Pirats Bestiarium: Pazifischer Rotfeuerfisch (Pterois volitans)

 

Pazifischer Rotfeuerfisch (Pterois volitans (Linnaeus, 1758))

 

Namensbedeutung. Der Pazifische Rotfeuerfisch wurde ursprünglich von Linnaeus als Gasterosteus volitans beschrieben und damit in die selbe Gattung wie die europäischen Stichlinge gestellt – eine Zuordnung, die heute nur schwer verständlich erscheint. Volitans bedeutet so viel wie „schwebend, gleitend“ und beschreibt wunderbar den Schwimmstil dieser Art. Der Gattungsname Pterois wurde 1817 vom deutschen Naturforscher (und Vorkämpfer für Pressefreiheit, aber das nur am Rande) Lorenz Oken eingeführt und kann etwa mit „fedrig“ oder „flügelig, beflügelt“ übersetzt werden. Dieser Name spielt zweifellos auf die ausladenden Brustflossen mit den klar erkennbaren und breit gesäumten Flossenstrahlen an.

Synonyme. Brachirus zebra, Gasterosteus volitans, Pterois zebra, Scorpaena volitans.

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Deuterostomia; Chordata; Craniota; Vertebrata; Gnathostomata; Eugnathostomata; Osteichthyes; Actinopterygii; Neopterygii; Halecostomi; Teleostei; Teleocephala; Elopocephala; Clupeocephala; Euteleostei; Neognathi; Neoteleostei; Eurypterygii; Ctenosquamata; Acanthomorpha; Acanthopterygii; Percomorpha; Perciformes; Scorpaenoidei; Scorpaenidae; Pteroinae; Pterois.

Auch die Verwandtschaftsverhältnisse des Pazifischen Rotfeuerfisches berühren einmal mehr den Problemkomplex der Barschartigen (Perciformes). Die Gattung Pterois gehört auf jeden Fall zu einer abgeleiteten Linie der Skorpionsfische (Scorpaenidae), die sich in den tropischen Gewässern des Indopazifik entwickelte. Die Scorpaenidae wurden traditionellerweise mit mehreren anderen Fischfamilien in der Gruppe der Scorpaeniformes zusammengefasst. Phylogenetische Analysen in den letzten 15 Jahren untermauerten jedoch, dass das klassische Verständnis der Scorpaeniformes nicht weiterhilft – die Gruppe erwies sich als polyphyletisch, also als eine Ansammlung nicht näher verwandter Taxa. Ein Teil der hier zusammengefassten Arten wurde daher ausgegliedert, dafür stellten sich die Säge-und Zackenbarsche (Serranidae) als basale Schwestergruppe der verbleibenden Scorpaeniformes heraus. Um das Kuddelmuddel perfekt zu machen, zeigte sich, dass die Gruppe auch noch mehr oder weniger nahe verwandt mit einigen Familien der Perciformes ist und wahrscheinlich zu diesen in einem Schwestergruppenverhältnis steht. Aufgrund dessen muss man sie – derzeit – als eine Teillinie der Perciformes betrachten. Möglicherweise gehören sie zu einer frühen Radiation dieser umstrittenen Gruppe. Nun sind die Verwandtschaftsbeziehungen innerhalb der Perciformes, deren genaue Definition und ob diese auch wirklich monophyletisch sind nach wie vor umstritten. Eine wirkliche Revision des Taxons gibt es noch nicht, nur in Teilen. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass bei einer künftigen Revision der Perciformes in ihrem heutigen Verständnis aufgelöst und enger gefasst werden, wodurch eine Reihe bisher darin zusammengefasster Linien wieder herausfallen würde. Unter Umständen könnte es dann zu einer Reaktivierung des Begriffs Scorpaeniformes kommen (zumal dieser von vielen Bearbeitern aus Gewohnheit weitergeführt wird). Vorerst folge ich hier den Bearbeitern Leo Smith und Matthew Craig, die die Scorpaeniformes im Jahre 2007 als Untergruppe Scorpaenoidei der Perciformes führten, da dies den derzeitigen Forschungsstand am besten wiedergibt. 2010 schlugen die Bearbeiter Wiley und Johnson zwar vor, dass man das Problem dadurch löst, dass man den Begriff Perciformes auf die bisherige Untergruppe der Percoidei (Echte Barsche) beschränkt; in der Tat wären damit dann die meisten bisher identifizierten Untergruppen automatisch monophyletisch. Aber das eigentliche Problem, dass die Verwandtschaftsbeziehungen der verschiedenen Linien untereinander noch nicht restlos geklärt sind, wird damit nicht gelöst.



Bild 1: Diese beeindruckende Frontansicht eines Pazifischen Rotfeuerfisches wurde 2006 in indonesischen Gewässern aufgenommen. Quelle: Wikipedia/ Jens Petersen.


Verbreitung. Der Pazifische Rotfeuerfisch ist eigentlich im tropischen und subtropischen Pazifik heimisch. Hier ist er weit verbreitet: Von der Küste Westaustraliens über Indonesien und Malaysia reicht seine Verbreitung nach Norden hin bis vor die chinesische Küste, nach Südkorea und das südliche Japan. Vor der Küste von Queensland kommt er zum Beispiel im Great Barrier Reef vor. Östlich von Australien markieren die Lord-Howe-Inseln und die Kermadec-Inseln die südliche Verbreitungsgrenze. Weiter östlich und nördlich kommt diese Art in der ganzen tropischen Inselwelt des Pazifiks vor. Die östlichsten Nachweise stammen von den Marquesas-Inseln und der Insel Oeno im südöstlichen Bereich des tropischen Pazifiks.

