Pirats Bestiarium: Blattfisch (Monocirrhus polyacanthus)

 

Blattfisch (Monocirrhus polyacanthus Heckel, 1840)

 

Namensbedeutung. Der Blattfisch bekam seinen Namen von dem österreichischen Zoologen Johann Jakob Heckel, einem damals recht bedeutenden Fischexperten. Der Gattungsname bedeutet etwa „einzelner Fortsatz“ oder „einzelner Tentakel“ und bezieht sich auf die einzelne Bartel des Fisches. Warum Heckel aus dem lateinischen Wort „cirrus“ dabei „cirrhus“ machte, konnte ich nicht herausfinden. Polyacanthus setzt sich ganz ursprünglich aus mehreren Wörtern zusammen: „poly“ bedeutet „viele“, „acanthus“ stammt von dem altgriechischen „ake“ für „Dorn“ und „anthos“ für „Blume“ oder auch – weitläufiger – „Blatt“. Man könnte es also mit „vielstachelige Blume“ oder „vielstacheliges Blatt“ übersetzen. Dies durfte sich einerseits auf die Ähnlichkeit der Art mit einem Blatt und andererseits auf das Vorhandensein kräftiger Flossenstacheln beziehen.

Synonyme. Monocirrhus mimophyllus.

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Deuterostomia; Chordata; Craniota; Vertebrata; Gnathostomata; Eugnathostomata; Osteichthyes; Actinopterygii; Neopterygii; Halecostomi; Teleostei; Teleocephala; Elopocephala; Clupeocephala; Euteleostei; Neognathi; Neoteleostei; Eurypterygii; Ctenosquamata; Acanthomorpha; Acanthopterygii; Percomorpha; Perciformes; Polycentridae; Monocirrhus.

Bereits beim
Schmetterlings-Schleimfisch (Blennius ocellaris)  wurde auf die Probleme hingewiesen, die Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Barschartigen (Perciformes) aufzuklären. Auf diesem Punkt muss auch hier wieder eingegangen werden, zumal es neue Entwicklungen gibt, die 2012 aktuell wurden. Neue molekularbiologische Untersuchungen unterstützten einen Verdacht, den es schon in den 1990er Jahren einmal gegeben hatte: Eine ganze Anzahl von Untergruppen der Percomorpha, die meisten aus der langen Reihe von zu den Perciformes gestellten Taxa, lässt sich in der wahrscheinlich monophyletischen Gruppe der Ovalentaria zusammenfassen. Unterstützt wird dies durch Details der Morphologie der Eier dieser Fische: Sie sind mit klebrigen Fäden ausgestattet, sinken zu Boden und heften sich fest. Wie valide diese neu vermutete Verwandtschaftsbeziehung ist, muss sich noch in künftigen Analysen zeigen. Daher habe ich sie hier noch nicht in die obige Liste aufgenommen (dies werde ich erst nach dem nächsten Editorial machen). Jedenfalls werden zu den Ovalentaria auch die Blennioidei, also die Gruppe zu der der Schmetterlings-Schleimfisch gehört, gezählt und zwar als am höchsten abgeleitete Gruppe. Die Verbindung zum Blattfisch: Die Polycentridae (also der Blattfisch und seine nächsten Verwandten) gehören zum basalsten Seitenzweig der Ovalentaria!

Früher wurde der Blattfisch in die Familie der Nanderbarsche (Nandidae) eingeordnet. Die Nanderbarsche kennt man aus Südasien. Doch bei genaueren Analysen stellte sich heraus, dass vier südamerikanische und westafrikanische Arten, darunter der Blattfisch, eindeutig näher miteinander verwandt waren, aber mit den südasiatischen Nanderbarschen nichts weiter zu tun hatten. Die scheinbare Ähnlichkeit war rein oberflächlich. Diese vier Arten werden deshalb nun als Vielstachler (Polycentridae) zusammengefasst.




