Pirats Bestiarium: Acropora-Strudelwurm (Amakusaplana acroporae)

 

Acropora-Strudelwurm (Amakusaplana acroporae Rawlinson, Gillis, Billings Jr. & Borneman, 2011)

 

 

Namensbedeutung. Der Gattungsname Amakusaplana wurde ursprünglich in den 1930er Jahren für eine in Japan heimische Art aufgestellt. Plana bedeutet dabei einfach nur „flach, platt“ bzw. „der Flache, der Platte“. Außerdem bezieht sich der Name auf die japanischen Amakusa-Inseln. Acroporae bedeutet wörtlich in etwa „hohe Pore, hohe Öffnung“, verweist in diesem Fall aber lediglich auf die Nahrung der erwachsenen Strudelwürmer: Korallen der Gattung Acropora.

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Protostomia; Lophotrochozoa; Platyzoa; Plathelminthes; Rhabditophora; Polycladida; Cotylea; Prosthiostomidae; Amakusaplana.

Mit dem Acropora-Strudelwurm haben wir den Vertreter einer Linie vor uns, der wir hier noch nicht begegnet sind: Der Plattwürmer (Plathelminthes). Die Plattwürmer haben für viel Wirbel in der Forschung gesorgt bei der Frage, wo sie verwandtschaftlich einzuordnen sind. Traditionell betrachtete man sie als die urtümlichsten Bilateria, da sie keine abgegrenzte Leibeshöhle besitzen, in der die Organe untergebracht sind. Neuere Forschungen zeigten allerdings, dass dieser Zustand höchstwahrscheinlich sekundär erworben ist – Plattwürmer stammen demzufolge von Vorfahren ab, die sehr wohl eine Leibeshöhle besaßen. Ende der 1990er Jahre zeigten molekulare Analysen erstmals, dass die Plattwürmer aller Wahrscheinlichkeit nach mit einigen anderen kleineren Taxa als Platyzoa zusammengefasst werden können. Inzwischen werden molekulare und morphologische Ergebnisse dahingehend interpretiert, dass diese Platyzoa die basalste Gruppe oder eine basale Schwestergruppe der Lophotrochozoa sind, eines großen Taxons aus verschiedenen wirbellosen Gruppen, darunter Weichtieren (Mollusca) und Gliederwürmern (Annelida), das ursprünglich vor allem aufgrund von DNA-Untersuchungen begründet wurde. Inzwischen gibt es auch erste morphologische Befunde und Befunde in der Entwicklungsbiologie, die diese Beziehungen untermauern (auch wenn es immer noch mehr als einen strittigen Punkt gibt). Hier folge ich der Auffassung, dass die Platyzoa die basalste Gruppe der Lophotrochozoa sind.

Verbreitung. Die Verbreitung des Acropora-Strudelwurms ist nicht restlos aufgeklärt. Vor seiner Benennung im Jahre 2011 wurden Vorkommen in Indonesien und im Roten Meer gemeldet, doch beide wurden inzwischen in Zweifel gezogen. Es handelte sich wahrscheinlich um Verwechslungen mit anderen Arten. Daher stammten die einzigen sicheren Nachweise dieses Strudelwurms aus Aquarien. Auch die Exemplare anhand derer 2011 die offizielle Erstbeschreibung erfolgte stammten aus zwei US-Aquarien. Es wurde jedoch vermutet, dass der Acropora-Strudelwurm aus dem indopazifischen Raum stammte, da er lediglich an Korallenarten aus diesem Gebiet zum Fressen geht. Erst 2012 glückte der erste sichere Nachweis in freier Wildbahn – im Great Barrier Reef. Im Norden des Riffes wurde der Acropora-Strudelwurm bei Lizard Island entdeckt, 70 km nördlich von Cooktown. Weitere sichere Nachweise in freier Wildbahn stehen noch aus.



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Bild 1: a) Die Position von Lizard Island im Great Barrier Reef vor der Nordostküste Australiens. b) Die Position der Korallenkolonien, auf denen der Acropora-Strudelwurm in freier Wildbahn gefunden wurde bei Lizard Island (rotes Viereck). Quelle: Rawlinson & Stella 2012, GeoEye satellite image.

