Der Deutsche Bauernkrieg I-1: Grundlegende Konflikte

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I: Vor dem Krieg

 

Das Mitteleuropa zu Beginn des 16. Jahrhunderts war ein Gebiet im Umbruch. Europa hatte gerade erst das Mittelalter hinter sich gelassen, die Renaissance entfaltete sich. Die Städte erholten sich von den Bevölkerungsverlusten durch die Seuchen anderthalb Jahrhunderte zuvor. Vieles war in Bewegung, weil auch neue Ideen aufkamen und in Umlauf kamen. Zu den bedeutendsten geistigen Strömungen zählte dabei sicherlich die von Martin Luther 1517 losgetretene Reformation – die härteste Kritik an der katholischen Kirche seit langem, die auch die seit langem weitreichendsten Folgen hatte. Letztlich führte sie binnen weniger Jahre zu einer Spaltung der Gläubigen. Zugleich hatte der Buchdruck einen ungeheuren Aufschwung genommen, seit etwa 50 Jahre zuvor die Druckerpresse durch Johannes Gutenberg erfunden worden war. Im Jahre 1500 gab es 252 Druckorte in Europa, davon 62 im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Der Effekt war eindrucksvoll: Schriftstücke aller Art, von der einseitigen Flugschrift bis hin zu einem Buch wie der Bibel, konnten so schnell und akkurat wie noch nie zuvor in größerer Stückzahl hergestellt werden. Dadurch fanden Schriften und Bücher eine ganz neue Verbreitung. Der Erfolg von Luthers Reformation hing auch damit zusammen. Aber auch andere Werke und Ideen verbreiteten sich so viel schneller und effektiver. Dies bedeutete für die Herrscher ganz neue Herausforderungen, während die Bevölkerung ganz neue Erwartungshaltungen entwickeln und artikulieren konnte. Man stand an der Schwelle einer neuen Zeit und letztlich war die Frage, wer diese neue Zeit gestalten sollte. Spannungen zwischen Herrschern und Beherrschten waren vorprogrammiert.


Grundlegende Konflikte


Inzwischen lassen sich ganz gut die grundlegenden Konflikte, die zum Bauernkrieg von 1524/25 führten, rekonstruieren. Einen ganz guten Fingerzeig in die richtige Richtung bieten bereits die von den Aufständischen damals schriftlich fixierten und den Herrschenden vorgelegten Beschwerdeschriften und Forderungsartikel. Außerdem konnte jahrzehntelange historische Quellenforschung - unter anderem in Klosterarchiven, Stadtratsarchiven etc. – das Bild weiter schärfen und einige Punkte näher klären. Grob gesagt kann man folgende hauptsächlichen Konfliktfelder ausmachen: Die Leibeigenschaft und Grundherrschaft, die Allmenden-Nutzung, das Rechtswesen, das Verhältnis zwischen Gemeinden und Obrigkeit, das Gebaren des Klerus und manchmal auch der Adligen. Diese verschiedenen Felder ergänzten sich, hingen oft zusammen, aber je nach der Region der Aufstände besaßen sie eine unterschiedliche Priorität. Dies soll im Folgenden jeweils kurz umrissen werden.

