Pirats Bestiarium: Editorial 2 - Vielfalt

 

Pirats Bestiarium

 

Editorial 2 - Vielfalt

Wieviele Arten? Es ist tatsächlich geschafft: Die erste Serie von 10 Arten wurden hier nun vorgestellt seit dem 1. September 2012. Trotz meines spontanen Schwerpunkts auf fischigen Sachen (allein 40 % der vorgestellten Arten gehörten zu den höheren Knochenfischen (Teleostei)) deckten diese 10 Tierporträts bereits genug ab, um anzudeuten, welche Vielfalt die Tiere hervorgebracht haben:

Da sind
die Echse, die über das Wasser laufen kann der verschollene große Bruder unserer heimischen Ohrwürmerein überwiegend kopfüber lebendes Insekt  oder eben auch flauschigere Zeitgenossen wie einer der größten Vögel Europas und ein seltener Bewohner der Wälder NeuguineasDie einzige fossile Art  entführte uns in die Welt wohligen Grusels über längst vergangene vermeintliche Monster. Und doch kratzte diese Auswahl natürlich nur an der Oberfläche. Um das zu begreifen muss man sich nur mal einige Zahlen näher anschauen. Die Wissenschaft bemühte sich ja seit den Zeiten von Linnaeus darum, die qualitativ klar erkennbare Vielfalt quantitativ, also in Zahlen, zu fassen.

Als Linnaeus in seiner Systema Naturae das heutige Benennungssystem und den ersten Grundstock der heutigen Systematik einführte, beschrieb er 4387 Arten. Die meisten dieser Arten gelten bis heute als valide und gültig – sieht man von einer Handvoll ab, die Linnaeus offensichtlich nur aufgrund von Hörensagen benannte. Bereits damals entfielen über 60 % der Arten in die von Linnaeus als „Insecta“ benannte Gruppe. Zwar schloss Linnaeus darunter auch Arten zusammen, die man heute nicht bei den Insekten einordnet, aber zumindest hatten diese Arten gemeinsam, zu den Gliederfüßern (Arthropoda) zu gehören.

Heute sind etwa 1,2 Millionen Tierarten beschrieben (und täglich kommen welche hinzu), davon sind mehr als 80 % Gliederfüßer. Ich habe keine zufriedenstellende Angabe dazu finden können, wie viele fossile Tierarten beschrieben wurden. Auch eine kleine Umfrage bei Kollegen aus meiner Studienzeit brachte da keinerlei Erkenntnisgewinn. Offensichtlich hat niemand sich bisher damit befasst und die Datenbanken, die es für einzelne fossile Gruppen gibt, zu einer einzigen zusammenzufassen hat auch noch niemand geschafft. Jedenfalls gibt Wikipedia (deutsche Version) die Angabe von 130000 fossilen Arten an – für das Jahr 1993 und für alle Organismen. Seitdem wurde sehr, sehr viel Neues entdeckt – jährlich gibt es bei fast allen Tiergruppen Spitzenwerte an Neubeschreibungen, die in aller Regel wesentlich fundierter und methodisch ausgereifter sind als z.B. um 1900, weshalb die Validität der neuen Arten meistens deutlich weniger zweifelhaft ist. Man darf also inzwischen von einer deutlich höheren Zahl ausgehen, wobei die Tiere die Mehrheit darstellen, da sie durch ihre oft ausgebildeten Hartteile (Zähne, Knochen, Schalen) besser überliefert werden.