 


Entdeckung als Plage. Manche Arten werden schon an skurrilen Orten entdeckt. Nicht in einem einsamen See, einem einsamen Wald, einem einsamen Gebirge, wo noch nie ein Mensch gewesen ist. Sondern direkt vor unserer Nase. Zum Beispiel – im Aquarium.

Michael Mrutzek ist ein Bremer Fachhändler für Aquaristik, der seit 1999 bemerkenswerte Veränderungen bei einigen Korallen der Gattung Acropora in einem seiner Meerwasseraquarien beobachtete. Um genau zu sein, handelte es sich um Kolonien der Art Acropora formosa: Sie wiesen helle Stellen auf, die sich immer mehr ausdehnten. Bei einer eingehenden Inspektion stellte Mrutzek fest, dass die Korallen offensichtlich mit zahlreichen Plattwürmern befallen waren. Der Versuch diesem Befall mit dem Zusatz von Fischarten, die gelegentlich Plattwürmer fressen sollen, beizukommen, scheiterte. Die Fische interessierten sich nicht für die Plattwürmer. Mrutzek sah sich gezwungen zu einem Wurmgift vorzugehen. Die normale Dosierung jedoch schien den Biestern nichts auszumachen. Erst das Baden in einer Lösung mit stark erhöhter Giftdosierung sorgte schließlich dafür, dass die ersten Plattwürmer sich ablösten von der Koralle und absanken. Damit schien ein Weg gefunden zu sein, die Plattwürmer von den Korallen zu entfernen, wenn auch ein aufwendiger, da hohe Giftdosen (über 20 g auf 10 Liter Wasser) verwendet werden und wenigstens 10 bis 20 Minuten einwirken mussten. Erst später entdeckte Mrutzek, dass die Würmer auch mit einer Jodlösung bekämpft werden konnten, die wesentlich schonender auch für die Korallen war.

Wie Mrutzek bald darauf erfuhr, waren ähnliche korallenfressende Plattwürmer auch bei anderen Aquarianern in Süddeutschland aufgetaucht. Bald wurden diese Plattwürmer auch andernorts in Aquarianern entdeckt, nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern, unter anderem in den USA. Stets befielen sie Acropora-Korallen, meistens der Art Acropora formosa. Bald erlangten die Plattwürmer in den betroffenen Aquarianer-Kreisen Berühmtheit als AEFW – als „Acropora Eating Flat Worm“.



Bild 2: Ein Bild aus einem der ersten Berichte von M. Mrutzek. Auf der schon stark ausgebleichten Korallenkolonie sind zahlreiche Plattwürmer zu sehen. Quelle: M. Mrutzek, http://www.meeresaquaristik.de


Es brauchte aber ein Jahrzehnt, bis sich die Wissenschaft näher mit dem Plagegeist befasste und zu Resultaten kam. Ein Forscherteam um Kate A. Rawlinson von der Smithsonian Marine Station in Florida, die zu der Zeit gerade auch eine weitere Anstellung in London hatte, konnte den Plagegeist schließlich von anderen bekannten Arten eindeutig abgrenzen und 2011 beschreiben. Die Grundlage für die Erstbeschreibung bildeten Exemplare, die in einem Aquarium in Virginia und im Atlantis Marine World auf Long Island (New York) gesammelt wurden. Allerdings gelang es den Forschern erst 2012 (Rawlinson hatte inzwischen zur Dalhousie University im kanadischen Halifax gewechselt) in Zusammenarbeit mit australischen Kollegen die Art auch in freier Wildbahn festzustellen.

Crashkursus: Plattwurm – was ist das eigentlich? An dieser Stelle sollte man vielleicht eine kurze Einführung geben, welchen grundsätzlichen Körperbau ein Plattwurm hat. Der grundsätzliche Körperbau eines Wirbeltiers oder Insekts ist den meisten ja relativ vertraut – bei Plattwürmern ist das dann doch schon etwas anders.

