Pirats Bestiarium: Philippinenadler (Pithecophaga jefferyi)

Philippinenadler (Pithecophaga jefferyi Ogilvie-Grant, 1896)

 

Namensbedeutung. Der Philippinenadler gehört zu den Arten mit sehr eingängigen wissenschaftlichen Namen: Pithecophaga heißt schlicht „affenfressend“ und spielt dabei auf ein angebliches Verhalten an, das dem Tier auch den zweiten deutschen Namen Affenadler gab. Der Artname ehrt Jeffery Whitehead, den Vater von John Whitehead, welcher den Philippinenadler für die Wissenschaft entdeckte.

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Deuterostomia; Chordata; Craniota; Vertebrata; Gnathostomata; Eugnathostomata; Osteichthyes; Sarcopterygii; Rhipidistia; Elpistostegalia; Stegocephali; Tetrapoda; Reptiliomorpha; Amniota; Reptilia; Eureptilia; Romeriida; Diapsida; Neodiapsida; Sauria; Archosauromorpha; Archosauriformes; Archosauria; Ornithotarsi; Ornithodira; Dinosauromorpha; Dinosauria; Saurischia; Theropoda; Neotheropoda; Averostra; Tetanurae; Orionides; Avetheropoda; Coelurosauria; Tyrannoraptora; Maniraptoriformes; Maniraptora; Eumaniraptora; Avialae; Pygostylia; Ornithothoraces; Euornithes; Carinatae; Ornithurae; Aves; Neognathae; Neoaves; Accipitriformes; Accipitridae; Circaetinae; Pithecophaga.

Wie bereits beim Kranich (Grus grus) beschrieben, ist die Phylogenie der Neoaves noch ein wenig chaotisch – eine der großen Baustellen heutiger phylogenetischer Systematik. Wie berichtet ist eine grundsätzliche Einteilung der modernen Vögel (Neoaves) in zwei Linien Metaves und Coronaves alles andere als abgesichert. Sollten sich diese beiden Linien klarer herausschälen würden die Greifvögel (Accipitriformes) zu den Coronaves gehören – der Kranich wäre damit von allen beim Bestiarium vorgestellten Tieren der nächste Verwandte des Phlippinenadlers. Die näheren Verwandten der Greifvögel sind jedoch nicht sicher ausgemacht – eventuell haben sie im weiteren Sinne gemeinsame Vorfahren mit Mausvögeln (Coliiformes), Eulen (Strigiformes) und Trogone (Trogoniformes). Auf jeden Fall wird eine Gruppe heute nicht mehr zu den Greifvögeln gezählt – die Falken (Falconiformes). Diese haben sich unabhängig von den Accipitriformes entwickelt und stehen anscheinend den Papageien und Sperlingsvögeln näher.

Innerhalb der Habichtartigen (Accipitridae) galt der Philippinenadler lange als ein Verwandter der Harpyie (Harpia harpyja) und würde mit dieser in die Unterfamilie der Harpiinae gehören. 2005 jedoch wies eine molekulargenetische Studie überraschend nach, dass der Philippinenadler ein eher basaler Vertreter der Schlangenadlerartigen (Circaetinae) ist – dieses Ergebnis überstand auch mehrere Überprüfungen. Demnach ist die optische Ähnlichkeit mit der Harpyje und ihren Verwandten also reine Konvergenz aufgrund ähnlicher Lebensweise.



Bild 1: Wer will was von mir? – Philippinenadler besitzen durch ihre nach vorn gerichteten Augen und den Federschopf auf dem Kopf eine sehr charakteristische Optik. Quelle: birdsofpreyforum.wordpress.com

 

Verbreitung. Der Philippinenadler hat nur eine sehr begrenzte Verbreitung auf den Philippinen. Heute existiert er nur noch in einem schmalen Streifen entlang der Ostküste der Insel Luzon, auf den Inseln Samar und Leyte sowie auf der Insel Mindanao. Man darf wohl annehmen, dass die Art früher auf dem Archipel weiter verbreitet war, auch wenn dies nicht sicher und die Ausdehnung früherer Verbreitung auf den Inseln ungeklärt ist.