Leibeigenschaft und Grundherrschaft. Die Leibeigenschaft war Anfang des 16. Jahrhunderts eigentlich bereits im Niedergang begriffen. In Mitteleuropa existierte sie noch in einem breiten Streifen von der Mosel bis nach Schwaben, Franken und Teilen der nördlichen Schweiz. Sie bedeutete in der Praxis grundsätzlich, dass dem Lehensherrn nicht nur der Grund und Boden gehörte, sondern tatsächlich der Leib des Lehnsmanns. Ursprünglich war diese Institution keine reine Sklaverei, sondern eine Vereinbarung zwischen beiden Parteien: Der Lehnsmann schuldete dem Lehensherrn Gefolgschaft, musste geringfügige Abgaben zahlen und bestimmte Dienste, sogenannte Fronen, leisten. Abgaben wie Fronen waren ursprünglich genau definiert und festgesetzt, so dass der Lehnsmann nicht über Gebühr belastet wurde. Dies war auch im Interesse des Lehensherrn: Nur wenn der Bauer genügend Zeit für seinen Hof hatte, konnte er auch die Saat aus-und die Ernte einbringen. Aber auch der Lehensherr hatte Pflichten, er musste zum Beispiel seinen Lehnsmännern und deren Familien Schutz gewähren. Die Balance geriet jedoch offensichtlich durcheinander. Seit dem 15. Jahrhundert begannen die Lehnsherren die Leibeigenen immer stärker an ihr eigenes Territorium in der unmittelbaren Nähe zu binden. Weit entfernt siedelnde Leibeigene wurden dafür an andere Herren übereignet. Dadurch wurde die Leibeigenschaft stärker an die Grundherrschaft gekoppelt, und die Zwangsbindung an den Herrn wurde stärker. Diese Tendenz entstand aus der Bildung erster Territorialstaaten in Mitteleuropa. Wo deren Bildung bereits weiter fortgeschritten war, etwa in Tirol oder in der Region um Salzburg, löste sich die Leibeigenschaft letztlich auf. Aber in den Flickteppichen kleiner Herrschaften wie in Oberschwaben und Franken wurde die Leibeigenschaft zum Werkzeug der Herrschaft über das Territorium. Dies hatte einige negative Folgen für die Leibeigenen. Die zu leistenden Fronen wurden erhöht, entgegen dem bisherigen Gewohnheitsrecht, dem sogenannten Alten Herkommen. Zugleich wurden sogenannte „ungenossame Ehen“ von vielen Herren verboten. Dies sollte die Abwanderung von Leibeigenen verhindern, denn damit war es verboten einen Partner zu heiraten, der frei war oder einem anderen Herrn gehörte. Dies wurde von den Betroffenen als schwere Bürde empfunden, da dadurch es schwierig wurde, einen Partner zu finden ohne früher oder später Inzucht zu begehen. Daher nahmen viele die Strafen auf sich, die mit einem Verstoß verbunden waren. Diese bestanden meist aus hohen Strafabgaben. Da auch die allgemeine Freizügigkeit von den Herren eingeschränkt wurde, ergab sich ein weiteres Problem: Die Kinder der Leibeigenen verblieben beim selben Herrn im selben Ort. Dadurch wuchs die Bevölkerung vor Ort, ohne dass die Produktivität der Höfe mithalten konnte. Andernorts konnten keine neuen Höfe so leicht gegründet werden. Die Folge war, dass es letztlich zur Aufteilung der Höfe kam – aber die Abgaben blieben gleich. Die Produktivität des einzelnen Hofs sank also, während die Abgaben stabil blieben – letztlich wurde der Einzelhof dadurch verhältnismäßig stärker belastet. Dies war der Hauptgrund warum die Belastungen für die Bauern stiegen, seltener wurden die Abgaben wirklich massiv erhöht. In dieser Situation konnten hohe Erbabgaben im Falle des Todesfalles des vorherigen Hofbetreibers und/oder Strafabgaben im Falle einer ungenossamen Ehe einen Hof wirtschaftlich ruinieren. In einer Zeit, als die Bauern immer stärker auch darauf angewiesen waren, wenn möglich Überschüsse auf den regionalen Märkten zu verkaufen und zwar möglichst dann, wenn Angebot und Nachfrage die besten Preise versprachen, wurde dies noch viel mehr zu einem Problem.