Wesentlich mehr treibt die Forscher aber um: Wie viele Arten gibt und gab es tatsächlich? Also nicht nur uns bekannte, sondern auch die (noch) unbekannten? Schon für die heute lebenden Arten schwanken die Schätzungen stark. Es gab im Laufe der Zeit schon sehr moderate Schätzungen, die von nur 1-2 Millionen Arten ausgingen. Demnach wären die meisten bereits beschrieben worden. Andere Schätzungen gehen ins andere Extrem und sprechen von bis zu 30 Millionen heute lebenden Arten. Diese Schätzungen beruhten auf Hochrechnungen aufgrund der Insektenzahl in den Baumkronen aus Regenwäldern. Sie wurden später, durchaus nicht zu Unrecht, stark kritisiert, da sie zu stark von einer einfachen Übertragbarkeit eines lokalen Befundes auf globale Verhältnisse aufbauten. Heute gehen die meisten Wissenschaftler von einer höheren, aber nicht überhöhten Schätzung von etwa 10 Millionen Arten aus. Sicher wissen wird man es vermutlich nie. Noch wesentlich unsicherer sind die Schätzungen darüber, wie viele Tierarten es jemals im Laufe der Erdgeschichte gab. Der Fossilbericht ist natürlich nicht vollständig, aber wie unvollständig er ist, ist auch nicht so einfach zu beziffern. Früher hielt man die Lücken für deutlich größer, inzwischen kam man zu dem Schluss, dass der Fossilbericht wohl doch besser ist als lange sein Ruf. Etliche Neuentdeckungen der letzten 20 Jahre haben deutlich gemacht, dass bei entsprechender systematischer Bearbeitung der Fossilbericht wesentlich mehr liefert als gedacht. Es haben sich Türen geöffnet, die früher undenkbar waren. Es bleibt aber dabei, dass der Fossilbericht unvollständiger wird, je weiter man in der Zeit zurückgeht. Zugleich schwankte die Artenvielfalt im Laufe der Erdgeschichte: Zu Zeit der ersten Tiere überhaupt durfte die Artenvielfalt natürlich sehr gering gewesen sein (irgendwann gab es logischerweise die allererste Tierart, auf die alle späteren Arten zurückgeführt werden können), gleiches gilt aber auch für die Zeitspannen kurz nach Massensterben. Zu anderen Zeiten war die Artenvielfalt natürlich deutlich höher, wobei umstritten ist, ob sie selbst dann an die heutige heranreichte oder nicht (persönlich denke ich das schon, aber viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass sie heute am höchsten ist; meiner Meinung nach lassen sie sich dabei aber von dem Muster, dass der Fossilbericht unvollständiger ist je weiter man zurückgeht, blenden). Aufgrund dieser und anderer Unwägbarkeiten ist jede Hochrechnung für alle Arten im Laufe der Zeit mit Vorsicht zu genießen. Sicher ist eigentlich nur eines: Die Zahl muss im Milliardenbereich liegen.

 

Sammelsurium

 

Bild 1: Eine bunte Auswahl aus dem Reich der Tiere, die die Vielfalt dieser Organismen verdeutlicht. Von links oben nach rechts unten: Stomolophus meleagris, eine Qualle; Lucanus cervus, der Hirschkäfer; Heterodera glycines, ein Fadenwurm; Keratella cochlearis, ein Rädertierchen; Flabellina iodinea, eine tropische Meeresschnecke; Phyllodoce lineata, ein Borstenwurm; Mosasaurus hoffmannii, eine ausgestorbene Meeresechse; Gonioplectrus hispanus, ein Zackenbarsch; Isostichopus badionotus, eine Seegurke; Acinonyx jubatus, der Gepard; Sympetrum flaveolum, die Gefleckte Heidelibelle. Quelle: Alle Bilde aus Wikipedia, ausgenommen das Bild des Mosasaurus, das von mir selber in Maastricht im dortigen Naturkundemuseum aufgenommen wurde.


Variationen eines Themas. Doch was sind schon Zahlen? Ist es nicht manchmal besser, die Vielfalt qualitativ zu genießen? Sofern das geht, denn manches ist für unser Empfinden auch dezent ekelig. Zum Beispiel wenn man es mit Parasiten zu tun hat. Aber vom qualitativen Standpunkt aus erschließen sich neue Einblicke. So wird schnell offensichtlich, dass die enorme Formenvielfalt der Tiere letzten Endes tatsächlich aus Variationen bestimmter Themen besteht, bestimmter Baupläne. Ein Beispiel: Eine Fliege ist eine Variation des allgemeinen Insektenbauplans. Genauso wie ein Käfer, ein Schmetterling, eine Libelle und selbst ein Floh, der im Vergleich zu den anderen genannten Vertretern geradezu abgehoben wirkt. Im Detail wurde der Bauplan massiv abgewandelt, aber die Grundstrukturen sind nachvollziehbar vergleichbar. Betrachtet man dies von einer höheren Warte aus ist aber auch der Insektenbauplan nur eine Variation des Gliederfüßer-Bauplans. Andere Variationen wären die Anatomie der Spinnentiere und der Tausendfüßler. So lässt sich das immer weiter ziehen, bis man an dem Punkt ankommt, dass alle Tiergruppen nun ja, das Thema „Tier“ variieren. Von den Schwämmen bis zum Menschen. Denn trotz allem haben alle Tiere gemeinsame Merkmale – bestimmte Strukturen auf zellulärer Ebene, zum Beispiel auch bei den Samenzellen, einige genetische Merkmale, Gemeinsamkeiten bei der Bildung der Keimzellen (Spermien und Eizellen) sowie in der Entwicklung der befruchteten Eizelle. Dies werde ich in einem späteren Artikel noch vertiefen, hier soll dieser grobe Abriss reichen. Was ich hier sagen möchte: Es gibt anatomische und physiologische Merkmale, die alle Tiere auszeichnen und auf die allererste Tierart zurückgehen.

