematik der barschartigen Fische. Ihre enorme Artenvielfalt stellte die Forschung über Jahrzehnte vor immense Probleme und die Verwandtschaftsverhältnisse ließen sich scheinbar kaum auflösen. Allgemein waren die Verhältnisse innerhalb der Percomorpha etwas wirr und die dazugehörige Untergruppe der Perciformes war das reinste Mülleimertaxon – alles wovon man nicht wusste, wohin damit, landete dort. Auf diese Problematik bin ich bereits mehrfach eingegangen: Zuerst beim  Schmetterlings-Schleimfisch (Blennius ocellaris)dann auch beim Blattfisch (Monocirrhus polyacanthus)  und beim Pazifischen Rotfeuerfisch (Pterois volitans)Es gab in jüngerer Zeit verschiedene Teilerfolge das Problem zu klären – so etwa die Aufdeckung der Ovalentaria, zu der demnach der Schmetterlings-Schleimfisch und der Blattfisch gehören müssen.

Aber einen wirklichen Durchbruch scheint es erst jetzt dieses Jahr gegeben zu haben – ich habe es bereits beim 
Kuhfisch (Lactoria cornuta)  angesprochen: erstmals ist es Forschern mit Hilfe von molekularen Daten gelungen, das bisherige Kuddelmuddel tatsächlich genauer auseinanderzufriemeln. Dabei wurden die Perciformes auf eine Kerngruppe zusammengedampft, die tatsächlich als monophyletisch angesehen werden kann. Dazu gehört tatsächlich der Pazifische Rotfeuerfisch mit seinen Verwandten! Die Ovalentaria und die Kugelfischverwandten wie der Kuhfisch jedoch fallen dabei raus und stehen außerhalb der Perciformes. Diesbezüglich müsste man also die Abschnitte „Verwandtschaftsbeziehungen“ in den Artikeln der jeweiligen Arten neu schreiben. Stattdessen gibt es diese Nachlese. Auch das bisherige Taxon Percomorpha wurde dabei neugefasst und im Detail besser aufgeschlüsselt.

Auf jeden Fall hat auch diese phylogenetische Baustelle endlich eine Grundlage, auf der die Forschung aufbauen kann – und dabei wird es bestimmt noch die eine oder andere Feinheit zu klären geben! Vorerst jedoch werde ich mich in künftigen Fischbeiträgen auf diese neue Studie berufen und stützen.

Das entsprechende Fachpaper ist:

Betancur-R., R. et al. 2013. The Tree of Life and a New Classification of Bony Fishes. – PLOS Currents Tree of Life. Doi: 10.1371/currents.tol.53ba26640df0ccaee75bb165c8c26288.

An diesem Beispiel sieht man sehr schön, wie sich in der Phylogenie viele Dinge auch heute noch durch neue Erkenntnisse und Einsichten verändern können. Was dann eben auch die Inhalte des Bestiariums betrifft.

 

Neues vom Wels

Im Januar hatten wir den
Europäischen Wels (Silurus glanis)  kennengelernt. Dieser Fisch wird nicht nur sehr groß, sondern ist auch einigermaßen häufig in deutschen Gewässern. Das zeigte sich auch diesen Sommer wieder – und zwar im Neuendorfer See in Brandenburg, der von der Spree durchflossen wird. Im Juni brachte der Profifischer Wolfgang Richter dort eine Reuse aus – und prompt hatte er einen Wels drin. Dieser hatte kapitale Ausmaße: Die Länge betrug 2,25 m und das Gewicht wurde mit 67 kg ermittelt. Der gefangene Wels wurde schließlich Forschern übergeben, damit diese unter anderem das Alter des Tieres bestimmen können. Es war zumindest geplant, den Fisch danach zu präparieren – und so ausgestopft würde er an Richter zurückgehen.



Bild 1: Der Fischer Wolfgang Richter mit seinem 2,25-m-Fang eines Europäischen Welses. Quelle: DPA/Spiegel.

 

Juristisches Kuriosum am Rande: Die radikale Tierschutzorganisation Peta zeigte Richter bei der Staatsanwaltschaft in Cottbus an. Peta-Vertreter warfen Richter vor, den Wels nicht gegessen und damit gegen einen wichtigen Passus des Tierschutzgesetzes verstoßen zu haben – nach diesem darf kein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund getötet werden. Aber selbst die Staatsanwaltschaft merkte an, dass sich Richter wohl kaum Sorgen machen müsste.

