Pirats Bestiarium: Qiyia jurassica

Qiyia jurassica 

Chen, Wang, Engel, Wappler, Jarzembowski, Zhang, Wang, Zheng & Rust, 2014

 

Namensbedeutung. Seit einigen Jahren ist es geradezu gute Sitte bei in China gefundenen fossilen Arten sie mit Namen chinesischen Ursprungs zu belegen – mal mehr, mal weniger latinisiert, und das mal mehr, mal weniger gut. Der Gattungsname basiert in diesem Falle auf dem chinesischen Wort „qiyi“, was in etwa so viel bedeutet wie „bizarr“. Dagegen ist der Artname jurassica, der lediglich darauf verweist, dass das Tier in der Zeit des Jura lebte, geradezu zurückhaltend althergebracht. Ebenfalls seit einigen Jahren „gute“ Sitte: Die Paper von Erstbeschreibungen mit so vielen Leuten schreiben, dass im Grunde jeder gefühlt eine halbe Seite beisteuert. Wird später dann meistens eh abgekürzt – in diesem Falle wäre es Chen et al. (et al. = „und andere“). Damit alle zu Ehren kommen, liste ich hier in der Überschrift alle Namen auf.

 

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Protostomia; Ecdysozoa; Panarthropoda; Arthropoda; Euarthropoda; Mandibulata; Pancrustacea; Hexapoda; Insecta; Dicondylia; Pterygota; Metapterygota; Neoptera; Eumetabola; Holometabola; Panorpida; Antliophora; Diptera; Brachycera; Tabanomorpha; Athericidae; Qiyia.

 

Wir haben bereits schon einmal einen Vertreter der Zweiflügler (Diptera) kennengelernt, die Titiwai (Arachnocampa luminosa)Von allen bisher hier vorgestellten Arten ist sie mit Qiyia jurassica am nächsten verwandt. Allerdings gehörte die Titiwai zu einem basaleren Zweig der Zweiflügler, den Bibionomorpha, der mutmaßlichen Schwestergruppe zu den Brachycera, zu denen Qiyia jurassica gehören dürfte (zum Verhältnis zwischen Bibionomorpha und Brachycera gibt es allerdings auch andere, bisher aber nicht näher erhärtete Ansichten, siehe dazu auch bei der Titiwai). Die Brachycera sind eine große, vielgestaltige Entwicklungslinie. Qiyia jurassica gehört am wahrscheinlichsten zur Familie der Ibisfliegen (Athericidae), die mit der hierzulande besser bekannten Gruppe der Bremsen (Tabanidae) nahe verwandt sind, beide Familien sind Schwestergruppen. Bei beiden handelt es sich um eher basale Vertreter der Brachycera. Eine frühe Abspaltung der Bremsenartigen (Tabanomorpha) wird nicht zuletzt auch durch den Fund von Qiyia jurassica bestätigt – der Fund verlegt die Entstehung dieser basalen Seitenlinie sogar noch weiter in die Vergangenheit als bisher gedacht.

 

Fundorte. Die Fossilien von Qiyia jurassica wurden im chinesischen Distrikt Ningcheng bei der Gemeinde Shantou gefunden, etwa 250 km nord-nordöstlich von Peking in der Provinz der Inneren Mongolei.

 

Datierung. Qiyia jurassica wurde in den Daohugou-Schichten gefunden, eine  besonders fossil führende Schichtfolge, die man heute zur Tiaojishan-Formation zählt. Die Datierung der Daohugou-Schichten war jahrelang umstritten. Das Problem vor Ort ist, dass die Schichten verfaltet und von Störungen durchzogen sind – zeitweise war dadurch nicht einmal klar, zu welcher anderen Formation diese Schichten zu zählen sind und ob sie vor oder nach den anderen Teilen der Tiaojishan-Formation abgelagert wurden.

