Pirats Bestiarium: Flachlandtapir (Tapirus terrestris)

Flachlandtapir (Tapirus terrestris (Linnaeus, 1758))

 

Namensbedeutung: Wie der Flachlandtapir zu seinem lateinischen Namen kam gehört zu den für Fachleute etwas heiteren Geschichten aus der Anfangszeit der Forschung. Linnaeus hielt den Flachlandtapir für einen Verwandten des afrikanischen Flusspferds und steckte daher beide Arten in eine Gattung Hippopotamus. Da der Flachlandtapir aber offensichtlich mehr an Land lebt, nannte Linnaeus ihn terrestris, was etwa so viel wie „ländlich“ oder „an Land lebend“ heißt, abgeleitet von „Terra“ für „Erde, Land“.

Sowohl der deutsche Name Tapir wie der latinisierte Name Tapirus gehen auf die Bezeichnung der Tupí-Indios aus Brasilien zurück. Sie nannten das Tier Tapira-caaivara, was sich etwa mit „Buschochse“ übersetzen lässt. 1762 veröffentlichte Mathurin-Jacques Brisson, ein französischer Naturforscher, der sich mit so weitreichenden Themen wie Zoologie und Physik beschäftigte, nur vier Jahre nach Linnaeus‘ „Systema naturae“ sein eigenes Werk „Regnum animale“ und bezeichnete darin erstmals den Flachlandtapir als „le tapir“. Allerdings latinisierte er ihn nicht richtig. Immerhin trennte er den Flachlandtapir damit von den Flusspferden ab. Es war der dänische Zoologe Morten Thrane Brünnich, der aus Brissons „le tapir“ den Gattungsnamen Tapirus herleitete und zwar 1772. Eigentlich wäre damit Brünnich der Erstbenenner der Gattung, aber 1998 entschied die International Commission on Zoological Nomenclature (ICZN), dass trotz der fehlenden Latinisierung Brisson als Erstbenner geführt werden solle.

Der Flachlandtapir musste noch rund 150 Jahre lang ein taxonomisches Chaos durchmachen. Mehrfach neu benannt, teils irrtümlich, teils vorsätzlich, teilweise mit falsch geschriebenem Gattungsnamen. Erst der britische Zoologe John Edward Gray benutzte 1867 die richtige und bis heute gültige Kombination Tapirus terrestris. Irrtümliche Neubenennungen gab es aber auch danach noch.

Synonyme. Hippopotamus terrestris, Hydrochaerus tapir, Tapir americanus, Tapir maypuri, Tapir suillus, Tapirus aenigmaticus, Tapirus anulipes, Tapirus ecuadorensis, Tapirus laurillardi, Tapirus rufus, Tapirus sabatyra, Tapirus spegazzinii, Tapirus tapirus.

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Deuterostomia; Chordata; Craniota; Vertebrata; Gnathostomata; Eugnathostomata; Osteichthyes; Sarcopterygii; Rhipidistia; Elpistostegalia; Stegocephali; Tetrapoda; Reptiliomorpha; Amniota; Synapsida; Eupelycosauria; Sphenacodontia; Therapsida; Eutherapsida; Neotherapsida; Theriodontia; Cynodontia; Mammaliamorpha; Probainognathia; Mammaliformes; Mammalia; Theriimorpha; Theriiformes; Trenchotheria; Cladotheria; Theria; Eutheria; Placentalia; Boreoeutheria; Laurasiatheria; Scrotifera; Fereungulata; Perissodactyla; Lophodontomorpha; Euperissodactyla; Ceratomorpha; Tapiroidea; Tapiridae; Tapirus.

Bereits beim Ozelot (Leopardus pardalis)  wurde das Thema angeschnitten, dass umstritten ist, wer die nächsten Verwandten der Unpaarhufer (Perissodactyla) sind. Manche Forscher vertreten die Theorie, dass die Unpaarhufer nächstverwandt mit Raubtieren (Carnivora) und Schuppentieren (Pholidota) sind. Es gibt für diese These aber noch keinen ausschlaggebenden Beweis, andere Studien sehen die Unpaarhufer eher als nahe Verwandte der Paarhufer und Wale (Cetartiodactyla). Hier habe ich mich dazu entschieden, dieser Sichtweise vorerst zu folgen. Gleichwohl bleibt eine nicht zu ferne Verwandtschaft zu den Ferae (Raubtiere und Schuppentiere), weshalb diese mit den Unpaarhufern, Paarhufern und deren Verwandten als Fereungulata zusammengefasst werden.

Innerhalb der Perissodactyla sind die Verhältnisse zum Glück etwas übersichtlicher. Sieht man von einigen ausgestorbenen Nebenlinien der Unpaarhufer ab gibt es heute zwei Hauptlinien dieser Gruppe: Zum einen die Hippomorpha oder Pferdeverwandte, zum anderen die Ceratomorpha, die die Nashörner und Tapire umfassen. Die nächsten Verwandten der Tapire sind also die Nashörner, gefolgt mit etwas mehr Abstand von den Pferden. Die Linien trennten sich bereits vor langer Zeit: Der letzte gemeinsame Vorfahr von Nashörner und Tapiren lebte vermutlich vor fast 50, der letzte gemeinsame Vorfahre der Tapire und Pferde vor fast 60 Millionen Jahren.



Bild 1: Das Verbreitungsgebiet des Flachlandtapirs. Quelle: Wikipedia.

 

Verbreitung. Das Verbreitungsgebiet des Flachlandtapirs erstreckt sich über große Teile Südamerikas östlich der Anden: Von Kolumbien und Venezuela über die Guayanas, das östlichste Ecuador, den größten Teil von Brasilien und Bolivien bis hin ins östlichste Peru und nach Paraguay und das nördliche Argentinien. Am häufigsten sind die Tiere im Amazonasbecken, im Pantanal (im Grenzgebiet zwischen Brasilien, Bolivien und Paraguay) und in den Llanos von Kolumbien und Venezuela.

Aus Brasilien und Argentinien kennt man außerdem fossile Überreste des Flachlandtapirs aus dem späten Pleistozän. Die ältesten Funde sind aus dem nördlichen Argentinien dokumentiert und zwischen 80000 und 130000 Jahre alt.