Bild 2: Die derzeit bekannte ungefähre Verbreitung des Philippinenadlers auf den Philippinen (blau). Die nördlichste Insel mit einem Vorkommen ist Luzon, die südlichste Mindanao. Direkt nördlich von Mindanao liegen Samar und Leyte dicht beieinander. Quelle: Wikipedia/ IUCN Redlist.

 

Majestätische Punks. Philippinenadler sind große, majestätische Vögel. Ein ausgewachsener Philippinenadler ist wenigstens 90 cm bis knapp über einem Meter groß, wiegt bis zu 8 kg und erreicht eine Flügelspannweite von über zwei Metern. Dabei sind die größten Exemplare durchweg Weibchen – die Männchen sind etwas kleiner und leichter als diese. Gefärbt sind beide Geschlechter mehr oder weniger gleich, bei den Weibchen kann das Brustgefieder etwas weißlicher sein als beim Männchen. Das Gefieder von Rücken und Geflügeldecken ist bei den erwachsenen Vögeln braun gefärbt, wobei die Federränder und-spitzen heller sind. Die Schwungfedern hingegen werden zur Spitze hin dunkler. Die Flügelunterseite ist ebenso wie die Unterseite der Schwanzfedern silbrig mit mehreren dunkleren Querbändern. Die Schwanzfedern sind oberseits ebenfalls braun mit weißen Schäften und schwach ausgeprägten dunkleren Querbinden sowie einer schmalen weißen Spitze. Im starken Gegensatz dazu steht die Körperunterseite inklusive Beinbefiederung, Hals und Kopfseiten: Sie ist hell-cremefarben. Die Beinbefiederung weist dabei zusätzlich kräftige dunkle Striche auf, die nackten Läufe sind gelb. Aber so richtig auffällig ist die Befiederung des Kopfes. Diese besteht aus einer auffälligen und über den Nacken fallenden Haube, die wie eine struppige Punkfrisur aussieht. Sie hat eine auffällige dunkle Strichelmusterung auf cremefarbenem Grund.

Der gesamte Habitus des Philippinenadlers strahlt die Aura des Räubers aus. Die kräftigen Zehen tragen ebenso kräftige Klauen. Im Verhältnis zum Körper sind die Flügel relativ kurz, der Schwanz relativ lang, beide aber sind breit – typisch für einen manövrierfähigen Flieger in stark strukturierten Lebensräumen wie zum Beispiel Wäldern. Der kräftige Schnabel ist seitlich sehr schmal, aber dafür hoch und an der Spitze stark gebogen. Die Augen sind nach vorn gerichtet und ermöglichen dem Tier damit nicht nur einen scharfen, sondern auch einen stereoskopischen Blick – so kann der Vogel seine Umgebung räumlich wahrnehmen und zum Beispiel Beute präzise anfliegen.

Wer jetzt denkt, der Philippinenadler wäre ein furchtbar auffälliger Vogel, der irrt zwar nicht unbedingt – die Art ist dennoch schwer zu beobachten.



Bild 3: Schon kurz nach der Entdeckung der Art gelangten erste Exemplare in die Haltung von Zoos. Diese zeitgenössische Darstellung von H. Gronvold hatte einen Philippinenadler in London zum Vorbild. Quelle: Wikipedia.

 

Schwer zu finden. Philippinenadler sind tatsächlich schwerer zu finden als man meinen sollte. Das zeigt sich auch daran, dass er der Wissenschaft erst verhältnismäßig spät bekannt wurde. Erst John Whitehead, ein professioneller Sammler von Vogelbälgen im ausgehenden 19. Jahrhundert, spürte das Tier auf, als er von 1893 bis 1896 eine Expedition auf den Philippinen führte. Er war bereits bekannt dafür, für die Wissenschaft wertvolle Exemplare zu finden, da er 10 Jahre vorher bereits eine ähnliche Expedition quer durch das Gebiet des heutigen Indonesiens führte. Zuerst beobachtete Whitehead einen Adler durch Zufall auf der Insel Samar, einige Wochen später konnte einer seiner Helfer ihm ein Exemplar erlegen. Dessen Balg schickte er nach London, wo der schottische Ornithologe William R. Ogilvie-Grant das Tier wissenschaftlich beschrieb.

