Pirats Bestiarium: Montserrattrupial (Icterus oberi)

Montserrattrupial (Icterus oberi Lawrence, 1880)

 

 

Namensbedeutung. Der Gattungsname Icterus wurde 1760 von dem französischen Zoologen Mathurin-Jacques Brisson (1723-1806) aufgestellt, um die damals aus Amerika bekannten Trupiale von anderen bekannten Vögeln abzugrenzen. Die Namensbedeutung ist ein wenig eigenwillig: im Altgriechischen bereits bedeutet „Ikteros“ etwa Gelbsucht. Zugleich wurden damit aber auch gelb-schwarze Vögel wie zum Beispiel der europäische Pirol (Oriolus oriolus) bezeichnet, vermutlich wegen dem hohen Anteil gelben Gefieders. Viele der Trupiale in Amerika besitzen auch eine markante gelblich-grünliche oder orangene Zeichnung auf schwarzem Grund – daher übertrug Brisson kurzerhand die alte Bezeichnung auf diese Vögel. Der Artname des Montserrattrupials, vergeben von dem amerikanischen Amateurvogelkundler (Ornithologen) George Newbold Lawrence (1806-1895), ehrt den amerikanischen Naturforscher Frederick A. Ober (1849-1913), der die Art während seiner Reisen auf die Kleinen Antillen in den Jahren 1876-78 entdeckte.

 

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Deuterostomia; Chordata; Craniota; Vertebrata; Gnathostomata; Eugnathostomata; Osteichthyes; Sarcopterygii; Rhipidistia; Elpistostegalia; Stegocephali; Tetrapoda; Reptiliomorpha; Amniota; Reptilia; Eureptilia; Romeriida; Diapsida; Neodiapsida; Sauria; Archosauromorpha; Archosauriformes; Archosauria; Ornithotarsi; Ornithodira; Dinosauromorpha; Dinosauria; Saurischia; Theropoda; Neotheropoda; Averostra; Tetanurae; Orionides; Avetheropoda; Coelurosauria; Tyrannoraptora; Maniraptoriformes; Maniraptora; Eumaniraptora; Avialae; Pygostylia; Ornithothoraces; Euornithes; Carinatae; Ornithurae; Aves; Neognathae; Neoaves; Psittacopasserae; Passeriformes; Passeri; Eupasseri; Passeroidea; Icteridae; Icterus.

 

Wie bei den beiden anderen bisher vorgestellten Vögeln, dem Kranich (Grus grus) und dem Philippinenadler (Pithecophaga jefferyi), muss auch hier wieder auf die nach wie vor recht schwammige und mutmaßlich noch korrekturbedürftige Phylogenie der modernen Vögel (Neoaves) verwiesen werden. Die mutmaßliche Einteilung in zwei Hauptlinien ist noch nicht zweifelsfrei untermauert. Folgt man diesem Konzept gehört der Montserrattrupial wie die beiden bisher vorgestellten Arten zu den Coronaves. Innerhalb dieser wäre die Gruppe der Sperlingsvögel (Passeriformes) die am höchsten abgeleitete Linie. Das Schwestergruppenverhältnis zwischen den Sperlingsvögeln und den Papageienvögeln (Psittaciformes) scheint relativ gesichert zu sein, beide werden daher als Psittacopasserae zusammengefasst. Die Sperlingsvögel sind eine vielgestaltige und artenreiche Gruppe, die größte Vogelgruppe derzeit überhaupt. Entsprechend umstritten sind aber leider auch die Verwandtschaftsbeziehungen der einzelnen Untergruppen zueinander. Die Stärlinge (Icteridae) sind ziemlich sicher eine relativ abgeleitete Gruppe, die sich allein in Amerika entwickelt hat. Sie sind am nächsten mit den Finken (Fringillidae), die Waldsänger (Parulidae), Ammern (Emberizidae), Tangaren (Thraupidae) und einigen anderen ähnlichen Familien verwandt, denen allen gemeinsam ist, nur 9 Handschwingen zu besitzen. Die Stärlinge selber wurden umfassend morphologisch und molekulargenetisch untersucht und anders als andere Familien der Sperlingsvögel erwiesen sie sich dabei als von vorne herein gut definiert und monophyletisch. Innerhalb der Stärlinge bilden die Trupiale (Icterus) eine eigene Linie von etwa 30 Arten.

 

 

Verbreitung. Der Montserrattrupial ist auf der Insel Montserrat endemisch, das heißt, er kommt nur dort vor. Die Insel gehört zu der Inselkette der Kleinen Antillen, die die eigentliche Karibik vom Atlantik trennt. Auf der Insel kam der Vogel ursprünglich auf dem Bergkomplex der Soufrière Hills und dem Komplex der Centre Hills vor. Inzwischen gibt es nur noch Restbestände in Teilen der Central Hills und im äußersten Süden der Insel, in den South Soufrière Hills. Die Gründe für diesen Bestandsrückgang werden weiter unten ausgeführt.

 

Karte

Bild 1: Die Verbreitung des Montserrattrupials auf Montserrat. Ursprünglich kam dieser in zwei größeren Arealen vor, in den Centre Hills und den Soufrière Hills (dunkelgrau). Heute existiert er nur noch in dem nördlichen Areal und einem kleinen Restgebiet im Süden der Insel. Die Geländekonturlinien markieren die Höhenlinie von 305 und 615 m über dem Meeresspiegel. Quelle: Hilton et al. 2003.

