Pirats Bestiarium: Ozelot (Leopardus pardalis)

Ozelot (Leopardus pardalis (Linnaeus, 1758))

 

Namensbedeutung. Der Ozelot gehört zu den exotischeren Tierarten, die auch Linnaeus schon bekannt waren. Dieser beschrieb ihn als Felis pardalis. Während Felis einfach nur eine alte lateinische Bezeichnung für „Katze“ (bzw. kleinere Raubtiere im Allgemeinen) ist, ist pardalis mehrdeutig. Obgleich latinisiert, stammt der Wortstamm der ersten Silbe, „pardus“ aus dem persischen Sprachraum und bezeichnet in der Antike prinzipiell einen „Panther“, also eine große Raubkatze. Bleibt man rein beim Latein, könnte sich „alis“ als Suffix verstehen lassen. Dann wäre pardalis mit „pantherartig“ oder „wie ein Panther“ übersetzt werden. Dies würde in meinen Augen mehr Sinn machen als die rein persische Herleitung: Dort wird ein weiblicher Panther als „pardalis“ bezeichnet. Allerdings denke ich nicht, dass Linnaeus den Ozelot für einen weiblichen Panther hielt. Der Gattungsname Leopardus wurde 1842 von dem britischen Zoologen John Edward Gray eingeführt, der damit die tropischen kleineren Katzenarten Lateinamerikas von den Altweltarten der Gattung Felis unterschied. Da an den afrikanisch-asiatischen Leoparden erinnernde Fleckenzeichnungen ein typisches Merkmal des Ozelots und verwandter Arten sind, benannte Gray die Gattung nach eben diesem – nach dem Leoparden. Etymologisch leitet sich Leopardus aber ebenso wie der Name des Leoparden von den zwei lateinischen Wörtern für Löwe und Panther her.

Synonyme. Felis aequatorialis, Felis albescens, Felis armillata, Felis brasiliensis, Felis chibigouazou, Felis chibiguazu, Felis costaricensis, Felis hamiltonii, Felis limitis, Felis maracaya, Felis melanura, Felis mitis, Felis pardalis, Felis pardalus, Felis pardoides, Felis pseudopardalis, Leopardus griseus, Leopardus pardalus, Leopardus pictus, Lynx brasiliensis, Oncoides pardalis, Pantera jardinii, Panthera ludoviciana.

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Deuterostomia; Chordata; Craniota; Vertebrata; Gnathostomata; Eugnathostomata; Osteichthyes; Sarcopterygii; Rhipidistia; Elpistostegalia; Stegocephali; Tetrapoda; Reptiliomorpha; Amniota; Synapsida; Eupelycosauria; Sphenacodontia; Therapsida; Eutherapsida; Neotherapsida; Theriodontia; Cynodontia; Mammaliamorpha; Probainognathia; Mammaliformes; Mammalia; Theriimorpha; Theriiformes; Trenchotheria; Cladotheria; Theria; Eutheria; Placentalia; Boreoeutheria; Laurasiatheria; Scrotifera; Fereungulata; Ferae; Carnivora; Feliformia; Feloidea; Felidae; Felinae; Leopardus.

Mit dem Ozelot haben wir einen Vertreter der Säugetiere (Mammalia) vor uns, sogar aus der Gruppe der Placentalia, der Plazentatiere, zu denen die meisten der heutigen Säugerarten gehören – inklusive uns selbst. Von allen bisher hier vorgestellten Tierarten war noch keine uns so nahe verwandt wie der Ozelot. So gesehen befinden wir uns auf vertrautem Terrain – oder? Nur zum Teil. Ausgerechnet bei den Säugetieren gibt es immer noch in der Phylogenie mehr als eine Baustelle, trotz großer Bemühungen der Morphologen und Molekulargenetiker in den letzten 30 Jahren. Dies betrifft vor allem die Beziehungen verschiedener höherer Säugetiertaxa miteinander. Im Falle des Ozelots bietet sich die Möglichkeit Schlaglichter auf zwei dieser Baustellen zu werfen.

Wir steigen an der Basis ein. Der Ozelot ist ein Vertreter der Boreoeutheria. Zu diesen gehören zahlreiche bekannte Säugetierlinien: Die Nager und Hasen, die Primaten, die Fledermäuse, die Paarhufer und andere. Und auch die Raubtiere (Carnivora). Umstritten ist, mit welcher anderen Gruppe die Boreoeutheria nächstverwandt sind: Zur Auswahl stehen die Xenarthra (zu denen Faultiere und Gürteltiere gehören) und die Afrotheria, zu denen Elefanten, Erdferkel und einige andere kleinere Taxa gehören. Bis heute hat es niemand geschafft eine unumstrittene Aufschlüsselung der Schwestergruppenverhältnisse dieser drei Taxa zu geben. Manche halten die Afrotheria für die Schwestergruppe der Boreoeutheria, andere die Xenarthra. Ein wiederum anderes Konzept sieht Afrotheria und Xenarthra als Schwestergruppen innerhalb einer Atlantogenata genannten Gruppe, die wiederum den Boreoeutheria gegenübersteht. In jüngster Zeit wurden die widersprüchlichen Ergebnisse dahingehend interpretiert, dass die Aufspaltung der Placentalia in die Boreoeutheria, Afrotheria und Xenarthra vor etwa 120 Millionen Jahren relativ schnell aus einer einheitlichen Stammgruppe erfolgte – weshalb die genaue Abfolge der Aufspaltungsereignisse nur schwer aufzuschlüsseln ist. Eine neuere Studie mutmaßte deshalb sogar, es habe auch später noch Gendrift durch Hybridisierungen gegeben, wodurch das Bild noch schwammiger geworden sei. Wie realistisch ein solches Modell ist, ist die Frage – ob ein Hybrid zu einer so späten Phase der Auseinanderentwicklung noch in der Lage gewesen wäre, selber Nachkommen zu zeugen, sofern er selbst überhaupt lebensfähig war, muss meines Erachtens nach hochgradig spekulativ bleiben. Eine schnelle Aufspaltung in unterschiedliche Entwicklungslinien für sich genommen ist aber durchaus möglich. Wer die Schwestergruppe der Boreoeutheria ist, ist also nicht endgültig geklärt.

Die zweite Baustelle betrifft die Teillinie der Boreoeutheria, zu der die Raubtiere gehören – die Laurasiatheria. Diese Gruppe wird so genannt, weil sie vermutlich auf den früher als Laurasia zusammenhängenden Nordkontinenten Nordamerika, Europa und Asien ihren Ursprung hat. Zu ihr gehören einige früher als Insektenfresser bezeichnete Säuger, die Fledermäuse, die Unpaarhufer und Paarhufer und eben die Raubtiere (außerdem ein paar kleinere Nebenlinien). Die genauen Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Laurasiatheria werden aber noch heiß diskutiert. Sicher scheint zu sein, dass die Raubtiere die Schwestergruppe der Schuppentiere (Pholidota) sind und beide zusammen den Zweig der Ferae bilden. Da hört es dann aber auf, die weiteren Auffassungen gehen stark auseinander. Vor einigen Jahren ergab eine Studie, dass die Ferae die Schwestergruppe der Unpaarhufer (Perissodactyla; Pferde, Tapire und Nashörner) sein könnten und mit diesen und den Fledermäusen ein gemeinsames Taxon bilden. Spätere Untersuchungen haben dies in dieser Kombination nicht unterstützt, obgleich zumindest die Unpaarhufer immer wieder als Schwestergruppe der Ferae gehandelt werden. Nicht ganz so nahe verwandt scheinen die Paarhufer zu sein. Neuere genetische Untersuchungen handeln zwei Möglichkeiten als besonders wahrscheinlich: Die Ferae und die Unpaarhufer sind Schwestergruppen und als solche wiederum Schwestergruppe zu den Paarhufern. Oder aber die Unpaarhufer und Paarhufer sind Schwestergruppen und zusammen die Schwestergruppe der Ferae. Gerade letztere Möglichkeit würde teilweise wohl auch eher zu morphologischen Merkmalen passen, weshalb ich sie vorerst im Zuge des Bestiariums bevorzugen werde. Es ist aber wichtig im Hinterkopf zu behalten, dass hier einfach noch Forschungsbedarf besteht.