Die Adler bevorzugen ausgedehnte Wälder, die von Flügelfruchtgewächsen (Dipterocarpaceae) dominiert werden, aber auch in Galeriewäldern entlang Flüssen und in bereits wieder dichter gewachsenen Sekundärwäldern kann man sie finden. Gelegentliche Lichtungen und freiere Flächen sind dabei in Ordnung, doch die Tiere halten sich fast immer in den Baumkronen oder darüber auf. Besonders mögen sie offenbar Wälder auf bergigem Gelände, weshalb man Philippinenadler in den unterschiedlichsten Höhenlagen bis hinauf auf 1800 m finden kann. Ein weiterer wichtiger Umweltfaktor scheint für die Philippinenadler relativ feuchtes Klima zu sein, wie dies zumindest eine Studie von 1995 nahe legt. Dies würde auch das Fehlen der Art im Westen der Philippinen erklären, der relativ trocken ist und warum sie auf Mindanao, wo es am feuchtesten ist, am häufigsten ist.

Als Waldspezialist meidet der Philippinenadler die offenen Kulturlandschaften. Um ihn zu beobachten muss man also in die noch erhaltenen Wälder der Philippinen gehen und das kann auch heute noch ein Abenteuer sein. Die Tiere sind zwar nicht scheu, aber im dichten Wald in die Baumkronen zu steigen, um sie beobachten zu können ist nicht so einfach – am ehesten sieht man Philippinenadler mal, wenn sie gerade von einem Ansitz zum nächsten fliegen oder mit der Thermik warmer Luft zu höheren Lagen eines bewaldeten Berghangs hochsteigen. Deshalb ist die Bestandsschätzung für diese Art auch etwas schwierig. Ein Thema, auf das wir noch zurückkommen werden.



Bild 4: Dieses Bild schoss der Fotograf Klaus Nigge 2008 für National Geographic. Quelle: http://ngm.nationalgeographic.com


Ein unverdienter Ruf. Bereits bei seiner Entdeckung wurde dem Philippinenadler auch der Beiname Affenadler angehangen. Das zeigt auch bereits die Wahl des Gattungsnamens durch Ogilvie-Grant. Der Grund dafür war, dass die Einheimischen auf der Insel Samar bereits Whitehead berichteten, der Philippinenadler würde sich ausschließlich von Affen ernähren. Es gab sogar Gerüchte über Menschen, die in den Wäldern verschwunden seien – und dem Philippinenadler zum Opfer gefallen seien. Das ist allerdings völliger Unsinn und auch die Sache mit den Affen ist nur zum Teil richtig.

Das Beutespektrum des Philippinenadlers ist tatsächlich wesentlich breiter und umfasst durchaus auch Affen. Aber eben nicht nur und eigentlich ist so ein Affe eher eine gelegentliche Zufallsmahlzeit. Daneben fressen die großen Beutegreifer eine breite Palette von Beutetieren – Schlangen, Warane, große Vögel (inklusive anderen Greifvögeln und Eulen!), verschiedene kleinere bis mittelgroße Säugetiere, darunter Fledermäuse und Flughunde sowie verschiedene Nager. Es wird vermutet, dass je nach Region der Philippinenadler unterschiedliche Hauptbeutetiere bevorzugt -.ähnlich wie uns das schon beim Ozelot (Leopardus pardalis)  begegnet ist -, doch ist das noch nicht genau untersucht. Nur für Mindanao existieren hier Erkenntnisse: Dort sind die häufigsten Beutetiere des Philippinenadlers Fleckenmusans (Paradoxurus hermaphroditus), eine Schleichkatzenart, und Philippinen-Gleitflieger (Cynocephalus volans). Bei letzterem handelt es sich um den Vertreter einer etwas seltsamen kleinen Säugetiergruppe, die derzeit als Verwandte der Primaten gehandelt werden. Die Tiere leben ebenfalls in Baumkronen und können von Baum zu Baum gleiten. Mancherorts bzw. zeitweise scheinen diese Gleitflieger bis zu 90 % der Beute des Philippinenadlers auszumachen. Zumindest auf Mindanao. Auf Luzon zum Beispiel gibt es die Gleitflieger nicht.