 

Bild 2: Die Lage von Montserrat in der Karibik. Quelle: Wikipedia.

 

 

Die Insel. Montserrat ist eine der kleineren Inseln in der Inselkette der Kleinen Antillen. Die Insel liegt im nördlichen Teil der Inselkette und ist seit dem 17. Jahrhundert britisch. Das tropfenförmige Eiland umfasst nur wenig mehr als 100 Quadratkilometer. Drei vulkanische Massive bauen die Insel auf – von Norden nach Süden die Silver Hills, die Centre Hills und die Soufrière Hills. Dadurch hat Montserrat eine gebirgige Topographie, bedeckt von immergrünen tropischen Regenwäldern. Das Klima ist entsprechend tropisch – heiß und feucht mit Durchschnittstemperaturen nahe 30° Celsius. Im Jahreslauf gibt es nur geringfügige Unterschiede in den Niederschlagsmengen: Von April bis zum November fällt der meiste Niederschlag. Von November bis Ende März ist es etwas weniger, kann aber deutlich schwanken. Die Bevölkerungsdichte war auch nie sehr groß, kurz nach dem 2. Weltkrieg wurde der Höchststand mit rund 14000 Einwohnern erreicht, der danach sogar ein wenig absank. Dadurch blieb Montserrat von den größten Veränderungen weitestgehend verschont, die menschliche Besiedlung vielen Inseln so bringt – es gab keine großflächige Entwaldung und auch Bebauung hielt sich in Grenzen. Es wurde nie mehr als Tabak, Baumwolle und Zuckerrohr in überschaubarem Maße angebaut.

 

Dadurch blieb auch für die endemische Tierwelt genügend Raum. Zu den nur hier heimischen Arten gehört der Montserrattrupial. Irgendwann in der Vergangenheit verschlug es, vermutlich von Nordamerika kommend, Trupiale auf die karibischen Inseln. Hier entwickelten sie sich jeweils zu verschiedenen Arten. Der Montserrattrupial spezialisierte sich auf seiner Insel auf ein Leben im Wald. Im Gegensatz zu vielen seiner Verwandten ist er kein wirklicher Freund von offeneren Baumbeständen am Waldrand. Er bewohnt vor allem die Wälder an den Hängen der Vulkane in etwa 150 bis 900 m Höhe. Am häufigsten sind die Vögel zwischen 400 und 500 m Höhe, wo das Klima für sie optimal ist.

 

Bild 3: Die Wälder in den Centre Hills, der Lebensraum des Montserrattrupial. Quelle: Matt Morten/ www.mountainchicken.org

 

Auffällig versus schlicht. Beim Montserrattrupial findet man einen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus, wie er bei vielen Vögeln so typisch ist: Auffällige Männchen und schlichte Weibchen. Die Weibchen sind in der Tat im Blätterwerk und Geäst von Baumkronen gut getarnt: Ihre Oberseite ist grün mit leichten bräunlichen und gelblichen Tönen, die Unterseite von grünlichem Gelb. Sie sind dadurch nur schwer zu entdecken, was gerade während der Brut sehr wichtig ist. Die Männchen dagegen besitzen eine auffällige schwarz-gelbe Färbung. Strahlend gelb sind dabei vor allem die Körperunterseite, der Bürzel und zwei Flecken an den Schultern. Im Gewirr von Hell und Dunkel im Blätterdach sind die Männchen dennoch schwerer zu entdecken, als man erwarten mag. Doch für das Auge weiblicher Artgenossen ist es auffällig genug. Diese Vögel besitzen kräftige Greiffüße, mit denen sie Äste umpacken können, und mäßig lange, kräftige, zugespitzte Schnäbel. Mit diesem Schnabel macht der Montserrattrupial vor allem Jagd auf Insekten. Diese schnappen die Vögel vor allem von Blättern und Ästen herunter. Diesen Speiseplan ergänzen sie nur selten durch Früchte – was sie sehr von sonstigen Trupialen unterscheidet, die meist eher vegetarisch leben. Überhaupt ist der Montserrattrupial innerhalb seiner Verwandtschaft untypisch. Wissenschaftlich fanden zum Beispiel heraus, dass bei Trupialen (Gattung Icterus) ein ausgeprägtes Wanderverhalten mit einem auffälligen Geschlechtsdimorphismus einhergeht. Soll heißen: Die Gene, die für ein sehr wanderfreudiges und nomadisches Verhalten verantwortlich sind, kodieren auch die auffälligen Unterschiede im Gefieder dieser Vögel. Die einzige Ausnahme weit und breit: Der Montserrattrupial. Dieser zeigt überhaupt kein nomadisches Verhalten, sondern bleibt relativ sesshaft. Dennoch unterscheiden sich die Geschlechter deutlich. Der Grund dafür könnte aber relativ einfach sein: Vermutlich stammt die Art von wandernden Vorfahren ab, die es bei der Suche nach einem Winterquartier nach Montserrat verschlagen hat. Die am wenigsten wanderfreudigen Exemplare blieben dort und wurden zur Gründergeneration. Im Laufe der weiteren Entwicklung verloren die Vögel endgültig den Wandertrieb, aber behielten die bunte Färbung der Männchen bei. Nach Untersuchungen der mitochondrialen DNA dieser Vögel existiert die Art nun seit etwa 2 Millionen Jahren auf Montserrat. Montserrattrupiale sind bis zu 22 cm groß.