Plattwürmer haben einen erstaunlich einfachen Körperbau – vor allem vor dem Hintergrund, dass sie vermutlich von komplexer gebauten Vorfahren abstammen. Das fängt schon bei einer sehr grundsätzlichen Sache an: Wirbeltieren oder Insekten zum Beispiel sind die Organe innerhalb eines Hohlraums, der Leibeshöhle (Coelom), untergebracht und durch Bänder aufgehängt. Plattwürmer besitzen keine Leibeshöhle. Ihre Körperwand besteht aus einem Muskelschlauch aus einer äußeren Ringmuskulatur und einer inneren Längsmuskulatur. Dieser Muskelschlauch übernimmt die Stützfunktion und ist außen mit einer einlagigen Epidermis bedeckt. Auf der Körperunterseite (normalerweise, auch beim Acropora-Strudelwurm) befindet sich die Mundöffnung, die über einen kurzen Schlund (Pharynx) in einen blind endenden Darmtrakt führt. Es gibt also keinen After. Der Raum zwischen dem Verdauungssystem und dem Muskelschlauch wäre bei anderen Tieren die erwähnte Leibeshöhle. Bei den Plattwürmern jedoch ist er ausgefüllt mit einem Parenchym genannten Füllgewebe, in das alle anderen Organe eingelagert sind.

Das Organsortiment ist bei Plattwürmern aber ebenfalls einfach gehalten. Es gibt keine Atmungsorgane, der Gasaustausch findet über die Körperoberfläche statt. Es gibt kein Kreislaufsystem, da die Körperflüssigkeit einfach zwischen den Lücken des Parenchyms fließt, die Zirkulation kommt durch die allgemeinen Körperbewegungen zustande. Als Ausscheidungsorgane gibt es nur eine primitive Form der Niere, die sogenannten Protonephridien. In ihnen sorgen ständig schlagende Geißelzellen für einen Flüssigkeitsstrom durch ein Röhrensystem, in welchem die nicht verwertbaren giftigen Abfallprodukte des Organismus herausgefiltert und von noch verwertbaren Reststoffen abgetrennt werden. Die reinen Abfallprodukte werden dann Poren aus dem Körper gespült. Ein Nervensystem gibt es natürlich auch. Mehrere an der Bauchseite liegende Nervenstränge vereinen sich am Kopfende des Tieres zu einem Ganglion, einer Art primitivem Gehirn. Außerdem sind die Nervenstränge durch Quernerven miteinander verbunden. Feinere Nervenfasern gehen von diesem Hauptnervensystem aus. Als weitere Organe gibt es dann noch die Geschlechtsorgane. Hier muss man vor allem wissen, dass Plattwürmer Zwitter sind. Die Befruchtung findet stets innen statt, daher besitzen Plattwürmer ein als Penis bezeichnetes Organ.

Und natürlich ist der gesamte Körper ziemlich platt – der deutsche wie der wissenschaftliche Name kommen nicht von ungefähr. Je nach Art ist der Körper nur wenige Millimeter bis Zentimeter dick. Natürlich besitzen die Tiere je nach Art unterschiedliche Sinnesorgane – chemische Rezeptoren, Tastorgane, einfache becherförmige Augen, die vor allem hell und dunkel unterscheiden können.

Damit hat man eine ungefähre Vorstellung eines durchschnittlichen Plattwurms. Nun betrachten wir uns den Acropora-Strudelwurm genauer.


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Bild 3: Zwei Exemplare des Acropora-Strudelwurms in näherer Ansicht und jeweils als schematische Zeichnung. a) Ein Exemplar von 3,2 mm Größe. b) Ein Exemplar von 5 mm Größe. Die Maßstäbe entsprechen jeweils einem Milimeter. Von den Abkürzungen seien hier nur die wichtigsten erläutert: br Gehirn bzw. Zerebralganglion; ce Zerebralauge, also Augen direkt über dem Gehirn; fg weibliche Geschlechtsöffnung („female gonopore“); m Mund; me Augen der beiden randständigeren Cluster („marginal eye“); mg männliche Geschlechtsöffnung („male gonopore“); ov Ovarien, im linken Bild gut erkennbar durch die in ihnen reifenden Eier (die dunkleren Strukturen); ph Pharynx (der Schlund); pnst Penis-Stilett; sg Schalendrüsen, die die Eier einkapseln; ut Uteri. Quelle: Rawlinson & Stella 2012.


