Pirats Bestiarium: Bazinga rieki

 

Bazinga rieki Gershwin & Davie, 2013

 

 

Namensbedeutung. Bei der Benennung dieser neuen Art bewiesen  die beiden australischen Forscher Lisa-Ann Gershwin und Peter Davie Humor. Zwar beteuern sie, dass sie die relativ geraden Radiärkanäle dieser Qualle an die Saiten einer siebensaitigen Harfe erinnert hätten, die man Bazinga nennt. Doch nicht einmal Google hat mir ein Bild dieser angeblichen Harfe ausgespuckt und so kann ich diese Behauptung nicht nachvollziehen. Daher erscheint mir die zweite – und in der Originalbeschreibung auch zuerst genannte – Begründung für den Gattungsnamen als die eigentlich wichtige: In der Popkultur gibt es inzwischen den Slangausdruck „Bazinga!“, mit dem man ausdrückt, dass man jemanden zum Narren gehalten hat – und möglicherweise hat diese sehr kleine Quallenart das in gewisser Weise auch, weil sie vermutlich lange als vermeintliches Jungtier einer anderen Art übersehen wurde. Da der Begriff „Bazinga!“ in dieser Bedeutung vor allem durch den fiktionalen Charakter Sheldon Cooper in der Serie „The Big Bang Theory“ bekannt wurde, stellt der Gattungsname zugleich eine Remineszenz an Serie und Figur dar. Da sieht man mal was Forscher so zwischen zwei Laborstunden im Fernsehen gucken.

 

Der Artname ist da schon geradezu klassisch – er ehrt den Entdecker der Qualle, Denis Riek. Riek ist leidenschaftlicher Hobbybiologe, der vor allem Meerestiere leidenschaftlich filmt oder fotographiert, seltener einfängt. Dabei stolperte er als erster über Bazinga rieki und machte die beiden Meeresbiologen darauf aufmerksam.

 

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia; Eumetazoa; Cnidaria; Medusozoa; Scyphozoa; Discomedusae; Rhizostomeae; Bazinga.

 

Nach Buddenbrockia plumatellae ist Bazinga rieki nun die zweite Art der Nesseltiere (Cnidaria), die wir kennenlernen. Die phylogenetische Stellung der Nesseltiere ist noch Gegenstand von Diskussionen – was vor allem mit der heiß debattierten Position der Rippenquallen (Ctenophora) im Stammbaum zusammenhängt. Je nachdem, welcher phylogenetischen Hypothese man anhängt, sind die Nesseltiere näher mit den Bilateria verwandt als die Rippenquallen oder eben nicht. Früher fasste man die Nesseltiere mit den Rippenquallen zu den Hohltieren (Coelenterata) zusammen, aber diese Auffassung ist heute so gut wie ganz vom Tisch.

 

Die Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Nesseltiere scheinen etwas stabiler. Man hat recht lange diskutiert, ob das quallenartige Medusenstadium im Lebenszyklus der Tiere ein ursprüngliches Merkmal der Nesseltiere ist, das bei den ebenfalls hierher gehörenden Korallen verlorenging. Inzwischen neigt man eher zur Auffassung, dass dieses Stadium eher eine von dem Nesseltierzweig Medusozoa eigenständig erworbene Eigenschaft ist, also eine Synapomorphie der Vertreter dieser Gruppe. Bazinga rieki gehört innerhalb der Medusozoa zu den Scyphozoa, die im Grunde alle echten Quallen umfasst. Dabei gehört Bazinga rieki zu der Gruppe der Wurzelmundquallen (Rhizostomeae). Gershwin und Davie begründeten in ihrer Erstbeschreibung eine neue Unterordnung (Ptychophorae) und eine neue Familie (Bazingidae), deren jeweils einzige Art Bazinga rieki ist. Da in der Phylogenie höhere Taxa mit nur einer Art aber eigentlich keinen Sinn machen, habe ich hier weder die Ptychophorae noch die Bazingidae übernommen. Wenn mehr nähere Verwandte von Bazinga rieki verwandt sind, mag die Einführung der Bazingidae und/oder Ptychophorae sinnvoller sein. Innerhalb der Wurzelmundquallen unterscheidet man traditionell noch zwei andere Untergruppen (traditionell als Unterordnungen bezeichnet, nach dem alten Schubladensystem von Linnaeus), die Kolpophorae und die Daktyliophorae. Da Bazinga rieki bemerkenswerterweise Ähnlichkeiten mit beiden Gruppen aufweist, vermuten Gershwin und Davie in der Erstbeschreibung, dass die Art möglicherweise die basalste bekannte Wurzelmundqualle ist – und damit vielleicht die Schwestergruppe zu allen anderen heutigen Wurzelmundquallen.