In anderen Gebieten waren zu hohe Belastungen mit Abgaben im Rahmen der Grundherrschaft ein Problem. Sowohl hier wie im Falle der Leibeigenschaft kamen verschiedentlich auch neue Abgaben hinzu, die es vorher nicht gab. In manchen Fällen konnten die Bauern mit dem Argument des Alten Herkommens dagegen vorgehen, in anderen allerdings nicht. Die Grundherrschaft war ein wesentliches Problemfeld in Gebieten wie Thüringen oder Tirol. Grundsätzlich freier als ein Leibeigener, hatten viele Pächter höhere Erwartungen bezüglich politischer Mitsprache für die Zukunft. In Tirol oder Württemberg resultierte dies aus der Nähe zur Schweiz, deren Eidgenossenschaft dem Gemeinen Mann zumeist viel mehr politische Mitsprache gewährte und als Vorbild diente. In Thüringen zum Beispiel resultierten die Erwartungshaltungen ab etwa 1520 auch aus der Reformation – Luthers neue Auslegung der christlichen Lehre fand beim einfachen Volk vielerorts Zuspruch und schuf neue Erwartungshaltungen. Ein großes Problem jedoch, für viele Bauern vielleicht sogar am gravierendsten in den Gebieten der Grundherrschaft, war die Allmenden-Problematik.



Bild 1: Dieser Holzschnitt aus dem 15. Jahrhundert, heute aufbewahrt im Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, zeigt Bauern, die ihrem Lehnsherrn Abgaben bringen. Quelle: Wikipedia.


Allmenden-Nutzung. Allmenden nannte man Grundbesitze, die zur allgemeinen Nutzung durch die Ortsansässigen freigegeben waren. Das betraf Wälder, aus denen man Feuerholz holen und in denen man jagen durfte, aber auch Gewässer wie Flüsse, Bäche und Seen, die als Tränke und zum Fischfang genutzt werden durften. Dies war ein altes Gewohnheitsrecht und wirtschaftlich gesehen waren die meisten Höfe und Dorfgemeinschaften darauf angewiesen: Gerade im Winter war nur so die Grundversorgung mit Feuerholz ausreichend gesichert, allgemein auch die Versorgung mit Bauholz. Jagd und Fischerei ergänzten in einem nicht unwichtigen Maße die Ernährung der Menschen und das Vieh musste getränkt werden. Vielerorts wurde das Vieh auch auf die Allmenden zur Weide getrieben, auch in die Wälder, wo besonders Schweine zur sogenannten Waldweide geführt wurden. Seit dem 15. Jahrhundert wurde die Allmenden-Nutzung aber immer mehr eingeschränkt, vielerorts fast gänzlich verboten. Die Grundherren hatten sehr unterschiedliche Motive, dass zu tun.

Im Falle der Wälder ging es zumindest vordergründig um eine nachhaltigere Forstbewirtschaftung, die letztlich den noch vorhandenen Waldbestand erhalten sollte. Das Bevölkerungswachstum seit der Zeit des Schwarzen Todes hatte zu einer fortschreitenden Entwaldung geführt – Bau-und Feuerholz, Rodung für Äcker, Gärten, Weiden und Bauland. Der unkontrollierte Holzeinschlag in vielen Allmenden führte zu bleibenden Schäden am Waldbestand, die letztlich die Versorgung aller mit Holz bedroht. Daher war es ein nicht von der Hand zu weisender Grund, die Nutzung der Allmenden zur Holzversorgung aus forstwirtschaftlichen Gründen zu untersagen. Um solche Verbote durchzusetzen wurden vom Adel und dem Klerus als Grundherren vielerorts Förster eingesetzt. Vermutlich wäre der Konflikt in diesem Punkt gar nicht so groß gewesen, hätten sich nicht bald weitere eigennützigere Gründe der Grundherren gezeigt: Die Bauern waren nun gezwungen Holz auf dem freien Markt zu kaufen, was natürlich zu Gunsten derer ging, die die Waldbestände in ihrem Besitz hatten – den Grundherren. Und noch gravierender: Dem Adel ging es auch darum, die Jagd der Bauern auf das Wild zu unterbinden, denn ausgedehnte Ausflüge der Jagdgesellschaften gehörten zur liebsten Freizeitbeschäftigung des Adels. Da durften die Wildbestände nicht dezimiert oder ausgedünnt werden, weil die Bauern in den Wäldern selbst Jagd machten oder durch Holzeinschlag verscheuchten. Die Verbotspolitik war durchaus erfolgreich, die Wildbestände in den geschützten Wäldern vermehrten sich so stark, dass die Bauern vielerorts über Schäden an ihren Äckern und Ernten durch Rotwild und Wildschweine klagten. Zugleich waren die Weiden für das Vieh knapp, da dieses nicht mehr in den Wald getrieben werden durfte – damit das Vieh keine Konkurrenz für das Wild darstellte. Auch bei der Gewässernutzung waren die Hintergründe für das Verbot der Allmenden-Nutzung nicht uneigennützig. Auch hier ging es dem Adel um eigene Nutzungen und Einnahmen, etwa aus der Fischerei.