Ausgehend von dieser ersten Tierart kann man die Sichtweise auf die Vielfalt noch einmal verändern. Anatomische und physiologische Merkmale geben dem Organismus Leitplanken vor, was in der künftigen Entwicklung noch möglich ist. Da die Evolution gleichsam funktioniert wie wenn man ein Auto repariert während es fährt, muss jede evolutive Veränderung, die überhaupt Chancen darauf haben soll sich durchzusetzen, schon einmal eine Grundbedingung erfüllen: Das Individuum muss überhaupt lebensfähig sein. Es muss atmen, fressen, sich verteidigen und fortpflanzen können. Die grundlegenden Merkmale aller Tiere ließen da offenkundig viel Spielraum. Das erklärt vermutlich auch, warum innerhalb des Tierreichs sehr schnell neue anatomische Baupläne entstanden – darauf deuten molekulare wie fossile Befunde. Doch jede Änderung in der Anatomie und der Physiologie bedeutete eine neue Rahmenbedingung für künftige Änderungen – in aller Regel dadurch, dass deren Möglichkeiten eingeschränkter wurden. Neue umwälzende Änderungen in der Evolution der Tiere wurden deshalb im Laufe der Erdgeschichte seltener – dafür mehr Veränderungen im Detail. Außerdem erwiesen sich manche Baupläne als offenkundiger abwandelbarer als andere, was sich auch im Erfolg der einzelnen Taxa ausdrückt. Als sehr erfolgreich und wandelbar haben sich zum Beispiel die Gliederfüßer und unter diesen speziell die Insekten erwiesen. Ebenfalls sehr erfolgreich und wandelbar sind die Weichtiere (Mollusca) und auch die Wirbeltiere (Vertebrata). Aber manchmal helfen Vergleiche, die Beschränkungen der Baupläne offenzulegen, wenn man sich anschaut, welche Veränderungen bei einer Gruppe offenkundig nicht entwickelt wurden. Zum Beispiel: Warum gibt es keine elefantengroßen Insekten? Die gab es nicht einmal vor 300 Millionen Jahren, als die größten Insekten überhaupt lebten. Es ist einfach so, dass ein Punkt ihres Körperbaus ihre Größe nach oben hin deutlich begrenzt: Ihr Außenskelett. Und als zweiter Punkt ihr Atmungssystem. Rein physikalisch kann es daher keine so großen Insekten geben, zumindest nicht unter irdischen Bedingungen. Gigantismus wie bei Elefanten oder einigen Dinosauriern lässt offensichtlich vor allem der Bauplan der Wirbeltiere zu. Die Obergrenze liegt hier deutlich höher. Dafür aber auch die Untergrenze: Kein Wirbeltier kann so klein werden wie das kleinste Insekt, ohne elementare Körperfunktionen nicht mehr zu gewährleisten.

Vielfalt ist aber nicht nur die Variation von Themen unter dem verwandtschaftlichen Aspekt. Es gibt auch die Themenvariation unter dem funktionalen Aspekt. Diese erschließen sich leicht und eröffnen weitere Einblicke in die Beschränkungen, die einmal eingeschlagene Entwicklungswege auferlegt haben: Zum Beispiel gibt es verschiedene Varianten des Themas „Fliegen“. Vögel, Pterosaurier, Insekten, Fledermäuse – sie alle haben sich ans Fliegen anpassen können, aber auf sehr verschiedene Weisen. Immer auf die Weise, die ihre ererbte Anatomie und Physiologie hergab und noch ermöglichte.