 

Verbreitung. Bisher wurde Bazinga rieki nur in einem relativ eng begrenzten Bereich der Küste des nördlichen New South Wales in Australien gefunden. Dieses Gebiet reicht etwa von Brunswick Heads an der Mündung des Brunswick River im Süden bis zur Mündung des Cudgen Creek im Norden. In diesem Gebiet scheint die Art aber häufig zu sein, weshalb die Forscher davon ausgehen, dass die Art auch andernorts entlang der australischen Ostküste häufig sein könnte.

 

Distribution

Bild 1: Die Verbreitung von Bazinga rieki , soweit bisher bekannt. Die linke Karte zeigt Australien, das schwarze Quadrat markiert das rechts vergrößert dargestellte Gebiet. In der rechten Karte ist das Nachweisgebiet von Bazinga rieki rot markiert. Zur Orientierung: Die Großstadt Brisbane ist keine 80 km entfernt. Quelle: Google Maps (verändert von mir: schwarzes Quadrat und rote Markierung).

 

Entdeckung. Bazinga rieki ist einer der Überraschungsfunde, mit denen niemand rechnet. Die Gewässer vor der Küste von New South Wales sind eigentlich relativ gut erforscht. So war die Entdeckung auch reiner Zufall. Denis Riek ist ein naturbegeisterter Amateurfotograf, der vor der Küste des nördlichen New South Wales und in den Deltas der Zuflüsse häufig auf Tauchgang geht und dabei die dortige Tierwelt mit Hilfe seiner Kamera dokumentiert. So gut es ihm möglich ist bestimmt er anschließend auch die fotografierten Arten, wobei er gelegentlich auch die Hilfe von Meeresbiologen in Anspruch nimmt. Seine wunderbaren Fotografien kann man auf seiner eigenen Homepage bewundern: http://www.roboastra.com

 

Irgendwann fiel Riek und den von ihm zu Rate gezogenen Biologen eine kleine Qualle auf, die nicht identifiziert werden konnte. Bei näherer Betrachtung erwies sie sich tatsächlich als eigene und noch nicht bekannte Art – Bazinga rieki. Wie sich zeigte ist die Art sogar keineswegs selten in ihrem Lebensraum. Allerdings ist sie recht klein: Das größte bisher bekannte Exemplar, ein Männchen, hatte einen Körperdurchmesser von 18,7 m. Die meisten anderen eingefangenen und vermessenen Exemplare haben einen Körperdurchmesser von durchschnittlich etwa 15 mm. Wenn man nicht genau hinsieht, könnte man die Tiere für die jungen Medusen einer anderen Quallenart halten. Und vermutlich ist genau das in der Vergangenheit oft passiert.