Einer der letzten. Der Flachlandtapir ist in der Fauna Südamerikas was Besonderes: Er gehört zu den letzten großen herbivoren Säugetieren dort. Die meisten anderen pflanzenfressenden Säuger auf dem Kontinent sind kleiner. Und noch größere Pflanzenfresser gibt es dort praktisch nicht mehr, keine Äquivalente zu den Elefanten Afrikas und Asiens etwa. Das war einmal anders, aber die meisten großen Pflanzenfresser Südamerikas sind ausgestorben. Zu den wenigen, die übrig sind, gehört der Flachlandtapir.

Die Weibchen sind meist etwas größer und schwerer als die Männchen. Während die Männchen nur eine Kopf-Rumpflänge von 205 cm erreichen, erreichen die Weibchen bis zu 220 cm. Dabei wiegen sie bis zu 250 kg, während die Männchen meist nur 150-200 kg Gewicht erreichen. Der Schwanz ist lediglich ein kurzer Stummel von 8 cm Länge und trägt damit nur wenig zu den Körperabmessungen bei.

Der Rumpf ist erkennbar voluminös und wird von kräftigen, relativ kurzen Beinen getragen. Die Vorderbeine tragen vier Zehen, die Hinterbeine drei und alle Zehen tragen Hufe. Außerdem können sie abgespreizt werden, was es dem Flachlandtapir ermöglicht auch auf weichem Untergrund sicher zu gehen. Der kurze kräftige Hals trägt den langgestreckten und beim lebenden Tier gewölbt wirkenden Kopf. Die Nase und die Oberlippe sind miteinander verbunden zu einem kurzen, sehr beweglichen Rüssel. Hinter den seitlich liegenden Augen sitzen am Nackenansatz die bis zu 12 cm langen Ohren. Der Nacken trägt eine kurze, aber deutlich ausgeprägte Mähne. Ansonsten ist das Fell auf der dicken Haut sehr kurz und glatt. Die Farbe des Fells schwankt ein wenig zwischen den verschiedenen Populationen des Flachlandtapirs, in der Regel ist es überwiegend braun bis sehr dunkelbraun, die Bauchseite und die Innenseite der Beine sind normalerweise heller. Wangen und Kehle können sogar hellgrau bis weißlich sein, die Ohren besitzen weiße Ränder.

Der Schädel und – wie bei fast allen Säugetieren – das Gebiss haben besondere Merkmale, die eine genauere Betrachtung verdienen.



Bild 2: Hier sieht man den grundsätzlichen Habitus des Flachlandtapirs sehr gut. Das Bild wurde im Zoo von Prag aufgenommen. Quelle: Wikipedia.

 

Schädel und Gebiss. Der über 35 cm lange Schädel des Flachlandtapirs weist einige Merkmale auf, die er mit anderen Tapiren teilt, und auch Merkmale, die schlicht einzigartig sind. Der allgemeine Habitus des Schädels ist eigentlich gestreckt und niedrig. Er wirkt durch den dazugehörigen Unterkiefer mit der sehr tiefen, kräftigen hinteren Partie jedoch gedrungener – und durch einen Sagittalkamm wesentlich höher. Diese auch Scheitelkamm genannte Struktur ist ein knöcherner Kamm auf der Mittellinie der Schädeloberseite. Er gibt dem Kopf beim lebenden Tier die gewölbte Form. Das eigentlich interessante ist die Ausbildung des Sagittalkamms beim Flachlandtapir. Bei anderen Säugetieren mit einer solchen Struktur wird sie bereits während der Entwicklung im Mutterleib als paarige Knorpelstruktur angelegt, die dann zu einem einheitlichen verknöcherten Kamm zusammenwächst. Nur beim Flachlandtapir bildet sie sich komplett erst nach der Geburt und direkt als unpaare Verknöcherung, die sich bereits früh bei den Jungtieren vergrößert. Damit ist der Sagittalkamm des Flachlandtapirs innerhalb der Tapire und wahrscheinlich sogar aller Säugetiere einzigartig. Der Sagittalkamm und der sehr ausgeprägte hintere Unterkiefer gehören funktionell zusammen: Beide Strukturen bieten den kräftigen Kiefermuskeln des Flachlandtapirs die notwendigen Ansatzflächen. Speziell der einzigartige Sagittalkamm ist Ansatzfläche des Temporalis-Muskels, der den Unterkiefer nach oben zieht, also das Maul schließt.

Typisch für Tapire ist dafür die Ausbildung des Nasenbereichs. Die Nasenhöhlen des Schädels sind vergrößert und rückwärts verschoben. Das Nasenbein (Nasale) ist reduziert und bildet lediglich noch einen nach oben abstützenden breiten Sporn. Beim lebenden Tier wird die Nasenhöhle seitlich von Knorpel begrenzt. Rund um die Nasenhöhle und am Boden eben dieser setzen die Muskeln an, die den Rüssel bilden und bewegen. Dieser ist nicht nur sehr beweglich, sondern besitzt auch einen sehr sensitiven Tastsinn. Außerdem deutet bereits der große Naseninnenraum auf einen sehr gut entwickelten Geruchssinn hin, was durch eine deutliche Vergrößerung der für den Geruchssinn verantwortlichen Region im Gehirn bestätigt wird.



Bild 3: Der Schädel des Flachlandtapirs. Der Sporn auf der Oberseite ist das Nasale. Quelle: animaldiversity.ummz.umich.edu


Sagittalkamm

Bild 4: Ein Querschnitt durch den Schädel eines Flachlandtapirs (oben), erstellt mit Hilfe eines CT-Scans. Die grüne Linie auf dem unteren Bild zeigt die Lage der Schnittebene gesehen von oben; rechts ist das Hinterhaupt, links die Schnauze. Auf dem Querschnitt sieht man die tiefe hintere Partie der Unterkiefer links und rechts unterhalb des Schädels. Der große Hohlraum im Inneren des Schädels beherbergt das Gehirn. Darüber erhebt sich gut erkennbar der Sagittalkamm. Quelle: http://digimorph.org/specimens/tapirus_terrestris/


Bild 5: Diese Abbildung zeigt die verschiedenen Muskeln, die den typischen Rüssel aufbauen.Quelle: digimorph.org (modifiziert nach Witmer et al 1999).