 

Die genaue Datierung der Daohugou-Schichten geriet zu einem regelrechten Duell der Forscher. Eine erste Forschergruppe kam 2004 zu einem Alter, dass die Schichten in die Kreidezeit einordnet, mit einem Alter von mehr als 120 Millionen Jahren. Grundlage war eine radiometrische Datierung auf Basis von Argon-Isotopen. Diese hatte man aus einer vulkanischen Tufflage gewonnen. Es meldete sich aber schnell Widerspruch an: Viele Forscher argumentierten, dass die Zusammensetzung der fossilen Fauna in den Daohugou-Schichten eher an vergleichbare chinesische Faunen aus der Zeit des Mittleren Jura erinnerte. Dies würde ein Alter von mehr als 160 Millionen Jahre bedeuten. Die radiometrische Datierung sei das Ergebnis einer fehlerhaften Arbeitsweise. Klar – im Normalfalle ist eine radiometrische Datierung fast immer zuverlässiger als die Biostratigraphie auf der Basis der Faunenzusammensetzung. Aber auch radiometrische Datierungen kann man vermasseln. Die Debatte hing in der Schwebe, die nächste Runde startete 2006. Ein neues Forscherteam plädierte erneut für eine Datierung in die Kreidezeit – diesmal begründet auf der Faunenzusammensetzung. Der gleiche fossile Faunenbestand wurde also in zwei Studien völlig konträr interpretiert – dies spricht bereits für einen toten Punkt in der Debatte. Da hilft nur eines: Eine solidere Datierung mit physikalischen Methoden! Eine solche Arbeit erschien noch Ende 2006, veröffentlicht von einem chinesischen Forscherteam um Yongqing Liu. Lius Team untersuchte zwei vulkanische Aschelagen, die oben und unten einen besonders fossilreichen Horizont der Daohugou-Schichten begrenzten. Als radiometrische Datierungsmethode wurde der Zerfall von Uran zu Blei gemessen. Diese U-Pb-Methode ergab endlich zuverlässigere Zahlen. Die untere (ältere) Lage war vor etwa 164 Millionen Jahren gebildet worden, die obere vor rund 158 Millionen Jahren. Damit würden die Daohugou-Schichten zeitlich in den Mittleren Jura fallen. Diese Datierung, von manchen noch etwas schräg beäugt, wurde 2012 von den Forschern Ke-Qin Gao und Neil Shubin im Wesentlichen bestätigt. Die beiden arbeiteten erneut mit Argon-Isotopen aus den vulkanischen Tufflagen zwischen den fossilreichen Schichten. Diesmal kamen sie auf ein Alter von 164 +/- 4 Millionen Jahre – was in bemerkenswerter Weise zu der Uran-Blei-Datierung passt. Die erste Argon-Argon-Datierung von 2004 muss wohl tatsächlich verhunzt gewesen sein.

 

Jedenfalls kann man damit relativ sicher festhalten: Qiyia jurassica lebte im Mittleren Jura, vor etwas mehr als 164 Millionen Jahren (die Fossilien stammen anscheinend aus den Schichthorizonten unterhalb der datierten Tuffschicht; in der Erstbeschreibung der Art sprechen die Autoren von „approximately 165 milion years“).

 

Bild 1

Bild 1: Der Holotyp von Qiyia jurassica, STMN65-1 (A), und das Gegenstück davon auf der Gegenplatte, STMN65-2 (B). Letzteres behandelt mit Alkohol. Die Fossilien sind in Seitenlage überliefert. C hebt die Kopfkapsel von B hervor. P1 bis p7: Beinpaare („prolegs“). Ap1 und ap2: Analpapillen. Tp: „terminal process“, also Fortsatz am Körperende. Maßstäbe: A und B 5 mm, C 0,5 mm. Quelle: Chen et al. 2014.

