Pirats Bestiarium: St.-Helena-Riesenohrwurm (Labidura herculeana)

St.-Helena-Riesenohrwurm (Labidura herculeana (Fabricius, 1798))

 

Namensbedeutung. Den Artnamen vergab der dänische Zoologe Johann Christian Fabricius, der sich auf Insekten, Krebstiere und dergleichen spezialisiert hatte. Herculeana leitet sich von dem Namen des Helden Herakles (lateinisch: Herkules) der griechischen Mythologie ab und bedeutet in etwa „herkulisch“ im Sinne von „groß“. Dies bezog sich auf die verblüffende Größe dieser Art. Fabricius ordnete die Art damals noch der bereits von Linnaeus aufgestellten Gattung Forficula (lateinisch für „kleine Schere“) zu, zu der auch der in Deutschland heimische Gemeine Ohrwurm (Forficula auricularia) zählt. Erst später zeigte sich, dass die Art zu einer anderen Gattung Ohrwürmer gehört, die 1815 von dem britischen Zoologen William E. Leach als Labidura beschrieben wurde, was sich mit „Zangenschwanz“ übersetzen lässt und ebenso wie der andere Gattungsname auf die zangenartigen Anhänge am Körperende der Tiere anspielt.

Synonyme. Forficula herculeana, Labidura loveridgei.

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Protostomia; Ecdysozoa; Panarthropoda; Arthropoda; Euarthropoda; Mandibulata; Pancrustacea; Hexapoda; Insecta; Dicondylia; Pterygota; Metapterygota; Neoptera; Polyneoptera; Dermaptera; Neodermaptera; Epidermaptera; Labiduridae; Labidura.

Die Forschung hat in den letzten 25 Jahren enorme Fortschritte dabei gemacht, die Verwandtschaftsbeziehungen der Gliederfüßer (Arthropoda) im Allgemeinen und der Insekten (Insecta) im Besonderen aufzuklären. Dabei gab es gleich mehrere Überraschungen. Die fundamentalste war vielleicht, dass sich zunehmend herausstellte, dass die Arthropoda nicht mit den Gliederwürmern (Annelida, dazu gehört zum Beispiel der Regenwurm) verwandt waren, wie man traditionellerweise dachte. Vielmehr haben die Arthropoda mit den Fadenwürmern und einigen anderen kleinen Gruppen einen gemeinsamen Vorfahren und bilden mit diesen die Gruppe der Ecdysozoa (manchmal auch umgangssprachlich Häutungstiere genannt). Bei der Aufklärung dieser Verwandtschaftsbeziehungen spielten tatsächlich molekularbiologische Analysen eine gewichtige Rolle. Ganz ähnlich verhielt es sich bei der jüngsten und noch größeren Überraschung. Seit Jahrzehnten war nicht klar, welche andere Arthropodengruppe – Spinnentiere, Tausendfüßler oder Krebstiere – die nächsten Verwandten der Insekten sind. Für fast jedes Schwesterngruppenverhältnis gab es gute Argumente. Erst in jüngster Zeit gaben Erkenntnisse aus der Molekularbiologie inklusive Genanalysen und aus der Neurobiologie den Ausschlag: Die nächsten Verwandten der Insekten sind – die Krebstiere (Crustacea). Beide Gruppen sind aber nicht nur Schwestergruppen, sondern Insekten sind selber Krebstiere. Sie bilden einen hoch abgeleiteten Seitenzweig der Krebstiere, der sich auf das Leben an Land spezialisiert hat. Die neue monophylethische Gruppe aus Krebsen und Insekten wird nun als Pancrustacea bezeichnet, um Verwechslungen mit dem traditionellen Begriff Crustacea zu verhindern.

Innerhalb der Insekten gehört die Gruppe der Ohrwürmer (Dermaptera) zu den Polyneoptera, einer frühen Abspaltung der modernen geflügelten Insekten, die sich rasch in verschiedene Gruppen aufspaltete – darunter auch die Grillen, Heuschrecken, Schaben, Fangschrecken und andere ähnliche Gruppen.

Verbreitung. Der St.-Helena-Riesenohrwurm ist – oder war, muss man wohl sagen – auf die Insel St. Helena im südlichen Atlantik beschränkt. Die wesentlichen Standorte der Nachweise konzentrierten sich alle auf den Osten und Nordosten der Insel, vor allem um die Prosperous Bay.