Der Betrunkene. Ich reite grade deshalb so auf diesem Thema rum, weil mir immer wieder begegnet, dass Zweifel an der Evolution häufig damit begründet werden, wie denn eine solche Vielfalt durch reinen Zufall entstanden sein soll. Da werden dann statistische Berechnungen aufgestellt, wie unwahrscheinlich es doch sei, dass durch Zufall so etwas wie das Auge der Wirbeltiere entsteht oder ein anderes komplexes Organ. Man muss dazu aber klar sagen: Das sind Milchmädchenrechnungen. Und zwar deshalb weil sie von einem oder ganz wenigen Entwicklungsschritten bei solchen Organen ausgehen und dann wären diese da gewesen. Das ist aber nicht der Fall. Auch komplexe Organe entstanden über viele kleine Entwicklungsschritte, deren jeder für sich genommen gar nicht so unwahrscheinlich ist – vor allem wenn man bedenkt, dass jeder dieser Schritte in einem beschränkten Zusammenhang stattfindet: Die bereits von der vorherigen Evolution ererbte Anatomie und Physiologie geben einen so engen Rahmen dessen vor, was an Veränderungen überhaupt noch möglich ist (ohne einen zu schnellen Tod), dass nur kleine Veränderungen eine Chance haben – und die sind dann gar nicht mehr so unwahrscheinlich.

Dieses Prinzip gilt selbst für die grundsätzliche Frage: Wie wahrscheinlich ist es überhaupt, dass Komplexität an sich entsteht? Das ein Einzeller zustande kommt, okay, das geht ja noch, aber mehr? Ist das nicht viel zu unwahrscheinlich? Nein. Gerade die Entwicklung von mehr Komplexität ist sogar sehr wahrscheinlich. Es gibt dazu einen bildlichen Vergleich, der sich der Weg des Betrunkenen nennt und von dem 2002 verstorbenen Evolutionsforscher Stephen Jay Gould in einem seiner Bücher („Illusion Fortschritt“ in der deutschen Übersetzung, sehr zu empfehlen) beschrieben wurde. Ein Betrunkener auf dem Weg nach Hause kann zwischen der Hauswand und der offenen Straße hin und her wanken. Zur Straße hin kann er eine beliebige Strecke stolpern – mal einen Meter, mal zwei, mal drei. Aber zur Hauswand hin nicht. Die Wand gibt ihm eine Grenze vor, die er nicht umstoßen kann. Was hat dieses Bild mit unserem Thema zu tun?



Bild 2: Stephen Jay Gould (1941-2002), ein Paläontologe und Evolutionsforscher, der durch eine Anzahl populärwissenschaftlicher Bücher bekannt wurde. Nicht alle seiner Ideen und Hypothesen stießen in der Fachwelt auf ungeteilte Zustimmung (aber wäre sonst auch langweilig), aber seine bildhafte Sprache um Zusammenhänge zu erklären finde ich persönlich bis heute großartig. Quelle: Wikipedia/ Kathy Chapman Online


Nun, man kann Komplexität in einem Koordinatensystem ausdrücken. Die waagrechte Achse (X) ist der Grad für die Komplexität, die von links nach rechts höher wird. Die senkrechte Achse (Y) stellt die Null-Linie dar. Sie kann z.B. die Anzahl von Arten mit einem gewissen Komplexitätsgrad ausdrücken oder ähnliches. Wichtiger ist, dass kein Organismus weniger Komplex sein kann als diese Y-Achse. Sie ist unsere Wand. Eine Art kann vereinfacht gesprochen in der Evolution mehr oder weniger komplex in ihrem Körperbau werden. Manche Parasiten zum Beispiel haben ihren Körperbau sekundär wieder vereinfacht. Sie würden sich irgendwo in der Mitte der Grafik bewegen – sie können beim nächsten Entwicklungsschritt sowohl nach rechts oder links mit Bezug auf die X-Achse rutschen. Sie haben nach beiden Seiten Luft. Aber was ist zum Beispiel mit den einfachsten Organismen? Etwa Bakterien und Einzellern? Sie stehen dicht an der Y-Achse. Eine weitere Vereinfachung ist kaum möglich, ohne die Lebensfähigkeit zu beeinträchtigen. Es gibt Vermutungen, dass Viren z.B. stark vereinfachte spezialisierte Bakterien sind – ebenfalls mit parasitärer Lebensweise. Sie sind so vereinfacht, dass es immer wieder Debatten gibt, ob Viren überhaupt Lebewesen sind. Vermutlich geht es nicht dichter an der Y-Achse. Aber nach rechts ist viel freier Raum. Es ist einfacher einen neuen komplexeren Organismus hervorzubringen, da hier mehr Möglichkeiten frei sind als bei einer weiteren Vereinfachung. Soll heißen: Bei zufälligen Veränderungen im Laufe der Evolution wurden – ausgehend vom Stand von Einzellern – Entwicklungsschritte in Richtung weitere Vereinfachung eher herausgefiltert, weil nicht lebensfähig, als Entwicklungsschritte in Richtung mehr Komplexität (etwa der Schritt hin zu vielzelligen Organismen). Dieser Effekt macht eine Zunahme an Komplexität in einem gewissen Rahmen also sogar wesentlich wahrscheinlicher, als es zunächst den Anschein hat. Allerdings gibt es innerhalb einer bestimmten Entwicklungslinie keine zwangsläufige Tendenz zu mehr Komplexität – solange die Y-Achse, die Wand, nicht tangiert wird, kann es sehr wohl auch noch einmal in Richtung Vereinfachung gehen. Und natürlich kann es auch immer sein, dass ein Schritt in Richtung mehr Komplexität gar nicht stattfindet – immerhin gibt es auch heute noch Bakterien, ja, sie sind eigentlich die beherrschende Lebensform (sie sind vielleicht weniger auffallend als etwa die Tiere oder die Pflanzen, aber dafür deutlich zahlreicher). Im Klartext heißt das: Evolution bringt Veränderung, aber nicht etwas, dass wir „Fortschritt“ nennen würden. Die Evolution kennt keinen Fortschritt. Nur Veränderung verbunden mit Überleben oder eben nicht.