 

Regen und Fruchtbarkeit. Montserrattrupiale können mehrfach im Jahr brüten, wobei die genaue Anzahl der Bruten im Jahr und deren Erfolg von den jeweils aktuellen Witterungsbedingungen abhängig ist. In Jahren mit etwas weniger Niederschlag zwischen November und März verlängert sich der Abstand zwischen einzelnen Bruten und es werden nur wenige Eier gelegt. Fällt dagegen etwas mehr Regen, beginnen die Tiere früher im Jahr mit dem Nestbau, der Abstand zwischen zwei Bruten verkürzt sich und die Gelege sind größer. Dagegen ist die Überlebensrate der geschlüpften Jungen scheinbar unabhängig von der Niederschlagsmenge – auch eine anfangs befürchtete negative Auswirkung zu starker Regenfälle auf die Bruten ließ sich bisher nicht bestätigen. Allerdings scheinen die Tiere ihre Brutaktivitäten in manchen Jahren mit starker Sturmaktivität in der Hurrikan-Saison (meist etwa im September) zu unterbrechen. Die meisten Paare beginnen ihre Brutzeit etwa ab März. Meist schafft ein Paar nur zwei Bruten im Jahr erfolgreich durchzubringen, es kann aber bis zu fünf Brutversuche geben, wenn die Tiere bald nach einer erfolglosen Brut es erneut versuchen.

 

Verschiedene Faktoren bedingen die beobachteten Zusammenhänge zwischen der Niederschlagsmenge und der Bruthäufigkeit und Fruchtbarkeit. Das eine ist die Nahrungsversorgung: Mehr Niederschläge begünstigen größere Bestände an Insekten und anderen kleinen Wirbellosen, die zu den Beutetieren des Montserrattrupials zählen. Ein besser genährtes Weibchen kann mehr Ressourcen für die Produktion von Eiern in kürzerer Zeit aufbringen. Ein anderer Punkt ist die Versorgung mit Trinkwasser. Der vulkanische Untergrund Montserrats ist porös und zerklüftet, weshalb es kaum Oberflächenwasser gibt – es versickert zu schnell. Die Vögel müssen sich andere Wasserquellen erschließen. Zum Beispiel das Wasser, welches sich auf großen Pflanzenblättern und besonders gut in den Blütenständen der Helikonien (Heliconia caribaea) sammelt. Helikonien sind krautige, aber bis zu 5 m hohe Pflanzen mit halbröhrenartigen langen Blüten in langen Blütenständen. In diesen sammelt sich gerne viel Regenwasser an, in denen sich sogar Insekten und im Wasser lebende Wirbellose wohl fühlen. Dadurch bieten diese Blütenstände während regenreicher Zeiten für die Montserrattrupiale nicht nur die beste Quelle für Frischwasser, sondern auch ein gutes Jagdrevier. Häufig bauen die Montserrattrupiale ihre Nester kurzerhand in den Helikonien. Andere beliebte Orte für den Nestbau sind Bananenstauden.

 

Bild 4: Ein Männchen des Montserrattrupial. Das Bild entstand im Londoner Zoo. Quelle: Neil Phillips/ Wikipedia.

 

Bild 5: Das Weibchen des Montserrattrupial. Quelle: www.arkive.org / Gregory Guida (www.gguida.com).

 

Familienleben. Montserrattrupiale leben paarweise und scheinen weitestgehend monogam zu sein, nach einer Untersuchung bleiben etwa 75 % der Paare dauerhaft zusammen. Das Männchen legt dabei ein ausgeprägtes Territorialverhalten an den Tag. Zur Abgrenzung des Reviers nutzt es seinen Gesang. Dieser baut sich vor allem aus hellen Tschirp-und Zwitscherlauten auf. (Einige Tonaufnahmen des Gesangs finden sich hier: http://www.xeno-canto.org/species/Icterus-oberi ). Auch Warnrufe gehören zum Repertoir der Vögel. Sie bestehen aus einer schnelleren Serie von kurzen hellen Lauten. Bei den meisten der wenigen Paare, die nicht zusammen bleiben, ziehen übrigens die Männchen weiter, um sich neue Reviere zu suchen.

 

Die Nester sind kunstvoll beutelförmige Nester, die die Vögel aus Pflanzenteilen zusammenweben. Sie hängen von den unteren Ästen und Stengeln der Helikonien oder Bananenstauden herab. Die darüber liegenden Blätter schützen das Nest vor zu starkem Regen. Die Gelege sind nicht sehr groß. Pro Gelege werden maximal zwei bis drei Eier gelegt – in trockeneren Jahren sogar nur ein bis zwei Eier. Die Eier werden in einem Abstand von etwa einem Tag gelegt. Wenn das letzte Ei gelegt ist, beginnt das Weibchen mit der Brut. Das Weibchen brütet allein, wird aber vom Männchen versorgt, welches auch in dieser Zeit das Nest gegen jeden Störenfried verteidigt. Die Bebrütung dauert etwa zwei Wochen. Danach werden die Jungen von beiden Eltern gefüttert. Mit etwa zwei Wochen sind sie dann auch bereits flügge, bleiben aber noch gut weitere 40 Tage im Revier der Eltern und werden auch noch mitgefüttert. Die Häufigkeit der Fütterung durch die Elterntiere nimmt aber mit zunehmendem Alter ab. Danach erst ziehen die Jungvögel, deren Gefieder dem der Weibchen ähnelt, aber noch wesentlich stumpfer gefärbt ist, weiter und suchen sich eigene Reviere.