Seit etwa 20 Jahren erschließt sich der Pazifische Rotfeuerschiff ein neues Verbreitungsgebiet: Im westlichen Atlantik. Dort tauchten die Tiere zuerst vor Florida auf, dann auf den Bahamas und verbreiteten sich von dort ausgehend quer durch die Karibik bis nach Venezuela und zum Golf von Mexiko. Nach Norden hin wurden Pazifische Rotfeuerfische auch schon vor South und North Carolina gefunden, einige Jungtiere (aber keine erwachsenen Exemplare) sogar bis vor New York und Massachusetts. Allerdings scheint die Art dort nie die Winter zu überstehen. Auch vor den Bermudas kommt diese Art inzwischen vor.

Schön, aber gefährlich. Der Pazifische Rotfeuerfisch gehört zu der Sorte Tiere, die zwar schön, aber doch sehr gefährlich sind. In seinem Fall schlicht dadurch, dass er giftig ist, wenn auch nicht sehr aggressiv. Aber der Reihe nach.



Bild 2: Dieses Bild zeigt sehr schön die Pracht des Pazifischen Rotfeuerfisches. Quelle: David Fleetham/ naturepl.com/ www.arkive.org


Pazifische Rotfeuerfische gehören zu den größten Feuerfischarten – sie werden normalerweise 30 bis 40 cm lang. Das größte jemals bekanntgewordene Exemplar wurde 2004 vor der Küste North Carolinas mit einem Haken gefangen und war 43 cm lang bei einem Gewicht von über einem Kilogramm. Der Körper wirkt gedrungen, der Kopf ist kurz und hoch, mit relativ hoch liegenden Augen und einem breiten Maul. Rund um das Maul sind unregelmäßig geformte Hautlappen ausgebildet, außerdem gefranste Tentakel über den Augen. Letztere können sehr unterschiedlich geformt sein und verändern ihre Ausprägung auch im Zuge des Wachstums. Nur manchmal fehlen sie. Dies alles dient ebenso wie die auffällige Färbung und die ausladenden Flossen dazu, die Konturen der Fische für potentielle Beute oder Fressfeinde aufzulösen. Die Färbung besteht aus einem Muster roter und weißer Streifen. Die weißen Streifen sind schmaler als die roten. Während der Körper ein relativ einfaches senkrechtes Streifenmuster aufweist, gliedert sich das Muster am Kopf komplexer auf. Auf den Flossen setzt sich das Streifenmuster fort, häufig zerfällt es hier auch in kleinere Punkte. Jungtiere können auch regelrechte augenförmige Flecken auf den Flossen haben.

Die Flossen sind neben der schönen Musterung vielleicht das auffälligste am Pazifischen Rotfeuerfisch. Die Flossen sind groß und zum Teil ausladend. Letzteres gilt insbesondere für die Brustflossen und den vorderen Teil der Rückenflosse. Da dies entfernt an die Flügelfedern von Truthähnen erinnert (zumindest aus Sicht der Amerikaner), hat sich im Amerikanischen auch die Bezeichnung „Turkey-Fish“ für Rotfeuerfische eingebürgert (was hierzulande auch schon einmal fälschlich als Türkei-oder Türken-Fisch übersetzt wird). Nur die Schwanzflosse ist relativ unspektakulär. Die Brustflossen dagegen können eine beachtliche Spannweite erreichen. Sie bestehen aus 14 deutlich einzeln stehenden harten Flossenstrahlen, von denen jeder einen eigenen Flossensaum trägt, wodurch sie wie gefiederte Flügel erscheinen. Laien nehmen oft an, dass diese Flossenstrahlen die giftigen wären – doch das stimmt nicht. Die Brustflossen des Pazifischen Rotfeuerfisches sind absolut harmlos. Die gefährlichen Flossenstacheln finden sich in der Rücken-und Afterflosse sowie in den Bauchflossen. Die Bauchflossen sind ziemlich groß und lang. Sie werden außer von weichen Flossenstrahlen auch von zwei Flossenstacheln an der Vorderseite gestützt. Diese beiden Flossenstacheln sind giftig. Die Afterflosse besteht aus einem größeren weichstrahligen hinteren Teil und einem kurzen, niedrigen vorderen Teil, der von drei Flossenstacheln gehalten wird. Auch diese sind giftig. Am auffallendsten jedoch ist die vordere Rückenflosse, die aus 13 durchweg giftigen Flossenstacheln besteht, die ähnlich wie die Flossenstrahlen der Brustflossen deutlich einzeln stehen und nur an der Basis durch eine Flossenmembran verbunden sind. Die hintere Rückenflosse ist weichstrahlig und entspricht größenmäßig eher der Afterflosse. Die giftigen Flossenstacheln haben eine ganz eigene Struktur: Sie besitzen Furchen, in denen das Gewebe sitzt, welches das Gift produziert. Diese Furchen sind mit einer dünnen Haut überzogen. Wenn die spitzen Stacheln auf einen Gegner treffen, führt der ausgeübte Druck dazu, dass diese Haut aufreißt und dadurch das Gift in die Wunde gelangen kann. Die Haut wird später regeneriert, wie Laborexperimente zeigten, können Pazifische Rotfeuerfische aber auch abgebrochene Flossenstacheln regenerieren.