 

Ein Fund mit Seltenheitswert. Die Forschung kennt heute für die meisten Tiergruppen bereits einen mehr oder weniger ansehnlichen Fossilbericht. Und es gibt fast keine Tiergruppe, für die nicht mindestens ein fossiler Vertreter mehr oder weniger sicher dokumentiert ist. Dennoch bleibt jedoch klar, dass es blinde Flecken gibt – Grenzen dessen, was der Fossilbericht leisten kann. Manches bleibt schlicht zu selten erhalten und wenn, dann nur schwer interpretierbar. Entsprechend wenig bearbeitet sind diese Gebiete dann häufig. Eines dieser Gebiete ist ohne Zweifel Parasitismus.

 

Parasiten sind meistens eher kleine Organismen mit sehr reduziertem Körperbau, oft mit nur wenigen Hartteilen. Da kann zum Beispiel Buddenbrockia plumatellae als gar nicht so untypisch gelten. Wenn welche im Wirt selber leben, so sterben sie meist kurz nach diesem und ihre Körper zerfallen mit dem Wirtskörper – bevor eine Chance auf Fossilisierung besteht. Ektoparasiten, also jene, welche außen am Körper sitzen, fallen hingegen oft vom Wirt ab, wenn dieser stirbt. Auch in diesem Fall tendiert die Chance auf Fossilisierung stark gegen Null. Aus diesen Gründen ist es bei Parasiten noch unwahrscheinlicher als bei anderen Arten, sie als Fossil zu finden. Und wenn man sie findet, muss man sie auch noch als das erkennen, was sie sind, als Parasiten. Den korrekten Wirt zu ermitteln erweist sich dann nochmal als spekulativer. So kennt man Beispiele für potentielle Parasiten im Fossilbericht nur wenige – und gute Beispiele sind sogar noch seltener.

 

Umso bemerkenswerter war die Entdeckung von Qiyia jurassica. Die feingeschichten und mit vulkanischen Tuffen durchsetzten Tonsteine der Daohugou-Schichten, ohnehin schon bekannt für die gute Erhaltung der in ihnen gefundenen Fossilien, gaben fünf Exemplare dieses Tieres frei, die sich als Insektenlarven herausstellten. Die gute Erhaltung lässt bei ihnen Anpassungen erkennen, die sich am ehesten mit dem Leben eines Ektoparasiten erklären lassen. Dies macht diesen Fund so bemerkenswert und selten. Schauen wir uns die Anatomie von Qiyia jurassica einmal näher an.

 

Bild 2

Bild 2: Details des Holotyps STMN65-1.  D: Kopf und Thorax. Man erkennt deutlich die sklerotisierten radialen Leisten des Saugers (pr). E: Vergrößerter Ausschnitt aus D mit den beiden Mandibeln und der Rekonstruktion einer einzelnen Mandibel. F: Eines der Beine, das fünfte, im Detail. Man erkennt feine aufwärtsgerichtete Borsten und die Krallen am Ende. G: Die Fortsätze am Körperende (tp). Man erkennt die Borsten und auch die Löcher der Stigmen. Maßstäbe: D, F und G 1 mm, E 0,5 mm. Quelle: Chen et al. 2014.

 

Im Detail. Fünf Exemplare wurden von Qiyia jurassica gefunden, bei allen fünf handelt es sich um Larven. Drei, darunter der Holotyp STMN65-1, sind in Seitenlage erhalten geblieben. Zwei Stücke, NIGP156982 und NIGP156983, sind dagegen mit ihrer Oberseite erhalten geblieben. Das feinkörnige Sediment ermöglichte die Erhaltung von zum Teil feinsten Details. Dadurch kann Qiyia jurassica genauer rekonstruiert werden.

 