Bild 1: Na, wer findet den Fisch? Quelle: http://www.medienwerkstatt-online.de/lws_wissen/vorlagen/showcard.php?id=21359&;edit=0 /Medienwerkstatt Mühlacker


Verbreitung. Der Blattfisch kommt nur in Südamerika vor, hat hier aber eine weite Verbreitung im weitverzweigten großräumigen Einzugsgebiet des Amazonas. Der Schwerpunkt liegt in Brasilien, das Verbreitungsgebiet reicht aber auch bis nach Peru, Ecuador, Bolivien, Kolumbien, Venezuela und Guyana hinein. Innerhalb des Verbreitungsgebietes ist der Blattfisch normalerweise in allen geeigneten Gewässern anzutreffen, aber scheinbar nirgends sehr häufig.

Fisch oder Pflanze? Der Blattfisch hat seinen Namen zu Recht: Er ist ein Meister der Tarnung und er tarnt sich – als Blatt. Blattfische sind nicht sehr groß, maximal etwa 10 cm lang. Meist bleiben die Tiere kleiner und erreichen nur 6 bis 8 cm. Der Körper ist seitlich abgeflacht, aber im Profil hoch. Die Schwanzflosse ist rechteckig stumpf und der Kopf läuft spitz zu. Letzteres wird noch dadurch unterstrichen, dass eine einzelne starre Bartel an der Spitze des Unterkiefers sitzt und nach vorn gerichtet ist. Die Färbung der Tiere besteht aus einem unregelmäßig marmorierten Muster aus braunen und grauen Tönen, kombiniert durch schwarze Punkte, die sich entlang der Seitenlinie oder als auf die Augen zulaufendes Muster zu dünnen schwarzen Strichen verdichten können. Auf der Kopfoberseite kann auch ein hellerer Streifen ausgebildet sein. Das marmorierte Muster kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein, manche Exemplare sind dunkler, andere heller, bei manchen sind die Kontraste stärker, bei anderen nur sehr schwach. Die Färbung greift bis auf die Schwanzflosse über, nur ein Streifen am Ende ist farblos. Die Rücken-und die Afterflosse bestehen beide aus einem längeren Vorderteil, der von harten Flossenstacheln gestützt wird und deutlich gezackt ist. Dieser Bereich ist ebenfalls mit der bräunlich-gefleckten Tarnfärbung überzogen. Nur der kleine und kurze hintere Teil beider Flossen, der von weichen Strahlen gestützt wird, ist durchsichtig. Die kleinen Bauchflossen besitzen ebenfalls Tarnfärbung, während die kleinen, in etwa ovalen Brustflossen durchsichtig sind.

Im gesamten Erscheinungsbild wirken diese Fische tatsächlich wie Blätter. Die grobe Form entspricht einem breiten, an den Seiten gezackten Blatt, die Bartel am Unterkiefer täuscht je nach Blickwinkel die auslaufende Blattspitze oder einen Stängelansatz vor. Die farblosen Flossen sind fast unsichtbar. Die unregelmäßige Färbung hebt die Konturen der typischen Bestandteile eines Fischkörpers – Kiemendeckel, Augen – fast vollständig auf. Der Effekt wird von den Tieren dadurch perfektioniert, dass sie sich auch noch wie ein abgestorbenes und vergammelndes Blatt verhalten.




Bild 2: Dieser Blattfisch weist eine besonders deutliche Marmorierung auf. Quelle: http://www.limmattalerzeitung.ch / Keystone



Bild 3: Dieser Blattfisch im Baseler Zoo hat eine deutlich schwächere Marmorierung. Die Färbung der Tiere kann sehr variabel sein. Quelle: www.zoobasel.ch



Bild 4: Hier sieht man gleich zwei Blattfische sehr unterschiedlicher Färbung, aber beide relativ gut getarnt. Quelle: http://forum.aquarienfotografie.net / Peter Pfeiffer


