Pirats Jurassic World Faktencheck

Jurassic World – der Faktencheck

 

Wie bei allen Jurassic Park-Filmen steht auch beim neuesten Blockbuster immer die Frage im Raum: Was davon ist wirklich realistisch? Wie nah dran ist das alles am Forschungsstand? Der erste Film von 1993 war in gewisser Weise näher am damaligen Forschungsstand als Jurassic World am heutigen. Zum Teil ist dies kaum zu vermeiden – obwohl man inzwischen weiß, dass die Gewinnung von Dinosaurier-DNA aus in Bernstein erhaltenen Mücken aus verschiedenen Gründen nicht möglich ist (vor allem auch deshalb, weil sich DNA selbst in Bernstein schnell zersetzt und man keine halbwegs intakte  DNA kennt, die nachweislich älter als einige hunderttausend Jahre ist), muss dieses Element aus Kontinuitätsgründen innerhalb der Filmreihe erhalten bleiben. Andere Elemente wurden mit der gleichen Begründung nicht verändert, obwohl es dafür bestimmt inhaltlich kohärente Möglichkeiten gegeben hätte – z.B. die Federgeschichte. Nachdem man im dritten Film den Raptoren ansatzweise einige Federn im Nacken zugestanden hatte, kehrte man nun zum völlig schuppigen Design zurück. Die meisten Paläontologen hätten im Film zumindest die Raptoren lieber mit Federkleid gesehen.

 

Aber ist das alles, was man dazu sagen kann? Der Pirat hat sich den Film mit seiner First Lady für euch angesehen und knobelt mal das Design der Biester für euch aus Sicht des Experten auseinander. Alle, die keine Spoiler lesen wollen: Hier besser ausklinken!

 

Tyrannosaurus rex.

Bekommt nur einen kurzen richtigen Auftritt und sieht eigentlich aus wie in den früheren Filmen (wenn auch etwas nachlässiger animiert).  Auch er hätte vermutlich inzwischen Federn verdient, zumindest hat man in China relativ nahe Verwandte von ihm gefunden, die definitiv primitive haarartige Federn hatten. Ein pelziger T-rex? Zugegeben klingt nicht so Blockbusterverdächtig. Also bleibt er im Film schuppig. Die Kampfszene gegen den Hybriden am Ende hätte ein echter T-rex so vermutlich nie bestritten. Eine solche Form des Nahkampfs werden ausgewachsene Tyrannosaurier kaum gesucht haben – sie waren wenn überhaupt Jäger aus dem Hinterhalt, vorstoßen, zuschnappen und die Beute verbluten lassen. Und einige Forscher sehen in den ganz großen Exemplaren tatsächlich eher Aasfresser und nur in den jüngeren Exemplaren echte Jäger. Übrigens hatten Tyrannosaurier teilweise sich überschneidende Sichtfelder und kannten dadurch auch unbewegliche Beute erkennen. Dass sie das nicht konnten – im aktuellen Film wieder durch den Einsatz von Signalfackeln wie schon im ersten Film angedeutet – ist ein Fehler, der in der Filmreihe auch irgendwie nicht auszumerzen ist.

 

Quelle: Wikipedia/Universal Pictures

 

Raptoren

Das die Raptoren weder in Größe noch Kopfform nach dem echten Velociraptor kommen – geschenkt. Sie kommen halt eher nach Deinonychus, aber Raptor klingt zugegebenermaßen cooler. Aus fachlicher Sicht schade ist eher, dass die inzwischen sicheren Federn immer noch nicht im Film übernommen wurden. Nun ja. Und sonst? Der eigentlich durch verknöcherte Sehnen steife Schwanz wird immer noch flexibel dargestellt. Das Rudelverhalten? Möglich, es gibt gerade bei Deinonychus Hinweise darauf – aber diese sind nicht unumstritten und längst nicht stichhaltig. Das Jagdverhalten? Nun ja. Die im Film genannten 60 km/h Geschwindigkeit erreichten Raptoren eher weniger. Ihre wirkliche Laufgeschwindigkeit ist schwer zu schätzen, scheint aber eher bei maimal 30 km/h gelegen zu haben. Oder weniger. Die Sichelklaue war biomechanisch wohl eher nicht zum Aufschlitzen geeignet. Derzeitige Interpretationen gehen eher von einem Einsatz der Klaue als Stichwerkzeug oder – Überraschung! – als eine Art Steigeisen aus, etwa um auf große Beute klettern und wunde Punkte angreifen zu können. Auch ein Klettern auf Bäume wird diskutiert. Interessanterweise zeigt der aktuelle Film noch deutlicher als der erste genau das – der Einsatz der Krallen als Steigeisen auf einer größeren sich wehrenden Beute. Schließlich: Hätte man Raptoren wirklich wie im Film abrichten können? Gute Frage, auf die man keine Antwort hat. Sicher waren die Biester nicht so ganz doof, aber so intelligent wie ein Menschenaffe auch wieder nicht. Andererseits kann man aber selbst Goldfische abrichten, in gewissen Grenzen jedenfalls. Man könnte sich vermutlich dümmeres für einen Film ausdenken.