 

Schauen wir uns nun die Zähne an. Zunächst zu der eigentlichen Zahnformel. In jeder Hälfte des Oberkiefers finden sich bei einem ausgewachsenen Flachlandtapir 3 Schneidezähne, 1 Eckzahn, 4 Prämolaren (Vorbackenzähne) und 3 Molaren (Backenzähne). Jede Unterkieferhälfte weist fast die gleiche Ausstattung auf, sieht man davon ab, dass es dort nur 3 Prämolaren sind. Damit ist die Zahnzahl im Vergleich zur evolutionären Grundausstattung der Säuger nur wenig reduziert. Die Zähne sind sehr unterschiedlich ausgebildet. Die Schneidezähne im Unterkiefer sind relativ klein. Dies gilt auch im Oberkiefer, abgesehen vom dritten Schneidezahn, der größer und dolchartig geformt ist, wodurch er eher an einen Eckzahn erinnert. Der eigentliche Eckzahn im Oberkiefer ist klein und konisch und sitzt mit einem kleinen Abstand hinter den Schneidezähnen. Im Gegensatz dazu sitzt der Unterkiefereckzahn direkt hinter den Schneidezähnen und ist groß und kräftig. Er steht dem kräftigen dritten Schneidezahn des Oberkiefers gegenüber. Die Eckzähne unterscheiden sich aber deutlich von den Schneidezähnen durch erstaunlich wenig Zahnzement, was unter Säugetieren eher ungewöhnlich ist. Hinter den Eckzähnen klafft in beiden Kiefern eine große Lücke, ein Diastema, das sie von den Prämolaren und Molaren trennt. Diese beiden hinteren Zahngruppen ähneln sich stark und bilden eine durchgehende Zahnreihe. Ihre niedrigen Kronen sind relativ wenig komplex gestaltet: Zwei querstehende und mit Zahnschmelz überzogene Leisten mit einem Höcker an jedem Ende bilden das Relief. Diese Ausprägung der Prämolaren und Molaren wird als bilophodont bezeichnet.

Dieses Gebiss ist typisch für pflanzenfressende Säuger. Die vorderen Zähne dienen allein dem Abbeißen von Nahrungsstücken, wobei hier besonders der dritte Schneidezahn des Oberkiefers und der Eckzahn des Unterkiefers zusammen arbeiten. Von diesem reinen Futterbeschaffungsapparat deutlich durch das Diastema getrennt ist die Futterverwertung durch die Prämolaren und Molaren. Niedrigkronige Zähne mit Graten und Höckern sind gut geeignet für das Zerkleinern relativ weicher, wenig abrasiver (abschleifender) Pflanzenmaterialien. Diese stark ausgeprägte Arbeitsteilung im Gebiss ist typisch für herbivore Säugetiere und stellt nur einen ersten Arbeitsschritt in der Nahrungsverwertung da. Die Nahrungspartikel werden im Magen und im bis zu 11 m langen Dünndarm weiter vorbereitet und gelangen über einen nur kurzen Blinddarm in den nicht ganz drei Meter langen Dickdarm. Dort findet der entscheidende Verdauungsschritt statt: Die ganz fein zerlegten Nahrungspartikel werden von im Dickdarm ansässigen Mikroorganismen zersetzt und wichtige Nährstoffe aufgeschlossen, die dann erst vom Flachlandtapir über die Darmwand aufgenommen werden können. Eine solche Verdauungsweise nennt man Fermentation, in diesem Fall Enddarmfermentation. Ohne die gründliche Vorbereitung der Nahrung bereits mit Hilfe des Gebisses wäre das aber nicht möglich. Im Vergleich zu den Methoden anderer Pflanzenfresser – etwa den komplexeren Verdauungstrakten der Wiederkäuer (z.B. bei Rindern) – ist dies sogar noch eine einfache Verdauungstechnik. Deswegen ist sie aber nicht unbedingt schlechter: Der Flachlandtapir absorbiert zum Beispiel mehr Calcium aus seiner Nahrung als ein durchschnittlicher Wiederkäuer.

Unterarten? Der Flachlandtapir hat ein flächenmäßig großes Verbreitungsgebiet. Und es gibt eine gewisse Variation in der Fellfärbung und genauen Größe der Tiere. Beides ließ früh die Vermutung aufkeimen, dass es Unterarten geben könnte. Ähnlich wie wir dies aber beim Ozelot gesehen haben, ist deren Definierung gar nicht so leicht, da die Übergänge etwaiger Unterscheidungsmerkmale fließend sind. Viele vermeintliche Unterarten wurden verworfen. In der Diskussion sind heute nur noch vier Unterarten:

Die Nominatform Tapirus terrestris terrestris bewohnt das östliche und zentrale Brasilien. Sie ist farblich die dunkelste Unterart, alle anderen Unterarten sind deutlich heller.

T.t.aenigmaticus bewohnt die östlichen Ränder des Verbreitungsgebietes, vor allem Ecuador.

T.t. colombianus kommt im Norden des Verbreitungsgebietes vor, mit Schwerpunkt in Kolumbien und Venezuela.

T.t. spegazzini stellt die Populationen im südwestlichen Brasilien, in Bolivien und Nordargentinien.

Die Abgrenzung bleibt aber schwierig. Genetische Untersuchungen stießen auf ein ähnliches, aber nicht ganz deckungsgleiches Muster. Beim Vergleich bestimmter Chromosomen stieß man auf mehrere verschiedene Variationen dieser Chromosomen, sogenannte Haplotypen (diese Variationen entstehen durch Unterschiede in der Basenabfolge der DNA). Ein daraus rekonstruierter genetischer Stammbaum ergab vier genetische Gruppierungen (Kladen), die sich innerhalb der Art auseinanderentwickelten und nur selten vermischten. Die Kladen I und II bewohnen die westlichen Ränder des Verbreitungsgebietes am Fuße der Anden, von Südkolumbien über das östliche Ecuador und Peru bis ins westliche Brasilien. Klade III umfasst alle Populationen nördlich des Amazonas bis zur Karibikküste. Klade IV dagegen umfasst alle restlichen Populationen südlich des Amazonas bis nach Argentinien und Bolivien. Die Forscher vermuten, dass zumindest hier der Amazonas als Barriere wirkte und den Genfluss zwischen nördlichen und südlichen Populationen einschränkte. Dies ist umso erstaunlicher, als der Flachlandtapir sich gerne im Wasser aufhält und gut schwimmen kann.

Ein weiterer Punkt ist, dass diese Haplotypen nicht deckungsgleich mit den beobachteten vermeintlich markanten äußeren Unterschieden der oben genannten Unterarten sind. Von daher darf man daran zweifeln, ob diese Einteilung in Unterarten überhaupt sinnvoll ist.