 

 

Bild 1: Die Insel St. Helena. Der St.-Helena-Riesenohrwurm kam vor allem im Nordosten der Insel vor, nahe der Prosperous Bay. Quelle: Wikipedia.



Bild 2: Johann Christian Fabricius, der dänische Zoologe, der den St.-Helena-Riesenohrwurm als erster beschrieb. Quelle: Wikipedia.


Entdeckt – und fast vergessen. Die Forschungsgeschichte des St.-Helena-Riesenohrwurms ist, gelinde gesagt, keine Meisterleistung der Wissenschaft gewesen. Alles begann Ende des 18. Jahrhunderts mit Johann Fabricius, einem dänischen Zoologen, der eine Zeit lang Student bei Linnaeus war und durch diesen inspiriert die Erfassung der damals bekannten Insektenarten vorantrieb. Seit 1776 war Fabricius Professor an der Universität Kiel. Von dort aus unternahm er zahlreiche Reisen in andere Epizentren der aufstrebenden naturwissenschaftlichen Forschung, etwa Paris und London. Dies ermöglichte ihm Zugang zu den dort angelegten großen entomologischen (insektenkundlichen) Sammlungen. Hatte Linnaeus gerade einmal 3000 Insektenarten beschrieben, benannte Fabricius bis zu seinem Tode im Jahre 1808 9776 Insektenspezies, von denen die meisten heute noch gültig sind. Im Sommer reiste er ziemlich oft nach London. Hier stieß er wohl auch – ich habe dazu keine Angaben gefunden, halte es aber für wahrscheinlich – auf das erste Exemplar des St.-Helena-Riesenohrwurms. Die Insel war damals schon in britischem Besitz. Das einzige Exemplar fiel bereits durch seine für Ohrwürmer enorme Größe auf. Fabricius erkannte es ganz richtig als neue Art, die er in einem seiner Werke 1798 beschrieb. Das Typusexemplar befindet sich heute in dem Teil der alten Fabricius-Sammlung, die in Kopenhagen verwahrt wird.

Man sollte meinen, dass sich dann doch irgendein interessierter Naturforscher der Sache nochmal genauer angenommen hätte. Das war aber nicht der Fall. Was vielleicht auch daran lag, dass Ohrwürmer nie so die großen Stars in der Forschung waren. Jedenfalls tauchte das zweite von der Wissenschaft zur Kenntnis genommene Exemplar erst 1913 auf. Damals sammelte der französische Naturforscher Guy Babault auf St. Helena verschiedene Insekten, darunter auch einen der Riesenohrwürmer. Dieses Exemplar befindet sich heute im Muséum national d’histoire naturelle in Paris. Auch dies gab keinen Anstoß zu einer genaueren Erforschung dieser bemerkenswerten Inselform. Im Gegenteil. Nur wenige Jahre später kamen die beiden britischen Entomologen Malcolm Burr und William Forsell Kirby zu dem Schluss, der St.-Helena-Riesenohrwurm wäre mit einer anderen Art, dem Sandohrwurm (Labidura riparia) identisch. Dieser kommt in verschiedenen Unterarten weltweit vor, übrigens auch auf St. Helena, ist also so etwas wie ein Allerweltsohrwurm. Wie Burr und Kirby jedoch darauf kamen, dass Sandohrwürmer und St.-Helena-Riesenohrwürmer die gleiche Art wären bleibt bis heute schleierhaft und ist nicht mehr nachvollziehbar. Durch dieses Fehlurteil geriet die Art erst einmal in Vergessenheit.

1962 arbeiteten die beiden Ornithologen, also Vogelkundler, Douglas Dorward und Philip Ashmole auf St. Helena. Als sie an der Prosperous Bay, einer von Steilhängen überragten Bucht im Nordosten St. Helenas, gerade Vogelknochen suchten, entdeckten sie auch einige in dem trockenen Gelände gut erhalten herumliegend Zangen. Und die waren ziemlich groß. Sie vermuteten ganz richtig, dass es sich um die Zangen von Ohrwürmern handeln musste, was ihnen der Zoologe Arthur Loveridge bestätigte. Loveridge war Brite, eigentlich eher Herpetologe (also Experte für Reptilien und Amphibien) und lebte in seinem Ruhestand auf St. Helena mit seiner Frau. Er konnte also Ohrwürmer als solche identifizieren, aber er konnte nicht wissen, dass es eine verschollene Riesenart dieser Gruppe auf der Insel gab. Auch die beiden Ornithologen wussten das nicht und anscheinend erinnerte sich auch sonst keiner mehr daran. Die riesenhaften Zangen wurden als neue Art beschrieben, Labidura loveridgei.