 

Die Invasion des Pazifischen Rotfeuerfisches

Beim Pazifischen Rotfeuerfisch (Pterois volitans) begegnete uns im Dezember ein Forschungsschwerpunkt, der sehr aktuell bleibt: Der Einfluss dieser Art auf die Ökosysteme im karibischen Raum, wo sie vom Menschen eingeschleppt wurde. In dieser Region entwickelte sich der Pazifische Rotfeuerfisch binnen kurzer Zeit zu einem fast klassischen Beispiel einer invasiven Art.

Mark Albin von der Oregon State University untersuchte die genaue Auswirkung des räuberischen Zuwanderers in den Korallenriffen der Bahamas. Als einheimischer Raubfisch vergleichbarer Größe musste der Karibische Juwelenbarsch (Cephalopholis fulva) herhalten. In einem mehrwöchigen kontrollierten Feldexperiment an mehreren kleineren Teilriffen untersuchte Albin die Frage wie sich die Zusammensetzung der lokalen Beutefischgemeinschaften veränderte, wenn der Pazifische Rotfeuerfisch hinzutrat oder eben fernblieb. Über die beobachteten Effekte berichtete er Anfang 2013:

1. Wenn der Karibische Juwelenbarsch ein Riff in seinem Verbreitungsgebiet neu besiedelt, werden die kleineren Fischarten im Riff um etwa 36 % seltener. Wenn dagegen der Pazifische Rotfeuerfisch auf den Plan tritt nimmt die Häufigkeit der kleineren Arten im Riff um fast 94 % ab.

2. Während sich an der Artenvielfalt der Fische im Riff bei Anwesenheit des Karibischen Juwelenbarsches nichts änderte, nahm diese durch die Anwesenheit des Pazifischen Rotfeuerfisches ab, im Schnitt verschwanden 4 bis 5 Spezies kleinerer riffbewohnender Fische.

Beide Effekte waren darüber hinaus am stärksten, wenn beide räuberischen Fische – sowohl der heimische Karibische Juwelenbarsch wie auch der Pazifische Rotfeuerfisch – zusammen auftraten.



Bild 2. Ein Karibischer Juwelenbarsch (Cephalopholis fulva), der sich hier in einem Vasenschwamm versteckt. Quelle: Wikipedia/ Clark Anderson.

 

Und noch etwas war interessant: Junge Pazifische Rotfeuerfische wachsen anscheinend bis zu sechsmal schneller als die Jungtiere des Karibischen Juwelenbarsches unter vergleichbaren Bedingungen. Damit sind die Invasoren gegenüber den heimischen Räubern mutmaßlich im Vorteil. Das zusammen mit ihrer offenkundigen massiven Wirkung auf das gesamte Ökosystem eines karibischen Riffes macht die Pazifischen Rotfeuerfische zu einem nicht zu unterschätzenden Faktor. Es zeigt, wie gefährlich sich invasive Arten auswirken können. Die langfristigen Folgen dieser Entwicklung sind allerdings noch schwer zu kalkulieren.


Albins Ergebnisse sind komplett zu finden in:

Albin, M.A. 2013. Effects of invasive Pacific red lionfish Pterois volitans vs. a native predator on Bahamian coral-reef fish communities. – Biological Invasions 15: 29-43.


Unsere Stichprobe

Werfen wir nun einen Blick darüber, wie sich unsere Stichprobe verändert hat. Wie setzen sich die inzwischen 20 Arten zusammen? Was hat sich im Vergleich zu der Zusammensetzung beim letzten Editorial verändert?

Zunächst die geografische Verteilung. Die paläarktische Region aus Europa und Nordasien führt mit 20 % immer noch, hat allerdings etwas eingebüßt (letzter Wert: 30 %). Damit ist sie immer noch überrepräsentiert. Die Hotspots der Artenvielfalt – Südamerika und der Indopazifik haben aber immerhin dazugewonnen – mit jeweils 15 % der vorgestellten Arten (letzter Wert jeweils 10 %).