 

Im optimalen Fall könnte ein Brutpaar so bis zu sechs oder neun Junge im Jahr durchbringen. Dies ist aber selten bis nie der Fall gewesen, schon immer. Krankheiten, Witterung und auch einheimische Nesträuber wie die Perlaugen-Spottdrossel (Margarops fuscatus) können eine Brut scheitern lassen. Nach einer gescheiterten Brut können Montserrattrupiale aber binnen 24 Tagen erneut brüten. Auch wenn die Jungen schon flügge sind, können weitere Verluste durch Fressfeinde auftreten. Im Schnitt ist der Reproduktionserfolg der Montserrattrupiale stets kleiner gewesen als der verwandter oder vergleichbarer Arten. Demographisch gesehen reichte es aber, die Population stabil zu halten – für eine Inselart mit einem räumlich sehr beschränkten Lebensraum ist das normalerweise ja vollkommen ausreichend. Solange denn keine Katastrophe passiert.

 

Bild 6: Das Nest des Montserrattrupials. Quelle: www.arkive.org / Michael Roedel.

 

Bild 7: Ein männlicher Montserrattrupial auf einem Blütenstand der Heliconia caribaea. Quelle: Tavez Aymer / http://ibc.lynxeds.com

 

Der Beginn der Katastrophe. Im Falle des Montserrattrupials trat aber genau das ein: Eine Katastrophe – oder besser: Gleich zwei, die in ihrer Kombination die Art an den Rand des Aussterbens gebracht haben. Ausnahmsweise ist aber einmal nicht der Mensch der Hauptschuldige.

 

Die erste Katastrophe nahm ihren Anfang zu Beginn des September 1989 vor der westafrikanischen Küste. Dort braute sich ein Sturm zusammen, den die Meteorologen Hugo tauften und der sich bei seinem weiteren Weg über den Atlantik in Richtung Westen zu einem besonders heftigen Hurrikan entwickelte. Als Hugo am frühen Morgen des 17. September die Karibik erreicht, ist er bereits als Hurrikan der Kategorie 5 eingestuft. Er erreicht die Region im Norden der Insel Guadeloupe (südöstlich von Montserrat) und trifft damit Montserrat mit der vollen Wucht seiner bis zu 260 km/h erreichenden Winde. Für die kleine Insel bedeutet es so etwas wie den Weltuntergang.

 

Einen ganzen Tag lang dreschen die Naturgewalten auf Montserrat ein. Die Verwüstungen sind verheerend. Die gesamte Infrastruktur wird zerstört. Jedes Gebäude wird beschädigt, die meisten werden komplett zerlegt. Von den 12000 Einwohnern zu jener Zeit stehen 11000 am folgenden Tag ohne Dach über dem Kopf da. Sogar das Krankenhaus und das Police Department werden verwüstet. Als das Elektrizitätskraftwerk zerstört wird, fallen für Wochen Elektrizität, Wasser und Telefon aus. Gigantische Wellen umtosen das Eiland. Eine über 6 m hohe Welle zerschlägt schließlich den 55 m langen Steinpier des Hafens der Inselhauptstadt Plymouth. Sturmböen entwurzeln Bäume und Unmengen von Regen lassen zahlreiche Erdrutsche an den Berghängen abgehen. 10 Menschen sterben, 89 werden schwer verletzt. Der Gesamtschaden wird später auf rund 260 Millionen Dollar geschätzt. Niemals zuvor in der Geschichte der Wetteraufzeichnungen auf der Insel und bisher auch nicht wieder danach wurde die Insel so massiv von einem Hurrikan getroffen. Auch die Folgen für die Tierwelt sind massiv. Die Fledermausbestände auf der Insel werden zum Beispiel praktisch komplett ausgelöscht mit Verlusten von mehr als 90 %. Die lokale Population der Fledermausart Chiroderma improvisum wird sogar komplett ausradiert (glücklicherweise gibt es die Art auch auf anderen Inseln der Region) – seit Hugo wurde auf Montserrat kein Exemplar dieser Art mehr gesehen. Und der Montserrattrupial? Genau ist der Effekt von Hugo auf dessen Bestände nicht bekannt, doch durfte dies ein erster herber Nackenschlag für die Vogelart gewesen sein. Alle zu diesem Zeitpunkt noch laufenden Bruten dürften zerstört worden sein, vermutlich wurden auch viele Trupiale getötet. Man kann sich gut vorstellen, dass die Population möglicherweise Jahre brauchte um sich von Hugo zu erholen.

 

Das wäre vielleicht aber noch nicht wirklich Grund zur größerer Besorgnis seitens der Artenschützer gewesen. Wenn nicht nur wenige Jahre später eine noch viel größere Katastrophe hereingebrochen wäre.

 

Bild 8: Der heftige Ausbruch des Vulkans Soufrière Hills im Jahre 1995. Ab diesem Zeitpunkt verwandelte der Vulkan den Süden Montserrats in eine kleine Hölle aus Asche und Glutwolken. Die vulkanische Aktivität ist inzwischen abgeflaut, hat aber bis heute nicht völlig aufgehört. Quelle: Barry Voight/ National Science Foundation/ Wikipedia.

 

Das Tor zur Hölle. Montserrat ist vulkanischen Ursprungs. Die Insel liegt nahe einer Grenze zwischen zwei Kontinentalplatten, von daher kann dies nicht verwundern. Der größte Vulkan der Insel ist Soufrière Hills. Er ragt auf einer großen Fläche mehr als 1000 m empor. Lange schenkte man diesem Vulkan wenig Beachtung. Kurz vor der Besiedlung der Insel durch die Europäer soll es eine kleine Eruption gegeben haben, soweit die Geologen das sagen können. Der letzte große Ausbruch soll nach Datierungen des auf der Insel gefundenen vulkanischen Gesteins etwa 20000 Jahre zurückliegen. Aber Geologen wissen auch: So schnell erlöschen die wenigsten Vulkane.