Die Körperlänge der Larven beträgt etwa 18 bis 24 mm. Der gesamte Körper scheint mit winzigen Härchen (Setae) bedeckt gewesen zu sein. Drei Abschnitte sind erkennbar, die Kopf, Brust (Thorax) und Hinterleib (Abdomen) entsprechen. Der Kopf ist sehr klein (gerade mal einen Millimeter lang), auffallend reduziert, wie man es auch von vielen Maden der heutigen Fliegen kennt. Augen oder Fühler sind nicht erkennbar. Gut ausgebildet ist lediglich ein Paar Mandibeln, stark verhärtet (sklerotisiert), langgestreckt und bis zu 0,6 mm lang. Sie bewegen sich in einer senkrecht zum Kopf stehenden Ebene und besitzen an ihrer inneren Seite eine Furche, wodurch der Querschnitt sichelförmg ist. Bewegt wurden die Mandibeln wahrscheinlich von kräftigen Muskeln, darauf deuten zwei stark sklerotisierte Tentoriumäste. Dabei handelt es sich um im Kopfinnern gelegene Fortsätze der Kopfkapsel, die bei Insekten üblicherweise als Muskelansatzpunkt dienen, auch für die Muskeln welche die Mandibeln bewegen. Da diese Tentoriumäste bei Qiyia jurassica die am stärksten verhärteten Teile der Kopfkapsel waren, liegt die Vermutung nahe, dass dies für die Muskulatur von Bedeutung war. Der kleine Kopf konnte anscheinend in den dahinterliegenden Thorax zurückgezogen werden.

 

Der Thorax (zwischen 2 und 3 mm lang) fällt deutlich kräftiger aus, fast schon leicht „geschwollen“. Im Kern besteht er aus drei miteinander verschmolzenen Segmenten. Auf der Rückenseite haben diese Segmente seitlich gelegene erhabene Leisten, auf denen drei Paar (pro Segment eines) borstenbesetzte Erhebungen oder Stacheln sitzen. Auf der Unterseite des Thorax ist eine wesentlich bemerkenswertere Struktur ausgebildet: Ein Saugnapf! Der Saugnapf hat einen Durchmesser von etwa 2 mm und erstreckt sich über fast die gesamte Länge des Thorax. In der Mitte ist der Saugnapf vertieft, der Rand ist dünner und war wahrscheinlich flexibel. Radial (also von innen nach außen laufend) angeordnet in dem Saugnapf sind sechs robuste und sklerotisierte Leisten, die von Gewebe mit kleinen Stacheln überzogen sind. Die äußeren Enden dieser Leisten sind verdickt und anscheinend mit mehreren Fortsetzen im Muskelgewebe verankert.

 

Das Abdomen besteht aus 8 Segmenten, die deutlich voneinander unterscheidbar sind. Die ersten sieben Segmente besitzen auf der Oberseite wiederum borstenbesetzte Erhebungen und zwar jeweils zwei Paar. Auf dem letzten Segment ist es nur ein Paar solcher Erhebungen. Auf der Unterseite tragen die Segmente 1 bis 7 jeweils ein Gliedmaßenpaar. Die Gliedmaßen der Segmente 1 bis 6 sind kurz und stummelförmig, tragen Borsten und an ihren Enden zwei Reihen von sechs hakenförmigen Krallen, die entfernt an Häkelnadeln erinnern. Das Gliedmaßenpaar am siebten Segment ist schlanker und länger – es misst 3 bis 4 mm Länge, während die anderen Stummelbeine gerademal 1,5 mm messen. Außerdem hat das siebte Gliedmaßenpaar auch weniger hakenförmige Krallen, nur drei oder vier. Das letzte, achte Abdominalsegment trägt zwei sogenannte Analpapillen – längliche und spitz auslaufende Fortsätze, die wahrscheinlich (wie bei heutigen Insektenlarven) der osmotischen Regulation des Ionenhaushalts und der Aufnahme von im Wasser gelöstem Sauerstoff. Üblicherweise umgeben die Analpapillen auch tatsächlich die Afteröffnung, was daher auch hier angenommen werden kann. Das vordere Paar Analpapillen ist bis zu 6 mm lang (nur bei einem Exemplar kürzer als 5 mm), das hintere Paar konnte nur bei zwei Exemplaren (darunter dem Holotyp) vollständig nachgewiesen und vermessen werden, dort ist es nur 3,2 bis 3,7 mm lang. Ganz am Ende trägt das letzte Segment ein Paar unsegmentierter, aber stark verhärteter (sklerotisierter) Fortsätze, die einen Kranz aus steifen Borsten (Setae) tragen. Jeder Fortsatz ist 2 bis 3 mm lang (je nach Größe der Larve) und besitzt rund 10 Öffnungen, Stigmen genannt, die ziemlich sicher der Atmung von Luft dienten.