 

Bild 2: Schematischer Aufbau einer Meduse (A) und eines Polypen (B). Die Mesogloea wird hier als Mesenchym bezeichnet, die Gastrodermis als Entoderm. Quelle: http://animaldiversity.org

 

Körperbau. Quallen haben eigentlich ja einen denkbar einfachen Körperbau – aber ein paar Worte mögen doch darauf verschwendet sein. Grundsätzlich besteht ihr Körper aus einer gallertigen Masse, der Mesogloea, zwischen der Außenhaut (Epidermis) und dem Epithel welches den einzigen Innenraum auskleidet, der Gastrodermis. Die Mesogloea ist durchsetzt mit Einzelzellen und im Grunde eine Variante der Extrazellulären Matrix, womit sie auch eine Stützfunktion besitzt. Dies ist der Grund, warum sich Quallen einerseits irgendwie glibberig, andererseits in leicht dehydriertem Zustand auch irgendwie knorpelig anfühlen. Der Hauptteil des Körpers besteht beim freischwimmenden Medusenstadium der Quallen aus einem gewölbten Schirm, der oft auch Glocke genannt wird. Diese ist bei Bazinga rieki dick und etwa kugelförmig, mit leicht abgeflachter Oberseite. Die Oberfläche ist mit regelmässig angeordneten kleinen Warzen bedeckt, die einen gelblichen Kern enthalten (zu dem Ursprung der Färbung weiter unten mehr). Die Seiten der Glocke sind zum Rand hin fast senkrecht. Der Rand selbst läuft in 32 rundliche Lappen aus. Die Unterseite der Glocke ist ebenfalls mit kleinen Warzen überzogen, die zur Basis der Mundarme hin größer und länglicher werden. Auf der Unterseite der Glocke liegen auch kleine Öffnungen, die in blinde Hohlräume münden, die direkt unterhalb der Gonaden im Körperinnern liegen und Subgenitallöcher genannt werden. Ihre Ausprägung ist bei Quallen von durchaus taxonomischer Bedeutung, bei Bazinga rieki sind sie klein und oval. Die Funktion dieser Subgenitallöcher ist allerdings unbekannt.

 

Die Mundarme sind bei echten Quallen (Scyphozoa) die lang ausgezogene Ausprägung des bei Medusen der Nesseltiere üblicherweise vorhandenen Magenstiels (Manubrium), der den Innenraum der Qualle über die Mund-und einzige Körperöffnung mit der Außenwelt verbindet. Bei Bazinga rieki sind die Mundarme auf für Wurzelmundquallen typische Weise ausgeprägt: Die acht Mundarme sind an ihrer Basis miteinander und mit der Unterseite der Glocke verwachsen. Die so entstehende einheitliche Basis verschließt die eigentliche Mundöffnung und ist insgesamt kurz. Die Arme laufen dann frei und verzweigt aus und sind eng gefaltet, so dass sie fast gardinenartig wirken. Insgesamt sieht das dann so aus, also hätte das Tier einen gestutzten Busch unter der Glocke hängen. Die Vorhangfalten und die einheitliche Basis der Arme sind ebenfalls mit kleinen gelblichen Warzen bedeckt. An den äußersten Rändern der Falten befinden sich kleine Poren. Vier weitere, runde und etwas größere Öffnungen finden sich etwa auf halbem Wege zwischen der Basis der Mundarme und dem Innenrand der Glocke. Diese Poren und Öffnungen sind der Ersatz für die eigentliche Mundöffnung und führen direkt zum Gastralraum. Auch wenn dies in der Erstbeschreibung nicht erwähnt ist, kann man annehmen, dass die Mundarme ähnlich wie bei anderen Wurzelmundquallen kleine Nesselzellen tragen: Kapselförmige und mit Gift gefüllte Zellen, in denen ein Schlauch mit Widerhaken aufgerollt ist. Wenn ein Sinneshärchen der Nesselzelle berührt wird, springt eine Klappe der Kapsel auf und der harpunenartige Schlauch schießt heraus. Bei den meisten Wurzelmundquallen sind diese Nesselzellen allerdings nicht sehr schlagkräftig und auch von Bazinga rieki ist nicht bekannt, dass sie die menschliche Haut durchstoßen und dem Menschen Schaden zufügen können. Sie können hier vermutlich maximal kleinste Beutetiere zur Strecke bringen, wenn überhaupt.