 

Etwa ab 1992 registrierten Geologen zunehmende Erdbeben unter der Insel und das gleich in ganzen Schwärmen. Damit war schnell klar, dass die allgemeine vulkanische Aktivität in der Gegend noch nicht vorbei ist. Rückblickend durften die Beben wohl durch das unter der Insel aufsteigende Magma ausgelöst worden sein. Am 18. Juli 1995 öffnete sich das Tor zur Hölle. Im Nordwestkrater von Soufrière Hills traf im Untergrund Magma auf Wasser. Das Resultat war eine gewaltige Wasserdampf-Magma-Explosion – diese Ausbruchsart wird phreatomagmatische Eruption genannt. Eine riesige Fontäne aus festem und geschmolzenem Gestein und Wasserdampf stieg über dem Berg auf. Das war nur der Beginn. Eine Reihe ähnlicher Eruptionen erfolgte bis zum Oktober in verschiedenen Bereichen des Vulkans und erschütterten die Insel. Am 21. August evakuierten die Behörden den gesamten Südteil der Insel, während die dort gelegene Hauptstadt Plymouth von einem Aschenregen komplett zugedeckt wurde.

 

Im November begann eine neue Ausbruchsphase. Aufsteigendes Magma schob sich zu einem Lavadom zusammen, dessen Flanken immer steiler wurden. Teile dieses Doms rutschten schon bald als rasend schnelle Glutwolken ab – sogenannte pyroklastische Ströme. Diese erreichen mehr als 100 Stundenkilometer und begraben alles auf ihrem Weg unter glühend heißem Staub und Gestein. Diese Aktivitäten führten zum Jahreswechsel zu einer weiteren Evakuierungswelle. Die gesamte Südhälfte der Insel war von nun an Sperrgebiet. Diese Ausbruchsphase zog sich über Monate, in denen sich pyroklastische Ströme und Ascheregen abwechselten. Am 17. September 1996 schließlich flog die Kraterspitze in einem gewaltigen explosiven Ausbruch in die Luft. Über den Südosten der Insel ging ein gewaltiger Regen aus glühenden Gesteinsbrocken und großen Mengen Bims nieder. Die Ortschaft Long Ground wurde dabei weitestgehend zerstört. Glücklicherweise kam kein Mensch zu Schaden.

 

Verschossen hatte der Vulkan sein Pulver aber immer noch nicht. Ein neuer Lavadom baute sich auf. Dieser kollabierte am 25. Juni 1997 in neuen pyroklastischen Strömen, die weitere Gebiete unter sich begruben. Diesmal starben 19 Menschen auf Farmen, die man noch nicht hatte aufgeben wollen. Die Beben und Eruptionen wurden immer stärker und niemand konnte mehr dafür garantieren, dass nicht die gesamte Insel hoch gehen würde. Eine Fluchtbewegung der gesamten restlichen Inselbevölkerung setzte ein – auf andere benachbarte Inseln oder ins britische Mutterland. Binnen weniger Wochen wurden auch die letzten Ansiedlungen im Südteil der Insel von Asche oder pyroklastischen Strömen begraben. Auch der einzige Flughafen wurde zerstört. Am 26. Dezember 1997 erfolgte eine besonders schwere Eruption, bei der etwa 42 Millionen Kubikmeter glühendes Gestein auf den Südwesten Montserrats niedergingen, unter anderem auch auf Plymouth.

 

Im Jahr 1998 lebten nur noch etwa 2800 Menschen auf der Insel. Später kehrten einige zurück, da der Vulkan aber seine Aktivität seitdem nie wieder ganz eingestellt hat, kam es immer wieder zu neuen Fluchtbewegungen. Seit 1998 wechselten sich ruhigere Phase mit kleineren und manchmal auch größeren Ausbrüchen ab. Am 12. Juli 2003 etwa erfolgte ein weiterer schwerer Ausbruch, bei dem die Aschewolke 15 km hoch über der Insel aufstieg. 210 Millionen Kubikmeter glühendes Lockermaterial wurden über dem Süden und der Mitte der Insel abgeladen. Anfang 2007 wurde wieder ein vermehrtes Wachstum eines neuen Lavadoms festgestellt und verstärkte Beben. Das kurzzeitig etwas weniger restriktiv durchgesetzte Sperrgebiet wurde daher wieder komplett geschlossen. Eine schwere Eruption Ende Juli 2008 begrub die bereits längst zerstörte ehemalige Hauptstadt Plymouth unter einem weiteren pyroklastischen Strom. Der letzte wirklich große Ausbruch fand am 11. Februar 2010 statt. Der Lavadom brach komplett zusammen und gewaltige pyroklastische Ströme jagten die Hänge hinab und bis auf 400 m auf das Meer hinaus. Die Aschewolke stieg mehr als 15 km hoch und ging auch auf umliegenden Inseln nieder.

 

Diese verheerende vulkanische Aktivität traf leider genau den größten Teil des vom Montserrattrupials bewohnten Lebensraums. Und mit einem Schlag stand dieser damit auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten.