 

Bild 3

Bild 3: Das Exemplar NIGP156982 ist so erhalten geblieben, dass es von der Rückenseite her betrachtet werden kann. Für dieses Bild wurde es mit Alkohol behandelt. Maßstab: 5 mm. Quelle: Chen et al. 2014. 

 

Eine erstaunliche Mischung. Bei den als Qiyia jurassica beschriebenen Fossilien handelt es sich um Insektenlarven, soviel ist klar. Bei einer genaueren Betrachtung hat Qiyia jurassica deutlich den Habitus einiger ans Wasser angepasster Larven aus der Gruppe der Zweiflügler (Diptera). In der Tat lassen sich die Fossilien erstaunlich gut innerhalb der Zweiflügler einordnen, allerdings besitzt Qiyia jurassica eine erstaunliche Mischung aus urtümlichen Merkmalen, mit abgeleiteten Merkmalen, die sie mit anderen Arten teilt, und aus sehr speziellen nur von dieser Art nun bekannten Merkmalen.

 

Als urtümliche Merkmale werden die mit einer Furche versehenen Mandibeln und die gut entwickelten, langen Analpapillen angesehen. Letztere bilden zugleich eine wichtige Anpassung an das Leben im Wasser. Zwei Merkmale, der sichelförmige Mandibelquerschnitt und der zurückziehbare kleine Kopf, sind relativ typisch für die Larven der Bremsenartigen (Tabanomorpha). Innerhalb dieser Gruppe gibt es in der Tat auch viele Vertreter mit im Wasser lebenden Larven. Zwei Merkmale sind sehr auffällig für die Forscher: Die Form der Krallen an den Gliedmaßen und die beiden Fortsätze am Hinterleibsende, die die Atemöffnungen und einen starken Borstenbesatz aufweisen. Beide Merkmale sind abgeleitete Merkmale, die als typisch für die Larven der Familie der Ibisfliegen (Athericidae) gelten. Aufgrund dessen ist man sich derzeit sehr sicher, dass auch Qiyia jurassica zu den Athericidae gehört. Allerdings gehört die Art vermutlich zu einem frühen Seitenzweig der Familie, der eine etwas eigene Entwicklung genommen hat: Dass die beiden Fortsätze am Körperende so stark sklerotisiert sind ist ebenso einzigartig wie die Ausbildung des Saugers an der Unterseite des Thorax. 

 

Bild 4

Bild 4: E zeigt den Kopf und Thorax des Exemplars NIGP156984. Hier erkennt man besonders gut die Saugnapfstruktur. Maßstab 1mm. D zeigt eine Rekonstruktion des Saugnapfes in Aufsicht. Quelle: Chen et al. 2014. 

 

Dieser Sauger von Qiyia jurassica ist sogar innerhalb praktisch aller Zweiflügler, wenn nicht gar Insekten einzigartig. Mit ziemlicher Sicherheit kann der Sauger von den drei Beinpaaren des Thorax hergeleitet werden. Darauf deuten auch die sechs sklerotisierten Leisten, die radial in dem Sauger angelegt sind und wahrscheinlich von ihrem Ursprung her den ursprünglichen sechs Beinen entsprechen. Eine in jeder Hinsicht absolut bemerkenswerte Abwandlung!

 

Leider wissen wir noch nichts über die Imagines von Qiyia jurassica. Heutige Ibisfliegen (Athericidae) sind relativ kleine bis mittelgroße Fliegen von schlanker, langbeiniger Statur, die andere Insekten jagen oder Blut an Wirbeltieren saugen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ähnliches auch auf die Imagines von Qiyia jurassica zutraf. Vorerst muss man sich aber leider damit begnügen, verlässlichere Aussagen auf die Lebensweise der Larve zu beschränken. Ob man jemals Imagines dieser Art finden und sicher zuordnen kann, bleibt derzeit dahingestellt.

