Pirats Bestiarium: Hausera hauseri

Plattwürmer

 

Hausera hauseri Leal-Zanchet & Souza, 2014

 

 

Namensbedeutung

Das brasilianische Forscherteam, welches diesen Plattwurm entdeckte, zeichnete sich bei der Benennung jetzt nicht gerade durch Kreativität aus. Beide Namensteile ehren den ungarischen Zoologen Josef Hauser SJ (1920-2004). Hauser war Jesuit – daher auch sein Namenszusatz SJ, der für Societas Jesu steht. Nicht nur galt seine große Forscherleidenschaft den Plattwürmern, Hauser gründete auch (zusammen mit anderen Mitstreitern) nach seiner Auswanderung nach Brasilien in den 1950er Jahren die dortige bis heute von Jesuiten geführte Universidade do Vale do Rio dos Sinos (UNISINOS) in São Leopoldo im Süden des Landes. Die beiden Hauptautorinnen der Erstbeschreibung von Hausera hauseri, Ana Maria Leal-Zanchet und Stella Teles de Souza, stammten beide von dieser Universität. Damit gab es gleich zwei gewichtige Gründe, Hauser für sein Wirken und Schaffen durch die Benennung einer neuen Art zu ehren.

 

Verwandtschaftsbeziehungen

Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Protostomia; Platytrochozoa; Rouphozoa; Plathelminthes; Rhabditophora; Adiaphanida; Tricladida; Dimarcusidae; Hausera.

 

Nach langer Zeit haben lernen wir hier einen weiteren Plattwurm kennen – nachdem wir vor fünf Jahren bereits den Acropora-Strudelwurm (Amakusaplana acroporae) näher betrachteten. In diesen fünf Jahren hat sich einiges in Bezug auf die Phylogenie der Plattwürmer getan. Dies zwingt mich hier zu einigen Änderungen. Aber der Reihe nach, damit wird die Übersicht nicht verlieren. Daher in mehreren Punkten:

 

1. Wer ein gutes Gedächtnis hat, erinnert sich vielleicht, dass ich beim Acropora-Strudelwurm noch der Ansicht gefolgt bin, dass die Plattwürmer zusammen mit einigen anderen Gruppen den basalen Zweig der Platyzoa innerhalb der Lophotrochozoa (wir kennen diese bereits in Form der Mittelmeer-Pilgermuschel (Pecten jacobaeus), der Schleierschnecke (Tethys fimbria) und des Vampirtintenfischs (Vampyroteuthis infernalis)) bildeten. Nun hat sich herausgestellt, dass die Platyzoa paraphyletisch sind – also eine Reihe von unabhängig voneinander von der Hauptlinie abzweigende Nebenlinien darstellen. Lediglich mit den Bauchhaarlingen (Gastrotricha) sind die Plattwürmer dann doch nahe genug verwandt, um beide als Rouphozoa zusammenzufassen.

2. Die Rouphozoa werden nun eher als Schwestergruppe zu den Lophotrochozoa gesehen. Zusammen werden beide Linien als Platytrochozoa zusammengefasst. Bei allen vorgestellten Lophotrochozoa muss man sich diesen Begriff nun vorangestellt denken. Diese Zusammenhänge wurden vor allem auch wieder über ständig verbesserte genetische Analysen herausgefunden.

3. Dieses neue Konzept sieht die Platytrochozoa zusammen mit weiteren basalen Gruppen gelegentlich in der Gruppe der Spiralia zusammengefasst. Dieser Begriff existiert bereits seit 1929, um mehrere Linien zusammenzufassen, denen gemeinsam ist, dass sich die befruchtete Eizelle in den ersten Entwicklungsstadien auf eine bestimmte Weise in einem spiraligen Muster furcht und damit die Zellteilungen einleitet. Dieses Merkmal ist in der Tat vielen Gruppen der Urmünder (Protostomier) gemeinsam, sofern sie nicht zu den Ecdysozoa (zu denen zum Beispiel die Insekten gehören) zu zählen sind. Allerdings scheint dieses Merkmal bei vielen Gruppen auch immer wieder sekundär verlorengegangen zu sein. Dies führte zu viel Verwirrung in der Abstammungsforschung, wodurch der Begriff Spiralia auf immer neue phylogenetische Konzepte angewandt wurde – lange schien es sogar so, dass der Begriff synonym zu den Lophotrochozoa ist. Da der Begriff der Spiralia mit so viel Verwirrung verbunden ist, lasse ich ihn in der Aufstellung der Tiergruppennamen im Abschnitt „Verwandtschaftsbeziehungen“ auch jetzt weg. Ich erwähne dies nur der Vollständigkeit halber.