Innerhalb der Raubtiere gehört der Ozelot zu den Katzen (Felidae). Innerhalb dieser galt er schon immer als Mitglied der Felinae. Diese wurden früher auch gern als Kleinkatzen bezeichnet; heute weiß man, dass dies nichts mit der Körpergröße zu tun hat. Vielmehr sind die Felinae zu unterteilen in verschiedene Unterlinien, die sich nach und nach von der Hauptlinie abgespalten haben und zusammen die Schwestergruppe zu den basaleren Pantherinae bilden. Der Genus (Gattung) Leopardus spaltete sich vor vermutlich 8 Millionen Jahren von den restlichen Felinae ab und nahm auf dem amerikanischen Kontinent seine eigene Entwicklungsrichtung.



Bild 1: Das ungefähre heutige Verbreitungsgebiet des Ozelots. Quelle: Wikipedia.

 

Verbreitung. Der Ozelot ist eine in Lateinamerika weitverbreitete Katze. Das Verbreitungsgebiet umfasst ganz Mittelamerika inklusive großer Teile Mexikos (außer im Zentrum des Landes), das nördliche und zentrale Südamerika südlich bis ins nördliche Peru, Bolivien, das nördliche Argentinien und Uruguay. Auch auf der Insel Trinidad kommt der Ozelot vor, auf den anderen Westindischen und karibischen Inseln fehlt er jedoch. Im Norden gibt es auch eine kleine Population im südlichen Texas.

In historischer Zeit war der Ozelot in den USA selber noch weiter verbreitet – er kam noch im 19. Jahrhundert bis Louisiana, Arkansas und Arizona vor (ob ein 2009 in Arizona fotografierter Ozelot ein aus Richtung Mexiko gekommener Zuwanderer oder ein aus Gefangenschaft ausgebüchstes Exemplar war muss hier offen bleiben). Eine in einen menschlichen Knochen geritzte Zeichnung, die etwa auf das Jahr 1500 datiert und als Ozelot interpretiert wird, wurde 1968 aus Ohio beschrieben. Fossilien dieser Art aus dem späten Pleistozän (Datierung: zwischen 10000 und 250000 Jahre alt) wurden in Florida gefunden. Daher geht man davon aus, dass der Ozelot einst den gesamten Südosten der USA besiedelte. Während ein Teil dieses Verbreitungsgebiets wahrscheinlich zumindest teilweise aufgrund klimatischer Veränderungen aufgegeben wurde, geht das Verschwinden aus Louisiana, Arkansas, Arizona und weiten Teilen Texas auf das Konto menschlicher Nachstellungen.


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Bild 2: Die historische Verbreitung des Ozelots wie sie noch bis zum 19. Jahrhundert in den USA bestand (schraffiert) und die heutige Verbreitung des Ozelots in den USA (graue Fläche). Quelle: Haines, Janečka et al. 2006.


 

Gut getarnte Samtpfote. In freier Wildbahn bekommt man Ozelots nur selten zu sehen. Das liegt nicht immer zwingend daran, dass sie auch selten sind. Die Tiere leben auch sehr heimlich und sind noch dazu gut getarnt. Die Tarnfärbung gibt diesen Katzen aber auch ihre besondere optische Eleganz – und wurde gewissermaßen auch ihr Fluch, als der Mensch aufkreuzte. Aber der Reihe nach.

Der Ozelot hat die grundlegend typische Katzenstatue. Der Kopf besitzt eine relativ kurze Schnauze und grob dreieckige bewegliche Ohren, vier kräftige Gliedmaßen mit relativ großen Pfoten tragen den flexiblen Rumpf und dieser wiederum den mäßig langen Schwanz. Die Kopf-Rumpflänge beträgt dabei zwischen knapp 60 und knapp 100 cm, die Schwanzlänge 30-45 cm. Die Männchen sind prinzipiell größer als die Weibchen, wie man es auch von anderen Katzen kennt – der Größenunterschied kann bis zu 25 % betragen. Zum Gewicht schwanken die Angaben stark, sieht man davon ab, dass der schwerste bekannte Ozelot knapp 16 kg gewogen haben soll. Meist sind die Tiere leichter, kleinere Exemplare wiegen nur um die 10 kg.

Das markanteste am Ozelot ist seine Fellzeichnung. Die Musterung besteht aus unregelmäßigen rosettenartigen Flecken, die aus einer schwarzen Umrandung und einem Zentrum, welches dunkler als die Fellgrundfarbe ist, bestehen. Die Flecken können auch miteinander verschmelzen und sind in Streifen angeordnet. Zum Hals und Kopf hin gehen sie in Streifen über. Beine und Schwanz tragen schwarze Tupfen, der Schwanz manchmal auch schwarze Ringel. Besonders fein ist die Zeichnung im Kopfbereich, wo sie im Gesichtsbereich durch zwei schwarze Streifen dominiert wird. Die Ohren besitzen den für Katzen typischen weißen Fleck. Die Grundfarbe schwankt stark – sie kann gräulich-braun, gelblich-braun oder auch fast orange sein. Unterseite und Gesicht sind deutlich heller, meist weißlich. Die Musterung ist so variabel, dass meist nicht einmal die rechte und linke Körperhälfte eines Tieres identisch sind, geschweige denn einzelne Individuen. Doch so bunt diese Musterung wirkt – in freier Wildbahn ist sie eine exzellente Tarnung, die dazu beiträgt, dass die Tiere im Pflanzengewirr ihres Lebensraums oft unentdeckt bleiben.

Der Lebensraum: Das sind stets Gebiete mit möglichst viel dichter Vegetation. In Savannen mit reichlich Buschwerk findet man Ozelots zwar auch, aber noch offeneres Gelände meiden sie. Bevorzugt besiedeln sie verschiedenste Wälder – Regenwälder, wie man sie zum Beispiel im Amazonas und Mittelamerika findet, aber auch trockenere Bergwälder, wo sie bis in 1200 m Höhe vorkommen.



Bild 3: Bei diesem Ozelot im britischen Marwell Wildlife kann man wunderbar die wunderschöne Tarnzeichnung sehen. Quelle: Wikipedia.

 

Das Gebiss. Ein besonders wichtiger Aspekt bei Säugetieren ist immer das Gebiss. Keine Wirbeltiergruppe hat derart spezialisierte Gebisse hervorgebracht; zugleich ist das Gebiss jeder Säugerart so unverkennbar charakteristisch, dass sich mindestens die nähere Verwandtschaftsgruppe eingrenzen lässt. Diese hohe Spezialisierung wurde auch dadurch möglich, dass es nur einen Zahnwechsel bei Säugetieren gibt (zwischen Milch-und bleibenden Zähnen). Dadurch wurde es möglich, dass die erwachsenen Tiere Gebisse mit nahezu perfekter Okklusion (Schließung) zwischen den Zähnen von Ober-und Unterkiefer entwickeln konnten – und dies ermöglicht eine möglichst effiziente Verwertung der Nahrung. Die meisten Säugetiere besitzen dabei verschiedene Zahntypen mit strikter Aufgabenteilung, so auch der Ozelot. Um die folgenden Ausführungen besser zu verstehen, sei hier noch kurz folgendes angemerkt: Alle höheren Säugetiere (Eutheria; heute im Wesentlichen also alle Plazentatiere (Placentalia)) gehen auf eine Stammform mit einer ursprünglichen Zahnformel zurück. Diese bestand für jeden Kieferast (also jede Hälfte jeweils des Unter-und des Oberkiefers) aus 3 Schneidezähnen (Incisivi), einem Eckzahn (Caninus), vier Vorbackenzähnen (Prämolaren) und 3 Backenzähnen (Molaren). Die Zahlen gelten für das bleibende Gebiss, das Milchgebiss weist keine Molaren auf, weil der Kiefer bei Jungtieren noch zu klein ist. Von diesem Grundmuster leiten sich alle anderen Gebisse der höheren Säuger ab. Manche haben das Grundmuster beibehalten, andere stark verändert. Das ist wichtig im Hinterkopf zu behalten, da man die besonderen Merkmale mancher Gebisse erst so richtig versteht wenn sie ins Verhältnis zum ursprünglichen Grundmuster setzt.