 

Bild 5

Bild 5: Rekonstruktion von Qiyia jurassica in Seitenansicht. Quelle: Chen et al. 2014. 

 

Bild 6

Bild 6: Rekonstruktion von Qiyia jurassica im natürlichen Lebensraum – festgeheftet an einem Salamander, dessen Blut die Nahrung der Larve ist. Quelle: Chen et al. 2014 /Dinghua. 

 

Lebensraum und Lebensweise. Was kann man über die Lebensweise zumindest der Larve von Qiyia jurassica sagen? Nun, mit einem leichten Schuss gut begründeter Interpretation wird sie als Ektoparasit eingeschätzt. Mit den Krallen an den kurzen Stummelbeinen konnte das Tier vermutlich erstaunlich flott am Gewässergrund oder in der Gewässervegetation unterwegs sein – zumindest weiß man das von heutigen Athericidae-Larven, die sogar aktive Jäger in fließenden Gewässern sind. Dort jagen sie andere kleine Wirbellose. Auch Qiyia jurassica könnte aktiv auf der Suche nach Beute gewesen sein – doch der Saugnapf deutet darauf hin, dass sich diese Larven auf größere Beute spezialisiert hatten, an der sie sich dann festhefteten! Die Stacheln entlang der Leisten des Saugers bohrten sich dann vermutlich ins Fleisch des Opfers, um eine noch bessere Verankerung zu erreichen. Der insgesamt flexible Sauger konnte außerdem wahrscheinlich von Qiyia jurassica so bewegt werden, dass der Unterdruck und damit die Saugkraft reguliert werden konnten. Wenn sich dann noch die Stummelbeine mit ihren Krallen in die Haut des Opfers bohrten, saß Qiyia jurassica vermutlich ziemlich fest. Die Mandibeln konnten vermutlich so aneinandergepresst werden, dass sie mit ihren Furchen eine Röhre bildeten. Mit dieser stachelförmigen Röhre stach Qiyia jurassica ein Opfer vermutlich an, flößte ihm giftigen oder gerinnungshemmenden Speichel ein und saugte dann Blut. Hier kann man auch wieder von heutigen Athericidae einiges als Analogie heranziehen: Auch deren Larven töten ihre Beute zunächst mit Gift und verflüssigen sie dann mit Speichel von innen. Den Nahrungsbrei saugen sie dann auf. Nur muss man bei Qiyia jurassica annehmen, dass Gift und Speichel hier nicht direkt tödlichen oder vorverdauenden Zwecken dienten. Sondern mehr der Betäubung beim Einstich und der Verhinderung der Gerinnung des Blutes. Festgesaugt an den Wirt konnte Qiyia jurassica dann in aller Ruhe Blut saugen. Eine ähnliche Lebensweise ist durchaus von kleineren Krebstieren bekannt, die als Ektoparasiten zum Beispiel an Fischen leben. Qiyia jurassica tötete sein Opfer also nicht, sondern blieb an ihm haften und nährte sich von dessen Blut – eine solche Lebensweise von derjenigen heutiger Athericidae-Larven abzuleiten ist nicht so schwer und es erklärt am besten die besonderen Merkmale der Art, wie zum Beispiel den Saugnapf.

 

Fragt sich, an welchen Wirten die Larven von Qiyia jurassica parasitierten. Hier müssen selbst die Forscher etwas spekulieren. Die beste Herangehensweise ist vielleicht eine Betrachtung des Lebensraums. Das nördliche China lag damals am Rande des damaligen asiatischen Kontinents in höheren gemäßigten Breiten, die jedoch wärmer als heute waren. Es war damals eine flache Ebene mit großen Seen und träge heranströmenden Flüssen. Die heutigen feinkörnigen Sedimente, die die gut erhaltenen Fossilien in sich bergen, lagerten sich vor allem in den Seen ab. Wegen einer östlich der Region gelegenen noch höchst aktiven Plattengrenze, an der eine Krustenplatte unter die andere abtauchte, befanden sich auch aktive Vulkane in der Nähe. Ihre regelmäßigen Ausbrüche trieben Aschewolken immer mal wieder über die Landschaft, deren herabregnende Aschen sich als Tuffe mit den Sedimenten vermischten und manchmal ganze eigene Lagen bildeten. Die Umgebung der Seen war zumindest teilweise von Wäldern bedeckt. In diesen Wäldern gingen möglicherweise die Imagines von Qiyia jurassica auf Jagd.