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Bild 6: Flachlandtapire fressen eine breite Palette an Zweigen, Blättern und Ästen. Hier ein erwachsenes und ein jugendliches Exemplar im Kölner Zoo. Quelle: Robert Reiss.

 

Ernährung und Lebensraum. Die Ernährungsgewohnheiten des Flachlandtapirs und welche ökologische Rolle sie in seinem Lebensraum spielen wurde über Jahre hinweg in verschiedenen Studien genauer untersucht. Das Gebiss des Flachlandtapirs legt nahe, dass er grundsätzlich ein recht opportunistischer Pflanzenfresser ist: Von Blättern über Zweige bis hin zu Früchten kann er mit seinem Gebiss praktisch alles verwerten. Sein Verdauungstrakt würde diese Annahme erst einmal untermauern. Zahlreiche Untersuchungen haben aber durchaus gezeigt, dass Flachlandtapire nicht einfach drauf losfressen. Je nach bewohntem Lebensraum, Jahreszeit und Region variiert die Zusammensetzung des Speiseplans. Auch der sehr bewegliche Rüssel, der beim Erfassen von Nahrungsteilen eine Rolle spielt, zeigt an, dass die Tiere durchaus sehr genau auswählen können. Die entsprechenden Untersuchungen stützen sich auf die Analyse von Spuren, die Tapire beim Fressen hinterlassen, von Mageninhalten bei erlegten Individuen und vor allem von Kotspuren.

Zunächst lohnt sich hier ein Blick auf den Lebensraum des Flachlandtapirs. Die Tiere bewohnen grundsätzlich Lebensräume mit hohem Niederschlag und hoher Luftfeuchtigkeit. In einigen Regionen, etwa in Venezuela, leben sie allerdings auch in Gebieten mit einer ausgeprägten Trockenzeit (in Venezuela etwa von November bis Mai); in dieser Zeit suchen sie dann noch die Bereiche mit den meisten Feuchtigkeit und den meisten Gewässern auf. Grundsätzlich bevorzugen Flachlandtapire die Nähe von Flüssen, Seen und Sümpfen. Flachlandtapire schwimmen und tauchen sehr gut. Auch ist ein gewisses Maß an Dickicht wichtig: Sie bevorzugen zwar Wälder – vor allem tropischen Regenwald wie im Amazonasbecken -, besiedeln mancherorts aber auch offenere, lichtere Wälder (z.B. Sekundärwälder) solange genügend Buschwerk vorhanden ist. Immer öfter wurde auch schon beobachtet, dass sie dort, wo sie zwangsläufig auf von Menschen veränderte Landschaften stoßen, am ehesten mit Plantagengebieten klarkommen. Dickicht und Unterholz bietet den Flachlandtapiren tagsüber Schutz und Deckung. Auf Nahrungssuche gehen sie erst nachts, wobei der Tast-und der Geruchssinn eingesetzt werden. Die Augen der Tapire sind eher schlecht, da sie für die Nahrungssuche nicht benötigt werden. Dafür hören die Tiere sehr gut, um rechtzeitig Gefahren wahrzunehmen.

Die Nahrungsgewohnheiten sind zum Teil überraschend und lokal von großer ökologischer Bedeutung. Es stellte sich zum Beispiel heraus, dass Flachlandtapire häufig verschiedene Pflanzen bevorzugten, die sie auf Lichtungen und an Waldrändern finden. Diese Vorliebe scheint daraus zu resultieren, dass dort wachsende Pflanzen schneller nachwachsen, mehr Nährstoffe bieten und häufig weniger giftig sind. Letzteres hat den Hintergrund, dass die Konkurrenz um verfügbares Licht zwischen den Pflanzen auf Lichtungen weniger stark ist und die dortigen Pflanzen daher weniger zu einer biochemischen Kriegsführung neigen. In letzter Konsequenz sind diese Pflanzen damit auch bekömmlicher für Flachlandtapire. Eine weitere Beobachtung betrifft den Anteil an Früchten in der Nahrungspalette der Tapire. Sie ist grundsätzlich sehr hoch. Der vom Flachlandtapir bewohnte Lebensraum bietet grundsätzlich eine große Vielfalt an zum Teil sehr großen Früchten. Regional kann dieses Angebot aber schwanken und entsprechend schwankt von Gebiet zu Gebiet der genaue Anteil der Früchte an der gesamten Nahrung und welche Früchte gefressen werden. Zudem schwankt beides auch im Laufe des Jahres, zumindest da, wo bestimmte Früchte nur saisonal gebildet werden. Ein Beispiel findet sich im Süden Venezuelas im Gebiet des Tabaro-Flusses. Dort wachsen am Rande des Tabaro und seiner kleineren Nebenflüsse Pflanzen der Art Micropholis melinoneana, die große Früchte ausbildet. Wenn diese Pflanzen ihre Früchte tragen, etwa von Januar bis März, dann halten sich die Tapire deutlich näher am Flussufer auf, um diese Früchte zu fressen. Dieses Verhalten ist so vorhersagbar, dass die örtlichen Indios unter den entsprechenden Bäumen sogar Fallen errichten, um Tapire zu fangen und für den Verzehr zu töten. Hier und an anderen Lokalitäten konnte man außerdem feststellen, dass die Flachlandtapire nur eine kleine Bandbreite von Früchten verzehrten. Dagegen verzehren ihre Artgenossen im Südosten von Peru eine sehr große Bandbreite von Früchten von sehr vielen verschiedenen Pflanzen, variierend nach lokalem Angebot und Jahreszeit. Im Nordosten von Peru, im westlichsten Amazonasbecken, konzentrieren sich die Flachlandtapire dagegen auf einige wenige Früchte, wobei die Früchte der Palmenart Mauritia flexuosa am häufigsten gefressen werden. Diese Palmenart bildet eigene kleine Waldstücke und Haine, die von den Tieren aufgesucht werden um schnell und ohne großes Suchen große Mengen an Nahrung zu finden und zu verzehren. Im südöstlichen Brasilien konnte eine andere Variante beobachtet werden. Hier bewohnen die Flachlandtapire vor allem die küstennahen atlantischen Regenwälder (Mata Atlântica) und die Übergangszonen dieser Wälder zur regionalen als Cerrado bezeichneten Savanne. Hier ernähren sich die Flachlandtapire in einem besonders großen Ausmaß von Blättern, Stängeln und Ästen. Früchte machen hier einen überraschend kleinen Anteil ihres Speiseplans aus. In der jährlichen Trockenzeit dieser Region jedoch nimmt der Anteil der Früchte am Speiseplan zu. Dann fressen die Flachlandtapire hier vor allem Früchte von Vertretern der Rubiaceae (einer Pflanzengruppe, zu der auch der Kaffee gehört), der Nachtschattengewächse (Solanaceae) und der Annonaceae (ein bekannter Vertreter ist der Zimtapfel). Weiter landeinwärts, im Iguazo Nationalpark im Grenzgebiet des nördlichsten Argentiniens zu Brasilien erwiesen sich Flachlandtapire als Hauptverbreiter der Samen der Palmenart Syagrus romanzoffiana , deren Früchte sie gerne fraßen. In anderen Gebieten werden auch Feigen als häufige Nahrungsquelle dieser Art berichtet.