Auch das bereits zitierte Beispiel, dass Wirbeltiere eine bestimmte Größe nicht unterschreiten können, funktioniert auf ähnliche Weise. Deshalb ist es für ein Wirbeltier im Schnitt wahrscheinlicher, dass die Entwicklung in Richtung größer statt kleiner geht, wenn man mal andere Umweltfaktoren, die die Sache natürlich komplizierter machen, außer Acht lässt. Hier allerdings gibt es auch irgendwann vermutlich eine andere Wand (im Falle des Betrunkenen die Häuser auf der anderen Straßenseite): Die maximale Größe eines Wirbeltiers ist physikalisch begrenzt. Wo genau diese Grenze liegt kann nur geschätzt werden, aber vermutlich liegen große Wale und einige riesenhafte Dinosaurier bereits dicht an dieser Grenze. Im Falle der Komplexität scheint es eine solche Grenze nicht zu geben, wie auch immer man Komplexität bei einem Organismus definiert.

Wenn aber wie es nun durchaus plausibel erscheint Komplexität und Vielfalt gar nicht so unwahrscheinlich sind – ja, dann braucht man auch keinen Gott oder sonstige mystischen Konstrukte, um diese Vielfalt zu verstehen. Und das macht sie eigentlich ja doch nur faszinierender.


Unsere Stichprobe. Die hier beim DGF Magazin bisher vorgestellten 10 Tierarten sind natürlich nur eine verschwindend kleine Stichprobe. Man stelle sich folgendes vor: Wir sind eine außerirdische Expedition und haben wahllos diese 10 Arten von der Erdoberfläche hochgeholt. Diese Stichprobe würde uns die Vielfalt der Tiere nur sehr unzureichend wiedergeben. Vor allem kann man daran erkennen wie eine willkürliche Stichprobe ausgehend von der Methodik der Probennahme die tatsächlichen Verhältnisse verzerren kann:

- 30 % der vorgestellten Arten stammen aus Europa und Nordasien. Tatsächlich sind die heutigen Arten-Hotspots aber in den Tropen, speziell zum Beispiel von Südamerika (hier vertreten durch eine Art = 10 %) oder im Indopazifik (ebenfalls vertreten durch eine Art).

- Rund 80 % aller Tierarten sind Gliederfüßer, überwiegend Insekten. Mit 20 % (bzw. 2 Arten) sind diese in unserer Stichprobe aber fürchterlich unterrepräsentiert. Dafür sind die Strahlenflosser (Actinopterygii) mit 40 % massiv überrepräsentiert, da ich meine Fischphase hatte.

- Nur eine Art (10 %) ist ein fossiler Vertreter gewesen. Damit sind die fossilen Arten leicht überrepräsentiert. Eine Art dagegen steht wahrscheinlich für die durch menschliche Einflussnahme ausgestorbenen Arten – so wie die Dinge derzeit stehen durften diese 10 % vermutlich bald eher unterrepräsentiert sein.