 

Der einzige Innenraum ist das Gastrovaskularsystem, auch Gastralraum genannt. Dieser ist bei Bazinga rieki groß und rund. Er ist auch durch die Masse der Glocke deutlich sichtbar. Von diesem Gastralraum gehen regelmäßig angeordnete und gerade verlaufende Radiärkanäle aus, insgesamt 32 an der Zahl. Sie reichen aber nicht bis ganz zum Rand der Glocke, sondern münden in einen offenen und unregelmäßig mit Mesogloea-Matrix durchsetzten Hohlraum oberhalb der Ringmuskeln. Dieses Netzwerk ist bei den größeren Exemplaren komplexer als bei den kleineren Exemplaren von Bazinga rieki.  Nach außen mündet der Gastralraum nur über die vier erwähnten Hauptporen an der Unterseite der Glocke und die vielen kleinen Poren an den gefalteten Mundarmen nach außen. Die Gonaden (also die Geschlechtsorgane) liegen in der Wand des Gastralraums als stark gefaltete Gewebestrukturen. Bazinga rieki ist getrennt geschlechtlich – es gibt also Weibchen und Männchen.

 

Bild 3: Das ist Bazinga rieki. Quelle: Wikipedia/ CSIRO Marine & Atmospheric Reserach/ Lisa-Ann Gershwin. 

 

Bereits an dieser Stelle erkennt man wie einfach der achtstrahlige, radiärsymmetrische Körperbau dieser Tiere gehalten ist. Dies wird noch deutlicher, wenn man sich nach anderen anatomischen Aspekten umschaut: Muskulatur, Nerven und Sinnesorgane. Die Muskulatur besteht nur aus 12 Ringmuskeln in der Wand des Glockenrandes, die bei Bazinga rieki auch nicht sonderlich kräftig sind und die Form breiter flacher Lamellen haben. Sinnesorgane gibt es auch nur wenige sehr einfache: Die sogenannten Rhopalien. Zusätzlich zu den bereits beschriebenen Randlappen der Glocke gibt es noch acht Paare etwas verlängerter und auf charakteristische Weise asymmetrisch eingefalteter sogenannter Okular-Lappen. Jedes dieser Lappenpaare bildet dabei eine tiefe Aushöhlung, in der ein Rhopalium eingelassen ist. Es gibt also 8 Rhopalien, die alle von den Okular-Lappen wie mit einer schützenden Kapuze überdeckt sind – dies unterscheidet Bazinga rieki von allen anderen Wurzelmundquallen. Die Rhopalien besitzen wie bei allen Quallen kleine Kristalle, die als Statolith fungieren - also zur Bestimmung der Position des Körpers im Raum. Die Schwerkraft beeinflusst die Lage der Kristalle im Gewebe und dies wird von Sinneszellen wahrgenommen. Andere Sinneszellen der Rhopalien mögen als Chemorezeptoren dienen oder lichtempfindlich sein, sicher ist das aber noch nicht. Es sind sehr einfach Sinnesorgane und die Sinneszellen sind  nur mit einem losen Netzwerk von Nervenzellen verbunden. Diese Nervenkomplexe unweit der Rhopalien steuern auch die Ringmuskulatur, die für das Schlagen des Glockenkörpers und damit die Fortbewegung des Tieres verantwortlich sind. Ein zentrales Nervensystem in irgendeiner Form gibt es nicht – ebenso wenig wie ein Blutgefäßsystem, ein Herz oder sonstige Organe. Auch Atmungsorgane gibt es nicht, der Gasaustausch erfolgt schlicht über den gesamten Körper.

 

Symbiose. Bazinga rieki hat eigentlich einen farblosen, durchsichtigen Körper. Allerdings sind die kleinen Warzen, die ihn bedecken, wie beschrieben gelblich. Auch die Wand des Gastralraums und seiner Radiärkanäle ist gelblich bis bräunlich gefärbt, die Gonaden können besonders dunkel bräunlich gefärbt sein und auch die Ringmuskulatur ist kräftig golden gefärbt. Dabei handelt es sich nicht um eine Eigenfärbung des Tieres. Die Färbung wird durch sogenannte Zooxanthellen verursacht: Einzellige Algen, vermutlich aus der Gruppe der Dinoflagellata, die in den Zellen und Geweben von Bazinga rieki leben und Photosynthese betreiben. Es handelt sich um eine Symbiose: Die Zooxanthellen erhalten Schutz und verbrauchen auch einen Teil des Kohlendioxids, welches die Quallenzellen abgeben und im Gegenzug liefern sie zucker-und stärkehaltige Verbindungen, wichtige organische Verbindungen, die die Qualle für ihren Stoffwechsel braucht.