Bild 7: Ein von der Buriti-Palme (Mauritia flexuosa) dominierter Wald am Fluss Preguiça in der Provinz Maranhão im nördlichen Brasilien. Es wurde beobachtet, dass Flachlandtapire gezielt solche Waldstücke aufsuchen um die Früchte dieser Palme zu fressen. Quelle: Wikipedia/ E. Zimbres.


Bild 8: Die Frucht der Buriti-Palme. Diese Früchte sind etwa 7 bis 8 cm groß. Quelle: Wikipedia/ D.Descouens.

 

Diese Variationen sind letzten Endes Ausdruck davon, dass die Flachlandtapire das jeweils vorhandene Nahrungsangebot für sich möglichst optimal nutzen. Viele der Blätter und Triebe, die sie fressen, sind zwar in größeren Mengen vorhanden, aber nicht sehr nahrhaft für die Tiere. Dies gleichen sie daher mit dem Verzehr von Früchten aus, die geradezu vollgestopft sind mit Nährstoffen. Flachlandtapire folgen immer bestimmten Pfaden und merken sich wo sie die meisten Früchte ergattern können. Solche Lokalitäten suchen sie immer wieder auf. Und sie haben feste Plätze, wo sie ihren Kot hinterlassen – was Forschern die Analyse einer relativ großen Menge von Kotproben auf Nahrungsrückstände ermöglichte. Dies offenbarte einen anderen Aspekt bzw. eine Konsequenz des Nahrungsverhaltens der Tapire. Wie sich zeigte, überstehen etliche Samen tatsächlich den Gang durch den Verdauungsapparat des Flachlandtapirs. Diese Samen finden sich dann im Kot wieder und finden dabei wunderbare Bedingungen, um zu keimen. So verteilt der Flachlandtapir die Samen seiner Nahrungspflanzen im Dschungel. Lange dachte man diese Aufgabe würden im südamerikanischen tropischen Regenwald vor allem verschiedene Affen und Vögel übernehmen. Aber auch der Flachlandtapir spielt dabei eine Rolle. Die Rolle großer herbivorer Säugetiere bei der Verbreitung der Pflanzensamen in den südamerikanischen Tropen war in der Vergangenheit, vor der Aussterbewelle am Ende der letzten Eiszeit, vermutlich noch viel größer. Heute ist der Flachlandtapir ein letztes Relikt der damaligen Fauna und übernimmt diese Rolle immer noch.

Dreck fressen. So wie Flachlandtapire sich genau merken wo es leckere Früchte gibt, wo Böschungen mit schmackhaften und nicht zu giftigen Pflanzen sind, und wo sie ihren Kot abgeben, so haben sie auch bevorzugte Plätze zum Mineralien-oder Salzlecken. Man könnte auch sagen: Sie futtern Dreck, Erde. Das bedarf genauerer Erklärung.

Viele Pflanzenfresser im tropischen Regenwald suchen regelmäßig Flussufer, Böschungen oder Hänge auf, an denen mineralreiche Tone aufgeschlossen sind. Der Flachlandtapir bildet da keine Ausnahme. Ihr nehmen sie größere Mengen Ton auf. Diese Aufnahme ist offensichtlich sehr wichtig und wie Forscher begründet vermuten aus mehreren Gründen. Wie wichtig das ist, zeigt sich zum Beispiel daran, dass Flachlandtapire jede Nacht im Schnitt zweimal solche Örtlichkeiten aufsuchen, manche auch öfter, und dann dort länger verweilen, um ihren Bedarf zu decken. Interessanterweise suchen erwachsene Weibchen die Tonaufschlüsse öfter auf als erwachsene Männchen. Möglicherweise ist ein Teil der Nährstoffe also wichtig für eine gute Versorgung etwaiger heranwachsender Nachkommen im Mutterleib. Ein weiterer Effekt könnte ein gewisser Schutz vor giftigen Pflanzen und/oder Parasiten sein, den Tone im Verdauungstrakt bieten können. Jedenfalls gehen die Tapire beim Aufsuchen solcher Tonaufschlüsse große Risiken ein: Der Boden dort ist weich und klebrig, Fortbewegung ist nur langsam stapfend möglich. Nirgendwo sonst sind Tapire, deren beste Verteidigung im Allgemeinen eine schnelle Flucht durchs Unterholz ist, für Raubtiere angreifbarer als an den Tonaufschlüssen.


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Bild 9: Flachlandtapire halten sich gerne im Wasser auf und sind auch gute Schwimmer. Dieses Bild entstand im Kölner Zoo. Quelle: Robert Reiss.

 

Sozialverhalten. Flachlandtapire sind territorial. Deshalb auch ihre festen Routen und festen Punkte zum Koten. Das ist nicht einfach nur simple Gewohnheit. Die Tiere markieren mit Kot und Duftmarken die Grenzen ihres Reviers. Dieses Revier kann mehrere Quadratkilometer umfassen; bei einer Untersuchung in bolivianischen Trockenwäldern schätzte man das größte Revier auf etwa 3 km², bei einer durchschnittlichen Reviergröße von 1,4 km². Vermutlich hängt die Größe außer von der Konkurrenz durch andere Tapire auch vom verfügbarem Nahrungs-und Wasserangebot ab. Ein Flachlandtapirrevier hat stets genügend Unterholz und Wasserstellen. Aus Sicht eines Flachlandtapirs entscheiden außerdem die vorhandenen Lichtungen und Früchtevorkommen als Nahrungsquellen und das Vorhandensein von Tonaufschlüssen über die Güte eines Reviers. Tonaufschlüsse scheinen häufig im Grenzbereich von Revieren zu liegen und dienen daher auch als typischer Ort für Duftmarkierungen und damit für die innerartliche Kommunikation. Die Kotstellen liegen häufig etwas erhöht, so dass sie nicht zu leicht unter Wasser geraten, wenn nicht gerade Hochwasser herrscht. Abseits von Kotstellen markieren die Tiere, vor allem auch die Männchen, auch mit Urin. Dieser wird dazu verspritzt, im Falle der Männchen bis zu fünf Meter weit.