Bild 3: Die meiste Zeit des Tages verbringen die Tiere in Höhlen und unter Felsüberhängen. Dieses Exemplar wurde vor der Küste Westaustraliens in einer Höhle aufgenommen. Quelle: Dr. Jörg Vierke/ http://www.fischreisen.de/Tauchen_Muiron_Islands.html



Bild 4: Der Kopf des Pazifischen Feuerfisches in Nahaufnahme. Die Aufnahme entstand nahe Havanna (Kuba). Quelle: http://www.reefcolors.de


Das Gift. Das Gift des Pazifischen Rotfeuerfisches war geradezu eines der offensichtlichsten Forschungsgebiete bei dieser Art. Seit den 80er Jahren sind Wirkungsweise und Zusammensetzung schon wesentlich besser verstanden. Das Gift besteht offenbar aus einem Cocktail: Einerseits aus einem Protein, dass an Nervenrezeptoren ansetzt und dort Acetylcholin freisetzt, andererseits aus Acetylcholin selber. Letztlich führt das Gift in seiner Hauptwirkung also zu einer Überschwemmung der betroffenen Nerven mit dem Neurotransmitter Acetylcholin – was ein Feuerwerk an Nervensignalen mit sehr unterschiedlicher Wirkung zur Folge hat. Die Folgen davon sind dann alles andere als schön.

Es beginnt praktisch sofort mit heftigen Schmerzen. Diese breiten sich rasch aus. Die typische Verletzung befindet sich meist im Bereich der Hand; in diesem Fall breiten sich die Schmerzen rasch den Arm hinauf aus. Hinzu kommen dann Muskelzuckungen. Der Körper reagiert damit Flüssigkeit ins Gewebe zu pumpen, was zu Ödemen, Hautbläschen und Hautrötungen führt. Breitet sich das Gift durch den Kreislauf weiter im Körper aus, treten weitere Symptome auf: Übelkeit bis hin zum Erbrechen, Schmerzen in Brust und Bauch, Atemnot und Herzrasen. Dies alles geht in allgemeine Abgeschlagenheit, Schlappheit und Schläfrigkeit über. Diese Wirkungen werden dadurch erzeugt, dass das Protein des Giftes an den Muskarinischen Acetylcholin-Rezeptor des Parasympathikus-Nerves ansetzt. Dieser Nerv steuert maßgeblich die vegetativen Funktionen des Körpers – unter anderem auch den Herzschlag, über den Muskarinischen Rezeptor. Die Haut rund um die Stichstelle fühlt sich in einer späteren Phase der Vergiftung oft taub an. In seltenen Fällen kann sich die Stichstelle durch eine sekundäre Infektion entzünden, was zu Nekrosen führen kann. Dies ist aber oft eine Folge unsachgemäßer Behandlung.

Entgegen der allgemein verbreiteten Ansicht sind Pazifische Rotfeuerfische jedoch nicht tödlich. Die Vergiftung ist zwar extrem unangenehm, aber in der Regel nur für ohnehin geschwächte Personen (Kinder, bereits kranke oder ältere Personen) tödlich, wenn überhaupt. In der Tat sind nur verhältnismäßig wenige Todesfälle verzeichnet, vor allem wenn man sie in Beziehung zu der nicht unbeträchtlichen Zahl an Vergiftungsfällen setzt, die es vor allem in den USA gibt. In aller Regel handelt es sich um Unfälle, weil Aquarianer sich einen Pazifischen Rotfeuerfisch hielten und nicht aufgepasst haben. Deswegen treten die Stichverletzungen meist auch im Bereich der Hände und Arme auf. Erster mit deutlichem Abstand kommen Zwischenfälle in freier Wildbahn hinzu, die meist daraus resultierten, dass Schnorchler und Taucher den Pazifischen Rotfeuerfischen zu sehr auf die Pelle rückten. Die Fische sind nicht aggressiv und gehen einem normalerweise aus dem Weg, aber in die Enge gedrängt, können sie zum Gegenangriff übergehen.

Die Behandlung von Vergiftungen durch Pazifische Rotfeuerfische erfolgt normalerweise rein symptomatisch – mit Mitteln zur Beruhigung und Schmerzlinderung. Allerdings hilft Lidocain zum Beispiel nur kurzfristig. Verschiedentlich unternahmen Ärzte Versuche die Stiche zu säubern, was aber kaum effektiv durchgeführt werden kann und meist auch wenig sinnvoll ist. In wenigstens einem Fall kam es sogar zu einer für die betroffene Patientin eher schädlichen Behandlung: Sie hatte im Aquarium den Fisch mit der Hand aufscheuchen wollen und musste sich dann ins Krankenhaus begeben, weil von dem Stich brennende Schmerzen ausgingen. Im Krankenhaus wurde die inzwischen rasch anschwellende Hand zuerst gekühlt, dann kümmerte sich ein Chirurg darum. Er schnitt den Finger der Länge nach auf, um die Wunde auszuspülen. Die Hoffnung dadurch das Gift zu entfernen war jedoch vergeblich. Dafür kam es nun zu einer sekundären Infektion und bei der Abheilung der Schnittnaht kam es zu einer Gelenkfibrose in den Fingergelenken. Diese blieben dadurch auch langfristig noch steif und das vordere Fingerglied blieb auf Dauer taub. Dies waren Nebenwirkungen des chirurgischen Eingriffs, die hätten vermieden werden können. In der Regel wird empfohlen, die Vergiftung und den Stich von selber abheilen zu lassen. Gegebenenfalls können Antibiotika verabreicht werden, um sekundären Infektionen vorzubeugen. Auch vom Abbinden des betroffenen Körperteils wird abgeraten – dies verursacht mehr Probleme und negative Effekte als es Vorteile bringt in diesem Fall. Gleiches gilt für ein Übergießen der betroffenen Stelle mit heißem Wasser – das Gift zersetzt sich unter Hitzeeinfluss nämlich. Allerdings ist die Frage, ob der Nutzen den Nachteil schwerer Verbrühungen überwiegt.