 

Die Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Plattwürmer scheinen inzwischen auch dank molekularer und genetischer Untersuchungen immer besser verstanden zu werden. Diesbezüglich kann hier gesagt werden, dass Hausera hauseri als Vertreter der Tricladida zu einem stärker abgeleiteten Zweig der Plattwürmer zählt als der Acropora-Strudelwurm. Innerhalb der Tricladida gehört die Art zu einem eher basalen Zweig, der einige in Höhlen lebende Arten umfasst und daher oft auch Cavernicola genannt wird. Da alle Cavernicola-Arten jedoch in der Familie der Dimarcusidae zusammengefasst sind, sind Cavernicola und Dimarcusidae faktisch identisch – und daher habe ich die Cavernicola in der Gruppennamen-Auflistung auch weggelassen.

 

Verbreitung

Hausera hauseri ist bisher nur aus der Crotes-Höhle bekannt, die zum Lagedo do Rosário-Höhlensystem nahe der Ortschaft Felipe Guerra gehört. Diese liegt im Bundesstaat Rio Grande do Norte im Nordosten Brasiliens.

 

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Bild 1: Lage der Crotes-Höhle in Brasilien. Links: Karte von Südamerika, der Bundesstaat Rio Grande do Norte ist schwarz markiert. Rechte Abbildung 1: Der Bundesstaat Rio Grande do Norte mit der Ausdehnung der Apodi-Sedimentgruppe, zu der die Jandaíra-Formation gehört (dunkle Fläche). Diese Gesteine sind marine Karbonate. Rechte Abbildung 2: Der Ausschnitt aus 1, vergrößert. Der gelbe Stern gibt den genauen Standort der Crotes-Höhle an. Quelle: Leal-Zanchet et al. 2014.

 

In der Karsthöhle

Wir haben bereits drei Arten kennengelernt, die in Höhlen leben: Die Mücke Titiwai (Arachnocampa luminosa), den Käfer Anophthalmus hitleri und der Blinde Breitmaul-Katzenwels (Satan eurystomus). Unterschiedlichste Spezialisierungen sind dabei aufgefallen: Die Titiwai entwickelte Biolumineszenz, Anophthalmus hitleri und der Blinde Breitmaul-Katzenwels haben das Augenlicht verloren. Außerdem ist allen eine schwache oder fehlende Pigmentierung eigen. Es ist definitiv faszinierend wie sich Arten aus unterschiedlichsten Tiergruppen auf ein Leben im Dunkeln von Höhlen anpassen. Nun kommen wir zu einem weiteren Beispiel aus einer ganz anderen Tiergruppe – zu einem Plattwurm.

 

Höhlenbewohnende Plattwürmer kennt man eigentlich schon länger. Wie es scheint gibt es sogar eine Linie von Plattwürmern, die sich eigens auf unterirdische Lebensräume spezialisiert hat, die Cavernicola, und zu dieser Gruppe gehört auch Hausera hauseri. Der Lebensraum von Hausera hauseri ist ein Teil eines Systems von 70 Karsthöhlen, die sich unter dem Namen Lagedo do Rosário im Gebiet der Gemeinde Felipe Guerra auf einer Fläche von fast einem Quadratkilometer erstrecken. Diese Karsthöhlen wurden von versickerndem Wasser und Grundwasser über Jahrtausende hinweg in die Gesteine der Jandaíra-Formation reingefräst. Diese besteht aus reinen Karbonatgesteinen, die sich vor 90 bis 70 Millionen Jahren auf dem Grunde eines Flachmeeres abgelagert hatten, und die von Wässern mit dem richtigen pH-Wert wieder gelöst werden, wenn diese über Spalten und Risse ins Gestein eindringen. Im Laufe der Zeit sind daraus dann die weitläufigen Höhlenkomplexe entstanden. Diese sind beachtlich – allein die Crotes-Höhle hat eine Länge von über 200 m – und besitzen zahlreiche Durchbrüche an die Erdoberfläche. Das allgemeine Klima in der Region ist semiarid, also überwiegend warm und trocken mit saisonalen Regenfällen. Durch Teile der Karsthöhlen ziehen sich jedoch kleine Wasserläufe, die andauernd Wasser führen, so auch in der Crotes-Höhle.