Während die Jagdgesellschaften gerade auch den Bauern wie schlichte Willkür vorkommen mussten, bildeten die anderen Nutzungsansprüche der Adeligen und Grundherren einen Versuch, eigene Bezüge zu erhöhen. Gerade in den kleinteiligen Herrschaften wie in Oberschwaben, Teilen Frankens und Thüringens drohte dem niederen Adel, den Rittern und Grundherren die Verarmung. Leibeigenschaften, Abgaben und Nutzungsrechte strenger zu fassen und zum eigenen Vorteil auszudeuten war der Versuch, dieses Schicksal abzuwenden. Der rechtliche Konflikt mit dem gemeinen Mann, den Bauern, Handwerkern und anderen Gemeindemitgliedern war vorprogrammiert.

Rechtswesen und Autonomie der Gemeinden. Selbst Leibeigene waren nicht völlig rechtlos. Sie waren sicherlich weniger gut gestellt als die natürlich auch vorhandenen Freien. Aber auch Leibeigene konnten Gerichte anrufen, wenn es zum Konflikt mit dem Herrn um Abgaben oder Frondienste kam. Ursprünglich konnte ein Leibeigener dabei durchaus den Rechtsstreit für sich entscheiden. Denn auch der Leibherr oder Grundherr musste nachweisen, dass eine geforderte Abgabe oder ein Frondienst aufgrund von getroffenen Vereinbarungen legitimiert war. Hier spielt das „alte Herkommen“ eine wichtige Rolle: Viele Pflichten des Leibeigenen waren durch das Gewohnheitsrecht und Tradition legitimiert. Wenn eine Erhöhung einer Abgabe nicht durch eine schriftliche Vereinbarung kodifiziert war, konnte das „alte Herkommen“ diese Erhöhung unwirksam machen. Allerdings zeichneten sich mit der immer kürzeren Leine, die die Herren bei ihren Leibeigenen anlegten, auch hier markante Verschiebungen ab: Immer häufiger drehten die Herren vor Gericht den Spieß um, indem sie einen schriftlich fixierten Nachweis über das „alte Herkommen“ verlangten. Den konnten die wenigsten Leibeigenen erbringen, in dem Falle sahen die Lehnsherren das Recht dann auf ihrer Seite. Durch diese Rechtspraxis wurde die Tradition des „alten Herkommens“ zusehends ausgehöhlt und es wurde zu einer frustrierenden Erfahrung für die gemeinen Leute (also Bauern etc.) immer wieder damit konfrontiert zu werden, dass das von ihnen als richtig und gerecht anerkannte „alte Herkommen“ zusehends weniger relevant zu sein schien. Parallel zu diesem Phänomen kam es zu anderen Veränderungen im Rechtswesen, die mit der Bildung der Territorialstaaten zusammenhingen.