Wie sieht das Gebiss nun beim Ozelot aus? Nun, es besitzt nur 28 bis 30 Zähne.

In jeder Kieferhälfte besitzt der Ozelot vorne drei Schneidezähne, gefolgt von einem Eckzahn. Die Eckzähne sind dabei als Fangzähne vergrößert. Im Unterkiefer befindet sich zwischen Eckzähnen und Prämolaren eine Lücke, ein sogenanntes Diastema. Diese Lücke sorgt dafür, dass beim geschlossenen Maul noch Platz für die oberen Fangzähne ist. Dahinter kommen die Prämolaren: Im Unterkiefer sind es in jeder Hälfte zwei, im Oberkiefer mindestens zwei, gelegentlich auch drei. Die eigentlichen Backenzähne, die Molaren, sind in jeder Kieferhälfte nur mit einem vertreten. Das bedeutet, dass Prämolaren und Molaren in ihrer Zahl beim Ozelot deutlich reduziert sind – dies ist typisch für Katzen und hängt wohl auch mit den kürzeren Kiefern zusammen, die zu einer kürzeren Schnauze und einem kompakteren, kürzeren Schädel führen. Das bemerkenswerte ist, dass die Molaren von hinten nach vorne reduziert wurden, die Prämolaren aber von vorne nach hinten. Der einzige Molar in jeder Kieferhälfte ist also der 1. Molar. Bei den Prämolaren sind dagegen der jeweils erste und zweite verlorengegangen. Das ist aber nicht die einzige Spezialisierung.

Der letzte Prämolar im Oberkiefer (der sogenannte P4) und der erste Molar im Unterkiefer (der sogenannte M1) sind genau aufeinander abgestimmt. Aus den ursprünglich bei den meisten Säugern vorhandenen Höckern und Vertiefungen, die die Kaufläche dieser Zähne charakterisieren, wurden bei den Raubtieren scharfkantige Zacken. Dadurch entstanden richtige Reißzähne. Und speziell der P4 und der M1 greifen mit ihren Zacken genau ineinander. Mit dieser sogenannten Fleischschneideschere können die Tiere Fleisch und Sehnen perfekt zertrennen und sogar kleinere Knochen brechen. Sie ist quasi das Besteck, mit dem Raubtiere ihre Beute zerlegen. Zugleich ist diese Struktur eines der wichtigsten gemeinsamen Merkmale aller Raubtiere – Hunde, Bären, Marder und eben auch Katzen wie der Ozelot. Katzen halten deshalb auch beim Fressen den Kopf schräg – um ihre Fleischschneideschere beim Abtrennen von Beutestücken besser zum Einsatz bringen zu können.


OcelotSkull kopie

Bild 4: Eine 3D-Darstellung eines Ozelot-Schädels. Das Original stammte von einem Weibchen aus Costa Rica. Der schwarze Pfeil deutet auf die Fleischschneideschere. Quelle: digimorph.org/ den Pfeil habe ich selber eingesetzt.

 

Auf Jagd. Ozelots mögen ein wenig wie etwas große und wunderschön gezeichnete Hauskatzen wirken – aber sie sind echte Jäger und aus Sicht ihrer Beute auch tödliche Killer. Das Jagdverhalten und vor allem das Beutespektrum dieser Art wurden mehrfach genauer untersucht, vor allem auch immer vor dem regionalen Hintergrund. Prinzipiell sind Ozelots Einzelgänger, die überwiegend nachts auf Pirsch gehen, seltener bei bedecktem Himmel, während sie tagsüber in sicheren Unterschlupfen schlafen. Ein solcher Unterschlupf kann eine Baumhöhle, dichtes Gebüsch oder ein schwer zugänglicher Ast sein – Ozelots sind ziemlich gute Kletterer. Auf Jagd gehen sie aber meistens auf dem Boden.

Ein Ozelot verteidigt gegen Artgenossen ein gewisses Revier und in diesem Revier streift er umher, wenn er auf Jagd ist. Auf Pirsch kann ein Ozelot in einer Nacht etliche Kilometer zurücklegen. Interessant ist dabei, dass diese Katze am liebsten am Boden jagt, obwohl sie sehr gut klettern kann und viele Schlafplätze und Verstecke auch auf Bäumen liegen. Da Ozelots häufig Lebensräume mit vielen Wasserläufen bewohnen – z.B. im Amazonasbecken – können sie auch schwimmen, wenn es erforderlich ist. Da Ozelots wie alle Katzen eine reflektierende Schicht hinter der Netzhaut des Auges besitzen, das Tapetum lucidum, können sie auch im Dunkeln unter Ausnutzung des Restlichts sehr gut sehen. Weiter sind sie mit einem extrem guten Gehör und einem empfindlichen Tastsinn in Form der Schnurrhaare ausgestattet und damit perfekt für die nächtliche Jagd gewappnet.

Das Beutespektrum des Ozelots kann sehr stark schwanken – je nach lokalen Bedingungen. Allgemeine Werte dafür wurden entsprechend mit einer gewissen Bandbreite angegeben: Rund 65 % der Beute bestünden demnach aus kleinen Nagetieren, 10 % oder weniger aus mittelgroßen Säugetieren, zwischen 12 und 18 % aus Reptilien, 4 bis 11 % aus Vögeln und ein geringer einstelliger Prozentsatz umfasst Fische und Schalentiere. Bei den meisten Beutetieren handelt es sich dabei dann ebenfalls um nachtaktive Arten, was freilich eine logische Konsequenz daraus ist, dass auch der Ozelot überwiegend bei Nacht jagt. Sieht man jedoch genauer hin, ergeben sich durchaus beachtliche Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen.