In dieser entdeckten die Biologen von UNISINOS in dem kaum 15 cm tiefen Rinnsal im Lichte der Stirnlampen ihrer Helme kleine längliche Plattwürmer. Diese waren zuvor aus diesen Höhlen nicht bekannt, was es wahrscheinlich machte mit einer neuen Art zu tun zu haben. Also wurden mehrere Exemplare eingefangen und zur weiteren Untersuchungen konserviert.

 

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Bild 2: Einer der Forscher von UNISINOS in der Crotes-Höhle, vor dem Gewässer, in dem Hausera hauseri lebt. Quelle: Leal-Zanchet et al. 2014.

 

Untersuchungsmethoden

Die weitere Untersuchung der gefangenen Plattwürmer bedeutete für diese leider vorzeitiges Ableben. Nachdem sie fotografiert wurden, fixierte man sie zunächst in 70 %-igem Ethanol. Danach wurden sie erneut in Augenschein genommen und fotografiert, diesmal aber mit Hilfe eines Stereomikroskops. Anschließend wurden die mit Ethanol vorbehandelten Plattwürmer getrocknet und in Paraplast (einem auf Paraffin basierenden Material) eingebettet. Nach der Einbettung ließen sich leicht Querschnitte und aus diesen Gewebedünnschliffen aus den Plattwürmern anfertigen. Diese konnten dann unter dem Mikroskop weiter untersucht werden, um mehr über den Feinbau der Würmer zu erfahren. Um dabei mehr zu erkennen wurden die 5 bis 7 μm (0,007 mm!) dicken Gewebescheiben der Hämatoxylin-Eosin-Färbung (HE-Färbung) unterzogen. Bei diesem in der Zellforschung und der Medizin weitverbreiteten Färbeverfahren werden der aus einem Baum gewonnene Farbstoff Hämatoxylin und der synthetisch hergestellte saure Farbstoff Eosin eingesetzt, um auch feinste Zellstrukturen durch eine blaue und rötliche Farbgebung unterscheidbarer zu machen. Die blaue Farbe rührt vom Hämatoxylin und betrifft vor allem alle Zellelemente mit einem niedrigen pH-Wert, z.B. Zellkerne. Die rote Farbe stammt vom Eosin und betrifft vor allem alle Elemente mit einem hohen pH-Wert, z.B. Mitochondrien und Kollagen-Fasern.

Diese Behandlung ermöglicht dann erst die genaue Beschreibung der Feinanatomie der Plattwürmer. Die meisten Plattwürmer sind nicht gerade besonders unterschiedlich in ihrer Außenerscheinung, daher gewinnt das Studium der Feinheiten ihrer Innenanatomie durch das Mikroskop eine gesteigerte Bedeutung, im Vergleich etwa zu den meisten Wirbeltieren. Dies liegt nicht zuletzt an der geringen Größe der Würmer. Nachdem die gesammelten Exemplare chemisch fixiert worden waren, konnten sie auch endlich gemessen werden, denn lebende Plattwürmer dehnen sich und ziehen sich zusammen, das erschwert das ordnungsgemäße Messen. Bei Hausera hauseri zum Beispiel liegen die gemessenen Längen nur zwischen 4,5 und 7,5 mm, bei einer Breite von 1,5 bis 2 mm. Schauen wir uns nun die Anatomie von Hausera hauseri etwas näher an.