Philippinenadler scheinen überwiegend Ansitzjäger zu sein. Dabei wechseln sie öfter ihren Beobachtungsposten, um den Jagderfolg zu erhöhen. Entdecken sie Beute fliegen sie sie umgehend an und verfolgen sie auch, wenn nötig. Interessanterweise wurde auch schon beobachtet, dass Brutpärchen auch paarweise jagen – sogar mit Teamwork. Einheimische wollen zum Beispiel beobachtet haben, wie ein Adler einen Affen ablenkte und sein Partner diesen dann von hinten angriff.



Bild 5: Diese Abbildung aus Brehms Tierleben von 1927 zeigt einen Philippinen-Gleitflieger (Cynocephalus volans). Diese Tiere gehören auf Mindanao zur häufigsten Beute des Philippinenadlers, dessen zweiter Name Affenadler daher irreführend ist. Quelle: Wikipedia.

 

Das Eheleben der Adler. Philippinenadler durften alle Treuefans begeistern: Soweit bekannt sind die Tiere monogam. Wenn sie geschlechtsreif werden suchen sie sich einen Partner und bleiben mit diesem zusammen. Die Paare verteidigen gemeinsam ein Revier und wie erwähnt kooperieren sie auch bei der Jagd gelegentlich. Es gibt leider gar nicht mal so viele Untersuchungen – vor allem auch nicht jüngeren Datums – zur weiteren Lebensweise des Philippinenadlers. Die vorhandenen haben meistens die Population auf Mindanao erforscht. Zuletzt waren Forscher der Philippine Eagle Foundation mit Sitz in Davao City, einer der größten Städte auf Mindanao, auf der Insel tätig. Sie präsentierten ihre Ergebnisse 2003 und auf ihrer Arbeit basiert das meiste, was wir heute über das Territorialverhalten und das Fortpflanzungsverhalten der Vögel wissen.

Auf jeden Fall gehört zum paarweisen Zusammenleben der Philippinenadler eine rege Kommunikation – die Vögel gelten als ruffreudig. Oft sind ihre Rufe das erste und beste Anzeichen dafür, dass sie in der Nähe sind. Die Rufe werden sehr unterschiedlich beschrieben, sicher verbürgt sind hohe, sich steigernde, danach gelegentlich abfallende Pfiffe. Besonders viel rufen die Männchen in der Balzzeit. In dieser Zeit häufen sich auch die gemeinsamen Aktivitäten mit dem Weibchen. Die Paare fliegen dann besonders oft zusammen durch das Revier und an dessen ungefähren Grenzen entlang. Die genaue Reviergröße wurde bereits mehrfach versucht zu schätzen. Anhand der beobachteten Abstände zwischen den Horsten (Nestern) verschiedener Paare geht man davon aus, dass ein Paar im Durchschnitt etwa 100 bis 130 km² für sich beansprucht. Inwieweit die genaue Größe des Reviers durch die örtliche Verteilung des Waldes und das örtliche Nahrungsangebot bestimmt ist, ist nicht ganz klar. Auf Mindanao umfasst ein Revier mindestens zu 50 bis 70 % Wald – notgedrungen aber durch menschliche Einflussnahme auch offenere Flächen.

In der Balz steigen Männchen und Weibchen gern vom Nest aus zusammen in die Höhe, wobei das Männchen am höchsten kreist, und beginnen dann spielerische Verfolgungsflüge. Dabei führt das Männchen gern Scheinangriffe auf das Weibchen aus, welches diese in Rückenlage pariert. Bei anderen Gelegenheiten bringt das Männchen dem Weibchen dann auch Beute an den Horst. In dieser Zeit kommt es auch täglich zur Kopulation.

Der Horst liegt immer in einer hohen Baumkrone, fast immer einem der höchsten Bäume in weiterem Umkreis. Bis zu 45 m hoch kann er liegen, immer errichtet in einer großen Astgabel, die im besten Fall bereits Bewuchs mit Epiphyten aufweist. Der eigentliche Horst ist ein riesiger Bau aus Ästen und Zweigen, mit etwas grünerer Polsterung in der Nestmulde, und kann einen Durchmesser von anderthalb Metern erreichen. Auf Mindanao wurde festgestellt, dass die Horste immer relativ nahe zu Waldrändern lagen. Die Forscher konnten aber nicht sicher festmachen, ob dies eine natürliche Vorliebe der Vögel darstellt oder ob dies durch die zunehmende Fragmentierung des Lebensraums schlicht erzwungen ist.