Flachlandtapire sind also die meiste Zeit einzelgängerisch unterwegs. Ihr eigentlich nicht sehr guter Sehsinn reagiert auf kurze Entfernungen auf optische Signale, die eindeutig einen anderen Artgenossen anzeigen: Die weißen Ohrränder und den sich bewegenden Rüssel. Begegnen sich zwei Flachlandtapire im dunklen Regenwald, richten sich die Ohren nach vorne und die Tiere erkennen sich sowohl an optischen Signalen wie am Geruch. Im Allgemeinen ist das Aufeinandertreffen dann nicht sehr freundlich. Die Tiere können sogar regelrecht aggressiv werden und sich gegenseitig angreifen, um den anderen aus dem eigenen Revier zu verdrängen. Vor allem die Männchen sind diesbezüglich sehr unleidlich. Die Abneigung gegenüber Rivalen kann so groß sein, dass die Tiere beim erschnüffeln fremden Kots sogar den Rüssel heben und die vorderen Zähne blecken, das sogenannte Flehmen. Bei Kämpfen zwischen Artgenossen sind die Schneide-und Eckzähne auch Waffen.

Eine geringfügig weniger wichtige Rolle in der innerartlichen Kommunikation spielen Lautäußerungen – aber es gibt sie durchaus. Bei Gefahr geben Flachlandtapire schrille Laute von sich, die möglicherweise Ausdruck des Erschreckens und Warnlaut zugleich sind. Beim Kontakt mit Artgenossen werden Klicklaute ausgestoßen. Diese erzeugt das Tier mit der Zunge am Gaumen. Anscheinend erkennen sich damit die Tiere als Artgenossen, zusätzlich zum Geruch und zu den genannten optischen Merkmalen. Wenn sie aggressiv werden, etwa weil sie es mit einem Rivalen zu tun haben, geben sie ein vernehmliches Schnauben von sich.



Bild 10: Ein Flachlandtapir beim Flehmen. Quelle: Wikipedia/ Anna Schultz.

 

Fortpflanzung. Aber auch Flachlandtapire müssen gelegentlich über ihren Schatten springen, um für den Fortbestand der Art zu sorgen. Es gibt keine feste Jahreszeit, zu der sich die Tiere paaren. Vielmehr besitzen die Weibchen einen festen Zyklus, bei dem sie alle 50 bis 80 Tage in die Brunft kommen, die dann etwa zwei Tage anhält. Die Männchen riechen das, und wenn sie eine entsprechend riechende Markierung eines Weibchens finden, nehmen sie die Spur der Artgenossin auf. Die Männchen folgen den Weibchen und unternehmen dann spielerische Annäherungsversuche, bei denen sie zum Beispiel sanft an den Ohren des Weibchens zupfen. Wenn sich die Tiere näher kommen, umkreisen sie sich, flehmen sich an und geben wimmernde Geräusche von sich. Es ist zwar kein absolutes Muss, aber gerne begatten die Männchen die Weibchen im Wasser mit ihrem 49 cm langen Penis, weil die Tiere dort weniger gefährdet sind wie an Land.

Flachlandtapirweibchen haben eine ziemlich lange Tragezeit, deren genaue Dauer auch noch stark schwankt: Es werden Schwangerschaften von 335 bis 439 Tagen Dauer berichtet. Danach wird normalerweise ein Kalb geboren, seltener kommen Zwillinge zur Welt. Die Geburt selber geht ziemlich schnell, dauert nur wenige Minute. Die Kälber des Flachlandtapirs besitzen eine dunkelbraune Grundfärbung, die durch weißliche Längsstreifen und Flecken unterbrochen ist. Diese Färbung ist eine Tarnfärbung, welche die Kälber schützt: Die Streifen und Flecken lösen im von einzelnen Sonnenstrahlen unterbrochenen Dämmerlicht des Dschungels die Körperkonturen auf, wodurch die Kälber schwerer zu entdecken sind. Daneben werden sie auch von ihren Müttern beschützt. Jetzt ist die Devise nicht mehr auf und davon rennen, wenn Gefahr droht, sondern offensiv verteidigen. Das machen Flachlandtapire sonst nur, wenn sie in die Ecke gedrängt sind. Dabei stellen sich die Muttertiere sogar Jaguaren entgegen – unter Einsatz ihrer kräftigen vorderen Schneide-und Eckzähne, von kräftigen Huftritten, Rammstößen mit dem ganzen Körper.