Charakterisierung einer Korallenplage. Der Acropora-Strudelwurm ist in seinem natürlichen Lebensraum eine unscheinbare Art – und selbst im Aquarium fielen diese Tiere ja erst auf, weil die von ihnen befallenen Korallen Anomalien aufwiesen. Das liegt vermutlich vor allem auch an zwei Umständen: Zum einen sind Acropora-Strudelwürmer zum großen Teil durchsichtig, zum anderen werden sie nicht sehr groß – normalerweise erreichen sie nur 1 bis 2 cm Größe, seltener werden sie 3 cm groß. Das gilt zumindest für die Exemplare, die in Aquarien gesichtet wurden. Die in freier Wildbahn beobachteten Exemplare waren etwas kleiner als einen Zentimeter.

Die Färbung der Tiere wird mit geprägt von ihrem Mageninhalt, der Ausbildung von Eikapseln in den weiblichen Geschlechtsorganen und der Aufnahme symbiontischer Algen mit den Korallen, die gefressen werden. So erscheint der Körper normalerweise weißlich und durchschimmernd, mit dunklerem Verdauungstrakt. Erst später, wenn auch die Eier reifen, sind diese als dunkle braune Flecken erkennbar. In einigen Fällen können die Würmer durchscheinend-bräunlich wirken. Die allgemeine Körperform ist oval, mit einer kleinen Eindellung am vorderen Rand.

Der Kopf ist unter anderem durch die Augen charakterisiert. Es gibt zwei Ansammlungen (Cluster) von Augen in der Nähe des vorderen Körperrands und einen dritten Cluster von Augen direkt über dem Zerebralganglion (also dem Gehirn). Weitere Augen sind unregelmäßig in der Nähe dieser Cluster verteilt. Es handelt sich um einfache Becheraugen: Einmuldungen, die mit Photorezeptoren ausgekleidet sind. Sie fallen als schwarze Punkte auf und können vor allem hell und dunkel, aber auch die Einfallsrichtung des Lichtes wahrnehmen. Die Anzahl der Augen steigt beim Acropora-Strudelwurm mit der Gesamtgröße. Ein Exemplar von Lizard Island mit einer Größe von nur 3,2 mm besaß nur 5 Augen in jedem randständigen Cluster und 27 Augen in dem Cluster über dem Ganglion. Bei einem 5 mm großen Acropora-Strudelwurm waren es bereits 10 Augen in jedem randständigen Cluster und 35 Augen in dem Cluster über dem Gehirn. Größere Exemplare durften noch mehr Augen haben. Erstaunlicherweise wurde festgestellt, dass die aus Aquarien bekannten Exemplare in jedem Cluster an der Vorderseite des Körpers weniger Augen haben als die Exemplare aus freier Wildbahn.

Der Mund liegt relativ weit vorne auf der Körperunterseite und öffnet sich in einen schlauchartigen Schlund (Pharynx). An diesen schließt sich ein verzweigter Magenraum an. Diese Verzweigung beginnt bei den Exemplaren von Lizard Island bereits im Pharynx-Bereich, ganz im Gegensatz zu den aus verschiedenen Aquarien beschriebenen Exemplaren.

Welchen Hintergrund die leichten Unterschiede zwischen den aus Aquarien bekannten und den bei Lizard Island gesammelten Exemplare haben, lässt sich noch nicht wirklich sagen. Möglicherweise gehen sie auf eine gewisse Variation innerhalb der Art zurück, möglicherweise hängen die Unterschiede mit irgendwelchen unterschätzten Umweltfaktoren zusammen. Die genetischen Untersuchungen bestätigten gleichwohl, dass es sich um die gleiche Art handelte. Auch die Tatsache, dass die Anzahl der Augen, in der Vergangenheit häufig als wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen Plattwurmarten herangezogen, sich während des Wachstums stark verändert, gibt zu denken. Man wird Artidentifizierungen auf Grundlage dieses Merkmalskomplexes künftig wesentlich vorsichtiger vornehmen müssen – im Zweifel werden sie wohl durch Erbgutuntersuchungen verifiziert werden müssen.