Die Brutzeit scheint im gesamten Verbreitungsgebiet sehr unterschiedlich zu liegen. Auf Mindanao dauert sie recht zuverlässig von September bis Dezember, während Einzelbeobachtungen auf Luzon von Dezember bis Januar sprechen. Der weitere Brutzyklus dauert relativ lange. Meist wird nur ein Ei gelegt, ganz selten zwei. Selbst dann überlebt anschließend meist nur ein Junges, normalerweise das erstgeschlüpfte und daher normalerweise stärkere. Die Brut übernimmt fast vollständig das Weibchen, es wird nur selten vom Männchen abgelöst – und das über 60 Tage hinweg. Die Küken sind danach noch eine ganze Weile absolut abhängig von den Eltern und werden von beiden Elternteilen gefüttert. Sie betteln mit hohen spitzen Rufen nach Nahrung. Obwohl einmal eine Nestlingszeit von „nur“ 105 Tagen festgestellt wurde, scheinen 130-160 Tage üblicher zu sein. Dann verlässt das Junge zwar sein Nest, braucht aber noch eine Weile, bis es fliegen kann. Selbst wenn die Jungvögel bereits fliegen können, werden sie noch von den Eltern gefüttert. In einem Fall konnten Forscher einen Jungvogel mit einem Sender markieren. Sie stellten fest, dass er erst 17 Monate nach dem Verlassen des Nestes komplett selbständig war. Die Jungvögel sind deutlich heller gefärbt als die Eltern und besitzen auch eine andere Augenfarbe (sie ist bei ihnen noch braun und verfärbt sich erst später bläulich). Sie verlassen anscheinend erst spät das Revier der Eltern um sich einen eigenen Partner und ein eigenes Revier zu suchen. Wann die Tiere geschlechtsreif werden ist unklar, es gibt Schätzungen, die dies für ein Alter von 6 bis 8 Jahren annehmen. Früher Angaben, wonach die sexuelle Reife mit drei Jahren erreicht wird, scheinen sich nicht bestätigt zu haben. Ebenfalls unsicher sind Schätzungen wonach die Vögel bis zu 40 Jahre alt werden. Zwar lebte ein Philippinenadler im Zoo von Rom 41 Jahre. Aber die Lebenserwartung in freier Wildbahn durfte deutlich niedriger sein.



Bild 6: Nestling des Philippinenadlers. Quelle: Wikipedia, ursprünglich von Flickr.com.

 

Der Fortpflanzungszyklus dauert also sehr lang, 2 Jahre oder länger. In dieser Zeit sind die Jungvögel scheinbar großen Gefahren ausgesetzt. Die größte Gefahr scheinen Überhitzung und Dehydrierung im tropischen Klima zu sein, weshalb die Vögel unter anderem die feuchteren Gebiete der Philippinen bevorzugen und den trockeneren Westen des Archipels zu meiden scheinen. Andere Gefahren sind große Vögel wie Krähen und Hornvögel, die die Nester in unbewachten Momenten überfallen können. Die einzige Kompensation für diese Gefahren scheint zu sein, dass ein Philippinenadler-Pärchen nach einem Brutverlust relativ schnell eine neue Brut an den Start bringen kann.

Am Rande des Aussterbens. Es gibt noch einen Grund dafür, warum man Philippinenadler nur so schwer beobachten kann: Sie sind so verdammt selten. Möglicherweise war die Art das schon immer, so genau weiß man das nicht. Sein Lebensraum, die Wälder der Philippinen, werden jedenfalls schon seit Jahrzehnten stark gerodet und bewirtschaftet. Die ersten Jahrzehnte nach der Entdeckung der Art interessierte sich kaum jemand für das Tier. Als man dann Ende der 1960er Jahren erstmals Bestandserhebungen vornahm, kam man bereits zu dem bestürzenden Ergebnis, dass die Art kurz vor dem Aussterben stand. Auf den Inseln Samar und Leyte wähnte man die Art bereits ausgerottet, die Gesamtpopulation schätzte man auf gerade mal 50 Vögel, von denen 40 auf Mindanao vermutet wurden. Damalige Schätzungen über die Geschwindigkeit des Populationsrückgangs gingen davon aus, dass die Art bis Mitte der 70er Jahre möglicherweise ganz ausgerottet sein würde.