- Ein interessanter Aspekt ist die Durchschnittsgröße. Die Durchschnittsgröße aller Tiere liegt, grob geschätzt, wohl irgendwo im Bereich einer Fliege (wobei man auch hier relativieren muss, was mit Größe gemeint ist: Reine Längenabmessungen oder die Körpermasse). Gemessen daran ist der Mensch eine ziemlich große Art. Subjektiv empfinden wir natürlich Fliegen als sehr klein und nur Tiere, die uns nahe kommen oder größer werden als groß – weil wir unbewusst uns selber als Maßstab nehmen. Trägt man die Arten in einer logarithmischen Skala nach ihrer Größe auf, würde man aber auf jeden Fall die meisten Arten irgendwo im Bereich von 1 mm bis 1 cm oder von 1 cm bis 10 cm erwarten. In unserer Stichprobe landen die meisten Arten aber im Bereich zwischen 1 m und 10 m – nämlich 40 %. Darunter befinden sich hier Arten wie der Wels (Silurus glanis)  und die einzige fossile Art in unserer Stichprobe, Dunkleosteus terrelli, die beide mehrere Meter Länge erreichen können bzw. konnten.

Ich werde künftig immer nach 10 vorgestellten Tierarten so eine kleine Statistik betreiben, und wir werden dann sehen, wie sich die Werte verändern. Damit möchte ich den Blick dafür schärfen, wie die verfügbare Datenlage Befunde und Muster verändern kann – ein Effekt, dessen sich auch Wissenschaftler stets gewahr sein müssen.

Wenn man einen Stammbaum für unsere Stichprobe erstellt, wird ein weiterer Effekt deutlich: Scheinbar sehr unähnliche Arten landen als direkte Verwandte beieinander. So stehen in unserem Stammbaum der Helmbasilisk (Basiliscus basiliscus) und der Kranich (Grus grus) in einem direkten Schwesterngruppen-Verhältnis. Die Insekten sind durch zwei Arten vertreten und stehen hier nun auf einmal den Wirbeltieren (allen anderen Arten aus der Stichprobe) als Schwestergruppe gegenüber. Dies mag befremdlich erscheinen, zeigt aber wie stark ein solcher Stammbaum von der Datengrundlage abhängt. Wir werden auch hier alle 10 Arten einen neuen Stammbaum vorliegen haben und dann wird man sehen können, wie er sich durch eine verbreitete Stichprobe verändert.


Phylogenie1


Bild 3: Der Stammbaum der 10 bisher hier im Magazin vorgestellten Tierarten. Aus Raumgründen werden hier nicht die Trivialnamen angegeben, nur die griechisch-lateinischen Namen. Zur Orientierung ist außerdem der Mensch (Homo sapiens) in den Stammbaum eingefügt worden. Man beachte, dass bei dieser Artauswahl Mensch und Dingiso nächstverwandt wären – ein Muster, das sich ändern wird, wenn mehr Säugetiere in diesen Stammbaum aufgenommen werden. Außerdem sind drei Großgruppen farblich unterlegt, die sich bereits in diesem Stammbaum rauskristallisieren lassen: Grün: Insecta (also Insekten). Blau: Teleostei (die höheren Strahlenflosser). Orange: Amniota (die Gruppe, die sowohl Säugetiere als auch Reptilien inklusive der Vögel umfasst).


Wie es weitergeht. Ja, wie geht es weiter….nun, es werden 10 neue Tierarten vorgestellt werden. Diesmal hatte ich keine besondere Vorliebe für einen bestimmten Schwerpunkt, es wird also eine bunte Mischung. Neben vertraut erscheinenden Arten wird es auch ein paar Exoten geben, sogar ziemlich neu entdeckte Arten – und vor allem auch Tiergruppen, die uns bisher hier noch nicht begegnet sind.

Man darf also gespannt sein!


Hier nochmal die letzten 10 Tierarten als Links:


Helmbasilisk (Basiliscus basiliscus)

Schmetterlings-Schleimfisch (Blennius ocellaris)

Dingiso (Dendrolagus mbaiso)

Dunkleosteus terrelli

Kranich (Grus grus)

St.-Helena-Riesenohrwurm (Labidura herculeana)

Blattfisch (Monocirrhus polyacanthus)

Gemeiner Rückenschwimmer (Notonecta glauca)

Pazifischer Rotfeuerfisch (Pterois volitans)

Europäischer Wels (Silurus glanis)