Eine Studie im mexikanischen Bundesstaat Jalisco kam 2002 zu bemerkenswerten Befunden. Dort stellten kleine Nagetiere zwar ebenfalls einen markanten Anteil der Beutetiere der dortigen Ozelotpopulation, dies galt vor allem für die Mausart Liomys pictus. Aber fast noch wichtiger als hauptsächliche Beute – sowohl in absoluten Stückzahlen als auch in Gewicht wie auch umgerechnet in die erbeutete Biomasse – war eine ganz andere Tierart: Der Westmexikanische Schwarzleguan (Ctenosaura pectinata). Das überraschte die Forscher dann doch, da dies im starken Gegensatz zu anderen Studien etwa aus Peru stand. Andererseits zeigten 2010 veröffentlichte Beobachtungen aus den tropischen Küstenwäldern des südöstlichen Brasiliens, dass die dort lebenden Ozelots zwar durchaus kleine Säugetiere als Hauptbeute betrachteten, aber wesentlich mehr Reptilien auf dem Speisezettel hatten als im selben Gebiet lebende nahe verwandte Arten der Gattung Leopardus. Möglicherweise werden für den Ozelot Reptilien als Beute immer dann wichtiger, wenn bestimmte Faktoren auftreten – zum Beispiel Nahrungskonkurrenz mit anderen Katzen. Dass solche Faktoren das regionale Beutespektrum von Ozelots beeinflussen, wurde 2006 im zentralen Panama gezeigt. Dort untersuchte ein Forscherteam die Ernährung dortiger Ozelots und Pumas (Puma concolor) und verglich sie mit Daten aus anderen Untersuchungsgebieten. Der springende Punkt war dabei, dass eine dritte Raubkatzenart in den Gebieten in Panama regional stark zurückgegangen oder gar fast vollkommen ausgestorben war: Der Jaguar (Panthera onca). Ohne diesen zusätzlichen Konkurrenten verschob sich das Beuteschema der beiden anderen Raubkatzenarten -.beiden gingen dazu über, jeweils größere Beute als in anderen Teilen ihres Verbreitungsgebiets zu erlegen. Die Ozelots jagten hier einen besonders großen Anteil an mittelgroßen Säugetieren anstatt sich wie andernorts vorwiegend auf kleine Säuger zu konzentrieren. Von einer Lokalität, Barro Colorado Island, berichteten die Forscher sogar über beobachtete Details zur Jagd von Ozelots auf Agutis. Dazu muss man wissen: Barro Colorado Island ist eine junge Insel. Ursprünglich war sie ein Hügel, bis dann der Panama-Kanal gebaut und der Fluss Chagres zum See Gatún aufgestaut wurde. Seitdem ist der Hügel nur noch eine kleine Insel im See, mit einer Fläche von 14 km². In den fast hundert Jahren seit der Aufstauung des Sees konnten Wissenschaftler beobachten wie sich die Fauna auf der Insel zwangsläufig in ihrer Zusammensetzung veränderte: Großen Räubern wie Puma und Jaguar bot der Flecken nicht mehr genug Lebensraum, sie verschwanden. Die früheren Beutetiere wurden dadurch häufiger – und wurden von nun an quasi ersatzweise von anderen Räubern gejagt, die noch geblieben waren. Zum Beispiel vom Ozelot, der dort nun auch Agutis jagt. Bei Agutis handelt es sich um mittelgroße Nager, die über einen halben Meter lang und mehrere Kilogramm schwer werden können. Die Ozelots erwischen meistens Agutis, die zu früh im Morgengrauen unterwegs und greifen sie von hinten an. Die Beute wird gepackt und dann mit einem Biss in den Hinterkopf getötet. Solche relativ große Beute fressen Ozelots dann nicht sofort. Sie schleppen sie erstmal an einen sicheren Platz und was von der Beute übrig bleibt, verscharren sie unter etwas Laub und Erde. Später, zum Beispiel in der nächsten Nacht, holen sie die so versteckte Beute wieder hervor, um daran weiter zu fressen.

In der Tat sind Ozelots nicht notgedrungen auf kleine Beute beschränkt – mit ihren Fangzähnen und den einziehbaren Krallen können sie anscheinend problemlos auch mittelgroße Beute erlegen. Sogar Beute, die größer als sie selber ist, wie es scheint. Ob sie dies tun hängt vermutlich auch damit zusammen wie häufig andere Beute ist und ob sich die Gelegenheit bietet. Auch die individuellen Präferenzen mancher Ozelots mögen dabei reinspielen. So sind Affen meistens eher selten die Beute von Ozelots – die Affen können sich in die Baumwipfel flüchten, die Ozelots jagen lieber am Boden. Aber zumindest im Südosten Brasiliens im Umfeld der Caratinga Biological Station stellte man fest, dass Affen einen nicht unwesentlichen Anteil der Beute zumindest mancher Ozelots machen – zumindest mehr als andernorts. Wie bei anderen Studien auch wurden für die statistische Erfassung Exkremente von Ozelots auf entsprechende Überreste von Beutetieren untersucht. Dabei fanden sich nicht nur die Reste von kleinen Krallenäffchen, wie man vielleicht erwarten würde, sondern durchaus auch von Spinnenaffen der Gattung Brachyteles, die von Größe und Gewicht her mit einem Ozelot ohne weiteres mithalten können.



Bilder 5 und 6: Zwei Tiere, die bereits als Beute von Ozelots beschrieben wurden: Die Leguanart Ctenosaura pectinata (hier im Zoo von Denver aufgenommen) und ein Aguti (Gattung Dasyprocta). Quelle: Beide Wikipedia.

 

 

Die Unterartenproblematik. Die sich daraus ergebende Flexibilität im Jagdverhalten und die Breite des Beutespektrums ebenso wie die relative große Anzahl von Lebensräumen (solange sie einige wenige Bedingungen wie genügend Gestrüpp erfüllen), die der Ozelot besiedeln kann, zeichnen eigentlich eine sehr anpassungsfähige Art aus. Das spiegelt sich auch in der Variation der Fellzeichnung. Diese ist wie erwähnt individuell verschieden, aber eben auch regional – und hier häufig in Korrelation mit dem jeweils bewohnten Lebensraum. Dies erhöht den Tarneffekt. So ist die Grundfärbung des Fells bei Ozelots, die in Regenwäldern leben, meist besonders kräftig – orange oder ockerfarben normalerweise. Tiere aus Populationen, die in trockeneren Gebieten leben haben dagegen eine hellere, meist graue oder hellgelbe, Grundfärbung.

Diese Unterschiede führten dazu, dass man im Laufe der Zeit eine ganze Reihe von Unterarten unterschied. Heute werden meist 10 traditionelle Unterarten anerkannt, die folgende Aufstellung angibt:

Leopardus pardalis pardalis: Mittelamerika, Schwerpunkt von Mexiko bis Honduras.

L.p.albescens: südliches Texas und nordöstliches Mexiko.

L.p.sonoriensis: nordwestliches Mexiko.

L.p.nelsoni: südliches Mexiko.

L.p.aequatorialis: südliches Mttelamerika und nordwestliches Südamerika.

L.p.pseudopardalis: Kolumbien und Venezuela.

L.p.pusaea (=pusaeus): Ecuador.

L.p.melanura: Amazonasbecken.

L.p.mitis: Zentrales und südliches Brasilien bis ins nördliche Argentinien.

L.p.steinbachi: Bolivien.

Diese Unterarten wurden überwiegend auf Unterschiede in der Fellzeichnung, aber zu einem Teil auch auf geringfügige Unterschiede am Schädel begründet. Die hier vorgelegte Aufstellung geht noch auf das Jahr 1997 zurück. Schwachpunkt aller Unterart-Einteilungen war aber stets, dass die hauptsächlich zu Rate gezogenen Merkmale wie die Fellfarbe einer starken individuellen Schwankung unterliegen und manche angebliche Unterscheidungsmerkmale daher vielleicht nur überinterpretiert worden sein können.