Interessanterweise sind tote Pazifische Rotfeuerfische nach kurzer Zeit nicht mehr giftig – weil das Gewebe, welches das Gift produziert, dann nicht mehr arbeitet. Dies wurde zumindest bei Laborexperimenten festgestellt. Zu den neueren Erkenntnissen aus Laborexperimenten gehört die Entdeckung eines Forscherteams aus dem Jahre 2006, dass das Gift Wirkung gegen Tumore und Metastasen zeigt – zumindest bei Mäusen. Dies könnte zumindest langfristig neue Anstöße zur Entwicklung neuer Krebsmittel geben.


Pteroisvolitansbig

Bild 5: Dieser Pazifische Rotfeuerfisch wurde von mir im Aquarium des Kölner Zoos aufgenommen. Die Tiere sind beliebt in öffentlichen Aquarien als optischer Blickfang. Quelle: Edelweisspirat.


Ein oder zwei Arten? Etwas Verwirrung, die hier kurz aufgeklärt werden muss, gab es darum, ob die Populationen großer Rotfeuerfische im Indopazifik ein oder zwei Arten repräsentieren. Im ersteren Falle würde sich das Verbreitungsgebiet der Art Pterois volitans stark erweitern bis hin zum Roten Meer. Im anderen Falle würden die Populationen im Indischen Ozean und im Roten Meer als Indischer Rotfeuerfisch (Pterois miles) zusammengefasst werden, die 1828 benannt wurde und eine vom Pazifischen Rotfeuerfisch zu unterscheidende nahe verwandte Art wäre. Lange gab es keine Entscheidung, welche Sichtweise der Realität näher kam. Äußerlich sind beide Arten jedenfalls sehr ähnlich und fast nicht zu unterscheiden. Der Indische Rotfeuerfisch hat weniger Flossenstacheln in der vorderen Rücken-und der Afterflosse, außerdem bleiben die augenförmigen Flecken, welche junge Pazifische Rotfeuerfische besitzen, bei dieser Art auch bei den erwachsenen Tieren erhalten. Aber insgesamt sind beide Arten so ähnlich, dass es in freier Wildbahn selbst geübten Beobachtern schwer fällt, sie zu unterscheiden – zumal sich ihre Verbreitungsgebiete in Indonesien überschneiden und beide möglichen Arten dort im selben Lebensraum nebeneinander vorkommen. Deswegen stellte sich die Frage: Sind es wirklich zwei Arten? Aufgeklärt wurde diese Frage erst in den letzten 10 Jahren durch Erbgutuntersuchungen. Deren Ergebnis war relativ eindeutig: Beide Rotfeuerfischformen waren genetisch deutlich unterschiedlich. Sie gehen allerdings auf einen gemeinsamen Ursprung zurück – irgendwann im Zeitraum zwischen 2,4 und 8,3 Millionen Jahren vor heute kam es zur Aufspaltung in beide Arten. Seitdem haben sich beide Arten aber optisch noch nicht so weit auseinanderentwickelt.

Jäger. Pazifische Rotfeuerfische, die sich selbst gegen Feinde mit ihren Giftstacheln verteidigen, sind wiederum selber Jäger. Und sie können einen ordentlichen Appetit entwickeln: Schätzungen aus Beobachtungen an unter kontrollierten Bedingungen gehaltenen Exemplaren gehen davon aus, dass ein Pazifischer Rotfeuerfisch im Durchschnitt täglich bis zu 6 % seines eigenen Körpergewichts frisst. Der Magen ist stark dehnbar und kann auch größere Mahlzeiten aufnehmen. Dafür können die Tiere aber auch bis zu 12 Wochen fasten, wenn es sein muss. Wie lange sie ohne Mahlzeit aushalten hängt allerdings auch von der Größe und dem Gesundheitszustand ab. Die 12 Wochen sind ein Maximalwert, der bisher nur bei voll ausgewachsenen, gesunden Exemplaren beobachtet wurde. Die Tiere verlieren in einer solchen mageren Zeit bis zu 16 % ihres vorherigen Körpergewichts.

Jagdreviere der Pazifischen Rotfeuerfische sind felsige Lagunen und Korallenriffe. Gerade in letzteren bildet ihre Musterung eine gute Tarnung. Tagsüber ziehen sich die Fische meist in die Deckung unterhalb von Überhängen, zwischen Felsen und in kleinen Höhlen. Erst in der Dämmerung werden Pazifische Rotfeuerfische dann aktiver und gehen auf die Jagd. Mit bedächtig wirkenden Schwimmbewegungen gleiten sie dann die Riffkanten und Felsgrate entlang auf der Suche nach geeigneter Beute. Erwachsene Pazifische Rotfeuerfische sind meist einzeln unterwegs und verteidigen ein eigenes Jagdrevier gegen andere Rotfeuerfische. Nur in der Paarungszeit bilden Männchen und Weibchen Gruppen, aber selbst dann verteidigt das Männchen besonders aggressiv sein Revier gegen andere Männchen. Die Jungtiere bilden kleinere Grüppchen, die auch oft gemeinsam jagen. Erst nach Erreichen der Geschlechtsreife leben sie einzelgängerisch weiter.