Lauerjäger. Blattfische bewohnen langsam fließende und stehende Gewässer mit reichlich Vegetation, Blätter, Wurzeln, Stängel und Algen bieten ihnen die passende Deckung, vor der ihre Tarnung so richtig zum Tragen kommt. Die Fische lassen sich meistens schräg mit dem Kopf nach unten im Wasser treiben, wobei sie mit gelegentlichen Bewegungen vor allem der Brustflossen ihren Kurs auch korrigieren können. Auf diese Weise steuern sie sich etwa unauffällig an potentielle Beute heran. Blattfische sind geduldige Jäger. Ihre Tarnung dient nicht nur dem Schutz vor Entdeckung durch eigene Fressfeinde, sondern ganz besonders auch dazu, dass ihre eigene Beute sie nicht rechtzeitig entdeckt. Ist ein Blattfisch nahe genug an die Beute herangekommen, ist es für diese zu spät: Der Blattfisch reißt blitzschnell sein Maul auf und stülpt dieses gleichzeitig nach vorne. Dadurch entsteht ein Sog ins Maul des Jägers hinein, der die Beute in dessen Schlund hineinzieht. Das Ganze dauert weniger als 0,2 Sekunden.

Was passiert, wenn die Tarnung auffliegt? Wenn Fressfeinde den Blattfisch aufstöbern, droht ihm echte Gefahr. Die Fische sind keine besonders schnellen Schwimmer. Sie können dann nur versuchen, so rasch wie es nur geht Deckung zwischen Pflanzenteilen zu finden. Ganz andere Konsequenzen hat es, wenn potentielle Beute bemerkt, dass diese herumtreibenden Blätter keine echten Blätter sind. Wie Aquarianer, die Blattfische hielten, beobachten konnten, verändern Blattfische dann geschickt ihre Jagdtaktik. Anstatt sich dann kopfüber im Wasser schwebend langsam anzunähern, lassen sie sich dann zum Beispiel auf den von Blättern bedeckten Gewässergrund sinken und bleiben dort seitlich liegen – und warten, bis sich Beute annähert.

Welche Beute Blattfische überhaupt jagen und verzehren war in jüngerer Zeit Gegenstand näherer Untersuchungen. Gleiches gilt für die Biomechanik der Kiefer – und beides hängt durchaus zusammen.




Bild 5: Dieses Bild mit mehreren für den Aquaristikhandel gefangenen Blattfischen zeigt deutlich wie klein und unterschiedlich gefärbt die Fische sind. Quelle: www.amazon-exotic-import.de


Kleiner Fisch, große Beute. 2002 und 2003 unternahmen Forscher aus der brasilianischen Stadt Manaus eine Expedition in westlicher Richtung, um im Amanã Sustainable Development Reserve im Nordwesten Brasiliens, mitten im Amazonas-Becken, die regionale Fischfauna zu untersuchen und einer Bestandsaufnahme zu unterziehen. Das Reservat gehört zu einem Schutzgebietkomplex zwischen dem Rio Negro, Rio Japurá und dem Solimões, wie die Brasilianer den Oberlauf des Amazonas nennen. Mit dabei waren Michel Catarino von der Universidade Federal do Amazonas und Jansen Zuanon vom Instituto Nacional de Pesquisas da Amazônia (etwa: Nationalinstitut zur Erforschung Amazoniens). Beide Institutionen haben ihren Sitz in Manaus. Catarino und Zuanon untersuchten die Ernährungsgewohnheiten des Blattfisches im Untersuchungsgebiet. Man wusste zwar, dass Blattfische kleine Wirbellose und Fische jagten, aber die beiden Forscher wollten es etwas genauer wissen. Ihre Ergebnisse sollen hier kurz etwas genauer angeschaut werden.