Bild 4: Ein weiteres voll ausgewachsenes Exemplar des Acropora-Strudelwurms, mit zahlreich guten erkennbaren Eiern in den Ovarien und Uteri. Quelle: http://www.dal.ca


Die Fortpflanzungsorgane. Die Fortpflanzungsorgane sind trotzdem sie ihre Eigenheiten haben typisch für viele ähnliche Plattwurmarten. Wie alle Plattwürmer ist der Acropora-Strudelwurm ein Zwitter, aber interessanterweise nicht sein ganzes Leben: Die Ausreifung der Geschlechtsorgane erfolgt gestaffelt, nicht zeitgleich.

Die männlichen Geschlechtsorgane reifen zuerst, sie sind bereits bei Exemplaren von gerade mal 4 mm Größe ausgebildet. Die Spermien werden in einer großen Samenblase gebildet, von der ein Kanal zum Penis läuft, in den auch eine Reihe von Drüsen mündet, die für die Ejakulatbildung verantwortlich sind. Der Penis besitzt ein sklerotisiertes (also verhärtetes) Stilett – die Paarung ist durchaus schmerzhaft. Durch eine porenartige Öffnung in der vorderen Körperhälfte, aber hinter dem Mund, kann der Penis nach außen gestülpt werden.

Eine Öffnung für die weiblichen Geschlechtsöffnungen existiert etwa in der Mitte des Körpers. Auch sind die grundsätzlichen Anlagen für die weiblichen Geschlechtsorgane bereits vorhanden, aber noch nicht ausgereift. Erst ab einer Größe von mehr als 4 mm reifen auch die weiblichen Geschlechtsorgane. Ab da ist der Acropora-Strudelwurm ein Zwitter, ein Hermaphrodit. Die weiblichen Organe nehmen weitaus mehr Raum ein als die männlichen Geschlechtsorgane. Sie bestehen aus verzweigten Ovarien (Eierstöcke) in denen dann zahlreiche Eier heranreifen, die von außen als dunkle rundliche Strukturen erkennbar sind. Die Ovarien münden in paarige Strukturen, die in Anlehnung von vertrauteren Organen bei Wirbeltieren als Uteri (Mehrzahl von Uterus) bezeichnet werden. Dort werden die Eier befruchtet, bevor sie dann in eine Kammer kurz vor der Ausgangsöffnung wandern. In diese Kammer münden gut entwickelte Drüsen, die die Eier mit einer Hülle einkapseln, bevor sie abgelegt werden.

Obwohl Acropora-Strudelwürmer Zwitter sind, befruchten sie sich nicht selber. Ähnlich wie bei anderen Plattwürmern ist es eher so, dass sich die Tiere bei der Paarung gegenseitig befruchten.



Bild 5: Verschiedene Entwicklungsstadien des Acropora-Strudelwurms. Beim ausgewachsenen Exemplar in A erkennt man gut, wie die Durchsichtigkeit den Wurm auf der Koralle tarnt (weshalb die Biester auch so schwer zu erkennen sind). Die hellen unregelmäßigen Flecken nahe des Wurms sind Fraßspuren. C und B zeigen Embryonen aus den Eikapseln (B). Quelle: Rawlinson et al. 2011 / Kate Rawlinson / http://reefbuilders.com