Erst in den letzten 10 Jahren versuchten Wissenschaftler einen anderen Ansatz: Molekulargenetische Untersuchungen, zum Teil gekoppelt mit Vergleichen der Schädelmorphologie, sollten näheren Aufschluss darüber geben, ob die benannten Unterarten wirklich mit tatsächlich vorhandenen getrennten Populationen übereinstimmen. Während sich zeigt, dass kleine Variationen in der Schädelmorphologie auch stark vom individuellen Wachstum beeinflusst sind und daher mit Vorsicht zu genießen sind, deutet eine Studie von 2012 bereits an, dass die Molekulargenetik bessere Einblicke in die Beziehungen zwischen den einzelnen Ozelot-Populationen bieten kann. Leider umfasste auch diese Studie keine Datensätze aus allen angenommenen Unterarten, sondern lediglich von sechs Unterarten. Immerhin bestätigte sie, was bereits eine andere Studie als überraschend Erkenntnis zutage förderte: Prinzipiell findet sich auf genetischer Ebene eine geringere Variabilität beim Ozelot als man angesichts der äußerlichen Variation vielleicht erwarten würde. Innerhalb der einzelnen Teilpopulationen schwankt die genetische Variabilität außerdem auch noch, wie sich feststellen ließ. So zeigte sich, dass gerade die Populationen an den Rändern des Verbreitungsgebietes die höchste genetische Heterogenität, also Variabilität, besitzt. In weiten Teilen Brasiliens, vor allem in Amazonien, dagegen ist diese Variabilität am niedrigsten. Außerdem ließ sich dort keinerlei Hinweis darauf finden, dass der Amazonas als Barriere zwischen den Ozelot-Populationen wirkt – anders als häufig angenommen. Warum ausgerechnet die Populationen in den Randbereichen die größere genetische Variation zeigen ist noch nicht ganz geklärt (zumindest fand ich in dem entsprechenden Paper keine mich zufriedenstellende Erklärung). Mein persönlicher Verdacht: Es fällt auf, dass diese Populationen dabei auch häufig Gebiete mit stärkerer Strukturierung durch Gebirgszüge bewohnen – Mittelamerika, Kolumbien, Ecuador zum Beispiel. Möglicherweise wirken sich solche geographische Merkmale bei Ozelots stärker als Barriere aus als große Flüsse wie der Amazonas. Dazu würde passen, dass die genetische Differenzierung besonders stark in Mittelamerika ist – wo auf engem Raum Flach-und Hochländer, Gebirgsketten und Küstenregionen miteinander abwechseln. So schienen auch die einzelnen Populationen in Mittelamerika deutlich eigenständiger zueinander zu sein, als die Bestände in Südamerika. Letztere hängen deutlich stärker zusammen. Das schlägt sich auch in einer vorläufigen Zusammenfassung nieder, welche Unterarten auf der Basis dieser genetischen Untersuchungen noch favorisiert werden sollten. Im Kernverbreitungsgebiet hängen die bisherigen Unterarten L.p.aequatorialis, L.p.melanura, L.p.pseudopardalis und L.p.steinbachi so eng zusammen und sind genetisch so schlecht zu unterscheiden, dass man sie besser als eine Unterart zusammenfasst – in diesem Fall bliebe der Name Leopardus pardalis pseudopardalis, da dieser zuerst vergeben wurde. Es ist aber noch unsicher, wie eng L.pardalis mitis damit zusammenhängt – möglicherweise ist auch diese Unterart so wenig unterscheidbar von L.p.pseudopardalis, dass beide zusammengehören. Dann würde die Unterart L.p.mitis heißen, da der Name der zuerst vergebene wäre. Allerdings liegen dafür bisher zu wenige Daten vor. Einschließen würde diese Unterart dann fast alle Ozelot-Populationen vom südlichen Mittelamerika bis zum nördlichen Argentinien. Nicht abschließend gesichert ist auch die Unterscheidung der Unterart L.p.nelsoni von der Nominatform L.p.pardalis. Die Unterschiede zwischen beiden scheinen auf molekulargenetischer Ebene gering, möglicherweise stellen auch sie eine tatsächliche Einheit dar. Die Verbreitungsgebiete von beiden liegen jedenfalls nahe beieinander. Blieben als weitere Unterarten L.p. pusaea, L.p.albescens und L.p.sonoriensis über, die alle drei Gebiete ziemlich am Rand des gesamten Verbreitungsgebietes bewohnen. Insgesamt zeichnet sich aber ab, dass man es wahrscheinlich mit deutlich weniger Unterarten zu tun hat – eventuell sogar nur mit 5 ( L.pardalis pardalis, L.p.mitis, L.p.pusaea, L.p. albescens, L.p. sonoriensis ). Weitere Forschungen mit noch breiterer Datenbasis durften hier weiteren Aufschluss geben.

 

Bild 7: Die Umgebung fest im Blick. Ozelots besitzen mit ihren Augen, die auch bei Restlicht eine gute Sicht bieten, ihren Schnurrhaaren, welche hervorragende Tastwerkzeuge sind, und ihren scharfen Ohren eine hervorragende Ausstattung für die nächtliche Jagd, die durch die feine Nase noch abgerundet wird. Man beachte auf diesem Bild die gut erkennbare Anordnung der Tasthaare nicht nur auf der Schnauze, sondern auch im Bereich der Augen! Quelle: Wikipedia.

 

 

Die Gefahr: Der Mensch. Die hohe Anpassungsfähigkeit ermöglichte es dem Ozelot, zahlreiche Lebensräume in großen Teilen Amerikas zu besiedeln. Vermutlich überstand die Art daher auch die Klimaschwankungen im Gefolge der letzten Eiszeiten. Und ihre Fellzeichnung schützte sie erfolgreich vor der Entdeckung durch Feinde und Beute. Doch eine Gefahr kam dann hinzu, die für den Ozelot schon fast das Ende hätte sein können:

Der Mensch.

Die Beziehung zwischen Ozelot und dem Menschen ist vermutlich so alt wie die Besiedelung des amerikanischen Kontinents. Zumindest bei den Azteken bereits besaß der Ozelot eine wichtige mythische Bedeutung, weshalb seine Felle zum Beispiel zu rituellen Trachten verarbeitet wurden. Auch der Begriff Ozelot stammt von den Azteken: Im klassischen Nahuatl existiert das Wort „ocelotl“, welches allerdings ursprünglich den Jaguar bezeichnete. Die Spanier haben den Namen fälschlich der kleineren Raubkatze zugeordnet. Aber auch die Spanier waren fasziniert von dem wunderschönen Fell des Ozelots und dies setzte sich nahtlos ins 20. Jahrhundert fort. Als Pelze in Europa und den USA in Mode kamen, war eines der wichtigsten Katzenfelle für die florierende Industrie das Fell des Ozelots. Die daraus resultierende Jagd auf diese Art brachte sie an den Rand des Aussterbens.

Die Jagd auf den Ozelot eskalierte von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer mehr. Der Höhepunkt wurde in den 1960er Jahren erreicht, als im Zuge des Wirtschaftsbooms nach dem 2. Weltkrieg immer mehr Menschen sich echten Pelz als Statussymbol leisten konnten. Im Schnitt exportierten allein Brasilien und Peru in jener Zeit jährlich fast 250000 Ozelotfelle. 1969 beispielsweise importierten allein die USA über 133000 Ozelotfelle. Zu den anderen wichtigen Importeuren gehörte auch die Bundesrepublik Deutschland. Auf dem US-Markt konnte ein Mantel aus Ozelotfell bis zu 40000 US-Dollar bringen. Wer im Geschäft war konnte binnen kurzer Zeit ordentlich Geld scheffeln und so wurde die Jagd auf Ozelots zu einem wahren Schlachtfest. Quasi als Nebenprodukt wurden Jungtiere von getöteten Ozelotweibchen eingefangen und auf dem Haustiermarkt verkauft.

Schon in den 1970er Jahren begannen immer mehr Ozelotbestände zusammenzubrechen. Erste Länder in Lateinamerika begannen die Art unter Schutz zu stellen und 1975 wurde der Ozelot in Anhang II der Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora (CITES, auch bekannt als Washingtoner Artenschutzabkommen) aufgenommen, der Handelsbeschränkungen vorsah. Von nun an waren gesonderte Aus-und Einfuhrgenehmigungen notwendig und ein Nachweis dafür, dass die weitere Jagd für den regionalen Bestand der Art nicht gefährlich ist. Das verringerte den Aderlass allerdings nicht wirksam. Noch in den 1980er Jahren wurden zahlreiche Felle und Jungtiere in den USA und Europa für horrende Preise verkauft und die Bestände nahmen weiter ab. Erst 1989 wurde der Ozelot in Anhang I der CITES aufgenommen, wodurch jeglicher Handel mit Fellen, Jungtieren oder sonstigen von dem Tier stammenden Produkten auf einen Schlag international komplett verboten wurde. Das zeigte in der Tat Wirkung: Die exzessive Jagd auf das Tier hörte auf, weil die Handelsrouten trockengelegt wurden. Bis heute gibt es zwar noch einen gewissen Schwarzhandel mit Fellen und jungen Ozelots. Aber dieser ist auf ein wenig bedrohliches Level abgesunken.