Recht gesprochen wurde ursprünglich in den Gemeinden selber und das nicht einmal durch ausgebildete Juristen. Vielmehr waren es als vertrauenswürdig anerkannte Gemeindevertreter, sogenannte Schöffen zum Beispiel, die sich auch aus der örtlichen Bauernschaft rekrutieren konnten. Ihr Urteil fällten sie nach dem „alten Herkommen“ oder nach Gewissen, unter Einbeziehung der örtlichen und fallspezifischen Verhältnisse. Nur wenn ein Streitfall aus irgendeinem Grund einen überregionalen Bezug hatte, wurde er an ein höheres Gericht abgegeben. Diese Praxis änderte sich zusehends. Mit dem Aufkommen ausgebildeter Juristen durch die Eröffnung von Universitäten gab es auf einmal Experten für das Rechtswesen, die sich vor allem der Adel als Vertreter vor Gericht leisten konnte. Diesen gelang es immer häufiger, unter irgendwelchen Vorwänden, einzelne Fälle an externe und/oder übergeordnete Gerichte zu ziehen. Dies führte häufig zu Nachteilen für den gemeinen Mann vor Gericht. Verschärft wurde dies aus Sicht der gemeinen Leute dadurch, dass die Landesherren dazu übergingen, ausgebildete Juristen in die Richterpositionen einzusetzen – quasi als Staatsdiener, wie man es auch heute kennt. Die Position des vertrauten und anerkannten Schöffen wurde damit unterminiert. Fälle wurden auf einmal von fremden Personen, die mit den örtlichen Verhältnissen nicht vertraut waren, entschieden. Einher ging dies mit einer zunehmenden schriftlichen Kodifizierung von Recht, also mit der schriftlichen Fixierung von Gesetzen und Verordnungen. Damit wurde dann zum Beispiel die Einschränkung der Allmenden-Nutzung rechtlich zugunsten der Landes-und Grundherren abgesichert (zum Beispiel durch Forstverordnungen). Das Rechtswesen wurde zum Werkzeug von Adel und Klerus als Landesherren, ihre eigenen Interessen durchzusetzen.

Ein weiteres Werkzeug war ein erweitertes Beamtentum. In immer mehr Gemeinden wurden vom Landesherrn Beamte eingesetzt, die Aufgaben übernahmen, die vormals in den Gemeinden selber geregelt wurden. Auch hier setzten die Beamten vor allem den Willen der herrschenden Schicht um. Am weitesten fortgeschritten war dies in Ländern mit bereits größerem Territorium, zum Beispiel in Württemberg, den habsburgischen Gebieten und in Bayern. Die Gemeinden hatten vorher große Autonomie getroffen, nun wurde diese immer mehr auf schleichendem Wege eingeschränkt. In den Herrschaftssitzen wurden Verordnungen und Gesetze erlassen, die dann durch die von dort eingesetzten Beamten umgesetzt und kontrolliert wurden. Dazu gehörten in einigen Fällen auch neue Steuern, die erlassen wurden und mit denen die Landesherren neue Abgaben, die sie an den Kaiser zahlen sollten, nach unten durchreichten und für sich selber abfederten. Und im Rechtswesen agierten die Gerichte auch zunehmend im Sinne der Herrschenden. Am Vorabend des Bauernkrieges gab es einen grundsätzlichen Konflikt zwischen den zentralistischen Tendenzen der Landesherren und den Gemeinden, die ihre Autonomie erhalten oder zurückerhalten wollten.