Auf der Jagd bedienen sich diese Fische unterschiedlicher Jagdtaktiken. Häufig schwimmen sie wie bereits beschrieben langsam die Felsen und Riffe entlang und nähern sich dabei vorsichtig potentieller Beute. Beute sind neben kleinen Fischen vor allem auch Krebstiere und andere kleine Wirbellose. Gelegentlich erwischen Rotfeuerfische auch eigene kleinere Artgenossen. Wenn sich ein Pazifischer Rotfeuerfisch seiner Beute nähert, bilden die großen Brustflossen eine Art Schirm, der die Schwimmbewegungen der hinteren Rücken-und Afterflosse sowie der Schwanzflosse verdeckt. Dadurch verschleiert der Jäger seine Annäherung noch mehr. Wenn der Pazifische Rotfeuerfisch nahe genug heran ist, bedient er sich einer einfachen Methode, um das Opfer zu erwischen: Er reißt sein Maul so schnell weit auf, dass ein Sog ins Maulinnere entsteht, der das Opfer hineinzieht. Dieser Vorgang geschieht innerhalb von Sekundenbruchteilen. Für die Beute kommt der Angriff oft aus so heiterem Himmel, dass schon beobachtet wurde, wie ein Schwarm kleiner Fische kaum weiter beunruhigt war, als plötzlich ein Individuum fehlte. Andere Taktiken, die letztlich aber immer mit dem raschen Verschlucken des Opfers auf die beschriebene Weisen enden, wenden Pazifische Rotfeuerfische an, wenn sie etwa nahe dem Meeresgrund Krebstiere jagen oder sich einmal ins freiere Wasser begeben. Im ersteren Fall scheuchen sie ihre Beute gerne auf, indem sie mit ihren Brustflossenstrahlen den Untergrund aufwirbeln. Im letzteren Fall lauern sie gern Fischschwärmen auf, die von anderen Räubern aufgescheucht wurden und den Rotfeuerfischen dann geradezu ins Maul springen und schwimmen. Die bodennahe Jagd zeigt dabei bereits deutlich offensivere Taktiken. Eine andere davon: Pazifische Rotfeuerfische nutzen ihre ausladenden Brustflossen dazu, Beute vor sich her und in die Enge zu treiben. Junge Rotfeuerfische agieren dabei auch manchmal im Zusammenspiel.

Pteroisvolitanslarvae

Bild 6: Larven des Pazifischen Rotfeuerfisches verschiedener Größen: 3,8 mm (oben); 4,5 mm (Mitte); 10,7 mm (unten). Die Maßstäbe entsprechen alle 1 mm. Quelle: Imamura & Yabe 1996.


Fortpflanzung. Aber auch junge Pazifische Rotfeuerfische müssen erst einmal auf die Welt kommen. Das genaue Balz-und Fortpflanzungsverhalten wurde bei nahe verwandten kleineren Arten genauer erforscht, beim Pazifischen Rotfeuerfisch geringfügig oberflächlicher. Aber alles in allem scheint sich das Verhalten bei allen Feuerfischen zu gleichen.

Inwieweit die Fortpflanzung bei Pazifischen Rotfeuerfisch einheitlich saisonal abgestimmt ist, ist leider weitestgehend unbekannt. Man weiß aber, dass die Männchen ein besonders aggressives Territorialverhalten gegenüber anderen männlichen Rotfeuerfischen an den Tag legen, wenn Paarungszeit ist. Die Männchen scharen dann kleine Schwärme von Weibchen um sich, es können bis zu acht sein. In dieser werden die Unterschiede zwischen den Geschlechtern erstmals offenkundiger: Die Männchen bekommen eine kräftigere, dunklere Färbung, bei der die Streifen ein wenig zurücktreten. Die Weibchen wiederum werden heller, vor allem die Kehlregion und der Bereich ums Maul werden fast leuchtend weiß. Es kommt jetzt zu häufigeren Konfrontation mit anderen Männchen. Wenn ein solches in das Revier des verteidigenden Männchens eindringt, geht dieses sofort zum Angriff über. Dann wird mit den Flossen gedroht und schließlich können die Tiere sogar auf Tuchfühlung gehen und versuchen den Widersacher mit den Giftstacheln zu erwischen. Diese Kämpfe können tatsächlich zu schweren Verletzungen führen und dauern solange, bis eine der beiden Fische aufgibt und den Rückzug antritt.

So wie Pazifische Rotfeuerfische auch erst in der Abenddämmerung aktiver auf Jagd gehen und dann über Nacht ihre Hauptaktivitätszeit haben, so werden sie auch erst nachts aktiver, wenn es um die Paarung geht. Gerade im Dunkeln dann erkennen die Männchen die Weibchen am besten durch die fast weißen Körperpartien. Wenn das Männchen ein Weibchen aus seinem Schwarm ausgemacht hat, nähert es sich ihm und beginnt es zu umkreisen. Das Weibchen geht schließlich darauf ein und sich gegenseitig umkreisend steigen die Fische zur Wasseroberfläche auf, tauchen wieder nach unten und steigen wieder nach oben und so weiter. Das kann eine ganze Weile so gehen. Wenn das Weibchen schließlich bereit ist und sich beide nahe der Wasseroberfläche befinden, stößt es die Eier aus. Die Eier klumpen schnell zusammen und sind zunächst von einer Schleimröhre umhüllt. Dieser Schleim saugt sich mit Wasser voll. Es bilden sich binnen 15 Minuten zwei schleimige Bälle von bis zu 5 cm Durchmesser, in denen bis zu 15000 Eier eingebettet sind. Das Männchen schwimmt über diese Bälle und setzt dabei seine Spermien frei, die in die Schleimbälle eindringen und die Eier befruchten.