 

Diese Symbiose ist normalerweise wesentlich bekannter bei vielen Korallen, sie tritt aber auch bei vielen Wurzelmundquallen auf. Bei Korallen kann der Verlust der Zooxanthellen tödlich sein; wie lebenswichtig diese Symbionten für Bazinga rieki sind ist unbekannt.

 

Hauptbild

Bild 4: Bazinga rieki in verschiedenen Blickwinkeln und Detailaufnahmen. Quelle: Gershwin & Davie 2013.

 

Lebensraum und Lebensweise. Über die genaue Lebensweise von Bazinga rieki ist noch nicht viel bekannt, auch weil die Art erst vor kurzem beschrieben wurde. Über manche Aspekte des Lebenszyklus dieser Art kann man bisher sogar nur Vermutungen anstellen, basierend auf dem, was man von anderen Wurzelmundquallen kennt.

 

Auffällig ist die schwache Schwimmleistung von Bazinga rieki. Von Denis Riek gemachte Filmaufnahmen zeigen zwar, dass die Tiere bis zu 200mal die Minute mit ihrer Glocke pulsieren können. Doch der daraus resultierende Vortrieb ist nur vergleichsweise schwach. Ohne zusätzliche Strömung bekommt Bazinga rieki meist kaum Auftrieb und gegen eine Strömung schwimmen ist schon gar nicht drin. Anscheinend lässt sich Bazinga rieki stark von Strömungen treiben.

 

Der Lebensraum dieser Qualle ist in jedem Falle küstennah. Der Lebensraum vor der Nordküste von New South Wales ist, wie es häufig bei küstennahen Lebensräumen der Fall ist, ausgesprochen komplex. Hier stoßen zwei Hauptströmungen zusammen, eine kalte von Süden kommend und eine wärmere von Norden kommend. Daher gibt es in diesem Gebiet wechselnde Zonen von warmem und kaltem Wasser und auch Mischbereiche. Das Land fällt flach zum Meer ab und über weite Bereiche ist die Küste durch Sandstrände gekennzeichnet. Allerdings gibt es auch immer wieder, zum Beispiel bei Hasting Points, felsige Bereiche. Kleine Flüsse münden außerdem in unregelmäßigen Abständen ins Meer, bilden dabei kleine Sandbänke und haben im flachen Hinterland einen stark veränderlichen Lauf. Das Meer beeinflusst außerdem durch deutliche Gezeiten auch die Flüsse selber. Es gibt einen breiten Brackwasserbereich, weil bei Flut stark salzhaltiges Meerwasser eingetragen wird. So bilden sich in den Flussmündungen Mangroven und Salzmarschen. Überflutungsereignisse können außerdem zur Bildung von abgeschnittenen Altarmen und kleinen Salzwassersehen direkt hinter der Küstenlinie führen. Dieser komplexe und sich ständig durch Gezeiten, Hochwässer, die Ablagerungen des Deltas und erneute Erosion durch die See verändernde Lebensraum bietet einer großen Vielfalt von Küstenbewohnern einen Lebensraum. Viele marine Arten, auch Bazinga rieki stoßen hier bis in die Flüsse hinein vor, zumindest während der Flut. Bazinga rieki kann anscheinend sogar in den Salzwasserseen gefunden werden, die nach Stürmen zurückbleiben können – während des Sturms eingespült. Die Gewässer sind nährstoffreich, vor allem der Nährstoffeintrag nach Flutereignissen von See aus ist groß. Es kommt nach solchen Flutereignissen daher häufig zu Algenblüten und erhöhter Produktivität der am Fluss-und Meeresgrund lebenden Organismen, ein Zustand der etwa drei Wochen anhält. Von solchen Ereignissen wird vermutlich auch Bazinga rieki profitieren. Wie die meisten Wurzelmundquallen wird sich Bazinga rieki wahrscheinlich vor allem von Schwebepartikeln und Kleinstorganismen im Wasser ernähren, die die Qualle mit ihren vielfach gefalteten Mundarmen aus dem Wasser filtert und auffängt. Wimpern transportieren die eingefangenen  Nahrungspartikel zu den Poren, die in den Gastralraum führen. Die Nesselkapseln erlegen größere planktonische Einzeller oder kleine planktonische Larven anderer Tiere. Einen Teil des Nährstoffbedarfs deckt Bazinga rieki allerdings sicherlich über die Zooxanthellen.