Zum Glück erwiesen sich die damaligen Schätzungen als Irrtümer. Wie sich herausstellte war die Art auf Samar und Leyte sehr wohl noch vertreten, wenn auch sehr selten. Auch der Bestand auf Mindanao war größer als angenommen und bis heute existiert dort die Hauptpopulation. Was die Bestandsschätzung so schwierig macht ist die bereits geschilderte Tatsache, dass sich der Philippinenadler nur so schwer beobachten lässt. Auch aktuelle Bestandsschätzungen beruhen zu nicht unwesentlichen Teilen auf Hochrechnungen aufgrund der Brutdichte auf Mindanao. Derzeit gehen die höchsten Schätzungen von nicht ganz 250 Brutpaaren aus, also etwa 500 Exemplaren. Davon brüten nur ganz wenige auf Luzon (die genaue Zahl ist unbekannt), zwei Paare brüten auf Leyte, sechs auf Samar. Der Rest der wildlebenden Philippinenadler lebt auf Mindanao.


PjefferyiMindanao

Bild 7: Diese Karte zeigt, wo auf Mindanao in den Jahren 1991 bis 1998 noch Philippinenadler festgestellt wurden, aufgeschlüsselt nach Einzelindividuen, Paaren mit und Paaren ohne Horst. Eingezeichnet sind außerdem die 1991 noch vorhandenen Waldgebiete. Diese haben sich seit damals noch weiter verringert. Quelle: Bueser et al. 2003.

 

Die Hauptbedrohung ist auf allen Inseln die Vernichtung des Lebensraums: Immer mehr Wald wird gerodet für Felder, Siedlungen, Straßenbau. Die Bevölkerung der Philippinen wächst schnell und obwohl es längst Schutzgesetze für den Philippinenadler gibt (er ist sogar zum Nationalvogel der Philippinen erklärt worden), werden diese kaum durchgesetzt. Nur ein Bruchteil der von der Art bewohnten Wälder liegt in Schutzgebieten. So gibt es auf Mindanao zwei Nationalparks, die entsprechendes Gebiet abdecken, am Mount Apo und an den Katanglad Mountains. Aber das Nationalparkmanagement ist nicht sehr durchsetzungsstark und kann illegale Rodungen in diesen Gebieten kaum verhindern. 2010 existierten auf den Philippinen nur noch 9220 km² Waldfläche, die für den Philippinenadler geeignet ist – Tendenz fallend. Diese zunehmende Fragmentierung des Lebensraums in Verbindung mit der langsamen Fortpflanzungsrate engt die Möglichkeiten für die Art immer mehr ein. Selbst wenn Jungvögel erfolgreich großgezogen werden, wird es für sie immer schwieriger, ein geeignetes Revier zu finden. Geschweige denn einen Fortpflanzungspartner.



Bild 8: Dieses beeindruckende Bild entstand im Philippine Eagle Center in Davao City. Quelle: http://www.projectnoah.org , User ShaumingLo

 