Danach überlassen die Fische den Laich sich selber. Die Entwicklung der Eier vollzieht sich im warmen tropischen Wasser rasch, schon nach etwa 36 Stunden schlüpfen die ersten Larven. Diese leben zunächst planktonisch, also freischwimmend. Auf diese Weise verbreitet sich die Art relativ effektiv. Die Larven besitzen einen ziemlich großen Kopf und von Anfang an bereits die langen Brustflossenstacheln. Die Stacheln der vorderen Rücken-und Afterflosse entwickeln sich aber erst wenn die Larven größer als 5 mm werden. Bereits nach wenigen Tagen beginnen sie anderes Plankton zu fressen. Wie lang genau die Larven des Pazifischen Rotfeuerfisches ihr planktonisches Dasein fristen, ist nicht genau bekannt, man schätzt zwischen 25 und 40 Tagen. Danach sind die Tiere bereits groß genug um sich in einem Riff niederzulassen und kleinere Fische zu jagen. Pazifische Rotfeuerfische wachsen recht schnell. Dadurch werden die Tiere relativ rasch so groß, dass sie nur noch von wenigen Räubern in ihrem eigenen Lebensraum bedroht werden können. Vorausgesetzt natürlich, sie überleben lang genug. Die meisten Verluste unter dem Nachwuchs gibt es während der Wachstumsphase. Ein ausgewachsener Pazifischer Rotfeuerfisch kann dann aber immerhin auf eine Lebenserwartung von etwa 10 Jahren hoffen. Das gilt natürlich vor allem für Exemplare in Gefangenschaft – diese können sogar mehr als 12 Jahre erreichen.



Bild 7: Junge Pazifische Rotfeuerfische von nur wenigen Zentimetern Größe sehen noch deutlich anders aus. Sie wirken wie zarte Wesen, besitzen nur feine Streifen und deutliche Augenflecken auf den Flossen. Quelle: http://www.advancedaquarist.com /Todd Gardner.


Rotfeuerfische im Aquarium. Pazifische Rotfeuerfische gehören tatsächlich in die Gruppe beliebter Aquarienfische unter Meerwasseraquaristen, vor allem in den USA. Daher sind Unfälle mit diesen Tieren in den eigenen vier Wänden wesentlich häufiger als in freier Wildbahn. In Chicago etwa wurden in den 1990er Jahren in einem Zeitraum von zwei Jahren 33 Unfälle mit Pazifischen Rotfeuerfischen registriert, davon übrigens kein einziger tödlich. Normalerweise handelt es sich bei den Pazifischen Rotfeuerfischen, die man im Handel erstehen kann, um Wildfänge.

Die Haltung ist aufwendig. Man braucht ein großes Becken mit Abmessungen deutlich über einem Meter am besten, damit die erwachsenen Tiere Platz zum Schwimmen haben. Die Beckenausstattung sollte Felsen oder ähnliches umfassen, mit Überhängen und Hohlräumen. Erstaunlicherweise können sie mit anderen Artgenossen ganz gut in einem Becken gehalten werden und auch mit anderen Fischen – Bedingung ist nur, dass die anderen Fische im Becken zu groß sind, um von den Feuerfischen verschluckt zu werden. Normalerweise muss man Pazifische Rotfeuerfische mit Lebendfutter füttern, zum Beispiel Garnelen und verschiedenen kleinen Fischen. Nur mit viel Geduld lassen sie sich auf anderes Futter umstellen, wie zum Beispiel gefrorene Muscheln und Sandaale. Die größte Herausforderung ist natürlich die Beckenpflege, da man dafür üblicherweise den Fisch umsetzen muss. Denn es gilt: Man sollte die Fische nicht berühren! Nur das ist ein Schutz davor, gestochen zu werden. Jeder Versuch die Tiere mit der Hand zu führen, zu scheuchen oder ähnliches fällt in die Kategorie „ganz dumme Idee“. Wenn man einen dieser Fische umsetzen muss, dann nur mit einem großen Kescher, in den der ganze Fisch hineinpasst und den man mit einem langen Griff so handhaben kann, dass genügend Sicherheitsabstand gewahrt bleibt. Um den Fisch wieder frei zu geben, dreht man den Kescher am besten um und wartet, bis der Rotfeuerfisch sich selbst befreit hat.

Letzten Endes sind aber nicht wenige Aquarienbesitzer überfordert mit diesen Fischen – wegen der ganzen Vorsichtsmaßnahmen. Spätestens wenn es zum Umfall kam und/oder die erwachsenen Fische ihre für einen Aquarienfisch doch ganz stattliche Größe erreichen, überlegen sich manche Halter es doch nochmal. Und manchmal versuchen sie die Tiere dann auf die einfachste Art los zu werden: Aussetzen.

Invasion. Wir kommen damit zu einem Thema, das wie kaum ein anderes in jüngster Zeit die Forscher auf den Pazifischen Rotfeuerfisch aufmerksam machte: Die Art erobert sich neuerdings neuen Lebensraum im westlichen Atlantik und seit einigen Jahren wird geradezu hektisch versucht herauszufinden, wie weit sich die Tiere bereits verbreitet haben und wie sich das auf die lokalen Ökosysteme auswirkt.