 

Bild 9: Dieses Bild der früheren Inselhauptstadt Plymouth wurde 2006 aufgenommen. Diese Trümmerwüste ist alles was Ascheregen und pyroklastische Ströme übrig gelassen haben. So sehen weite Teile des südlichen Teils von Montserrat aus. Quelle: Wikipedia.

 

 

Kampf ums Überleben einer Art. Bereits die ersten Ausbrüche hatten den größten Teil des Lebensraums des Montserrattrupials zerstört. Nur in den Centre Hills schien eine Population überlebt zu haben. Ornithologen begaben sich in ruhigeren Phasen des Soufrière Hills-Vulkans auf die Suche nach den Vögeln. Dabei entdeckten sie völlig überraschend nur einen Kilometer vom Vulkangipfel entfernt auf dem Südhang ein erhalten gebliebenes Waldgebiet von nicht einmal zwei Quadratkilometern Größe, in dem ebenfalls noch einige Montserrattrupiale zu finden waren. 1997 schätzten die Organisation BirdLife International den gesamten Bestand auf der Insel noch auf 4000 Individuen. Was möglicherweise sogar noch recht optimistisch war.

 

Selbst den Montserrattrupialen, die die Eruptionen bis 1997 überlebt hatten, stand ein schweres Los bevor: Viele der von ihnen bewohnten Wälder waren mit Asche bedeckt worden. Das Nahrungsangebot war auf Jahre hinaus schlecht, viele Vögel wurden von der giftigen Asche krank. Brutverluste durch Nestplünderer wie Spottdrosseln und Ratten wurden nun immer mehr zum empfindlichen Züglein an der Waage. Die Folge war ein weiterer Bestandsrückgang binnen weniger Jahre um noch einmal etwa die Hälfte. Angesichts dieser Lage griff nun derjenige ein, der sonst meist der Grund für so eine katastrophale Situation ist: Der Mensch.

 

1999 fing ein Team des Durrell Wildlife Conservation Trust, den britische Zoologe Gerald Durrell 1963 zum Betrieb seines eigenen Zoos auf der Insel Jersey gegründet hatte und der sich der Bewahrung von bedrohten Tierarten verschrieben hat, 8 Montserrattrupiale ein und brachte sie in den Zoo auf Jersey. Dort stellten sich rasch erste Bruterfolge ein. Diese Rettungsaktion wurde zum Grundstock eines internationalen Zuchtprogramms, an dem auch deutsche Zoos teilnehmen – unter anderem seit einiger Zeit auch der Kölner Zoo und der Zoo Frankfurt. Ziel ist es, eine Population in Gefangenschaft aufzubauen, die die genetische Vielfalt innerhalb der Art erhält und im Zweifel als Grundstock für Auswilderungsprogramme dienen kann, sollten die Wildbestände ganz durch die Vulkanausbrüche ausgelöscht werden.

 

Vor Ort begannen intensive Untersuchungen, um zum einen die tatsächlichen Populationsbestände festzustellen und zum anderen die Gründe für weitere Populationsrückgänge besser zu verstehen. Dabei wurden schnell zwei Dinge klar:

 

1. Es stellte sich als gar nicht so einfach heraus, die genaue Kopfstärke des Bestands in freier Wildbahn herauszubekommen. Auch die Verlustraten der Freilandpopulation waren schwer zu errechnen. Schätzungen dazu schwankten von 8 % bis zu 52 % Verlust pro Jahr. Sicher war nur eines: Es ging bergab.

 

2. Die Gründe für den Populationsrückgang waren weniger offensichtlich, als man zunächst annahm. Zwar gingen einige Aschewolken 2001 und 2003 auch auf die ansonsten wenig betroffenen Centre Hills nieder und zerstörten dabei viele Nester. Aber im Wesentlichen blieb dort der Wald erhalten. Außerdem konnte eine langfristige Nahrungsknappheit für die Vögel nach 2001 nicht festgestellt werden. Im Gegenteil: Die Insektenpopulationen schienen sich wieder gefangen zu haben, lediglich pflanzenfressende Insekten hatten noch mit den Folgen der Eruption zu kämpfen. Aber zum Beispiel große Libellen, die besonders gerne vom Montserrattrupial gejagt werden, erwiesen sich als erstaunlich resistent gegenüber den Folgen der Eruptionen. Andere Insektenfresser auf der Insel hatten gar keine Probleme. Dennoch gingen die Zahlen des Montserrattrupials sogar in Waldabschnitten zurück, die von den Eruptionen nie betroffen waren. Die Gründe dafür blieben im Dunkeln. Anscheinend haben Vulkanausbrüche mögliche negative Effekte auf Vogelpopulationen, die über die offenkundige Habitatzerstörung hinausgehen. Möglicherweise spielen Giftstoffe eine Rolle. Ob die im Zuge des Chaos durch den Vulkanausbruch entkommenen und nun verwilderten Hausschweine, die die Wälder unsicher machten, eine Rolle spielten, wurde vermutet, aber nie quantitativ erfasst.

 

Jedenfalls wurde um das Jahr 2010 herum der Bestand des Montserrattrupials in freier Wildbahn nur noch auf maximal 400 Paare geschätzt, wahrscheinlich eher weniger. Da blieb nur eines: Die Lage im Auge behalten und die Nachzucht in Gefangenschaft forcieren. Experten gingen jedenfalls davon aus, dass die Art mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten 10 oder 20 Jahren in der Wildnis aussterben würde.