 

Praktisch nichts weiß man über die Fortpflanzung von Bazinga rieki. Ziemlich sicher dürften die Männchen die Spermien frei ins Wasser abgeben, die dann von den Weibchen in den Gastralraum aufgenommen werden und dort zu den weiblichen Gonaden mit den Eizellen gelangen. Darauf deuten gefangene Weibchen mit befruchteten Eizellen in den Gonaden. Die sich daraus entwickelnden Larven werden dann wahrscheinlich ins freie Wasser entlassen. Die weitere Larvenentwicklung ist bei Bazinga rieki noch unbekannt, dürfte aber ähnlich wie bei anderen Quallen und speziell Wurzelmundquallen ablaufen: Die bewimperten und recht einfach gebauten Larven verbringen einige Zeit freischwimmend, bevor sie sich am Untergrund festsetzen und dort zu einem recht einfachen kleinen Polypen mit Tentakeln heranwachsen. Die erwachsene Meduse spaltet sich durch einen Strobilation genannten Vorgang vom Polypen ab: Die Polypententakel werden reduziert und es bilden sich scheibenförmige Abschnitte des Polypenkörpers mit verlängerten Lappen an ihren Rändern, die sich dann vom Hauptkörper abtrennen und als freischwimmende Ephyra eine Vorstufe der erwachsenen Meduse bilden. Bei Wurzelmundquallen trennt sich bei jeder Strobilation aber nur eine Ephyra ab, was auch für Bazinga rieki angenommen werden. Später kann sich der Polyp normalerweise regenerieren und gegebenenfalls eine weitere Ephyra hervorbringen. Die Ephyra wandelt sich noch weiter zur fertigen Meduse um – im Falle von Bazinga rieki bedeutet dies die Bildung der Glocke, die Reduktion der Randlappen zu den asymmetrischen Lappen, welche rechts und links der Rhopalien sitzen, aus der Mundpartie entstehen die Mundarme und die Mundöffnung verwächst, bis nur noch die Poren eine Verbindung nach außen darstellen. Bei Bazinga rieki wurde dies zwar noch nicht direkt beobachtet, kann aber aufgrund der bei verwandten Arten bekannten Vorgänge erschlossen werden.

 

Bild 5: Schematische Darstellung des Entwicklungsablaufs bei einer typischen Qualle (hier basierend auf der Ohrenqualle Aurelia aurita). a: freischwimmende bewimperte Larve. b: sich festsetzende Larve. c: junger Polyp. d: Strobilation, vom Polypen schnüren sich Körperabschnitte ab. e: Ablösung der Medusen. f: junge Meduse, Ephyra genannt. Man beachte, dass zwar bei vielen Quallenarten die Polypen zahlreiche Ephyren bei der Strobilation hervorbringen, bei Wurzelmundquallen (Rhizostomeae) aber für gewöhnlich nur eine. Quelle: http://www.spektrum.de

 