Nach diesem Schritt erholten sich die Populationen erstaunlich schnell. 1996 bereits wurde geschätzt, dass es wieder zwischen 1,5 und 3 Millionen Ozelots zwischen Texas und Argentinien gäbe. Wohlgemerkt, geschätzt. Die tatsächliche Zahl ist schwer zu ermitteln. Bedenklich bleibt der Status mancher Teilpopulationen. So ist die Unterart Leopardus pardalis albescens im texanisch-mexikanischen Grenzgebiet extrem bedroht, von ihr gibt es schätzungsweise nur noch um die 250 Exemplare. Heute sind die größten Bedrohungen für den Ozelot zwar nicht mehr Nachstellungen der Jäger. Aber es sind andere Gefährdungen geblieben. Allen voran die Zerstörung und Zerstückelung geeigneten Lebensraums: Wälder und Dickichte werden vielerorts gerodet, um Bau-und Ackerland für eine wachsende Bevölkerung und an Profit interessierte Konzerne zu gewinnen. Straßen zerschneiden auf einmal vorher zusammenhängende Waldgebiete. Hier stellen Verkehrsunfälle eine Gefahr dar – die im Falle kleiner Populationen zu einem nicht zu kompensierenden Aderlass werden kann. Hinzu kommen lokale Ozelot-Tötungen durch Farmer, die um ihre Viehbestände bangen. Nach dem Anstieg der Ozelotbestände in den 1990er Jahren verzeichnet man daher momentan eher Stagnation oder erneute Rückgänge.

Die International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) führt den Ozelot in ihrer Roten Liste jedenfalls seit 2002 nur noch als nicht gefährdet. Die ganzen 1980er Jahre über galt er noch als gefährdet. Aufgrund der großen Verbreitung erscheint ein vollständiges Aussterben der Art derzeit als unwahrscheinlich. Wie bereits erwähnt, sie dies anders aus, wenn man bestimmte Einzelpopulationen betrachtet.

Um eine Wiederholung der Situation aus den 1980er Jahren zu vermeiden, werden von den meisten Staaten weiterhin Anstrengungen zum Schutz des Ozelots unternommen. Dazu gehören auch Forschungsprojekte, die bestehende Schutzmaßnahmen auf ihre Wirksamkeit untersuchen und vor allem auch einzelne Populationen überwachen, um deren Entwicklung zu verfolgen. Was bei einer heimlich lebenden Art gar nicht so einfach ist.



Bild 8: Ozelots wurden über Jahrzehnte hinweg massiv bejagt. Dieses Fell stammt von einem Exemplar aus Brasilien, das etwa um 1978 geschossen wurde. Es wurde von der damaligen Bundes-Pelzfachschule erworben, heute befindet es sich in der Sammlung Senckenbergmuseums in Frankfurt/Main. Quelle: Wikipedia/ M. Bohnacker.

 

Monitoring. Wie viele Ozelots es gibt bzw. geben kann ist letzten Endes über den verfügbaren Lebensraum und die Reviergröße der einzelnen Tiere definiert. Und natürlich durch die Fortpflanzungs-und Mortalitätsrate. Man merkt schon, da fängt es an komplizierter zu werden. Je nach bewohntem Gebiet kann ein Ozelotrevier unterschiedlich groß sein – je nachdem welche Versteckmöglichkeiten, Wasserstellen und welches Nahrungsangebot es bietet. Die Größe schwankt zwischen zwei und 31 km² (meist nutzt ein Ozelot aber nur ein etwas kleineres Kerngebiet davon besonders intensiv). Die Tiere markieren die Reviergrenzen mit Kratzspuren an Bäumen, Urin und Kot an markanten Objekten oder Plätzen. Artgenossen gleichen Geschlechts werden nicht im Revier geduldet, lediglich die Reviere von Männchen und Weibchen überschneiden sich. Dabei verteidigt ein Männchen normalerweise ein Revier, das sich mit mehreren Revieren von weiblichen Ozelots überlappt.

Aus all dem folgt, dass die mögliche Populationsdichte in einem Gebiet begrenzt wird. Heranwachsende Ozelots müssen irgendwann abwandern und sich eigene Reviere suchen (es sei denn, eines wird durch den Tot den Revierinhabers frei). Da die Reviergrößen aber regional stark schwanken kann man das nicht einfach hochrechnen. Und einfach durch den Urwald rennen und die Ozelots zählen, die einem begegnen bringt auch nichts. Deshalb wurden andere Methoden entwickelt, um die Bestandsentwicklung in bestimmten Gebieten zu überwachen. Zwei Methoden sind für das Monitoring (wie Fachleute das nennen) besonders wichtig: Ich nenne sie hier die Kamera-Methode und die GPS-Methode.

Beide Methoden sind schnell erklärt. Bei der Kamera-Methode, im Englischen „camera trapping“ werden Kamera-Fallen aufgestellt, die dann ein Foto schießen, wenn ein Tier in den Bereich eines Bewegungssensors kommt. Am besten stellt man die Kameras an ausgekundschafteten Wildwechseln auf oder an anderen Örtlichkeiten, die stark von den Tieren frequentiert werden. Später können die Bilder ausgewertet werden – sie fangen alles ein an größerem Getiers: Vögel, Reptilien, Säugetiere. Auch Ozelots. Theoretisch kann man anhand der Fellzeichnung versuchen, die einzelnen Ozelotindividuen auf den Fotos wiederzuerkennen und dadurch eine Bestandsschätzung vornehmen. Außerdem kann man etwa abschätzen, welche potentiellen Beutetiere im Gebiet leben.

Die GPS-Methode basiert im Grunde auf reiner Radiotelemetrie, also auf Funksignalen, und ist nicht zwingend auf GPS angewiesen – aber das GPS macht es natürlich einfacher in der Datenauswertung. Hierbei werden Ozelots gefangen und betäubt. Dann wird ihnen ein kleiner Funksender verpasst (etwa an einem Halsband) und man lässt sie danach wieder frei. Heutzutage kann man dank GPS die Positionsdaten dann live verfolgen. Das gibt natürlich nicht nur eine ungefähre Näherung an die Reviergrenzen der jeweiligen Ozelots, sondern bildet sie de facto ab. Unter der Annahme, dass man in einem bestimmten Gebiet genügend Ozelots markiert hat, kann man dann die lokale durchschnittliche Reviergröße besser abschätzen und die Populationsdichte hochrechnen.