Lebensweise. Acropora-Strudelwürmer haben sich wie erwähnt auf den Verzehr von Acropora-Korallen, genauer: von deren Polypen spezialisiert. Anders als Michael Mrutzek zuerst vermutete befallen sie aber nicht nur eine Art der Gattung Acropora, sondern mehrere, die alle im indopazifischen Gebiet vorkommen. Die entsprechenden Arten sind vor allem durch Beobachtungen in Aquarien identifiziert worden: Acropora pulchra, A. millepora, A. tortuosa, A. nana, A. tenuis, A. formosa, A. echinata and A. yongei. Bei Lizard Island wurden die Acropora-Strudelwürmer auf Kolonien der Art Acropora valida gefunden. Der Verzehr der Korallenpolypen durch die Strudelwürmer wurde nicht nur durch die Beobachtung, dass die Stellen an denen die Würmer aufgetreten waren anschließend tot und ohne Polypen waren nachgewiesen. Auch in den Körpern der Acropora-Strudelwürmer selber konnten Nahrungsreste nachgewiesen werden. In den Mägen fanden sich Polypenreste und sowohl in den Mägen wie im Parenchymgewebe fanden sich die photosynthetisch aktiven Algen der Gattung Symbiodinium, die eigentlich innerhalb der Korallenpolypen als Symbionten leben. Auch sogenannte Spirozysten fanden sich in den Mägen der Würmer. Spirozysten werden die speziellen Zellen auf den Tentakeln der Korallenpolypen genannt, die aus einer kleinen Kapsel lange klebrige Fäden hervorschießen (strukturell den bekannteren giftigen Nesselzellen bei Quallen verwandt!). Aus wissenschaftlicher Sicht ist das deshalb interessant, da man von anderen Tierarten, die Korallen, Seeanemonen und/oder Quallen fressen weiß, dass sie Spirozysten und andere Nesselzellen für die eigene Verteidigung in der Außenhaut einlagern. Beim Acropora-Strudelwurm konnte dies jedoch nicht nachgewiesen werden. Die Spirozysten konnten zwar im Körperinnern noch unverdaut nachgewiesen werden, aber nicht in der Epidermis.


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Bild 6: In dieser Aufnahme eines Querschnitts durch einen Acropora-Strudelwurm sind die Symbiodinium-Einzeller im Verdauungstrakt zu erkennen (sym), die durch ihre Autofluoreszenz sofort auffallen. Außerdem erkennt man hier gut, wie flach der Körper des Wurms ist. Quelle: Rawlinson & Stella 2012.


Acropora-Strudelwürmer wandern auf den ästigen Acropora-Korallen beim Fressen von oben nach unten und umgekehrt. Dabei sind sie durch ihre Durchsichtigkeit gut getarnt und leicht zu übersehen. Befallene Korallen erkennt man oft erst dann, wenn ausgedehntere weiße Flecken auf den Kolonien auftreten. Bei Lizard Island wurden pro befallene Kolonie zwischen ein und fünf Acropora-Strudelwürmer gezählt. Die Befalldichte in Aquarien war deutlich höher – bis hin zu dutzenden Würmern. Dies ist sicherlich auf einen Mangel an natürlichen Feinden und anderen ungünstigen Umweltbedingungen zurückzuführen. Das Team um Rawlinson vermutete, dass die Acropora-Strudelwürmer durchaus nicht nur von Fischen, sondern auch von auf den Korallen lebenden Krebstieren gejagt werden. Nach Beobachtungen von Aquarianern können sich die kleinen Plattwürmer auch schwimmend von einer Korallenkolonie zur nächsten fortbewegen – mit undulierenden und leicht flatternden Schwimmbewegungen des Körperrands.

Acropora-Strudelwürmer legen Eier, die wie kleine Braunalgen aussehen. Sie legen sie normalerweise am Fuße der befallenen Korallen ab, meistens an der dem Licht abgewandten Seite. Ein Gelege besteht aus 20-26 Kapseln, in denen jeweils 3-7 Embryos eingekapselt sind. Die Embryonen durchlaufen ein Stadium, das stark an freischwimmende Larvenformen anderer Arten erinnert. Dieses Stadium besitzt nur zwei Augen, ist deutlich rundlicher und hat an einem Ende zahlreiche Schwimmcilien ausgebildet. Die Tiere schlüpfen in dieser Phase aber noch nicht. Vielmehr schlüpfen sie erst dann, wenn sie stärker abgeflacht sind, keine Cilien und mehr Augen haben und damit halbwegs wie kleinere Versionen der adulten Tiere aussehen. Allerdings haben sie deutlich weniger Augen. Die Entwicklungszeit bis zum Schlupf beträgt etwa 21 Tage. Die geschlüpften Acropora-Strudelwürmer sind nur etwa 250-300 Mikrometer (0,25 bis 0,3 mm) groß und beginnen praktisch sofort die Lebensweise der ausgewachsenen Tiere.