Menschliche Gefahren. Die Küstenregion wird natürlich heutzutage auch vom Menschen beeinflusst. Viele Küstenorte verzeichnen deutliches Bevölkerungswachstum, Industrien siedeln sich an, die Schifffahrt nimmt zu. Es kommt zu Schadstoffeinträgen in die Flüsse, zu Trockenlegungen von Salzmarschen und Mangroven. Auch auffälligere Maßnahmen werden ergriffen: Die Mündung des Brunswick River wird inzwischen durch zwei künstliche Felsmauern geschützt. Diese bieten immerhin felsenliebenden Arten einen weiteren Lebensraum, aber sie stellen natürlich auch einen massiven Eingriff in die Strömungs-und Ablagerungsabläufe im Mündungsbereich dar. Ein Teil dieser Küstenregion steht daher inzwischen unter einem leidlichen Schutz, andere Gebiete jedoch sind noch völlig ungeschützt und sollten eigentlich schnellstens unter Schutz gestellt werden.  Zwar ist zum Beispiel von Bazinga rieki noch nicht bekannt, dass die Art akut bedroht ist. Das kann natürlich auch daran liegen, dass die Art noch nur wenig bekannt ist. Aber prinzipiell schweben verschiedene Einflüsse wie ein Damoklesschwert über dem Küstenlebensraum. Trockenlegungen von Salzmarschen und Mangroven können viele Arten – vielleicht sogar Bazinga rieki, möglich wäre es – ihrer Kinderstuben berauben, wo sie ihre Gelege ablegen und die Jungtiere aufwachsen. Ein weiteres Problem stellen Schwermetalleinträge. 1998 zeigten Untersuchungen von Fluss-und Küstensedimenten in der Region, dass ein gewisser Schwermetallgehalt in den Sedimenten in dieser Region durchaus normal ist – im Hinterland gibt es Gesteine mit entsprechenden Stoffgehalten, die von Natur aus ins Meer geschwemmt werden. Wenn jedoch menschliche Einträge hinzukommen, kann es kritisch werden. Zu nennen wären beispielsweise Bleiverbindungen, aber auch durch die Landwirtschaft mobilisierte Arsen-Verbindungen.

 

Entsprechend müssen Schutzmaßnahmen gestaltet werden, zugleich müssen sie natürlich auch die Bedürfnisse der ansässigen Bevölkerung in Rechnung stellen. Wie immer ist dies eine Gratwanderung. Die von Denis Riek dokumentierte Artenvielfalt und auch die Tatsache, dass man hier immer noch neue Arten finden kann – Bazinga rieki beweist es – zeigen aber, wie wichtig ein Erhalt dieses Ökosystems ist. Letztlich ist dieses für die gesamte Küstenregion mindestens ebenso eine Art Kapital wie Bodenrohstoffe, landwirtschaftlich nutzbare Böden und eine ausgebaute Infrastruktur.

 

Bild 6: Die Mündung des Brunswick Rivers mit den zwei künstlichen Felsmauern. Quelle: roboastra.com/ Google Earth.

 

 

Literatur.

 

Eyre, B.D. & Ferguson, A.J.P. 2006. Impact of a flood event on benthic and pelagic coupling in a sub-tropical east Australian estuary (Brunswick). – Estuarine, Coastal and Shelf Science 66: 111-122.

 

Gershwin, L.-A. & Davie, P.J.F. 2013. A remarkable new  jellyfish (Cnidaria: Scyphozoa) from coastal Australia, representing a new suborder within the Rhizostomeae. – Memoirs of the Queensland Museum - Nature 56: 625-630.

 

Lottermoser, B.G. 1998. Heavy metal pollution of coastal river sediments, north-eastern New South Wales, Australia: lead isotope and chemical evidence. – Environmental Geology 36:  118-126.

 

Westheide, W. & Rieger, R. (Herausgeber) 2007 (2. Auflage). Spezielle Zoologie. Teil 1: Einzeller und Wirbellose Tiere. Spektrum Akademischer Verlag.

 

http://www.roboastra.com

http://de.wikipedia.org/wiki/Bazinga_rieki

http://en.wikipedia.org/wiki/Bazinga_(genus)

http://en.wikipedia.org/wiki/Scyphozoa