Bei der Geburt wiegen die Kälber zwischen 3 und 7 kg. Die ersten paar Tage verbringen sie noch in einer Art Nest im tiefsten Unterholz. Manche Kälber haben schon bei der Geburt erst Milchzähne, ansonsten entwickeln sich diese ziemlich schnell. In seltenen Fällen soll es sogar vorkommen, dass der erste Backenzahn (Molar) bereits bei neugeborenen Kälbern vorhanden ist, obwohl dieser typischerweise erst zum bleibenden Erwachsenengebiss gehört. Die Milchschneidezähne kommen spätestens nach 7 bis 9 Tagen durch, die Milcheckzähne erst rund zwei Wochen später. Die Milchbackenzähne (die von der Position her den späteren Prämolaren entsprechen) folgen kurz nach den Eckzähnen. Mit den ersten Milchzähnen beginnen die Kälber auch schon mit der Aufnahme erster fester Nahrung, also im Alter von wenigen Tagen bis etwa einer Woche. Parallel dazu werden sie aber weiter vom Weibchen, dessen Zitzen in der Leistengegend sitzen, gesäugt. Die kleinen Tapire wachsen schnell. Bei in Gefangenschaft geborenen Kälbern konnte eine Verdoppelung des Gewichts binnen der ersten Woche und eine Verdreifachung in den ersten zwei Wochen festgestellt werden. In einem Falle wurde eine durchschnittliche Gewichtszunahme von 2,27 kg pro Woche gemessen. Eine wichtige neue Lebensphase beginnt im Alter zwischen 6 und 10 Monaten. Dann verblasst die Tarnfärbung der Jungtapire langsam und die Weibchen entwöhnen den Nachwuchs langsam. Dieser begleitet das Muttertier zwar weiterhin, ernährt sich dann aber nur noch von fester Nahrung. Mit etwa 18 Monaten erst lösen sich die Bande zwischen Jungtier und Muttertier, weil dann auch die Geschlechtsreife eintritt. Außerdem hat der Jungtapir dann seine volle Körpergröße erreicht. Das Muttertier duldet das Jungtier dann auch zunehmend nicht mehr im eigenen Territorium. Es muss sich dann ein eigenes Territorium suchen. Der Zahnwechsel beim Jungtier beginnt üblicherweise bereits mit 13 Monaten – dann beginnen die Molaren des Erwachsenengebisses ihren Durchbruch. Die Milchbackenzähne üben ihre Funktion solange mit den bleibenden Molaren aus, bis der zweite Molar im Unterkiefer durch ist. Danach werden auch sie ersetzt. Schneide-und Eckzähne wechseln erst spät, in einem dokumentierten Fall erst ab dem zwanzigsten Monat. Interessant ist ein sogenannter allometrischer Wachstumseffekt: Der Kopf bleibt lange im Verhältnis zum restlichen Körper größer als beim erwachsenen Flachlandtapir. Dadurch erreicht der Schädel seine endgültige Länge bereits zu der Zeit, wenn der zweite Molar im Oberkiefer durchbricht. Der restliche Körper wächst dann noch eine Weile weiter, bis das Größenverhältnis des Kopfes zum Körper schließlich dem eines erwachsenen Tieres entspricht.

In Gefangenschaft werden Flachlandtapire bis zu 35 Jahre alt. In freier Wildbahn beträgt die Lebenserwartung meist deutlich weniger, maximal geschätzt 30 Jahre. Schließlich müssen sich die Tiere hier vielen Gefahren erwehren – Krankheiten, Jaguaren, Krokodilen – und dem Menschen.


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Bild 11: Ein Flachlandtapir-Kalb. Deutlich erkennbar ist die Tarnfärbung. Dieses Tier wurde in Gefangenschaft im Kölner Zoo geboren. Quelle: Robert Reiss.


Bild 12: Ein Kalb im Dortmunder Zoo. Auch hier sieht man gut die Tarnfärbung, die ihre richtige Wirkung erst in schattigen Wäldern entfaltet. Quelle: Wikipedia/ Gunnar Hendrich.


Das alte Lied. Es ist das alte Lied. Die Interessen der Menschen kollidieren mit den Bedürfnissen der Wildtiere. Der Flachlandtapir ist da keine Ausnahme. Die wachsende Bevölkerung (mit noch dazu wachsenden Ansprüchen) in Brasilien und andernorts in Südamerika braucht immer mehr Grund und Boden. Die Waldrodung ist in Amazonien ein Problem geblieben bis heute. Wälder und Dickichte weichen offeneren landwirtschaftlich genutzten Flächen oder Neubaugebieten. Flüsse werden verschmutzt (unter anderem mit Quecksilber durch Goldsucher) und belasten damit die gesamten umgebenden Ökosysteme. Andernorts werden Feuchtgebiete auch einfach trockengelegt. Sieht man sich noch einmal die Lebensraumansprüche des Flachlandtapirs an, liegt der Konflikt auf der Hand. Und dabei ist noch nicht einmal die gelegentliche Jagd auf die Art mit eingerechnet.

Die Lebensraumzerstörung bleibt aber die größte Gefahr und häufig führt sie überhaupt erst zu Verlusten durch Erschießungen. Wo landwirtschaftliche Flächen als Plantagen genutzt werden, finden Flachlandtapire häufig Bedingungen vor, die zumindest ein wenig an die ihnen zusagenden Wälder erinnern. Hier versuchen sich die Tiere dann als Kulturfolger und bewohnen auch diese Plantagen. Sie gehen dort auf Nahrungssuche. Die unweigerliche Folge können Schäden an den angebauten Pflanzen sein. Außerdem kann es – ganz selten – zu Zusammenstößen zwischen Menschen und Flachlandtapiren kommen. Dies geschieht, wenn die Tiere sich in die Enge gedrängt sehen oder die Muttertiere ihre Kälber beschützen und dann nicht die sonst übliche Scheue an den Tag legen. Die unweigerliche Folge ist dann üblicherweise der Abschuss der Tiere. Andernorts jagen lokale Indios und andere Einheimische die Tiere wegen ihres Fleisches und der Haut (die sich gut verarbeiten läßt). In noch relativ dicht mit Flachlandtapiren besiedelten Gebieten können sie bis zu 45 % der erjagten Biomasse einer Indiogemeinschaft ausmachen, wie eine Untersuchung in den Jahren 1993/94 ergab. Aber die Gefahr stellt nicht einfach nur der reine zahlenmäßige Abzug an Individuen dar. Noch viel gefährlicher mittel-und langfristig ist der Punkt, wie sich die Verluste innerhalb der lokalen Population verteilen. Einen Hinweis darauf gab eine Untersuchung aus dem Jahre 2003.

Leonardo Maffei untersuchte über mehrere Jahre die Gebisse von Flachlandtapiren, die von Indio-Gemeinden in der südbolivianischen Provinz Gran Chaco erjagt wurden. Die Menschen dort jagen stark unter Einsatz von Hunden, wodurch seitens des menschlichen Jägers kaum eine Unterscheidung zwischen jungen und alten Beutetieren gemacht wird. Der Flachlandtapir macht in dieser Region etwa 14,3 % des von den Menschen erjagten Wildes aus. Die Gebissuntersuchungen sollten das Alter der erjagten Tapire ermitteln. Die Ergebnisse waren beunruhigend. 63 % der erjagten Tapire waren maximal ein Jahr alt. Als Maffei in Rechnung stellte wie lange Flachlandtapire bis zur Geschlechtsreife brauchten (etwa anderthalb bis zwei Jahre) und wie lange die Tragezeit und die Jungenaufzucht in Anspruch nehmen, kam er zu einem bestürzenden Ergebnis: rund 72 % aller Flachlandtapire in dem Untersuchungsgebiet sterben, zum überwiegenden Teil durch die menschliche Bejagung, bevor sie sich jemals fortgepflanzt haben. Lediglich knapp 28 % der Population sind damit aktiv an der Fortpflanzung beteiligt. Auf Dauer kann eine Population eine solche Verteilung nicht tragen und dadurch nicht erhalten werden. Kleiner Zahlen älterer Tapire werden ja außerdem noch erlegt (die restlichen 37 % der erlegten Tiere), die ihren Anteil an der Reduktion der fortpflanzungsfähigen Individuen haben. Eine so überjagte Population nimmt irgendwann schlicht ab. Die älteren Tiere sterben irgendwann auch auf natürliche Weise weg, während die jüngeren nie sonderlich alt werden – und dadurch in ihrem Leben natürlich auch weniger Jungen durchbringen können. Von denen ja auch dann nur die wenigsten überleben. Die Abwärtsspirale ist offensichtlich. Die Effekte davon konnte Maffei bereits feststellen: Kein erlegter Flachlandtapir war älter als 12 Jahre. Und die Jäger berichteten, sie müssten immer weitere Distanzen zurücklegen um überhaupt noch Beute zu finden.