49 Blattfische wurden mit Handnetzen gefangen – alle relativ nahe dem Ufer, in unmittelbarer Umgebung zu reichlich großblättriger Wasservegetation oder in flachen Altarmen der Flüsse. Die Durchschnittslänge der gefangenen Blattfische betrug etwa 6,7 cm. Von diesen gefangenen Exemplaren wurden 35 seziert, um ihren Mageninhalt zu bestimmen; außerdem war es bei 22 Exemplaren möglich das Geschlecht zu bestimmen (12 Weibchen und 10 Männchen). Unter Binokularmikroskopen wurde so gut es ging versucht der Inhalt der Mägen zu bestimmen. Bei 19 Blattfischen fand sich überhaupt ein Mageninhalt. Zusammen handelte es sich dabei um 33 identifizierbare Beutetiere – mehrere Blattfische hatten also mehr als eine Beute im Magen. Nur in vier Mägen (21,05 %) fanden sich nur wirbellose Tiere als Beute. Bei drei weiteren Blattfischen (15,8 %) fanden sich sowohl wirbellose Tiere als auch kleine Fische im Magen. Insgesamt umfassten die wirbellosen Tiere in den Mägen 12 voneinander unterscheidbare Beutetiere (36,36 % aller Beutetiere). Alle wirbellosen Tiere stammten aus Mägen von Blattfischen, die maximal knapp 6 cm groß waren, die meisten waren kleiner als 5 cm. Dies deutet darauf hin, dass junge Blattfische ihren Speiseplan noch am häufigsten mit wirbelloser Beute ergänzen. Die wirbellosen Tiere auf dem Speisezettel umfassten vor allem mehrere kleine Krebse und die Larven von Eintagsfliegen und Libellen, aber auch zum Beispiel einen Käfer. Eintagsfliegenlarven waren aber eindeutig die häufigsten wirbellose Beute, sie waren mit vier Exemplaren nachweisbar (und stellten damit ein Drittel der gesamten wirbellosen Beutetiere). Die restlichen Beutetiere, 21 an der Zahl, waren durchweg kleine Fische. Interessanterweise fand man selbst bei den kleinsten gefangenen Blattfischen, die nur wenige Zentimeter lang waren, Fische im Magen. Bei Blattfischen, die zwischen 6 und 9 cm lang waren, bestand das Beutespektrum nur aus Fischen. Zwei dieser Fische waren nicht weiter identifizierbar, da sie bereits zu sehr verdaut waren. Die restlichen Fische gehörten drei Gruppen an: Drei waren nicht näher identifizierbare Buntbarsche (Cichlide). Besser identifizierbar waren verschiedene Salmler (Characidae), eine in Südamerika durchaus häufige Gruppe. In den Mägen fanden sich Salmler der Gattung Hemigrammus, die nur wenige Zentimeter groß werden, also durchweg kleiner sind als erwachsene Blattfische. Mit den Salmlern verwandt ist die dritte Gruppe: Die Lebiasinidae, deren Gattung Nannostomus ebenfalls aus nur wenigen Zentimeter großen Fischen besteht. Ob Blattfische auch andernorts vornehmlich diese Fischgruppen jagen ist unklar. Wahrscheinlich sind diese Beutefisch repräsentativ für den allgemeinen Beutetypus, der aber im Detail an anderen Standorten aus ganz anderen Spezies zusammengesetzt sein kann. Die Blattfische müssen sich eben aus dem bedienen, was sie örtlich vorfinden.

In diesem speziellen Fall spekulierten Catarino und Zuanon warum vor Ort ausgerechnet diese Fische den Blattfischen bevorzugt zum Opfer fielen. Salmler sind normalerweise viel zu hektische und schnelle Schwimmer, um einem Blattfisch effektiv zum Opfer fallen zu können. Allerdings gilt dies nicht in der Dämmerung. Wenn es dunkler wird, werden Salmler langsamer und ruhiger. Sie werden damit dann zu einer leichteren Beute für die Blattfische. Fische der Gattung Nannostomus dagegen sind langsamere Schwimmer, die sich tagsüber nahe der Wasseroberfläche in flachem, ruhigem Wasser aufhalten und zwischen Ufervegetation und Pflanzenteilen Schutz suchen. Genau dort lauern dann aber meistens die Blattfische. So werden diese Fische auch bei Tag zu einer leichten Beute.

