Der Deutsche Bauernkrieg (1524/25) - Ein Vorwort

 

Vorwort

Der Bauernkrieg ist in Deutschland nur noch als sehr vage Erinnerung vorhanden. Andere brutal ausgetragene Konflikte auf deutschem Boden sind da wesentlich präsenter, vor allem die beiden Weltkriege. Der Bauernkrieg begegnet einem meist gelegentlich nur als isoliertes Denkmal. In intellektuellen Kreisen wird er auch gerne als erste frühbürgerliche Revolution diskutiert, aber auch das eher nur am Rande. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Bauernkrieg kaum mehr als eine Schablone in der geschichtlichen Wahrnehmung ist, wenn man nicht gerade besonders geschichtlich interessiert ist.

Dabei gibt hat die Forschung in den letzten 50 Jahren durchaus einiges mehr zu Ursachen und Verlauf des Konflikts herausgefunden. Vieles war im groben schon bekannt, konnte aber nochmal präzisiert und gewichtet werden. Zu den bemerkenswertesten Erkenntnissen gehörten dabei sicherlich, dass der Bauernkrieg nicht nur ein Krieg der Bauern war und dass er tatsächlich zunächst vor allem revolutionäre Züge trug. Zum Krieg wurde er dadurch, dass die Obrigkeit die Revolution mit Gewalt erstickte.

Der Bauernkrieg von 1524/25 wurde darüber hinaus traditionell als ein sehr deutsches Ereignis beschrieben. Das gilt sicherlich dahingehend, dass die betroffenen Gebiete damals zum Heiligen Römischen Reich gehörten, dem mittelalterlichen Vorgänger des späteren Deutschen Reiches. Heute verteilen sich die damals von den Aufständen betroffenen Gebiete über Deutschland, Frankreich, die Schweiz, Österreich und Italien sowie – wenn man den Aufstand in Samland in Ostpreußen als fernen Ausläufer akzeptiert – heute russische und polnische Gebiete. Daher werde ich nicht der alten Tradition folgen und den Bauernkrieg als Deutschen Bauernkrieg bezeichnen.

Im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts gab es außerdem verschiedentliche Versuche, den Bauernkrieg politisch zu instrumentalisieren. Anfang des 19. Jahrhunderts war es bei den herrschenden Kreisen noch allgemeiner Tenor, dass die Fürsten sehr zu Recht hart gegen die Bauern vorgingen. Das muss man sicherlich vor dem aktuellen Hintergrund der revolutionären Umwälzungen ab 1789 sehen, die die herrschenden Eliten um ihre Ansprüche zu bringen drohten. Später setzten sich liberalere Sichtweisen durch. Im Zuge der deutschen Einigung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der Bildung des deutschen Nationalstaats wurde der Bauernkrieg als identitätsstiftendes nationales Ereignis gesehen. Nach dem 2. Weltkrieg war es dann eher Mode, in ihm einen ersten Schritt im Kampf der Bevölkerung um Freiheit und Menschenrechte zu sehen – wie erwähnt, oft als frühbürgerliche Revolution diskutiert. Bereits Friedrich Engels gründete die Tradition der kommunistischen Deutung des Bauernkriegs: Als der Beweis dafür, dass der Feudalismus untergehen musste und der Bauernkrieg damit sehr in das Schema historischer Abläufe passte, welches der Kommunismus postuliert. Als frühen Klassenkampf interpretierte man den Bauernkrieg denn auch noch bis zum Ende der DDR.

Mir erscheint, im Einklang auch mit Forschungsergebnissen der letzten 40 Jahre, die Angelegenheit wesentlich komplexer. Den Bauernkrieg in ein gesellschaftshistorisches Korsett des „es musste so oder so kommen“ zu quetschen erscheint mir nicht sinnvoll. Verschiedene Entwicklungen liefen zusammen und führten zu den Ereignissen und nur vor diesen damals gerade ablaufenden Entwicklungen ist der Bauernkrieg auch zu verstehen. Seine Nachwirkungen gaben sicherlich dann die eine oder andere Richtung vor, aber er von rückwirkenden Vereinnahmungen sollte man absehen. Wie jeder Krieg war der Bauernkrieg vor allem ein Ereignis, das sich aus seiner eigenen Zeit und nicht aus der Zukunft erklärt. Das liegt auch daran, dass die Ereignisse letztlich auf die Entscheidungen der handelnden Menschen zurückgingen. Menschen entschieden, was sie taten und diese Entscheidungen hatten wiederum ihre Gründe. Leider ist die Quellenlage nicht so ausnehmend gut wie oft bei moderneren Kriegen, für die man auf umfangreiche Unterlagen beider Seiten zurückgreifen kann und inzwischen auch auf umfangreiche Bildmaterialien, die ihre ganz eigenen Informationen hergeben. Von Seite der Bauern sind nur sehr unvollständige Aufzeichnungen erhalten geblieben und die Berichte seitens der Fürsten und Kleriker sind mit Vorsicht zu genießen. Unvoreingenommene Quellen gibt es nur wenige, noch weniger wie bei anderen Kriegen.