 

Feinheiten eines Plattwurms

Grundlegende Eigenschaften der Plattwürmer hat natürlich auch Hausera hauseri – die Leibeshöhle fehlt, der Magen-Darm-Komplex öffnet sich nur durch die Mundöffnung nach außen, Atmungsorgane oder ein Kreislaufsystem in dem Sinne gibt es nicht und die Tiere sind Zwitter.

Das äußere Erscheinungsbild von Hausera hauseri ist unspektakulär. Die Tiere sind absolut farblos und wirken dadurch wie kleine weißliche Lappen. Da sie keine Augen besitzen – durch die Lebensweise im Dunkel der Höhle wohl im Laufe der Evolution verloren gegangen – ist von außen auch der Kopf schwer zu bestimmen. Beim lebenden Exemplar ist das Kopfende etwas spitzer zulaufend als das Hinterende. Bei den chemisch fixierten Würmern sind beide Körperenden etwas gerundet und kaum unterscheidbar. Wenn Hausera hauseri frisch gefressen hat, dann scheint der gefüllte Verdauungstrakt rötlich verdunkelt durch und man erkennt mehr Strukturen: Von einem Längskanal gehen seitlich noch weiter verzweigte kurze Äste aus, die alle zusammen den durch den ganzen Körper ziehenden Magen-Darm-Trakt bilden. Näher an einem Körperende sieht man dann inmitten dieses dunkleren Geflechts ein etwas größeres helles Feld – dies ist der Pharynx, der kurze Schlund, der auf der Körperunterseite hervorstülpbar ist und von der Mundöffnung in den Magen-Darm-Trakt führt. Die Position von Mund und Pharynx ist nicht vorne, wie man meinen könnte. Als Kopfende von Hausera hauseri wird das Körperende betrachtet, bei dem das Hauptnervenganglion oder Gehirn liegt. Der Mund und damit auch der Pharynx liegen in Relation dazu im hinteren Körperdrittel! Der genaue Abstand zwischen Vorderende und Mund kann schwanken: Die Mundöffnung kann bei etwa 55 % der Gesamtkörperlänge liegen, also fast mittig, oder – vor allem bei den größeren Exemplaren, wie es scheint – bei über 75 % der Gesamtlänge. Auf jeden Fall liegt die Mundöffnung auf der Körperunterseite.

 

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Bild 3: Ein lebender Hausera hauseri in seiner natürlichen Umgebung. Das Tier hat gerade gefressen, deswegen hebt sich der Verdauungstrakt (i) rötlich-braun ab und ist sichtbar. Das umrandete helle Feld ist der Pharynx (ph). Das Vorderende des Tieres ist mit a bezeichnet. Quelle: Leal-Zanchet et al. 2014.

 

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Bild 4: Zwei weitere Exemplare von Hausera hauseri, bereits eingefangen, aber noch nicht durch die chemische Fixierung getötet. Wieder bezeichnet a das Vorderende. Quelle: Leal-Zanchet et al. 2014.

 

 

Die Haut auf der Körperunterseite ist dichter mit feinen Wimpern besetzt als die Oberseite. Diese Wimpern helfen vermutlich bei der Fortbewegung, dem Heranstrudeln von Nahrungspartikeln zum Mund und haben vielleicht eine Tastfunktion. Auf der Körperoberseite gibt es dafür mehr Drüsen, die verschiedene Sekrete ausscheiden. Dabei werden auch sogenannte Rhabditen abgesondert, stäbchenförmige Partikel im ausgeschiedenen Sekret, die typisch sind für die Plattwurmgruppe der Rhabditophora. Soweit man weiß, besitzen Rhabditen eine Abwehrfunktion, sie scheinen unter anderem dafür zu sorgen, dass der Schleim für Räuber einen abstoßenden Geschmack hat. Ob dies auch bei Hausera hauseri eine herausragende Rolle spielt, steht jedoch nicht fest.