Beide Methoden werden eingesetzt und haben ältere Verfahren – etwa Markieren gefangener Ozelots und späteres erneutes Einfangen um die Markierungen zu überprüfen – weitestgehend ersetzt. Diskutiert wird, welches Verfahren denn die besten und der Realität am nächsten kommenden Ergebnisse liefert. 2008 veröffentlichten A. Dillon und M.J.Kelly eine Untersuchung zu diesem Thema, in der sie feststellten, dass bei der Kamera-Methode die Populationsdichte in einem gegebenen Untersuchungsgebiet höher eingeschätzt wird als mit GPS-Trackings. Und zwar um rund das Doppelte: Für eine Region in Mittelamerika kamen sie mit den Daten der Radiotelemetrie auf eine Schätzung von 11,24 bis 12,45 Ozelots pro 100 km². Mit der Kamera-Methode kam man auf Schätzungen von 25,88 Ozelots pro 100 km². In einer anderen Studie aus dem Jahre 2007, in der eine bolivianische Ozelotpopulation untersucht wurde, kam zu dem Schluss, dass die Überschätzung der Populationsdichte umso größer ist, je engmaschiger tatsächlich das Netz von Kamerafallen ist. Dann scheinen einzelne Individuen eher doppelt gezählt zu werden, vor allem in Bereichen, wo sich die Reviere einzelner Individuen überlappen. Eine Kombination beider Methoden zur gegenseitigen Kontrolle wäre vermutlich empfehlenswert – denn für erfolgreichen Artenschutz muss man wissen, mit welcher Populationsdichte man es zu tun hat. Außerdem können GPS-gestützte Daten auch Aufschluss darüber geben, welche Bereiche in einem Gebiet am ehesten von den Ozelots bevorzugt werden – offenere Geländeabschnitte oder eher die dicht gewucherten, freier Acker oder Wald. Dies gibt wichtige Hinweise darauf, welche Lebensräume für Ozelots besonders geschützt werden müssen. Aber auch hier muss man aufpassen: Eine dichte Baumkrone kann zum Beispiel das Satellitensignal blockieren und damit die Datenerhebung behindern.



Bild 9: In Schutzgebieten in den Tropen werden die Bestände seltener Tiere unter anderem mit Kamerafallen überwacht. Dabei entstehen solche Bilder wie dieses von einem Ozelot. Quelle: www.arkive.org / Joe Kolowski/ Smithsonian Wild

 

Trotz dieser Schwierigkeiten verstehen Wissenschaftler die Populationsdynamik des Ozelots zunehmend besser. Wenn man die vorhandenen Daten zusammenträgt ergeben sich gewisse Muster, die ziemlich klar zu umreißen sind. Prinzipiell sind Ozelots in Gebieten am häufigsten, die reichlich Nahrung bieten. In diesem Fall sind dies die regenreichen tropischen Wälder der Ebenen, etwa im Amazonasbecken. In einer an Beute reichen Umgebung braucht ein Ozelot ein kleineres Territorium, um genügend Nahrung zu finden, als in beutearmen Regionen. Dies schlägt sich daran nieder, dass die Populationsdichte der Art mit steigender Geländehöhe abnimmt und mit steigender Niederschlagsmenge tatsächlich zunimmt, wenn man die Zahlen für das gesamte Verbreitungsgebiet miteinander abgleicht. Ein weiterer Effekt wird dann auch offenkundig: In der Nähe von menschlichen Siedlungen und Infrastrukturen (etwa Straßen, Bergwerken etc.) nimmt die Bestandsdichte von Ozelots massiv ab. Dies durfte verschiedene Gründe haben. Die Tiere meiden vielleicht freiwillig die unruhige Umgebung menschlicher Siedlungen. Außerdem ist in deren Nähe die Mortalität potentiell höher – es wird auf Ozelots geschossen (immer noch!) oder sie werden auf den Straßen von Fahrzeugen überfahren. Dieses Phänomen führt auch dazu, dass die Tiere in einigen Regionen dort am häufigsten vorkommen, wo sie sonst eher wenig siedeln würden – etwa im mexikanischen Sonora, wo die Ozelots sich vor allem in die Berge zurückgezogen haben, in denen ihnen die dortigen Eichen-und Nadelwälder Unterschlupf bieten. Wie Untersuchungen aus dem Amazonas-Gebiet und Argentinien zeigen sind Ozelots sogar noch besser darin, sehr zielgenau dem Menschen aus dem Weg zu gehen. Sie nutzen die Tatsache, dass viele ältere Pfade durch den Wald häufig weniger genutzt werden, wenn eine neue Straße andernorts gebaut wurde. Und sie meiden die menschlichen Wege durch den Wald besonders kurz vor und während Vollmondphasen – sie könnten dann schließlich wahrscheinlicher gesehen werden.

Ozelots in den USA. Die Randpopulationen des Ozelots sind fast aller Orten die mit der geringsten Bestandsstärke – das gilt im nördlichen Argentinien genauso wie in Teilen Mexikos und vor allem auch in Texas. Dort lebt die einzige noch ständig in den USA ansässige Ozelotpopulation. Gelegentlich aus Arizona gemeldete Sichtungen durften auf wahrscheinlich auf halbwüchsige Ozelots zurückgehen, die auf der Suche nach Revieren aus dem nordwestlichen Mexiko einwandern – dort scheint sich aber noch keine feste Population etabliert zu haben. So sind die texanischen Ozelots die einzigen „echten“ US-Ozelots.

Diese Population gehört zu den kleinsten. Sie gehört zur Unterart Leopardus pardalis albescens, in nur zwei Counties im südlichen Texas beheimatet – in Cameron und in Willacy County. Die dortige Population wird nur auf wenige hundert Tiere geschätzt. In den von den Ozelots bewohnten Bereichen ist die Siedlungsdichte der Art allerdings vergleichbar zu anderen Regionen in Lateinamerika. Dies ist zugleich ein Indiz dafür, dass das Problem in Texas geeigneter Lebensraum ist. Die Ozelots bevorzugen hier Wälder mit möglichst geschlossenem Kronendach – dieses sollte mindestens zu 75 %, besser noch zu mehr als 90 % geschlossen sein. Davon gibt es aber nur noch wenige in Texas. Die Landschaft wurde inzwischen stark vom Menschen und seiner Landwirtschaft geprägt. Dadurch wurden viele geeignete Lebensräume für den Ozelot in Texas zerstört. Die Schutzmaßnahmen umfassen daher außer einem Jagdverbot vor allem den Schutz der noch vorhandenen für den Ozelot geeigneten Lebensräume in dem Gebiet. Und zwar nicht nur von Waldflächen, in denen die Katzen noch leben, sondern auch ähnliche Waldflächen, die potentiell für Neuansiedlungen in Frage kommen. Ein Problem dabei ist allerdings, dass viele dieser Gebiete immer noch Privatgelände sind. Damit sind Schutzbemühungen zu einem guten Teil vom guten Willen der Grundstückseigner abhängig. Um deren Einbindung in den Schutz des Ozelots bemühen sich Behörden und Naturschutzverbände seit Jahren – Bemühungen, die nach Empfehlung von Wissenschaftlern noch verstärkt werden sollen. Ein Problem sind in Texas natürlich auch die Straßen, die durch das Siedlungsgebiet der Ozelots verlaufen. Man weiß, dass generell die Mortalität bei Raubkatzen entlang von Highways in den USA erhöht ist. Das durfte auch auf den Ozelot zutreffen. Ganz anders gelagert ist ein Problem speziell für die texanische Population: Es wird befürchtet, dass sie so klein und isoliert von allen anderen Ozelotpopulationen ist, dass es zu Inzucht kommen könnte. Diese könnte dann den ohnehin schon bedrohten Bestand endgültig dahinraffen.

In Texas wurde auch eine neuere Monitoring-Methode erprobt, über die dann 2005 berichtet wurde: Forscher sammelten systematisch Haarbüschel, die Ozelots zum Beispiel an Ästen, Dornen und Zäunen verlieren. Diese Haare wurden dann für Gentests verwendet, um sie bestimmten Individuen zuordnen zu können. Dadurch konnte man genau sagen, wie viele Individuen in einem bestimmten Gebiet mindestens vorkommen. Allerdings haben diese Ergebnisse nicht den Reiz der quasi Live übertragbaren Daten eines GPS-Senders, andererseits ist die Zuordnung einzelner Individuen zum Teil doch sicherer als bei den Kamerafallen.