Die Größe spielt bei der Beutewahl natürlich auch eine gewisse Rolle. Catarino und Zuanon bestimmten auch die Größe der Beutetiere aus den Mägen und waren überrascht wie groß diese oft waren. Ein Beutetier konnte bis fast zu einem Drittel der Größe des Blattfischs haben, welcher es verspeist hatte, in einzelnen Fällen konnte das Beutetier sogar noch größer sein. Zwei extreme Fälle weist die Statistik der beiden Forscher auf: Ein Blattfisch von wenig mehr als 6 cm Länge hatte einen Fisch von fast 3,5 cm Länge verschlungen und ein anderer Blattfisch mit etwa 5 cm Länge hatte sich mit einer Beute von rund 3 cm Größe vollgestopft. In diesen Fällen und in jenen Fällen, in denen mehr als eine Beute im Magen aufgefunden wurde, war der Verdauungstrakt der Blattfische fast vollständig mit Nahrung gefüllt. Im Verhältnis zu ihrer Körpergröße machen Blattfische also ganz schön große Beute.


Bild 6: Dieses Bild zeigt sehr schön, wie weit der Blattfisch seine Kiefer vorstülpen kann. Im Ruhezustand sind sie im Grunde wie zusammengefaltet, weit aufgerissen ermöglichen sie dem Tier das Verschlingen vergleichsweise großer Beute. Quelle: http://www.eeb.yale.edu/layman/cinaruco.htm


Ausgefeilte Kiefermechanik. Dieses Fressverhalten könnten Blattfische gar nicht an den Tag legen hätten sie nicht eine so ausgefeilte Kiefermechanik. Schädel und Kiefer bestehen bei Fischen aus weitaus mehr Knochen als bei Menschen und anderen Landwirbeltieren. Und die Knochen übernehmen zum Teil auch noch andere Aufgaben. Das Maxillare zum Beispiel, das bei uns zum Beispiel ein wichtiger Teil des zahntragenden Oberkiefers ist, trägt beim Blattfisch keine Zähne, sondern ist Teil der Gelenkung mit dem restlichen Schädel. Das Prämaxillare liegt weiter vorne und bildet den eigentlichen zahntragenden Oberkiefer. Es besitzt ebenso wie die Unterkiefer eine Reihe kleiner, scharfer, nach hinten gebogener Zähne. Die Aufgabe dieser Zähne ist lediglich, zu verhindern, dass einmal gemachte Beute wieder nach vorne aus dem Maul entwischen kann – sie spielen also die Rolle von Widerhaken. Weiter hinten im Schädel sitzen Knochen, die bei uns Landwirbeltieren eine Rolle im Gaumendach spielen: Das Palatinum, der Ecto-und der Endopterygoid. Diese Knochen sitzen bei den barschartigen Fischen vor und unter dem Auge und besitzen ursprünglich eine Verbindung zum Quadratum, einem Knochen, mit dem der Unterkiefer gelenkt. Dieser gesamte Komplex wird bei Fischen Suspensorium genannt: Er verbindet die oberen und vorderen Bereiche des Schädels mit dem hinteren Bereich des Unterkiefers. Beim Blattfisch sind der Ecto-und der Endopterygoid reduziert, die Verbindung zum Palatinum ist in großen Teilen nur noch knorpelig. Dadurch gewinnt das Palatinum mehr Bewegungsfreiheit gegenüber dem Quadratum. Dies hat den Effekt, dass das Suspensorium bei einer Öffnung der Kiefer nach vorne rotieren und dabei das Palatinum den Oberkiefer nach vorne schieben kann. Das Maul wird dadurch geöffnet, dass der Unterkiefer über eine Reihe von Bändern, die an weiteren Knochenelementen hinter dem Auge ansetzen, nach hinten gezogen wird. Dieser Zug lässt den Unterkiefer um das Gelenk mit dem Quadratum rotieren – nach unten und hinten. Dies öffnet das Maul. Das Maxillare wird an seinem hinteren Ende nach unten und vorne gezogen (es bildet dann die seitliche Begrenzung der Maulöffnung) und sorgt mit seiner Gelenkung für eine Rotation des Prämaxillare. Dieser Bewegungsablauf steckt hinter dem blitzschnellen Vorstülpen des gesamten Maules und der Erweiterung der Mundhöhle. Es ist eine bemerkenswerte Anpassung, um große Beute schnell in den Schlund saugen und verschlingen zu können.