 

Am Kopfende des Körpers finden sich außerdem auch Sinnesorgane, die vermutlich Berührungsreize und/oder chemische Reize wahrnehmen. Diese Sinnesorgane sitzen kurz hinter der Kopfspitze an den Seiten und bestehen aus säulenartig angeordneten Hautzellen, die an der Oberfläche besonders stark bewimpert sind. Es gibt in diesem Bereich kaum Drüsenzellen und auch die Muskulatur unter der Haut ist ausgedünnt, dafür ist hier ein besonders dichtes Nervennetz vorhanden.

Der ganze Körper wird von einem Muskelschlauch aus zwei Lagen bewegt. Bei Hausera hauseri sind die Längsmuskeln am dicksten, sie liegen direkt unterhalb einer dünneren Lage aus Ringmuskeln. Besonders dick und kräftig ist die Muskulatur dabei auf der Unterseite der hinteren Körperregion (hinter dem Pharynx). Der Pharynx selber hat noch seine eigene Muskulatur, die diesen etwa 0,9 mm langen Schlauch dazu befähigt Nahrungspartikel ins Innere des Körpers zu befördern und aus ihm fast einen kurzen Rüssel machen. Außerdem besitzt der Pharynx sein eigenes Sortiment an Drüsen, die bei der beginnenden Verdauung eine Rolle spielen dürften.

 

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Bild 5: Links ein Querschnitt durch die Kopfregion von Hausera hauseri, rechts eine Detailansicht aus einem anderen Querschnitt der Kopfregion. In der Detailansicht sieht man die Zellen der seitlichen Sinnesorgane (rechteckiger Rahmen). Für uns wichtige Abkürzungen: br = Gehirn; i = Verdauungstrakt; de = Epidermis an der Körperoberseite; ve = Epidermis an der Körperunterseite; cg und xg-Kürzel bezeichnen verschiedene Drüsen. Quelle: Leal-Zanchet et al. 2014, Anordnung neu durch Edelweisspirat.

 

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Bild 6: Ein Querschnitt durch die Körpermitte von Hausera hauseri. Für uns wichtige Abkürzungen: de = Epidermis der Körperoberseite; ej = Ejakulationskanal; i = Verdauungstrakt; pp = Penis-Papille; sd = Samenleiter; t = Hoden; ve = Epidermis der Körperunterseite. Quelle: Leal-Zanchet et al. 2014.

 

Zwitter

Wie erwähnt ist Hausera hauseri ein Zwitter. Ähnlich wie bei anderen Plattwürmern zählen die Geschlechtsorgane dieser Art zu den komplexesten Strukturen im gesamten Körper des Tieres – und nicht ohne Grund lässt sich die Art gerade durch Besonderheiten in diesem Bereich besonders gut zu anderen Plattwurmarten abgrenzen.

Beginnen wir mit den männlichen Geschlechtsorganen von Hausera hauseri. Die männlichen Gonaden (entsprechen in etwa den Hoden) sind in zwei Reihen beiderseits des Verdauungstraktes angelegt, nahe der seitlichen Körperwand. Sie beginnen hinter den Eierstöcken, also in der hinteren Körperhälfte, und ziehen sich nach hinten bis zum Körperende. Diese Anordnung scheint typisch für Hausera hauseri zu sein. Seitlich des Pharynx laufen von ihnen ausgehende Sperma-Kanäle zu zwei Hauptkanälen zusammen, die im Körper abwärts verlaufen, eine Schleife bilden und dann wieder nach vorne verlaufen. Die beiden Sperma-Kanäle münden dann in den hinteren Teil einer großen von einer Hülle aus Bindegewebe umgebenen Kammer, der Bulbar-Höhle. Deren Wände sind sehr drüsenreich und produzieren das Ejakulationssekret. So füllt sich die Bulbar-Höhle mit einer Mischung dieses Sekrets und lebender Spermazellen. Dass die Bulbar-Höhle ungefähr die Form eines Eis hat und ihr hinterer Bereich leicht abgesetzt ist und in diesen die beiden Sperma-Kanäle durch unabhängige Öffnungen münden, gilt als ein artspezifischer Merkmalskomplex von Hausera hauseri. Ein schmaler Kanal, der Ejakulationskanal, führt aus der Bulbar-Höhle nach außen ins Atrium. Dabei ist dieser Kanal aber relativ kurz, kürzer als bei den meisten näheren Verwandten von Hausera hauseri. Das Atrium ist eine weitere Kammer, die sich im hinteren Körperbereich – sogar noch hinter dem Pharynx – über die sogenannte Gonopore nach außen öffnet. Der Ejakulationskanal mündet an der Spitze der sogenannten Penis-Papille ins Atrium; die Penis-Papille ragt als voluminöser Fortsatz ins Atrium hinein und besitzt eine nicht sehr starke eigene Muskulatur.