Bild 3: Das Typusexemplar, aufgrund dessen Fabricius die Art beschrieb. Heute wird es in Kopenhagen aufbewahrt. Abstand zwischen den Linien rechts im Bild: 5 mm. Quelle. http://www.earwigs-online.de/Lherculeana/Lherculeana.html /ZMUC, Kopenhagen.


Kurze Wiederentdeckung. 1965 war St. Helena das Ziel einer belgischen Entomologen-Expedition. Dieses Mal fanden die Forscher bei Horse Point, einer Erhebung am nördlichen Rand der Prosperous Bay, gleich fünf Individuen des St.-Helena-Riesenohrwurms unter einem Felsbrocken. Diese identifizierten sie zunächst als Labidura loveridgei, bis einem von ihnen bei der Literaturrecherche auffiel, dass es sich tatsächlich um Labidura herculeana handeln müsse – und beide Arten offensichtlich identisch sind. Nach den nomenklaturischen Regeln hat der zuerst vergebene Artname in diesem Fall Priorität. Leider verwandte diese Expedition wenig Zeit darauf, die Lebensweise des St.-Helena-Riesenohrwurms genauer zu studieren. Man sammelte lediglich im Nordosten und Osten der Insel insgesamt 40 Exemplare. Anscheinend hat niemand darüber nachgedacht, dass ein Verlust von 40 Individuen für diese rare Art bereits bedrohlich sein könnte. Die Expedition blieb zwei Jahre auf der Insel und ihr Leiter, Dr. Leleup, veröffentliche 1970 seine Ergebnisse. Er und seine Mitarbeiter sind derzeit die offiziell letzten Menschen, die einen lebenden St.-Helena-Riesenohrwurm gesehen haben und das war 1967.

Erst 20 Jahre später, interessierte man sich wieder mehr für den Krabbler. Inzwischen waren Inselarten und ihre Verbreitung ein heißes Forschungsfeld, da ihre Evolution Einblicke in die Mechanismen der Artbildung versprach. Da fiel auf, dass niemand mehr seit geraumer Zeit, das Viech gesehen hatte. Der Londoner Zoo initiierte eine Suche, das Projekt Herkules, unter der Leitung von Paul Pearce-Kelly, der zusammen mit einem Kollegen zwei Expeditionen nach St. Helena unternahm, mit der klaren Zielsetzung, den Ohrwurm zu finden. Doch beide Expeditionen, 1988 und 1993, waren erfolglos. Sie fanden keinerlei Spur. Philip Ashmole nahm sich ebenfalls wieder Sache an und suchte an der alten Fundstelle bei der Prosperous Bay nach dem Tier. Er fand dort 1995 tatsächlich die Zange eines Weibchens in den Resten einer alten Seevogelkolonie. Doch diese lag wohl schon länger dort, war bereits subfossil, erhalten geblieben durch das trockene Klima und den Guano. Weitere Suchen Ashmoles in den Jahren 2000 und 2003 blieben ebenfalls erfolglos. Das Gleiche gilt für eine Suchaktion im Jahre 2005 durch Howard Mendel.

Eine bange Frage stellt sich dementsprechend: Existiert der St.-Helena-Riesenohrwurm überhaupt noch? Eine gute Frage. Die IUCN listet die Art seit 1994 als „critical endangered“, also als vom Aussterben bedroht. In Fachkreisen gilt die Art mindestens als verschollen und Ashmole selber vermutete bereits im Jahr 2000, dass der St.-Helena-Riesenohrwurm ausgestorben ist. Demnach müsste er irgendwann zwischen 1967 und 1988 verschwunden sein. Und das, noch bevor jemand die Art eingehend untersuchte. Also – was wissen wir überhaupt?