 

Mosasaurus

Schön, dass mal ein Meeresreptil mitspielt. Und dann das: Das Verhalten wenig durchdacht. Ob ein Mosasaurus wirklich senkrecht aus dem Wasser hochsteigen konnte wie ein Wal darf vor dem Hintergrund der Biomechanik der Schwimmbewegung dieser Tiere bezweifelt werden. Vor allem aber: Das Vieh ist viel zu groß, mit einem fast zehn Meter langen  Schädel. So groß waren in der Wirklichkeit die Tiere insgesamt, der Kopf war nur anderthalb bis zwei Meter lang. Kann man übrigens eindrucksvoll in Maastricht im dortigen Naturkundemuseum bestaunen.

 

Quelle: etonline.com /Universal Pictures

 

Pterosaurier

Schön ist am neuen Film, dass erstmals mehrere unterschiedliche Flugsauriertypen gezeigt werden. Da hörts aber auch auf. Vor allem das Verhalten der Tiere wird ziemlich sicher völlig falsch gezeigt – nicht zuletzt weil man darüber eh noch vieles nicht weiß. Sicher kann gesagt werden, dass die gezeigten Flugsaurier von ihrer Anatomie her nicht dazu in der Lage waren, zum Beispiel einen Menschen mit den Hinterbeinen in die Luft zu heben. Auch das gezeigte Stoßtauchverhalten, in der Tat für einige Flugsaurier postuliert, ist nach neuesten Berechnungen zur Schwimmfähigkeit der Tiere ebenfalls eher unwahrscheinlich. Insgesamt ist die Darstellung der Flugsaurier in den Filmen bisher noch weniger sinnstiftend als die der meisten anderen Spezies.

 

Die Pflanzenfresser

Die verschiedenen Pflanzenfresser spielen im Film eine eher untergeordnete Rolle und haben nur kurze Auftritte. Das Aussehen stimmt meist im Großen und Ganzen und so konnte da nicht soooo viel falsch gemacht werden. Ich möchte mich hier auf ein Detail konzentrieren: Die Darstellung eines Sauropodenkopfes in minutenlanger Nahaufnahme. Mit relativ weit vorn auf der Schnauze liegenden Nüstern….moment – hatten diese Tiere ihre Nasenöffnung nicht auf der Kopfoberseite? Ja und nein. Die Schädelöffnung für die Nase lag tatsächlich bei vielen Sauropoden, also den langhalsigen Riesen, auf der Kopfoberseite. Man geht aber inzwischen davon aus, dass die Weichteile die Nasenhöhle noch deutlich nach vorn verlängerten, wodurch die tatsächlichen Nüstern beim lebenden Tier tatsächlich mehr auf der Schnauze lagen, vor den Augen. Hier sammelt der Film wirklich mal einen Pluspunkt.

 

Der Hybride.

Der Hybride – Indominus rex getauft – läuft ja nun wirklich außer Konkurrenz. Schließlich gabs ihn so ohnehin nie. Auch im Film ist er eine künstliche Kreation aus T-rex, Raptoren, Laubfrosch und Oktopus. Aus der Logik der Filmgeschichte ist dieser Hybride sogar sehr logisch. In kleinerem Maßstab ist ähnliches sogar schon Realität: So wie der Hybrid im Film durch Tintenfischgene seine Hautfarbe ändern konnte, gibt es längst Mäuse, die durch Quallengene im Dunkeln leuchten. In einer Szene sieht man weitere Echsen und Lurche, die als Hybriden verschiedener Tiere zusammengesetzt sind, die teilweise fast an die Maus mit dem aufgepflanzten Ohr erinnerten. Die Forschung bastelt längst an Hybriden verschiedener Spezies – der Film kann durchaus eine Mahnung sein, dass man nicht alles zusammenpanschen sollte. Man weiß nie, was hinterher dabei herauskommt.

 

Dr. Wu rettet den gesamten Filmkontext

Dr. Henry Wu war schon im ersten Jurassic Park der Chefgenetiker im Labor und seine Rolle kehrt in Jurassic World zurück – sogar als wesentlich wichtigerer Bestandteil der Story. Wu spricht die Wahrheit, die sich durch alle Filme der Reihe zieht und die immer wieder angedeutet wurde, in einer Szene so deutlich aus, wie sonst noch keine andere Figur: Alle Dinosaurier in dem Park sind Kunstprodukte, letztlich im Reagenzglas designed, kreiert nach den Wünschen und Vorstellungen der Menschen, die Genomlücken mit dem Erbgut anderer Arten aufgefüllt. Mit den echten Dinosauriern vor 70 Millionen Jahren haben sie im Grunde nix zu tun.

Damit rettet Wu den gesamten filmischen Kontext in Bezug auf die Wissenschaft. Denn vor dem Hintergrund ist dann schon bald irrelevant ob die Ursprungs-DNA aus Bernstein kam oder nicht. Und damit ist dann sogar innerhalb des filmischen Kontext klar warum die Raptoren keine Federn haben, Pterosaurier eher was von Riesenadlern haben und Mosasaurier größer als jeder Wal sind…