 

Die weiblichen Geschlechtsorgane sind deutlich anders gelagert. Die Ovarien (oder etwas laienhafter: Eierstöcke) liegen dicht hinter dem Gehirn des Tieres, halbwegs in der Körpermitte nahe der Körperoberseite. Zwischen den naheliegenden Seitenzweigen des Verdauungstraktes liegen die Vitellaria, spezielle Drüsen um die Eier mit Dotter zu versorgen. Die Vitellaria sind bei Hausera hauseri allerdings nur schwach ausgebildet. Von den Seiten der Ovarien gehen schließlich die Eileiter ab (ein charakteristisches Merkmal von Hausera hauseri), zu denen die Vitellaria ebenfalls eine Verbindung haben. Die Eileiter verlaufen oberhalb der vom Zentralganglion ausgehenden Hauptnerven nach hinten und am Pharynx vorbei. Dass die Eileiter genau oberhalb und parallel zu den Hauptnerven verlaufen, unterscheidet Hausera hauseri von anderen nahe verwandten Plattwurmarten. Etwa auf Höhe der Gonopore biegen die Eileiter zur Körpermitte hin um und laufen dort in einen gemeinsamen Haupteileiter zusammen. Dieser abschließende Eileiter besitzt zahlreiche Drüsen, die ein körniges Sekret absondern, welches die Eier umhüllt und so mit einer Art Schale versieht. Der Haupteileiter ist zwar kurz, bieg aber trotzdem noch so um, dass er von hinten nach vorne läuft und dann in den weiblichen Geschlechtsgang übergeht. Dieser mündet direkt ins Atrium, in welches ja auch die männlichen Geschlechtsorgane münden. Bemerkenswert: Vom weiblichen Geschlechtsgang gibt es auch kleine Abzweigungen, die eine Verbindung zum hinteren Bereich des Verdauungstraktes herstellen. Und in der Tat fanden sich in den hintersten Verzweigungen des Verdauungstraktes in diesem Spermien. Manche davon waren sogar in die Seitenwände des Verdauungstraktes eingedrungen.

 

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Bild 7: Eine zeichnerische Darstellung der Geschlechtsorgane von Hausera hauseri. Wichtige Abkürzungen: am = Atrium; bc = Bulbar-Höhle; cod = Haupteileiter; ej = Ejakulationskanal; fgd = weiblicher Geschlechtskanal; gic = Verbindung zwischen weiblichen Geschlechtsorganen und Verdauungstrakt; go = Gonopore; i = Verdauungstrakt; ov = Eileiter; php = Pharynxtasche (in dieser liegt der Pharynx, wenn er nicht ausgestülpt ist); pp = Penis-Papille; s = Spermien; sd = Samenleiter; sg = Drüsen zur Bildung der Eihülle. Quelle: Leal-Zanchet et al. 2014.

 

Begrenztheit unseres Wissens

Nach dieser eingehenderen Schilderung des Körperbaus von Hausera hauseri müssen wir uns nun dem zuwenden, was man sonst noch von dieser Art weiß. Und da muss man sagen: Leider fast gar nichts. Das ist natürlich auch dem Umstand geschuldet, dass die Art erst so kurz bekannt ist, aber auch, dass die Erforschung der Tiere in ihrem Lebensraum in der Höhle etwas mühselig ist.