Dies bedeutet aber auch: Der Acropora-Strudelwurm besitzt kein vollständig freischwimmendes Entwicklungsstadium, um sich zu verbreiten. Die einzige Verbreitungsstrategie ist das gelegentliche hinüberschwimmen zu neuen Korallenkolonien. Im Vergleich zu anderen Arten, die sich über freischwimmende Eier oder Larven relativ schnell und weit verbreiten können, ist der Acropora-Strudelwurm dadurch in Reichweite und Geschwindigkeit seiner Ausbreitung deutlich eingeschränkt. Wie beschränkt sein tatsächliches natürliches Verbreitungsgebiet als Folge davon ist, ist eine der vielen Fragen, die in Zukunft noch aufgeklärt werden müssen. Durch die relativ hohe Eierzahl können aber Korallen in einem näheren Umkreis rasch besiedelt werden.



Bild 7: Eine Acropora-Kolonie nach Befall mit Acropora-Strudelwürmern. Deutlich erkennt man die Fraßspuren. Quelle: Marc Levenson / www.dal.ca


Ein weites Feld… Der Acropora-Strudelwurm bietet für künftige Plattwurmforschungen noch ein weites Feld. Seine genaue Verbreitung muss nach wie vor aufgeklärt werden. Und die Rolle, die er möglicherweise bei einem künftigen Rückgang von Korallenriffen spielen wird und in früheren Jahren auch gespielt hat. Der relativ schwache Befall der untersuchten Korallenkolonien bei Lizard-Island deutet durchaus darauf hin, dass in freier Wildbahn Fressfeinde den Acropora-Strudelwurm relativ kurz halten und er keine zu tiefgreifenden Schäden verursacht. Zumindest in einem unter normalen durchschnittlichen Umständen funktionierenden Ökosystem. Wie sich das verhält, wenn die Verhältnisse innerhalb eines Ökosystems kippen (etwa weil die Fressfeinde des Wurms fehlen), ist schwer zu sagen. Andere korallenfressende Arten, wie etwa die Dornenkrone (Acanthaster planci), ein überaus gefräßiger Seestern, haben sich in der Vergangenheit bereits als bedrohlich für ganze Riffbereiche erwiesen. Bei künftigen Schutzprojekten für Korallenriffe im indopazifischen Raum wird man wohl vorsichtshalber auch ein Auge auf die Acropora-Strudelwürmer haben müssen. Auf der anderen Seite muss man sich aber auch vergegenwärtigen: Diese Art gehört zu dem Ökosystem Korallenriff genauso dazu wie die Korallen.

 

Literatur.

Rawlinson, K.A., Gillis, J.A., Billings Jr., R.E. & Borneman, E.H. 2011. Taxonomy and life history of the Acropora-eating flatworm Amakusaplana acroporae nov.sp. (Polycladida: Prosthiostomidae). – Coral Reefs 30, 3: 693-705.

Rawlinson, K.A. & Stella, J.S. 2012. Discovery of the Corallivorous Polyclad Flatworm, Amakusaplana acroporae, on the Great Barrier Reef, Australia – the First Report from the Wild. – PLoS One 7, 8: e42240. Doi:10.1371/journal.pone.0042240

http://aquariumcoraldiseases.weebly.com/acropora-eating-flatworm-aef.html

http://reefbuilders.com/2011/04/15/acropora-eating-flatworms/

http://www.advancedaquarist.com/blog/acropora-eating-flatworms-discovered-in-the-wild

http://www.meeresaquaristik.de/

http://www.meerwasser-lexikon.de/tiere/953_Amakusaplana_acroporaenovsp.htm