Nun der Blick auf die durch die Arten vertretenen Taxa. Die Strahlenflosser (Actinopterygii) sind immer noch überrepräsentiert, aber mit 25 % der vorgestellten Arten nicht mehr so massiv wie zuvor mit 40 %. Unterrepräsentiert gegenüber der Realität sind weiterhin die Insekten, die sogar von 20 auf 15 % verloren haben. Geht man von Gliederfüßern (Arthropoda) allgemein aus, sind es wieder 20 %. Die Weichtiere (Mollusca) sind Neueinsteiger, direkt mit einem Anteil von 10 %.

15 % der vorgestellten Arten sind bereits ausgestorben, davon sind 10 % (2 vorgestellte Arten) nur fossil bekannt, eine Art ist durch menschliche Einwirkung ausgestorben.

Bei der Größenverteilung der vorgestellten Arten hat sich mehr getan. Zu Erinnerung: Ich benutze hier eine logarithmische Auftragung. Zwar sind Arten mit einer Körpergröße von 1 m bis 10 m immer noch überrepräsentiert, aber ihr Anteil ist von 40 auf 35 % gesunken. Die nächststärkste Fraktion sind Arten mit einer Körpergröße von 10 cm bis 1 m, sie machen 30 % der Arten aus. Die Fraktion kleiner Arten wurde prinzipiell gestärkt, 30 % der Arten bewegen sich im Bereich zwischen 1 mm und 10 cm. Dabei sind die kleinsten Arten (1 mm bis 1 cm) mit etwa 10 % vertreten und erfolgreiche Neueinsteiger in unserer Statistik. Prinzipiell sind diese Größenbereiche aber immer noch unterrepräsentiert. Ein anderer Neueinsteiger ist die Größenordnung von 10 m bis 100 m, die dank  Giraffatitan brancai  vertreten ist (Anteil: 5 %).

Zuletzt noch ein eher für die Wissenschaftshistorie interessanter Aspekt. Ich hatte es ehrlich nicht beabsichtigt, aber 60 % aller hier vorgestellten Arten wurden vom selben Bearbeiter zuerst beschrieben – dem Urvater der modernen zoologischen Taxonomie, Linnaeus. Und nur 10 % wurden in den letzten 10 Jahren benannt. Dies entspricht im ersten Fall einer massiven Überrepräsentation, im zweiten Fall dem genauen Gegenteil.

Man darf wohl gespannt sein, wie sich das durch die nächste Staffel verändert!

Der Stammbaum.

 

Phylogenie2

Bild 3: Der Stammbaum der 20 bisher vorgestellten Tierarten. Beigefügt ist auch hier wieder Mensch (Homo sapiens), damit man sich ein Bild davon machen kann, wo wir uns in diesem Stammbaum wiederfinden. Außerdem habe ich mir erlaubt die farbliche Kennzeichnung bestimmter größerer Taxa zu verfeinern und außerdem die ausgestorbenen Arten zu markieren. Der entsprechende Schlüssel findet sich links daneben. Verschiedene Dinge fallen auch wieder auf. Bei den Actinopterygii habe ich bereits die Erkenntnisse aus der neuesten phylogenetischen Analyse (siehe oben) einfließen lassen. Dadurch landen der Blattfisch und der Schmetterlings-Schleimfisch als Schwesternarten nebeneinander – dahinter verbirgt sich der Zweig der Ovalentaria. Der Kuhfisch ist hier das Schwestertaxon des Pazifischen Rotfeuerfisches – beide gehören zur verbliebenen Kerngruppe der Percomorpha. Bei den Säugetieren (Mammalia) kristallisiert sich jetzt besser heraus, dass das Dingiso (Dendrolagus mbaiso)  im Verhältnis zu den höheren Säugern eine basalere Linie repräsentiert. Der Mensch wiederum stellt hier das Schwestertaxon des Ozelots (Leopardus pardalis)  und des Flachlandtapirs (Tapirus terrestris)  dar. Nach der nächsten 10er-Staffel werden sich weitere Beziehungen ebenso klarer herauskristallisieren, während die großen Unterschiede zwischen den Arten zugleich immer noch an die großen Lücken in diesem Stammbaum gemahnen.

 

 

Wie es weitergeht. Ja, wie geht es weiter?

Also ich habe mich wie üblich wieder bemüht eine breite Streuung bei der Auswahl der nächsten 10 Arten bemüht. Diesmal wird es aber einen klaren Schwerpunkt geben:

Ich hab grad Bock auf mehr fossile Biester, deshalb werde ich den geneigten Lesern eine ganze Reihe davon vorsetzen. Aber keine Sorge – es wird wie üblich spannend!