Aber auch ohne Abschüsse hat der Verlust von Lebensraum drastische Folgen. Bereits in den 1990er Jahren untersuchten Wissenschaftler die Effekte der sogenannten Habitatfragmentierung – also der Zerstückelung des Lebensraums – in den Küstenwäldern Brasiliens. Diese sind schon lange besonders stark betroffen, da viele der größten Städte des Landes an der Küste liegen. Die dortigen Wälder wurden bereits von den ersten europäischen Kolonisten bedenkenlos ausgebeutet und abgeholzt, heute sind es vor allem die vielen wild wuchernden illegalen Slumviertel an den Rändern der großen Städte ebenso wie der allgemeine sonstige Landhunger, die diese Wälder weiter aufzehren. Es sind nur noch Bruchstücke erhalten, oft in kleinen Waldungen, weit entfernt von den nächsten Überresten des Waldes. Größere zusammenhängende Waldstücke sind die Seltenheit inzwischen. Die Bewohner der einzelnen Waldstücke sind oft in diesen gefangen, können nicht zu anderen Waldstücken wechseln und leben im Grunde de facto wie auf einer Insel. Die Ressourcen dieser Inseln sind wie bei echten Inseln begrenzt und entsprechend drastisch sortiert sich dann zwangsläufig welche Arten noch dort leben können und welche nicht. Zu den Verlierern hier zählt fast immer der Flachlandtapir. Wie sich zeigte kommt die Art durchaus noch in Waldstücken vor, wenn auch selten, die noch etwa 2000 Hektar Fläche aufweisen (1 Hektar = 10000 m²). Auch in noch größeren erhaltenen Waldstücken kann man sie entsprechend finden. Aber die meisten Waldstücke sind noch kleiner – üblicherweise nur wenige hundert Hektar. Und diese Waldstücke sind zu klein, um Flachlandtapir-Populationen zu ernähren. Daher ist die Art in solchen Arealen dann schlicht ausgestorben.

Genaue Zahlen zum Gesamtbestand des Flachlandtapirs hat man nicht. Man weiß aber, dass die Zahlen allgemein rückläufig sind und in etlichen stark vom Menschen in Anspruch genommenen Gebieten, vor allem an den Rändern des Verbreitungsgebietes, die Art bereits weitgehend ausgestorben ist (so für Teile des nördlichen Argentiniens und der brasilianischen Küstengebiete sowie am östlichen Fuße der Anden dokumentiert). In Teilen Venezuelas kommt die Art nur noch in Schutzgebieten vor. Im Pantanal sinkt die Bestandsdichte beständig ab. Andernorts ist der Flachlandtapir noch relativ häufig, wobei eine zu hohe Bestandsdichte aufgrund des Territorialverhaltens nie erreicht wird. Je nach verfügbaren Ressourcen und sich daraus ergebender Reviergröße findet man meist weniger als ein Individuum pro Quadratkilometer vor, maximal drei oder vier pro Quadratkilometer. Auf der Roten Liste der IUCN wird der Flachlandtapir als gefährdet geführt, wobei sich diese Einstufung aufgrund rückläufiger Bestände auch noch ändern kann.


FragmentierteHabitate

Bild 13: Diese Abbildung illustriert gut das Problem der Habitatfragmentierung, und zwar am Beispiel der atlantischen Küstenwälder im Norden der brasilianischen Provinz Espirito Santo. Auf der rechten Abbildung stellen schwarze Flächen die im Jahre 1995 verbliebenen Wälder dar. Deutlich erkennbar ist die Verinselung der verbliebenen Wälder. Offene Kreise markieren größere Ortschaften. Die Nummern 1 bis 6 bezeichnen Waldgebiete, die im Rahmen einer Studie näher auf die noch vorhandene Artenvielfalt untersucht wurden. In den beiden kleinsten Gebieten, 5 und 6, waren keine Flachlandtapire mehr nachweisbar, nur in den Gebieten 1 bis 4. Quelle: Chiarello 1999.

 

Schutzmaßnahmen liefen leider nicht so schnell an wie bei anderen Tierarten. Natürlich gibt es Schutzgebiete, aber ohne spezielle Maßnahmen für den Flachlandtapir. Sein Schutz dort war lange eher ein Nebeneffekt. Erst seit Anfang des neuen Jahrtausends wurde die Population im östlichen Bolivien beispielsweise per Kamerafallen und Radiotelemetrie beobachtet, um ihren Bestand zu schätzen und zu kontrollieren (die genannten Methoden wurden beim Ozelot bereits erwähnt). Seit 2006 koordiniert eine Arbeitsgruppe der IUCN ein Schutzprogramm, bei dem es um die Wiederansiedlung von Flachlandtapiren in geschützten Gebieten geht. Dabei hilft auch die Tatsache, dass die Art relativ häufig in Zoos gezeigt wird, da sie in Gefangenschaft relativ einfach zu halten ist (in Brasilien werden Flachlandtapire sogar gelegentlich als Haustiere gehalten, da sie sich leicht zähmen lassen). Dabei kommt es glücklicherweise auch immer wieder zu Zuchterfolgen. Eigentlich sind das gute Voraussetzungen, um ein erfolgreiches allgemeines Schutzprogramm aufbauen zu können – weshalb es für den Flachlandtapir wohl nicht hoffnungslos ist.

 

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Ein dank geht an meinen Vater, Robert Reiss, der mir freundlicherweise einige Fotos für diesen Artikel zur Verfügung stellte.