Die Philippine Eagle Foundation (PEF) in Davao City bemüht sich darum, die Schutzbedingungen zu verbessern und zu koordinieren. Dazu gehört auch ein Nachzuchtprogramm in Gefangenschaft. Die PEF selber hält derzeit 36 Philippinenadler in Gefangenschaft, davon sind 18 Nachzuchten. Dieser kleine Bestand des Philippine Eagle Center in Davao City wurde seit den 1960er Jahren aufgebaut. Der älteste Vogel ist ein 1979 gefangenes Männchen, das damit bereits mindestens 35 Jahre alt sein durfte. Ein Vorhaben der PEF ist die Auswilderung von Nachzuchten. Allerdings sind die bisherigen Auswilderungsversuche eher unglücklich verlaufen. Ein 2004 ausgewilderter Philippinenadler endete wenige Monate später in einer Stromleitung. 2008 wurde ein zweites Exemplar ausgewildert – und wenig später erschossen. Letztlich steht und fällt der Schutz der Art mit der Akzeptanz dieses Schutzes in der lokalen Bevölkerung. Darum unterhält die PEF auch Programme, die die Bevölkerung über den Adler, seine Bedürfnisse und die Möglichkeiten zur Koexistenz informieren, etwa in Schulen. Denn jede Schutzmaßnahme muss nicht nur den Bedürfnissen des Philippinenadlers Rechnung tragen, sondern auch den Menschen vor Ort Antworten darauf geben, wie sie weiterhin den Wald in ihrer Heimat nutzen können – ohne der Tierwelt zu schaden. Die philippinische Regierung unterstützt die Bemühungen, das Bewusstsein der Menschen für den Philippinenadler und seinen Schutz zu stärken. Jährlich finden vom 4. bis zum 10. Juli Veranstaltungen im Rahmen der Philippine Eagle Week statt. Was Hoffnung gibt, ist die Tatsache, dass die Adler zumindest auf Mindanao mit nicht zu starken Eingriffen in ihren Lebensraum anscheinend klarkommen (und auch gelegentlich Freiflächen zwischen Waldgebieten akzeptieren). Eine zusätzliche Gefahr bleibt die Neigung in der Bevölkerung, auf die Vögel zu schießen. Dies hofft man durch die Mischung aus Schutzgesetzen und Aufklärung der Menschen zunehmend zu unterbinden.

Vorerst jedoch bleibt die Lage für den Philippinenadler prekär. Schon ein oder zwei extrem schlechte Brutsaisons auf Mindanao – etwa in Folge von Waldbränden oder klimatisch schlechten Jahren – könnten die Population endgültig kollabieren lassen. Daher hat diese Art leider menschlichen Schutz bitter nötig.

Zum Abschluss möchte ich noch diese Seite weiterempfehlen mit einigen kurzen Clips, die Szenen aus dem Leben des Philippinenadlers zeigen:

http://www.arkive.org/philippine-eagle/pithecophaga-jefferyi/video-09e.html

Literatur.

Alvarez, Jr., J.B. 1969. A Report on the 1969 Status of the Monkey-eating Eagle of the Philippines. – IUCN Eleventh Technical Meeting. Papers and Proceedings. New Delhi, India, 25-28 November 1969, Volume II. IUCN Publications new series 18: 68-73.

Alviola, P.L. III 1995. Effect of climate on the distribution of the Philippine eagle (Pithecophaga jefferyi Ogilvie-Grant). – Sylvatrop. Technical Journal of Philippine Ecosystems and Natural Resources 5: 44-48.

Bueser, G.L.L., Bueser, K.G., Afan, D.S., Salvador, D.I., Grier, J.W., Kennedy, R.S. & Miranda, Jr., H.C. 2003. Distribution and nesting density of the Philippine Eagle Pithecophaga jefferyi on Mindanao Island, Philippines: what do we know after 100 years? – Ibis 145: 130-135.

Couzens, D. 2010. Atlas of Rare Birds. New Holland Publishers. Deutsche Ausgabe: Seltene Vögel. Haupt-Verlag, 2011.

Ibañez, J.C., Miranda, Jr., H.C., Balaquit-Ibañez, G., Afan, D.S. & Kennedy, R.S. 2003. Notes on the Breeding Behavior of a Philippine Eagle Pair at Mount Sinaka, Central Mindanao. – The Wilson Bulletin 115: 333-336.

Lerner, H.R.L. & Mindell, D.P. 2005. Phylogeny of eagles, Old World vultures, and other Accipitridae based on nuclear and mitochondrial DNA. – Molecular Phylogenetics and Evolution 37: 327-346.

Salvador, D.J.I. & Ibañez, J.C. 2006. Ecology and conservation of Philippine Eagles. – Ornithological Science 5: 171-176.

http://birdsofpreyforum.wordpress.com/2010/04/01/the-philippine-eagle-pithecophaga-jefferyi/

http://de.wikipedia.org/wiki/Pithecophaga_jefferyi

http://en.wikipedia.org/wiki/Philippine_Eagle

http://www.birdlife.org/datazone/speciesfactsheet.php?id=3528

http://www.philippineeagle.org/