 

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Bild 10: Ein internationales Nachzuchtprogramm unter Beteiligung vieler Zoos wurde aufgelegt, um den Montserrattrupial zu retten. Dieses Männchen soll im Kölner Zoo für Nachwuchs sorgen. Quelle: eigenes Foto (Edelweisspirat).

 

Hoffnung. 2013 stellte ein Forscherteam um Steffen Oppel eine neue Untersuchung des Bestandes des Montserrattrupials vor. Die Ergebnisse waren – überraschend. Und vor allem: Sie machen Hoffnung.

 

Zunächst kommt die Studie zu dem Schluss, dass der Bestand nach wie vor schwer zu schätzen ist. Die Schätzungen basieren in der Regel auf der Anzahl der an Beobachtungspunkten gezählten Vögel. Von diesen Zahlen aus wird hochgerechnet. Je nach Berechnung schwankt die Zahl der wahrscheinlich in freier Wildbahn lebenden Montserrattrupiale zwischen 307 und 690 (wenn man die Fehlerquotienten der Rechnungen einbezieht sogar zwischen 212, was ziemlich sicher zu niedrig gegriffen ist, und 1131 Exemplaren, was zu optimistisch sein durfte). Die meisten dieser Vögel leben in den Centre Hills, nur ein kleiner Teil in dem wiederentdeckten Restgebiet am Südhang des Vulkans.

 

Das klingt zunächst immer noch sehr bedrohlich. Aber das eigentlich wichtige ist: Seit 2003 scheint die Population dieses Vogels etwa auf diesem Niveau zu verharren. Entgegen aller Befürchtungen, die man um die Jahrtausendwende hatte, ist der Bestand nicht noch weiter eingebrochen, sondern hat sich auf diesem Level stabilisiert. Damit besteht wieder Hoffnung. Die Forscher gehen sogar so weit zu sagen: Der Montserrattrupial ist nicht immer als vom Aussterben bedroht anzusehen. Eher vielleicht als gefährdet. Warum dies?

 

Die Forscher haben eine Theorie zu der beobachteten Bestandsentwicklung. Durch die Vulkanausbrüche hat der Montserrattrupial über die Hälfte seines ursprünglichen Lebensraumes verloren. Nicht alle Exemplare in dem verwüsteten Gebiet kamen ums Leben – einige konnten mit Sicherheit zum Beispiel nach Norden in die Centre Hills flüchten. Der Bestand der dort dann zunächst festgestellt wurde, war für dieses Gebiet viel zu hoch. Es ist im Grunde genommen mit Flüchtlingsströmen bei Menschen vergleichbar, die dann auch viel zu viele Menschen auf zu kleinem Gebiet konzentrieren. Im Falle des Montserrattrupials stellte der weitere Bestandsrückgang in den Jahren bis etwa 2003 dann eine zwangsläufige Ausdünnung der Population dar – und zwar bis auf ein Bestandslevel, welches von dem verfügbaren Lebensraum in den Centre Hills ernährt werden konnte. Das Problem waren da dann vielleicht nicht die vorhandenen Bestände an jagdbaren Insekten, sondern die Konkurrenz um diese. Auch die Territorialität der Montserrattrupial-Männchen lässt letzten Endes nur eine begrenzte Bestandsdichte im verfügbaren Raum zu. Der jetzt erreichte Bestandslevel ist demnach das natürlicherweise dasjenige, welches mit dem noch verfügbaren Lebensraum versorgt werden kann – mehr geht also gar nicht.

 

Die noch vom Montserrattrupial bewohnten Wälder stehen unter Schutz – allein schon dadurch, dass ein großer Teil von ihnen auch noch in der Sperrzone liegt, solange der Vulkan aktiv ist. Da die Bevölkerungszahl auf Montserrat nie wieder ihren Stand von vor den Vulkanausbrüchen erreicht hat, hält sich der menschliche Einfluss auf der Insel auch gerade in Grenzen. Die größte Bedrohung bleibt der Vulkan. Künftige Schutzmaßnahmen werden also vermutlich überwiegend darauf abzielen, die Population schlicht im Auge zu behalten, ob sie wirklich stabil bleibt. Außerdem könnte man erwägen, mit Brutpaaren aus der Nachzucht in Gefangenschaft die Wiederbesiedlung geeigneter Waldgebiete auf der Insel in Angriff zu nehmen und so die Wildpopulation zu stützen. Sofern die Wildpopulation da selber nicht auch wieder schneller ist.

 

ZooBasel

Bild 11: Dieses Männchen des Montserrattrupials wurde im Baseler Zoo fotografiert. Quelle: http://www.zoobasel.ch

 

Moral. Vielleicht hätte der Mensch auch einfach auf die Natur vertrauen sollen. Der Montserrattrupial lebt seit etwa 2 Millionen Jahren auf „seiner“ Insel. In dieser Zeit hat er mehrere Ausbrüche des dortigen Vulkans überstanden – auch ohne den Menschen. Vermutlich gab es immer wieder Populationsengpässe, aber ein paar Vögel haben es immer wieder geschafft und dann die Trupial-Bevölkerung der Insel wieder aufgebaut. Was lehrt uns also diese dramatische Geschichte um den Vogel, der ganz ohne den Menschen an den Rand des Aussterbens geriet?