Intimes aus dem Ozelotleben. Ein wichtiger Aspekt nicht zuletzt auch für den Schutz der Art ist das Thema Fortpflanzung. Die Bestände konnten und können sich nur erholen, wenn genügend Jungtiere gezeugt, geboren und aufgezogen werden – eine Binsenweisheit. Da lohnt sich ein Blick auf die Fortpflanzungsstrategie des Ozelots.

Bis zu einem gewissen Grad zeigt sich auch hier die Flexibilität, die es der ermöglichte ein so großes Verbreitungsgebiet zu besiedeln. In den nördlichen und südlichen Teilen des Verbreitungsgebietes, wo das Jahr noch ausgeprägte Jahreszeiten hat, werden die Weibchen oft nur einmal im Jahr heiß – sie haben ihren Östrus (also die Zeit, in der sie bereit zur Paarung sind) in dem Falle meist im Herbst. Hier muss man aber einschränkend anfügen, dass die Weibchen der texanischen Population scheinbar fast das ganze Jahr über ihren Östrus haben können. Dies könnte darauf hindeuten, dass auch noch andere Faktoren als schlichter Jahreszeitenwechsel eine Rolle spielen. In den Tropen, etwa im Amazonasbecken können die Weibchen auf jeden Fall das ganze Jahr über ihren Östrus bekommen. Dort haben sie dann auch eher mehrmals im Jahr ihren Östrus. Der Östrus dauert meist nur einige Tage bis höchstens eine Woche. In dieser Zeit kommt es zu den einzigen kurzen Momenten im Leben der einzelgängerischen Tiere, in denen sie andere Ozelots näher an sich heranlassen – zur Paarung. Sobald diese vollzogen ist, gehen Männchen und Weibchen wieder auf Abstand und meiden sich.



Bild 10: In Zoos werden Ozelots eher selten erfolgreich gezüchtet. Diese zwei Jungen, ein Männchen und ein Weibchen, wurden Ende 2010 im Berliner Zoo geboren. Man taufte sie auf die Namen Viento und Estrella. Quelle: www.zoo-berlin.de

 

Die Tragzeit dauert meist rund 79 bis 85 Tage. In dieser Zeit bereitet das Weibchen auch Verstecke für den Wurf vor. In dichter Vegetation, hohlen Baumstämmen oder zwischen Felsen legt es regelrechte Nester an. Später wechseln die Weibchen öfter das Versteck mit den Jungen, die sie dann von einem Nest zum anderen tragen. Damit soll die Sicherheit des Nachwuchses erhöht werden. In Texas wurde zum Beispiel beobachtet, dass die Weibchen mindestens zwei, manchmal bis zu vier Verstecke nutzten. Die Abstände zwischen den Verstecken betrugen zwischen 110 und 280 m. Die Wurfgröße ist relativ klein: höchstens drei Junge sind dokumentiert, meistens sind es nur ein oder zwei. Bei der Geburt wiegen sie keine 300 Gramm und sind kaum 25 cm groß. Sie sind dann noch ziemlich hilflos. Ihre Augen öffnen sich erst nach zwei Wochen, erste Gehversuche dauern noch länger. Vor dem Ablauf des ersten Lebensmonats verlassen die Jungen nicht selbständig das Nest. Danach jedoch geht die Entwicklung etwas schneller. Bald nimmt die Mutter den Nachwuchs mit auf die Streifzüge und mit frühestens acht Wochen nimmt dieser die erste feste Nahrung auf. Damit beginnt dann auch die Entwöhnung. Die Jungtiere werden dann zunehmend selbständiger. Mit etwa 10 Monaten erreichen sie ihre volle Größe. Sie dürfen aber noch zwei bis drei Jahre im Revier des Weibchens bleiben – danach werden sie im Zweifel unsanft hinausgejagt. In dieser Zeit werden die Jungtiere nämlich auch geschlechtsreif – die Weibchen oft schon nach anderthalb Jahren, die Männchen meist mit 30 Jahren. Entsprechend müssen sie sich nun eigene Reviere suchen und gehen dann auf Wanderschaft. Dabei können sie weite Strecken zurücklegen, bis sie sich in einem geeigneten Gebiet niederlassen und dieses gegen andere Ozelots verteidigen können.

Dies alles ergibt letztlich ein Bild: Die Vermehrungsrate der Ozelots ist nicht sonderlich schnell. Es werden nur wenige Junge geboren und wie viele davon durchkommen ist ja auch noch mal eine andere Frage. Es drohen viele Gefahren – andere Raubkatzen, große Raubvögel. Und natürlich der Mensch. Umherstreunende Jungtiere auf der Suche nach eigenen neuen Revieren sind besonders anfällig auf Straßen angefahren zu werden. Daher erholen sich Populationen von andauernden Verlusten durch Bejagung wie in den 1860er und 1970er Jahren nur sehr langsam und reagieren auch auf andere Bedrohungen seitens des Menschen sehr empfindlich. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass manche Ozelotweibchen relativ rasch mehrere Würfe aufziehen können. Einmal soll ein Weibchen zwei oder drei Würfe in etwa 15 Monaten bekommen haben. Die Regel scheint dies aber nicht zu sein. Die Lebenserwartung von Ozelots in freier Wildbahn wird auf etwa 10 Jahre geschätzt (in Gefangenschaft werden sie etwa 20 Jahre alt). Angenommen ein Weibchen wird mit anderthalb Jahren geschlechtsreif, hat es noch achteinhalb Jahre Zeit Nachkommen zu kriegen – statistisch gesehen. Nimmt man einen Wurf pro Jahr an, wären das acht Würfe. Das wären zumindest acht Junge in dieser Zeit, maximal 24. Von diesen Zahlen muss man noch eine beträchtliche Mortalitätsrate abziehen. Diese kurze Überschlagsrechnung verdeutlicht, wie langsam sich eine angeschlagene Ozelotpopulation im schlimmsten Fall nur regeneriert – diese Art vermehrt sich nicht so rasend schnell, wie das zum Beispiel unsere heimischen Hauskatzen vermögen.

Noch hat man freilich dem Ozelot nicht jedes Geheimnis entlockt. Manches pikantes behält er scheinbar gern für sich. Der Ozelot hat als eine der wenigen Katzenarten beim Männchen ein Baculum – auch Penisknochen genannt. Dieser unterstützt die Erektion. Von der Herkunft her handelt es sich um eine Verknöcherung des Schwellkörpers, bei manchen Säugetierarten ist das Baculum auch nur knorpelig vorhanden. Die meisten Katzenarten besitzen kein oder nur ein sehr rudimentäres Baculum (bevor jemand fragt: Menschen besitzen im Gegensatz zu den meisten anderen Primaten keinerlei Baculum). Bei der Gattung Leopardus jedoch ist es vorhanden und am stärksten ausgeprägt beim Ozelot. Man fragt sich natürlich nach dem Grund. Ebenso wie die Wissenschaftler sich allgemein fragen: Warum haben manche Säugetiere ein Baculum, andere nicht? Es gibt dazu verschiedene Theorien – unter anderem wurde vermutet, das Baculum würde ein längeres Eindringen ins Weibchen ermöglichen, den Eisprung stimulieren und ähnliches. Das blöde nur: Keine dieser Theorien konnte auch nur annährend erhärtet werden. 2002 bereits kamen Forscher zu dem Schluss, dass keine Theorie zum evolutionären Vorteil eines Baculum beim Ozelot zutrifft. So bleibt die Sache unverständlich. Die einzige abschließende Vermutung der beiden Autoren S. Larivière und S.H. Ferguson: In welcher Form eine Art, speziell eine Katzenart, ein Baculum entwickelt, muss mit bisher nicht bekannten Faktoren zusammenhängen, die irgendeine Rolle in der Fortpflanzungsstrategie der jeweiligen Art (etwa des Ozelot) spielen. Gefunden hat man sie noch nicht. Dieses Mysterium hat sich der Ozelot bewahrt.

 

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