Große Hoffnungen hatten manche ursprünglich in das Reichskammergericht gesetzt, das 1495 gegründet wurde, im Rahmen der allgemeinen Reichsreformen, die die gesamte Verfassung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation erneuern sollten. Das Reichskammergericht sollte den Landfrieden wahren und als Appellationsgericht dienen. Eigentlich hätte jeder Untertan dieses Gericht anrufen können sollen, sofern er den Instanzenweg einhielt. Ähnlich wie heute musste man sich also erst durch jede Gerichtsebene (dazu gehörten zum Beispiel territoriale Obergerichte) hangeln, bevor man das Reichskammergericht anrief. Einerseits verständlich, war dies andererseits für weniger wohlhabende Untertanen keine unerhebliche Hürde, war dies doch zum Beispiel mit Reisekosten verbunden. Dennoch war vielen Landes-und Territorialherren das Risiko, der Eingriff in ihre empfundenen Herrschaftsrechte zu groß. Sie erwirkten gegen Geldzahlungen und Dienstleistungen kaiserliche Privilegien, mit denen sie ihren Untertanen den Gang zum Reichskammergericht verbieten konnten. In manchen Fällen musste erst ein gewisser Streitwert erreicht werden, bevor dieser Gang gestattet war, in anderen Fällen war er ganz verboten. Lediglich wenn ein Untergericht die Verhandlung des Rechtsstreits überhaupt verweigerte oder die andere Streitpartei eine reichsunmittelbare Partei (etwa ein reichsunmittelbarer Fürst) war, konnten Untertanen auf jeden Fall direkt das Reichskammergericht anrufen. Das war aber nicht so oft der Fall. Deshalb war im Schnitt der Nutzen des Reichskammergerichts für den gemeinen Mann gering und demzufolge diese Institution eine große Enttäuschung. Nicht wenige Zeitgenossen argwöhnten, dieses Gericht würde die alte und morsche Feudalordnung eher noch einmal stützen als dem Rechtsfrieden allgemein zu dienen.




Bild 2: Dieser Holzschnitt (um 1500) zeigt Bauern bei der Arbeit. Die Bauern waren eine der wichtigsten Stützen der Gesellschaft und Wirtschaft, in der Regel hatten sie selbst als Leibeigene Besitz, aber Anfang des 16. Jahrhunderts konnten sie immer weniger Überschüsse für das eigene Auskommen erwirtschaften. Quelle: http://www.zeitspurensuche.de/02/stbauer1.htm


Stellung der Geistlichen. Der Klerus hatte in der Gesellschaft einen ganz besonderen Status, als zweiter elitärer Stand neben dem Adel. War beim Adel die göttliche Berufung vielleicht diskutabel, so war sie beim Klerus schon aufgrund seiner Aufgabe als Vermittler des Wort Gottes und Beschützer des Seelenheils der Gläubigen scheinbar kaum anzufechten. Entsprechend war der Klerus der einzige Stand, der vollständig von jeglichen Abgaben und Steuern befreit war. Zugleich war der Klerus aber auch Grund-und Leibherr sowie oftmals sogar Landesherr. Das bedeutete, es waren Abgaben an den Klerus zu entrichten, zusätzlich zum ohnehin erhobenen Zehnt. Damit wurde der Klerus zu einer wohlhabenden Elite, die selber praktisch keinerlei Pflichten hatte. Die daraus resultierenden Auswüchse führten zunehmend zur Unruhe – etwa da, wo sich Vertreter des Klerus zu Ausschweifungen hinreißen ließen oder mit ihren Anforderungen an die eigenen Leibeigenen christliche Werte verletzten. Es ist vielleicht kein Zufall, dass gerade in jener Zeit auch Kritik von innen kam – Martin Luthers Kritik an der Praxis des Ablasshandels kam letztlich von innen, auch wenn sie in der weiteren Folge die Reformation lostrat.

Die Reformation hatte denn auch Rückwirkungen auf die Ereignisse im Vorfeld und während des Bauernkriegs. Dies war ein Grund, warum dieser lange einfach als ein Auswuchs der frühen Reformation gesehen wurde. Verschiedene Punkte der Reformation trafen sich mit Erwartungen und Kritiken der gemeinen Bevölkerung an den bestehenden Verhältnissen. Gerade das Bestreben Luthers und anderer Reformatoren, den Abstand zwischen dem Klerus und den Laien zu verringern (zum Beispiel durch Abschaffung des Zölibats und stärkere Konzentration auf die Seelsorge) und das soziale Engagement der Kirche durch eine erneuerte Armenfürsorge aufzuwerten, musste bei dem gemeinen Mann offene Türen einrennen, galt der Klerus doch längst als abgehoben und dem einfachen Volke zunehmend entfremdet, ja vielerorts sogar als ausbeuterisch. Es sollte aber schnell zu einem Missverständnis kommen: Wenn Luther über Freiheit predigte, verstand er einen anderen Freiheitsbegriff als der gemeine Mann, der sich mit seinem oftmals bedrückenden oder frustrierenden Alltag abplagte. Dieser Punkt wird uns noch oft beschäftigen.