Bilder 4 und 5: Dieses Exemplar wird heute in Paris aufbewahrt. Die stark gezackten Zangen kennzeichnen es als Männchen. Quelle: http://www.earwigs-online.de/Lherculeana/Lherculeana_Paris.html /MNHN Paris.


Aussehen. Nun, man weiß wenig über den St.-Helena-Riesenohrwurm. Seine Lebensweise wurde nie vollständig aufgeklärt und am meisten weiß man eigentlich noch darüber, wie er aussah. Kein Wunder, es gibt ja genügend Museumsexemplare. Die Tiere waren in der Tat sehr groß – laut dem Wissenschaftsjournalisten David Quammen handelte es sich um den größten „und ohne Frage abstoßendsten Vertreter der Ordnung Dermaptera“. Das größte Exemplar hatte eine Länge von 84 mm, wovon 34 mm auf die Zange entfielen (zum Vergleich: Der nächste Verwandte, der erwähnte Sandohrwurm, erreicht gerade einmal 28 mm Gesamtlänge!). Bei der Zange handelt es sich – wie bei allen Ohrwürmern – um abgewandelte Hinterleibsanhänge (Cerci), die beim St.-Helena-Riesenohrwurm besonders groß und stark sklerotisiert sind (das Außenskelett der Insekten besteht aus Chitin und Sklerotin, eine Verstärkung der Panzerung erfolgt meistens über eine verstärkte Einlagerung von Sklerotin). Dadurch bleiben sie so gut erhalten, dass eine Zange 1995 noch subfossil gefunden werden konnte. Die Weibchen besitzen nur eine Zacke in der Mitte der Zange, während die Männchen richtig gesägte Zangenhälften besitzen. Die Enden sind schwach nach innen gebogen. Der allgemeine Körperbau entspricht dem der durchschnittlichen Ohrwürmer. Der Kopf vorne ist relativ klein, trägt ein Paar Augen und zwei lange Fühler, bei den Kiefern handelt es sich um beißende Mundwerkzeuge. Der Brustbereich (Thorax) ist relativ kurz, die drei Beinpaare sind als reine Laufbeine ausgebildet. Daran schließt sich ein länglicher, segmentierter Hinterleib an, der den Tieren das entfernt wurmartige Aussehen verleiht, obschon sie mit Würmern nichts zu tun haben. Auf dem Thorax liegen rückseitig die Vorderflügel auf. Diese sind kurz und verdickt, sie bilden ledrige Decken. Bei den in Deutschland heimischen Ohrwürmern sind unter ihnen die dünnhäutigen Hinterflügel zusammengefaltet. Diese hat der St.-Helena-Riesenohrwurm jedoch gänzlich verloren – diese Art war flugunfähig.

Auffallend ist die sehr dunkle Färbung des St.-Helena-Riesenohrwurms – ein tiefes Dunkelbraun, manche Exemplare sind fast schwarz. Die Beine sind dabei immer etwas heller, mehr rötlich-rostfarben bis kastanienbraun. Ähnlich wie bei anderen Ohrwürmern sahen die Larvenstadien, die Nymphen, den erwachsenen Tieren bereits sehr ähnlich, nur mit schwächeren Zangen und etwas hellerer Färbung. Bei Ohrwürmern vollzieht sich der Übergang zum erwachsenen Tier über verschiedene Häutungsstadien, ohne Verpuppung.