Über den Lebensraum weiß man vermutlich noch fast am meisten. Hausera hauseri lebt anscheinend in den flachen Gewässern am Höhlenboden. Ob die Tiere dabei bestimmte chemische Eigenschaften des Wassers benötigen und wenn ja, welche, ist dagegen noch nicht näher erforscht. Ebenso wovon sie sich ernähren – man kann nur mutmaßen, dass Hausera hauseri alle möglichen kleinen Nahrungspartikel aufsammelt und andere kleine Bewohner seines Lebensraumes jagt. Auch zur Fortpflanzung ist eigentlich nichts bekannt – manches kann nur aus dem Bau der Geschlechtsorgane und dem Vergleich mit anderen Arten abgeleitet werden. So kann man annehmen, dass sich zwei Exemplare von Hausera hauseri üblicherweise gegenseitig befruchten. Der Bau der weiblichen Geschlechtsorgane deutet darauf hin, dass Eier mit einer festeren Hülle, aber wenig Dotter abgelegt werden. Aber das ist spekulativ, solange man dies nicht direkt beobachtet hat.

Eine andere noch wenig erforschte Frage ist, wie Hausera hauseri eigentlich in der Höhle gelandet ist. In der Erstbeschreibung machen sich die Autoren dazu am Schluss auch ein paar Gedanken. Brasilien hat zahlreiche Höhlensysteme. Bei den meisten davon konnte gezeigt werden, dass die in ihnen lebenden Arten aus den umliegenden Landlebensräumen eingewandert sind. Speziell im Fall vom Lagedo do Rosário-Höhlensystem könnte es aber sein, dass verschiedene Arten tatsächlich aus einem marinen Umfeld eingewandert sind. Dies könnte deshalb der Fall sein, weil das Höhlensystem relativ nahe zur Küste liegt und auch die Höhenlage relativ niedrig ist. Dies bedeutet, dass die Vorfahren von Hausera hauseri ganz eventuell vor langer Zeit einmal bei einem Meeresvorstoß in die Höhlen geraten sind – und als sich das Meer wieder zurückzog dort festsaßen.

Diese Überlegung ist zwar nicht unschlüssig, aber derzeit auch noch nicht zu beweisen.

 

In jedem Fall bleibt mit Spannung abzuwarten, was künftige Forschungen in der Crotes-Höhle noch über Hausera hauseri zu Tage bringen werden. Zu hoffen bleibt dabei, dass der Lebensraum in der Crotes-Höhle erhalten bleibt und nicht unter der zu erwartenden Umweltpolitik der neuen rechtsgerichteten brasilianischen Regierung zu leiden hat.

 

 

 

Literatur

 

Cazarin, C.L., Vieira, M.M., Srivastava, N., Silva, I.T. & Andrade, A. 2013. Facies Analyses and Diagenetic Evolution of the Jandaíra Formation, Potiguar Basin. – First EAGE/SBGF Workshop 2013. Fractures in Conventional and Unconventional Reservoirs. 5-6 November 2013, Copacabana, Rio de Janeiro, Brazil.

 

Egger, B., Lapraz, F., Tomiczek, B., Müller, S., Dessimoz, C., Girstmair, J., Škunca, N., Rawlinson, K.A., Cameron, C.B., Beli, E., Todaro, M.A., Gammoudi, M., Noreña, C. & Telford, M.J. 2015. A Transcriptomic-Phylogenomic Analysis of the Evolutionary Relationships of Flatworms. – Current Biology 25 (10): 1347-1353.

 

Leal-Zanchet, A.M., Souza, S.T.d. & Ferreira, R.L. 2014. A new genus and species for the first recorded cave-dwelling Cavernicola (Platyhelminthes) from South America. – ZooKeys 442: 1-15.

 

Silva, L.H.M., Barbosa, F.H.S., Nascimento, M.A.L.& Santos, M.F.C.F. 2016. The qualitative valuation of the Lajedo do Rosário Geosite, Rio Grande do Norte State, Brazil. – Reunião Anual da Sociedade Brasileira de Paleontologia Núcleo Nordeste, 2016, Mossoró/RN. Livro de Resumos da PALEO-NE 2016: 69.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Plattwürmer

https://en.wikipedia.org/wiki/Dimarcusidae

https://en.wikipedia.org/wiki/Hausera

https://en.wikipedia.org/wiki/Tricladida