Alles begann 1992, als Hurrikan Andrew eine Schneise der Verwüstung durch Florida schlug und dabei auch ein öffentliches Aquarium auf Key Biscayne vor der Küste von Miami verwüstete. Dabei wurden einige dort gehaltene Pazifische Rotfeuerfische ins Meer gespült. Es wird vermutet, dass sie überlebten, zumindest einige. In den folgenden Jahren scheinen außerdem in der gleichen Region private Aquarianer sich ihrer Exemplare entledigt zu haben. Dies stabilisierte die erste kleine Population in den Gewässern vor der östlichen Küste Floridas vermutlich. Sie breitete sich dann langsam aus. Im Jahr 2000 hatten sich die Pazifischen Rotfeuerfische bereits nach Norden ausgebreitet, wurden vor Georgia, den beiden Carolinas und Bermuda festgestellt. Ein Jahr später wurden Jungfische erstmals auch vor Virginia, New York und den Neuengland-Staaten festgestellt. Sie waren offenbar im Zuge des Golfstroms nach Norden verdriftet worden. Erwachsene Rotfeuerfische hat man so weit im Norden nie gefunden, weshalb vermutet wird, dass die dorthin verdrifteten Exemplare den Winter nie überstehen und durch die dann hereinbrechende Kälte zugrunde gehen.

Im Süden jedoch fanden die Pazifischen Rotfeuerfische weiteren geeigneten Lebensraum bei ausreichend warmen Wassertemperaturen. 2004 wurde festgestellt, dass sie in den Gewässern der Bahamas bereits ziemlich häufig sind. Danach verbreitete sich die Art schnell Richtung Süden: 2007 wurde sie vor Kuba gemeldet, 2008 vor Jamaika und der Dominikanischen Republik, vor Belize und Barbados. 2009 erreichten die Pazifischen Rotfeuerfische Costa Rica und Venezuela. Um die gleiche Zeit tauchte die Art auch gehäuft um die Halbinsel von Yukatan auf und wanderte 2010 in den Golf von Mexiko ein.

Inzwischen wird zwar vermutet, dass möglicherweise auch einige Larven Pazifischer Rotfeuerfische auch im Ballastwasser von weltweit verkehrenden Handelsschiffen verschleppt worden sein könnten – ähnliches ist durchaus von einigen anderen Meerestieren bekannt. Dies könnte der sich ausbreitenden Population im westlichen Atlantik weiteren Auftrieb gegeben haben (es wird allerdings derzeit für unwahrscheinlich gehalten, da auf dem gleichen Wege Rotfeuerfische auch andernorts hätten eingeschleppt werden müssen). Aber selbst in diesem Falle würde diese wahre Invasion auf beeindruckende Weise zeigen, wie effizient die Verbreitung des Pazifischen Rotfeuerfisches durch planktonische Larven ist – denn das Verbreitungsmuster nicht nur vor der US-Ostküste, sondern auch in der Karibik folgt im Wesentlichen den vor Ort bestehenden Hauptströmungen. Der Erfolg der Pazifischen Rotfeuerfische ist vermutlich auch durch geografisch Bedingungen begünstigt worden: Gerade im karibischen Raum sind die Gewässer eher begrenzt, es handelt sich um ein relativ flaches Schelfmeer mit nur wenigen kleinen wirklich tiefen Becken, die dadurch viele geeignete Lebensräume für Rotfeuerfische bieten. In seiner eigentlichen Heimat ist das in weiten Teilen ganz anders: Die pazifische Inselwelt umfasst weite Räume, wo kleine Flachwasserbereiche rund um die Inseln und Atolle durch große und sehr tiefe Meeresbecken voneinander getrennt sind. In der Karibik können die Larven viel eher ein geeignetes Plätzchen finden, wenn sie zu groß für die planktonische Lebensweise werden. Im Pazifik müssen sie länger durchhalten und die Verlustquote ist letztlich größer.


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Bild 8: Die roten Punkte markieren Nachweise des Pazifischen Rotfeuerfisches im westlichen Atlantik zwischen 1999 und 2010. Quelle: USGS-NAS Datenbank/ Schofield 2010.


In jüngster Zeit hat man versucht zu verstehen, was mit den Ökosystemen vor Ort passiert, wenn die Pazifischen Rotfeuerfische (und auch die nahe verwandte Art Pterois miles, die ebenfalls eingeschleppt wurde) sich so schnell und massiv verbreiten. Sie sind auf jeden Fall eine Art Invasor, eine invasive Spezies. Und invasive Spezies können zu einer ganzen Reihe von Problemen führen. Häufig können sie sich viel zu schnell vermehren, da im neuen Lebensraum keine natürlichen Feinde und Krankheiten vorkommen, die sonst als Hemmnis einer Population auftreten und dadurch die Häufigkeit begrenzen. Die rasche Ausbreitung des Pazifischen Rotfeuerfisches im tropischen Westatlantik scheint genau darauf hinzudeuten. Dies lässt sich sogar statistisch ausdrücken: Während im Pazifik meist etwa 80 Rotfeuerfische pro Hektar in einem geeigneten Lebensraum vorgefunden werden, sind es an einigen Stellen der Bahamas bereits 390 pro Hektar. Als räuberische Art könnte der Pazifische Rotfeuerfisch nun massiv Einfluss auf die dortigen Ökosysteme nehmen. Inwieweit das bereits geschehen ist, wird noch erforscht, aber es gibt bereits die ersten Worst-case-Szenarien. Eine zu starke Population des Pazifischen Rotfeuerfisches könnte demnach dazu führen, dass die Bestände von anderen Fischen zurückgehen, weil die Feuerfische den Jagddruck auf diese erhöhen – selbst bei größeren Fischarten würde dieser während der ohnehin gefährlichen Jugendzeit zunehmen. Davon betroffen wären gerade auch viele Fische, die Algen und Seegras fressen und die Korallenriffe normalerweise vor der Überwucherung bewahren. Würden deren Bestände zurückgehen, würden Algen und Seegräser die Korallen in den Riffen verdrängen und dadurch das ganze Ökosystem kippen. Soweit das Worst-Case-Szenario.