Ein Leben mitten im Nirgendwo. St, Helena ist eine der am meisten abgelegenen Orte der Welt. Sie liegt mitten im Südatlantik, auf 15°57‘ südlicher Breite. Bis zur westafrikanischen Küste sind es 1859 km, bis zur Küste Südamerikas 3286 km. Die Insel liegt mitten in einem bis zu 6000 m tiefen Meeresbecken und ist vulkanischen Ursprungs. Ein sogenannte Hotspot - also an einem Ort stark nach oben dringendes Magma, das zu starker vulkanischer Aktivität führt – hat hier etwas abseits des Mittelozeanischen Rückens mehrere unterseeische Vulkane gebildet und einer davon tauchte vor etwa 14 Millionen Jahren als St. Helena aus dem Meer auf. Damit ist die Insel ganz ähnlich wie Hawaii entstanden. Der felsige, basaltische Untergrund bildet bis heute eine atemberaubende Landschaft, zerklüftet von den wenigen Wasserläufen, Wind und Wetter. Gerade an der Küste bilden die vulkanischen Gesteine beeindruckende Formationen. Die Eruptionen auf St. Helena hielten einige Millionen Jahre an, doch haben Hotspots eine Eigenschaft: Sie bleiben stationär, während die Kontinentalplatte, in diesem Fall die afrikanische, sich über sie hinwegbewegt. Dadurch ergeben sich die kettenförmigen Anordnungen der erzeugten Vulkane. Vor 7,5 Millionen Jahren erfolgte der letzte Ausbruch bei St. Helena und fünf Millionen Jahre später erfolgte die letzte Aktivität des Hotspots, diesmal weiter südwestlich. Der Vulkan auf St. Helena ist also erloschen. Heute ist die Insel 15 km lang und 11 km breit.




Bild 6: St. Helena liegt mitten im Südatlantik. Quelle: http://www.thenrgroup.net/theme/sthelena.htm


Auf dieser Insel also lebte der St.-Helena-Riesenohrwurm. Das Klima war günstig. Auf St. Helena ist es, mit gewissen jahreszeitlichen Schwankungen, warm und mild, aber trotz der tropischen Lage auch nicht zu heiß: Ein steter Wind und der kalte Benguela-Strom im Südatlantik bringen die nötige Abkühlung. Im Zentrum der Insel, welches bergig und höher gelegen ist, sind die Temperaturen am niedrigsten, hier fallen sie selten bis knapp über 10° Celsius. Hier fallen auch die meisten Niederschläge. Die Küstenbereiche sind wärmer, hier werden die Maximaltemperaturen von fast 30° Celsius im Sommer erreicht, und trockener. Der St.-Helena-Riesenohrwurm lebte in einem solchen warmen und trockeneren Küstengebiet. Dort gab es auch die Gumwood-Wälder. Gumwood werden eine Reihe von Baumarten genannt, die ebenfalls nur auf St. Helena vorkommen. Im Deutschen nennt man sie manchmal Gummiholz-Bäume. Diese Bäume wachsen mit wenigen Verzweigungen und relativ breit bis in eine Höhe von fünf bis acht Metern und bilden lockere Baumbestände in den trockeneren Gebieten St. Helenas. Sie besitzen große, dicke Blätter. Es scheint so, dass diese Baumbestände der bevorzugte Lebensraum des St.-Helena-Riesenohrwurms waren. Vermutlich ernährte sich der Ohrwurm vor allem von Pflanzenteilen. Daneben scheint der St.-Helena-Riesenohrwurm zumindest teilweise auch in der Nähe oder in Seevogelkolonien direkt an der Küste vorgekommen zu sein. Möglicherweise ernährte er sich hier von den Hinterlassenschaften der Seevögel – pflanzliches Nestmaterial, Nahrungsreste, Kadaver. Aber das bleibt eine Vermutung! Man weiß allerdings, dass der St.-Helena-Riesenohrwurm tief in die Erde oder unter Felsen gegrabene Gänge bewohnte, die er nur bei Regen und in der Nacht verließ. Vermutlich legten die Tiere in solche Grabgänge auch ihre Eier ab. Da man von den meisten anderen Ohrwurmarten weiß, dass diese Brutpflege betreiben, wird dies auch für den St.-Helena-Riesenohrwurm angenommen. Beobachtet wurde es jedoch nie. Daher weiß man leider auch nichts über die Reproduktionsrate des Tieres. Die Zangen dienten vermutlich zum Teil zur Verteidigung, hatten ihren Hauptzweck vermutlich jedoch auch bei der Paarung als Halteorgan. Auch dies kann aus dem Verhalten verwandter Arten erschlossen werden.