Bei modernen Knochenfischen, vor allem unter den Barschartigen, entwickelten sich ähnliche Modifikationen der Kiefermechanik mehrfach unabhängig voneinander – immer dann, wenn die Nahrungsaufnahme das rasche Einsaugen der Nahrungspartikel verlangte. Aber selten sind die Resultate so beeindruckend wie beim Blattfisch. Beim Blattfisch kann sich die Maulröhre, welche durch das Vorstülpen der Kiefer entsteht, bis zu etwa 60 % der gesamten Kopflänge ausdehnen. Dies erklärt dann auch, wie diese kleinen Räuber Beute vertilgen können, die manchmal ein Drittel oder gut die Hälfte ihrer eigenen Größe hat.



Bild 7: Ein Blattfisch erwischt bei einer „Trockenübung“ seiner Kiefermechanik. Man sieht sehr schön als seitliche Stütze das nach vorne gezogene Maxillare, wodurch die Mundröhre aufgespannt wird. Quelle: http://www.angels-place.ch



Bild 8: Wenn die übliche Taktik fehlschlägt, sind Blattfische in gewissem Rahmen lernfähig. Dieser hier lauert am Grund des Aquariums der Beute auf. Quelle: http://www.veloofahren.ch


Brut. Über die Vermehrung der Blattfische sind nur wenige Angaben zu finden, obwohl die Tiere auch schon in öffentlichen Aquarien und von Privathaltern in Gefangenschaft vermehrt wurden. Wenn die Tiere paarungsbereit werden, sind die Männchen anscheinend etwas kräftiger gefärbt. Die Weibchen werden durch die Bildung der Eier im Körper etwas rundlicher, außerdem sollen sie einen Fortsatz zur Eiablage (Ovipositor) an ihrer Kloake ausbilden. Äußerlich kann man die Geschlechter bei dieser Art nur in dieser Phase unterscheiden. Ansonsten sind die Geschlechter der Blattfische äußerlich nicht zu unterscheiden.

Die Eier werden an der Unterseite von möglichst großen Pflanzenblättern abgelegt. Die Eier, bis zu 300 an der Zahl, sind kaum größer als etwas über einen Millimeter, weißlich durchsichtig und klebrig. So bleibt das Gelege an der Unterseite des ausgewählten und vorher vom Weibchen gesäuberten Blattes kleben. Das Männchen bewacht das Gelege nach dem Ablaichen, hält es sauber und fächelt Frischwasser zu. Die Jungen schlüpfen je nach Wassertemperatur nach 3 bis 4 Tagen und sind dann nur wenige Millimeter groß. Sie besitzen dann noch einen großen Dottersack und sinken auf den Gewässergrund, wo sie die ersten Tage bleiben, bis der Dottersack aufgebraucht und sie selber besser bei Kräften sind. Wenn sie dann etwas aktiver werden, machen sie erstmals Jagd – auf kleine Wirbellose wie kleine Krebschen und ähnliches. Schon die jungen Blattfische fangen ihre Beute durch das blitzschnelle Vorstülpen der Kiefer und den dabei entstehenden Sog. Wenn die Tiere eine Größe von etwa 2 cm erreichen, stellen sie ihre Ernährung auf Fische um. Wie die Feldforschung von Catarino und Zuanon gezeigt hat, bleiben Wirbellose aber noch eine ganze Weile eine gute Ergänzung der Nahrungspalette, bevor die voll ausgewachsenen Blattfische nur noch Fische jagen. Geschlechtsreif werden Blattfische bei einer Größe von etwa 4 cm. Zumindest in Gefangenschaft werden die Tiere bis zu 9 Jahre alt.