Pteroisvolitansworstcase


Bild 9: Diese vereinfachte Darstellung versucht die Zusammenhänge in einem Ökosystem in der Karibik verständlich zu machen. Die Größe der abgebildeten Organismen ist nicht maßstabsgetreu, sondern ist hier ein Maßstab für die Häufigkeit der jeweiligen Organismen. Die Dicke der Pfeile ist der Maßstab dafür wie stark der Einfluss untereinander ist. Links: Ist das Ökosystem des Riffs unbeeinträchtigt, stehen die Haie und andere große Räuber an der Spitze. In der Mitte machen kleinere Räuber wiederum Jagd auf die pflanzenfressenden Fische. Diese fressen Seegras und Algen, was wiederum einen indirekten positiven Effekt (gestrichelter Pfeil mit +) auf die Korallen im Riff hat. Rechts: Der schlimmste anzunehmende Fall. Sowohl menschlicher Fischfang wie auch die neu hinzugekommenen Pazifischen Rotfeuerfische greifen in die bisherige Nahrungskette ein, wodurch die Bestände der jeweiligen Fischgruppen stark abnehmen. Im Endeffekt können Algen und Seegras sich weiter ausbreiten und verdrängen die Korallen. Unklar bleibt der Einfluss des Fischfangs auf die Pazifischen Rotfeuerfische selber (daher der dicke Pfeil mit Fragezeichen). Quelle: Albins & Hixon 2011 /FAO (Food and Agriculture Organization).


Ob dies wirklich so eintreten wird, ist noch ungewiss. Ökosysteme sind komplexe Angelegenheiten und der Einfluss der eingeschleppten Pazifischen Rotfeuerfische ist ungenügend verstanden. Was vor allem ein großer Unsicherheitsfaktor ist: Hat die einheimische Fauna den Neuankömmlingen wirklich nichts entgegenzusetzen? Problematisch ist im Wesentlichen, dass die heimischen Fische, potentielle Beute wie potentielle Fressfeinde, den Neuankömmling nicht kennen und daher im Laufe ihrer Evolution keine Verhaltensreaktionen für Begegnungen mit Pazifischen Rotfeuerfischen entwickeln konnten. Nun gilt das freilich umgekehrt auch für die Feuerfische, die sich auf einmal in einer neuen Umgebung wiederfinden. Auf jeden Fall gibt es seit ein paar Jahren Berichte von Fischern auf den Bahamas, dass sie in den Mägen gefangener Zackenbarsche die Überreste von Rotfeuerfischen gefunden hätten. Dies könnte darauf hindeuten, dass Pazifische Rotfeuerfisch trotz ihrer Giftigkeit in Zackenbarschen einen Gegner haben könnten. In der Tat wurde auch aus dem natürlichen Verbreitungsgebiet des Pazifischen Rotfeuerfisches schon berichtet, dass sie von Zackenbarschen angegriffen und gefressen wurden. Bedeutet das, dass andere Raubfische wie Zackenbarsche die Invasion der Pazifischen Rotfeuerfische eindämmen können? Auch wenn die Forscher sich da noch bedeckt halten, so kann man wohl mutmaßen: Nein. Der Grund ist ein einfacher: Nicht einmal der Mensch kann dieser Invasion bisher Einhalt gebieten. Inzwischen gab es verschiedentlich Projekte an der US-Ostküste, um die Bestände der Invasoren zu vermindern. Sie zielten vor allem darauf ab, die Bestände der Rotfeuerfische abzufischen. Die Tiere wurden zum Harpunieren freigegeben und zum Teil organisierte man Fangwettbewerbe. Was andernorts andere Arten an den Rand der Ausrottung brachte, sorgte bisher nicht merklich für einen Rückgang der Rotfeuerfisch-Bestände. In der Tat wurde mit Simulationsmodelle nahegelegt, dass dem Problem auf diese Weise nicht beizukommen ist. Selbst starke Rückgänge des Bestandes würden die Pazifischen Rotfeuerfische schnell wieder ausgleichen können, sobald der Jagddruck auch nur kurz nachlässt. Es wäre vermutlich jahrzehntelange massive Jagd notwendig, deren Nutzen bei allen Kosten nicht garantiert werden könnte.

Etwas kreativer waren Projekte in der Karibik, die darauf aufbauten, dass Zackenbarsche anscheinend Rotfeuerfische erfolgreich jagen können. Hier wurde versucht, Zackenbarsche für die Jagd auf Rotfeuerfische zu trainieren. Dadurch sollten die Zackenbarsche erst recht diese Beute bevorzugen und erfolgreicher erlegen. Inwieweit diese Projekte eine merkliche Wirkung entfalteten lässt sich nur schwer beziffern. Man darf befürchten, dass der Effekt gering war. Zumal auch Zackenbarsche Ziel der Fischerei im tropischen Atlantik sind und auch hier Bestände durch den Menschen bereits stark unter Druck geraten sind. 2011 äußerten die Verfasser einer Studie die Vermutung, dass allein schon die Überfischung von Zackenbarsch-Populationen eine natürliche Kontrolle der Rotfeuerfischbestände verhindern durfte. So wie es derzeit aussieht, wird man sich also daran gewöhnen müssen, dass der Pazifische Rotfeuerfisch nun auch im westlichen Atlantik heimisch ist. Die Zukunft wird zeigen, wie dies die lokalen Ökosysteme verändern wird.

 

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