Wo kam er her? Eine Frage stellt sich natürlich: Wie kam der Bursche nach St. Helena. Die Insel liegt sehr abgelegenen und der St.-Helena-Riesenohrwurm konnte nicht fliegen. Wissenschaftler nehmen aber an, dass der Vorfahre des St.-Helena-Riesenohrwurms sehr wohl fliegen konnte. Die anscheinend nächste verwandte Art ist der Sandohrwurm. Dieser ist kosmopolitisch verbreitet. Es wurde noch nicht nachgewiesen, dass diese Art fliegen kann, doch besitzt sie ausgebildete Flügel und Flugmuskulatur, weshalb manche Forscher annehmen, dass ein Teil der Tiere durchaus fliegen kann. Möglicherweise verschlug es vor mehreren Millionen Jahren ein paar Exemplare (oder vielleicht auch nur ein Weibchen, das kurz zuvor begattet worden war und nun Eier legte) mit einem Sturm auf die Insel. Diese hätten dann die Gründerpopulation gebildet. Solche Populationen auf Inseln sind immer eine bemerkenswerte Sache. Normalerweise brauchen Veränderungen durch Mutationen ihre Zeit, um sich innerhalb der Gesamtpopulation einer Art auszubreiten und durchzusetzen – wenn ihnen das überhaupt gelingt. Der große Genpool einer ganzen Art ist normalerweise so stark durchmischt, dass Unterschiede nivelliert werden. Damit sich etwas merklich tut und eine neue Art entstehen kann, braucht man Isolierung. Eine Gründerpopulation auf einer Insel ist genau das – isoliert. Und sie besitzt lediglich eine Stichprobe aus dem Genpool der Hauptpopulation, keinen repräsentativen Querschnitt. Das bedeutet, dass sich hier bereits Veränderungen bemerkbar machen können, die in der Hauptpopulation schlicht untergegangen wären. Und künftige Mutationen verbreiten sich schneller, da die Inselpopulation kleiner ist. Deshalb geht Evolution auf Inseln häufig so schnell!

Interessanterweise werden kleine Tierarten auf Inseln oft größer, große oft kleiner. Die Gründe dafür sind komplex und noch nicht abschließend verstanden. Zumindest bei den ursprünglich großen Arten scheint der Energiehaushalt eine Rolle zu spielen. Der St.-Helena-Riesenohrwurm gehört freilich zu der anderen Sorte: Eine eigentlich kleine Art wurde verblüffend groß. Die Größenzunahme zum angenommenen Vorfahren beträgt hier (wenn man von der Größe häutiger Sandohrwürmer ausgeht) fast 150 %. Möglicherweise konnte der Riesenohrwurm so groß werden, weil gleich mehrere Faktoren auf der Insel sehr günstig waren: Optimales Klima (warm und trocken), wenig Konkurrenz bei der Nahrung, wenige Fressfeinde. Da die Gefahr, von einem Feind entdeckt zu werden geringer war, konnte sich der Riesenohrwurm seine auffallende Größe leisten. Einhergehend damit verlor er seine Flugfähigkeit – welch bemerkenswerte Parallele zu vielen Inselvogelarten, die wohl auf die gleichen Gründe zurückzuführen ist.

Interessanterweise kommen heute noch drei andere Ohrwurmarten auf St. Helena vor – alle drei weltweit verbreitete Arten, darunter auch der Sandohrwurm. Sie sind alle in deutlich jüngerer Zeit auf die Insel gelangt als die Gründerpopulation des St.-Helena-Riesenohrwurms und lassen sich von ihren Verwandten auf dem Festland auch kaum unterscheiden. Angeblich sollen sich die Sandohrwürmer auch auf St. Helena nicht in den Lebensräumen aufgehalten haben, die der St.-Helena-Riesenohrwurm bevorzugt (oder besser: bevorzugte). Das würde bedeuten, dass sich der Riesenohrwurm an einen vergleichsweise begrenzten Lebensraum angepasst hatte, der für andere Ohrwürmer dann nicht mehr zu besiedeln war – denn er war bereits besetzt. Ein aktueller Vergleich um diesen Befund zu bestätigen ist jedoch nicht mehr möglich.




Bild 7: Ein Gumwood-Wald auf St. Helena, einer der wenigen noch existenten. Quelle: http://sthelenaonline.org/2012/11/07/thefts-hit-effort-to-revive-endangered-island-plants/ & John Grimshaw.