 

Was lebte in den Seen selber, was als Wirt für die Larven dienen konnte? Nun, erstaunlicherweise nur wenige Fische. Dafür gab es nach dem Fossilbericht vor Ort zu urteilen aber eine Wirbeltiersorte passender Größe sehr häufig dort: Salamander! Das Forscherteam, welches Qiyia jurassica beschrieben hat, äußerte daher die Vermutung, dass diese Larven sich möglicherweise an Salamandern festgesaugt und von deren Blut ernährt haben. Dass die Salamander manchmal auch das Wasser verließen wäre kein Problem gewesen: mit den Analpapillen konnte Qiyia jurassica wunderbar unter Wasser atmen, über Wasser theoretisch über die Stigmen an den hintersten Körperanhängen auch Luft. Zum letzten Beweis dieser Theorie fehlt zugegebenermaßen aber eines: Ein fossiler Salamander, an dem noch fossil erhalten eine Larve von Qiyia jurassica hängt.

 

 

Bild 7: Eine heutige Ibisfliege (Atherix ibis). Die Ibisfliegen sind die heute lebenden mutmaßlich nächsten Verwandten von Qiyia jurassica. Deren Imagines sahen möglicherweise ganz ähnlich aus. Quelle: Dmitry Gavryushin/ www.diptera.info

 

Auch andere Fragen bleiben offen. Neben dem Imaginesstadium kennt man zum Beispiel auch das Puppenstadium nicht, das es gegeben haben muss. Auch über die Eiablage kann man nur spekulieren. Naheliegend ist, ein ähnliches Prozedere anzunehmen wie bei heutigen Ibisfliegen: Diese legen die Eier auf der Vegetation am Uferrand ab. Die geschlüpften Larven fallen dann ins Wasser. So bleibt Qiyia jurassica eine interessante und spannende Neuentdeckung und wer weiß welche Einblicke in die Biologie dieser Art künftige Entdeckungen in China noch ermöglichen werden.

 

Literatur.

 

Chen, J., Wang, B., Engel, M.S., Wappler, T., Jarzembowksi, E.A., Zhang, H., Wang, X., Zheng, X. & Rust, J. 2014. Extreme adaptations for aquatic ectoparasitism in a Jurassic fly larva. – eLife 2014; 3: e02844. Doi: 10.7554/eLife.02844

 

Gao, K.-Q. & Shubin, N.H. 2012. Late Jurassic salamandroid from western Liaoning, China. – Proceedings of the National Academy of Sciences 109, 15: 5767-5772.

 

Grimaldi, D. & Engel, M.S. 2005. Evolution of the Insects. Cambridge University Press.

 

Lambkin, C.L., Sinclair, B.J., Pape, T., Courtney, G.W., Skevington, J.H., Meier, R., Yeates, D.K., Blagoderov, V. & Wiegmann, B.M. 2013. The phylogenetic relationships among infraorders and superfamilies of Diptera based on morphological evidence. – Systematic Entomology 38: 164-179.

 

Liu, Y., Liu, Y. & Zhang, H. 2006. LA-ICPMS zircon U-Pb dating in the Jurassic Daohugou Beds and correlative strata in Ningcheng of Inner Mongolia. – Acta Geologica Sinica 80, 5: 733-742.

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Daohugou-Schichten

http://de.wikipedia.org/wiki/Ibisfliegen

http://en.wikipedia.org/wiki/Tiaojishan_Formation