 

Sie lehrt uns verschiedene Dinge. Einerseits über das was in der Natur tagtäglich passiert. Andererseits über uns selber:

 

1. Das Geschehen auf Montserrat zeigt wie durch ein Brennglas, dass Aussterben oder auch Beinahe-Aussterben vollkommen normal sind in der Natur. Ungeachtet dessen, was der Mensch davon hält oder ob er daran schuld ist. In diesem Fall war er es nicht. Und ja, der Montserrattrupial hätte aussterben können. Nun scheint es, er wird es nicht. So geht es in der Natur auf und ab, hin und her. Das ist aber normal. Der Montserrattrupial hat auch überlebt, weil er immer noch flexibel genug ist, um auf für die Insel normale Störfaktoren reagieren zu können. Wäre das nicht der Fall, wäre er schon lange vorher ausgestorben. Hätte es ihn doch erwischt, so wäre das aus natürlicher Sicht eben schlicht so gewesen. Nur aus menschlicher Sicht wäre dies ein tragischer Verlust.

 

2. Stellt auch dieses Beispiel unser gesamtes Verständnis vom Aussterben wie es in der Öffentlichkeit diskutiert wird in Frage. Aussterben kommt eigentlich für die meisten Menschen nur in zwei Kategorien vor: Entweder es ist erdgeschichtlich lange her (Stichwort Dinosaurier) oder es ist vom Menschen verursacht. Auf gar keinen Fall sollte es – subjektiv gefühlt – natürlicherweise heute vorkommen. Tut es aber eben doch. Mit einem Fall wie dem Montserrattrupial rechnet niemand. Deswegen auch die typische Reaktion auf diesen Fall: Es werden Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um einen hübschen Vogel zu retten. Das mag verständlich sein, wenn eine Art durch menschliches Verschulden ausgerottet zu werden droht. Aber wie steht es mit einer Art, die wegen natürlicher Ursachen wie einem Vulkanausbruch, auszusterben droht? Muss der Menschen wirklich den Weltenretter für jede Art spielen? Sagt es nicht mehr über uns selber aus, als über die Welt, dass wir andauernd den Status quo retten wollen? Die Menschen sollten über die Verhältnisse auf ihrem Planeten neu nachdenken. Wir sollten uns daran gewöhnen, dass sich eben immer alles dauernd ändert und dazu auch gehört, dass Arten selten werden und/oder aussterben. Man könnte sogar debattieren inwieweit der Mensch nicht selbst ein letzten Endes natürlicher Faktor auch des Aussterbens ist. Daraus muss nicht folgern, dass man sich für keine seltene Art mehr einsetzt. Aber man sollte vielleicht bei der Entscheidung welche Art gerettet werden soll, konkretere praktischere Maßstäbe anlegen. Eine moralische Argumentation führt da vielleicht zu sehr in die Irre. Zum Beispiel könnte sich nun herausstellen, dass der Montserrattrupial am Ende gar nicht so viele Schutzmaßnahmen brauchte – nur etwas Zeit und den Lauf der Dinge. Die ins Nachzuchtprogramm gesteckten Ressourcen wären vielleicht besser für andere Tierarten, die wir selbst an den Rand der Ausrottung gebracht haben, gesteckt worden.

 

3. Nun hat man das Nachzuchtprogramm aber nun einmal gestartet und so lässt sich auch durchaus festhalten, was diese Geschichte über diesen Aspekt aussagt. Es geht hier nicht darum, was wir tun sollten oder müssen – sondern, was wir tun können. Viele der etablierten Artenschutzorganisationen haben bereits eingespielte Abläufe, um bei günstigen Umständen relativ schnell ein Nachzuchtprogramm zu etablieren. Ein solches kann aber nur in Gefangenschaft erfolgen und dazu braucht man eine Einrichtung mit entsprechenden räumlichen und personellen Kapazitäten. Dazu sind am ehesten Zoos, Tierparks und wenige speziellere Nachzuchtstationen in der Lage. Es gab und gibt viel Kritik an Zoos, manche wohl auch berechtigt. Diese geht aber bei einigen radikalen Tierrechtlern soweit, dass sie behaupten, die Rolle der Zoos beim Artenschutz wäre erfunden. Der Fall des Montserrattrupials bezeugt das Gegenteil. Nur dank Zoos können für bedrohte Arten schnell Nachzuchtprogramme aufgelegt werden, die die Schutzmaßnahmen im Freiland unterstützen. Und vor allem: Nur Zoos können solche Programme für so viele Arten unterhalten. Auch hier kann man im Falle des Montserrattrupials das Ganze wie unter einem Brennglas betrachten: Wäre der Vogel wirklich in freier Wildbahn ausgestorben, hätte ihn tatsächlich nur die Nachzucht vor dem völligen Aussterben gerettet. Mit den Vögeln aus der Nachzucht hätte die Insel nach einem Abflauen der Vulkanausbrüche wieder besiedelt werden können. Nun ist das anscheinend beim Montserrattrupial nicht nötig geworden. Aber es gibt genügend andere Arten, bei denen dies bald der Fall sein dürfte oder schon der Fall ist und deren Existenz tatsächlich nur noch am seidenen Faden der Nachzucht hängt.

 

So ist der Montserrattrupial für Forschung und Naturschützer ein Lehrstück zu vielerlei Aspekten des Artenschutzes. Diesem hübschen Vogel wird das egal sein. Bleibt zu hoffen, dass die verbliebenen Brutpaare des Montserrattrupials nun auch einigen ruhigeren Jahren entgegensehen können.

 

Bild 12: Dieses Pärchen des Montserrattrupials lebt im Jersey Zoo in der Obhut des Durrell Wildlife Conservation Trust. Quelle: Gary Ward/ http://www.fssuk.org

 

 

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