Was passierte? Da die Wissenschaft zunächst ja nicht einmal mitbekam, dass unter ihrer Nase der St.-Helena-Riesenohrwurm ausstarb, sind auch die Gründe hierfür nicht restlos geklärt. Allerdings gibt es eine gewisse Vorstellung, was wahrscheinlich passiert ist. Demnach fällt der St.-Helena-Riesenohrwurm auch unter die Arten, die durch die Gedankenlosigkeit der Menschen untergingen.

Die Insel St. Helena war ewig lange unbewohnt. Erst 1502 wurde sie von den Portugiesen entdeckt und zunächst geheim gehalten. Später ging sie erst in niederländischen, dann britischen Besitz über. Die Insel war für die Seefahrernationen ein wichtiger Stützpunkt mitten im Atlantik. Viele Einwohner hatte sie natürlich nie, auch heute sind es keine 4300. Aber die Menschen brachten Neuankömmlinge mit auf die Insel: Mäuse, Ratten und Ziegen. Ziegen sind unglaublich gründliche Weidegänger, die Vegetation stark schädigen können. Die verwilderten Ziegen auf St. Helena wurden auch prompt zu einem Problem in den Gumwood-Wäldern. Dieses wurde noch dadurch verschärft, dass die Siedler die verbliebenen Bäume fällten um Bau-und Brennholz zu gewinnen. Wenigstens eine Gumwood-Baumart wurde ausgerottet, von den anderen existieren heute nur noch Restbestände. Gerade auch im Osten der Insel wurden die meisten dortigen Wälder zerstört, dort wo der St.-Helena-Riesenohrwurm lebte. Die heute oberhalb der Prosperous Bay existierende Busch-und Gestrüpp-Flora ist neueren Datums und besteht zum Teil aus ursprünglich nicht auf der Insel heimischen Pflanzen. Dazu kam, dass die eingeschleppten Nagetiere möglicherweise mit dem großen Ohrwurm ihren Speiseplan ergänzten. Der mögliche Todesstoß kam im 20. Jahrhundert, als man auch noch einen afrikanischen Hundertfüßer, Scolopendra morsitans, einschleppte, der dem Ohrwurm in seinem eigenen Lebensraum Konkurrenz machte – und diesen wohl auch jagte. Diesen verschiedenen Faktoren aus unterschiedlichen Richtungen konnte der St.-Helena-Riesenohrwurm nichts entgegensetzen. Möglicherweise war es vor dem Hintergrund dann auch nicht sonderlich hilfreich, dass die letzten Forscher, die diese Art lebend sahen, in nur zwei Jahren 40 Exemplare einsammelten und damit aus der damals vermutlich bereits stark geschrumpften Population entfernten. Ob der St.-Helena-Riesenohrwurm jemals wirklich häufig war, weiß auch niemand. Vielleicht war er schon immer selten. So oder so war er als Art sehr verwundbar, da er auf der sowieso schon begrenzten Insel ein noch weiter begrenztes Verbreitungsgebiet in einem limitierten Lebensraum bewohnte.

Ironischerweise bekommt der St.-Helena-Riesenohrwurm heute mehr Aufmerksamkeit als noch zu Lebzeiten. Seit den 1980er Jahren wurden Briefmarken mit seinem Abbild herausgebracht und noch vor wenigen Jahren kämpften Umweltaktivisten gegen den Bau des ersten internationalen Flughafens auf St. Helena, auch um den Lebensraum des vielleicht ja doch noch existierenden Ohrwurms zu retten. Der Flughafen soll nämlich auch auf den Ebenen im Osten der Insel entstehen. Und natürlich könnte sich dieses Megaprojekt auch zum Todesstoß für andere auf der Insel endemische (also nur dort siedelnde) Arten entwickeln. Aber zumindest für den Riesenohrwurm kommt die vermeintliche Hilfe vermutlich zu spät. In einem Referendum stimmte eine deutliche Mehrheit der Inselbewohner inzwischen für den Bau des Flughafens, dessen Eröffnung für 2015 vorgesehen ist.

 

Literatur.

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http://de.wikipedia.org/wiki/St.-Helena-Riesenohrwurm

http://en.wikipedia.org/wiki/St._Helena_Earwig_(Labidura_herculeana)

http://theholoceneextinctionevent.wordpress.com/tag/saint-helena-gumwood/

http://www.earwigs-online.de/Lherculeana/Lherculeana.html

http://www.globaltrees.org/tp_gumwood.htm