Bild 9: Dieser Blattfisch bewacht das Gelege, welches an die Blattunterseite geheftet ist. Quelle: http://www.veloofahren.ch



Bild 10: Ein wenige Tage alter Blattfisch, der mit Artemia-Larven angefüttert wird. An der Körperunterseite beult noch der letzte Rest des Dottersacks aus, aber der Körper beginnt schon langsam Färbung anzunehmen. Quelle: http://www.veloofahren.ch


Haltung von Blattfischen. Blattfische können tatsächlich im Aquarium gehalten werden, auch privat. Allerdings sind sie absolut nichts für Anfänger. Zunächst einmal erfordern Blattfische ein großes Aquarium, ein Paar braucht mindestens ein 80-cm-Aquarium, besser größer. So um die 100 l sollten hineinpassen. Die Beckenausstattung sollte reichlich Bepflanzung umfassen, am besten Wasserpflanzen mit großen Blättern. Die Tiere müssen genügend Verstecke haben und die Beleuchtung sollte möglichst diffus sein. Zu den Wasserwerten gibt es unterschiedliche, leicht schwankende Angaben, doch sollte das Wasser am besten weich oder nicht zu hart sein und der pH-Wert relativ neutral bei 5 bis 7 liegen. Die Wassertemperatur wird meist mit stabilen 25 bis 28 Grad Celsius angegeben.

Das größte Problem beim Halten von Blattfisch ist die Ernährung. Diese Fische kann man nur mit lebendem Futter ernähren und das bedeutet bei erwachsenen Exemplaren – andere kleine Fische. Man muss also im Grunde zusätzlich zu den Blattfischen noch andere Fische wie zum Beispiel Guppys halten, die sich gut und leicht vermehren und damit als Futterquelle dienen können. Dies ist gerade für Privathalter eine platztechnische Herausforderung. Sollte die Nachzucht gelingen, können die Jungtiere mit Larven von Artemia-Krebschen und Mückenlarven angefüttert werden, bis sie groß genug sind, um auf Fische umzusteigen. Aber auch hier ist Lebendfutter angesagt.

In der Aquaristik sind Blattfische seit inzwischen rund 100 Jahren vertreten. Erstmals als Aquarienfisch eingeführt wurde diese Art im Jahre 1912 von einem Hamburger Händler.

 

Literatur.

Catarino, M. F. & Zuanon, J. 2010. Feeding ecology of the leaf fish Monocirrhus polyacanthus (Perciformes: Polycentridae) in a terra firme stream in the Brazilian Amazon. – Neotropical Ichthyology 8, No. 1: 183-186.

Eigenmann, C.H. & Allen, W. R. 1921. A leaf mimicking fish. – Contribution from the Zoological Laboratory of Indiana University 183:301-305.

Motta, P. J. 1984. Mechanics and Functions of Jaw Protrusion in Teleost Fishes: A Review. – Copeia 1984, No. 1: 1-18.

Petrovický, I. 1993 (deutsche Ausgabe). Die große Enzyklopädie der Aquarienfische. Karl Müller Verlag. (Tschechische Originalausgabe von 1988).

Wainwright, P.C., Smith, W.L., Price, S.A., Tang, K.L., Sparks, J.S., Ferry, L.A., Kuhn, K.L., Eytan, R. I. & Near, T.J. 2012. The Evolution of Pharyngognathy: A Phylogenetic and Functional Appraisal of the Pharyngeal Jaw Key Innovation in Labroid Fishes and Beyond. – Systematic Biology 61: 1001-1027.

Waltzek, T.B. & Wainwright, P.C. 2003. Functional Morphology of Extreme Jaw Protrusion in Neotropical Cichlids. – Journal of Morphology 257: 96-106.

http://aquaworld.netfirms.com/Other/Monocirrhus_polyacanthus.htm

http://www.seriouslyfish.com/species/monocirrhus-polyacanthus/

http://www.veloofahren.ch/Aquarium/blattfische.htm