Der gemeine Mann. Diese Hauptfelder der Konfliktlinien zwischen den Eliten der Gesellschaft und den unteren Schichten hatten nicht überall das gleiche Gewicht. Wie bereits erwähnt war die Leibeigenschaft nur in bestimmten Regionen das bestimmende Problem. In anderen Gebieten, etwa in Thüringen, der Grafschaft Tirol oder im Erzbistum Salzburg waren Fragen der Grundherrschaft, die Autonomie der Gemeinden und Allmenden-Rechte wichtiger. Gerade die Letzteren waren fast überall ein Punkt, der vor allem die Bauern umtrieb. In Thüringen zum Beispiel war auch die Frage nach der Stellung des Klerus ein herausragender Konfliktpunkt, war hier doch ein Zentrum der Reformation. Von Ort zu Ort, Region zu Region waren die Gewichtungen der Hauptproblemfelder jeweils anders, je nach den jeweiligen lokalen Umständen. Es gab auch manche lokale Spezialfragen – etwa im Umfeld einiger Städte, speziell auch Reichsstätte, der Einfluss der Zünfte, die vielerorts Handwerkern in Dörfern in einem gewissen Umkreis zur Stadt die Tätigkeit verboten, um Konkurrenz auszuschalten. Andernorts ging es um den Zugang der Bauern zu den Märkten in der Stadt. Dafür traten manchmal bestimmte Konfliktfelder sehr in den Hintergrund.

Wichtig ist zu verstehen, welche Bevölkerungsschicht sich mit diesen Problemen zu befassen hatte, Beschwerden gegen diese artikulierte und eigene Vorstellungen, wie die Dinge zu laufen hatten, entwickelte. In der Erinnerung – und vermutlich auch in der Wahrnehmung vieler Landesherren jener Zeit – waren es vor allem die Bauern. Inzwischen weiß man, dass dies nicht den Kern so ganz trifft. In den letzten Jahrzehnten sprachen Historiker lieber vom „gemeinen Mann“. Der gemeine Mann als Begriff umfasst natürlich viele Bauern, aber eben auch Handwerker, Wirte, Fuhrleute, Bergleute und viele andere. Also schon der Stand einfacher Leute, aber – und das ist wichtig – nicht der Besitzlosen. Die völlig verarmten Bettler und Tagelöhner gehörten nicht zum gemeinen Mann. Der gemeine Mann hatte immer noch Besitz, selbst wenn er Leibeigener war – Gerätschaften auf dem Hof, Vieh, Werkzeug, manchmal ein eigenes bescheidenes Haus. Mancher lebte dabei wirklich durchaus von wenig, andere erreichten bereits bescheidenen Wohlstand, vielleicht sogar das Bürgerrecht in einer Stadt. Der gemeine Mann war das Rückgrat der Gemeinden – aus seinem Stand kamen diejenigen, die wichtige Funktionen im Gemeinderat, in den lokalen Gerichten und so weiter besetzten. Der gemeine Mann – und natürlich auch die Frauen dieser Gesellschaftsschicht – prägten und formten die Strukturen der Gemeinden und füllten sie mit Leben. Und sie erwarteten nichts anderes als ein gewisses Auskommen zu haben. Dazu gehörte auch, am Todestag sicher zu sein, ein gottgefälliges Leben geführt zu haben, denn zu jener Zeit waren die meisten Menschen in Mitteleuropa tief gläubig. Sobald die Landesherren, Grundbesitzer und Leibherren mit ihrer Politik gegenüber den ihnen schutzbefohlenen Menschen diese Sphäre des gemeinen Mannes verletzten, war mit Widerstand zu rechnen.