Bild 1: Dieses Bild stammt von 1522 und zeigt den – nach damaliger Ansicht – „lutherischen Narren“. Der Holzschnitt entstammt dem Werk „Von dem großen lutherischen Narren“ von Thomas Murner, eines Franziskaners, der sich als versierter und satirischer Gegner der Reformation gerierte. Wegen der implizierten Freiheitsforderung des Narren und der Verbindung zwischen Reformation und dem Bauernkrieg wurde das Bild später mit den Aufständen der Bauern in Verbindung gebracht. Quelle: http://www.schule-bw.de/unterricht/faecheruebergreifende_themen/landeskunde/modelle/epochen/neuzeit/bauernkrieg/einordnung.htm


Ich habe mich hier schließlich bemüht, die besten Informationen, die die Historikerzunft in den letzten etwa 200 Jahren erarbeitet hat, für meine Darstellung zusammenzutragen. Am Ende möchte ich dann aber nicht einfach nur alles nacherzählt haben. Am Schluss wird ein der Versuch stehen einige Vergleiche mit aktuelleren Konflikten zu wagen. Dann wird sich zeigen, welche tieferen Einsichten der Bauernkrieg uns noch heute geben mag. Die Grundgliederung erfolgt dabei in drei Hauptteile: In die Zeit vor dem Krieg (I), den Krieg selber (II) und die Zeit nach dem Krieg (III).

Als grundlegende Literatur konnte ich folgende Quellen erschließen, die zum Teil für verschiedene Punkte wichtig sind:

Peter Blickle: Die Revolution von 1525. R. Oldenbourg Verlag München, 1993. Anmerkung: Eines der Standardwerke, die den Bauernkrieg als revolutionäres Geschehen interpretieren und dabei die Ursachen neuerer Überprüfung unterziehen. Dahingehend gute Grundlage zum Verständnis der Ursachen und der Programmatik der Aufständischen.

Peter Blickle: Der Bauernkrieg. Die Revolution des Gemeinen Mannes. Verlag C.H. Beck, vierte aktualisierte Auflage von 2012 (erste Auflage 1998). Anmerkung: Fortführung von Blickles Arbeit aus dem Jahr 1993, aber etwas zusammengefasster und prägnanter, zugleich mit weiter unterfütterter Herausarbeitung bestimmter Unterpunkte. Ebenfalls für die Ursachen des Bauernkriegs wichtig.

Günther Franz: Der deutsche Bauernkrieg. R.Oldenbourg Verlag, 1939 (erste Auflage: 1933). Anmerkung: Trotz des Erscheinungsdatums im Dritten Reich (und einer gewissen Nähe des Autors zu den Nazis), basiert das Buch auf umfangreichen Quellenarbeiten von Franz in den späten 20er Jahren und gilt als zweites großes Standardwerk für die Ereignisse des Bauernkriegs neben Zimmermann, auf die sich bis heute die Forschung als Grundlage bezieht. Ich hab in der Bücherei eine Ausgabe in Frakturschrift erwischt…

Günter Vogler (Herausgeber): Bauernkrieg zwischen Harz und Thüringer Wald. Franz Steiner Verlag 2008. Anmerkung: Vertieft gerade die Ereignisse im Raum Thüringen und deren Ursachen noch etwas, ist aber auch für den Zusammenhang zwischen Bauernkrieg und Reformation gut zu gebrauchen. Als Ergänzung zu den anderen Werken eine echte Bereicherung!

Rainer Wohlfeil (Herausgeber): Der Bauernkrieg 1524-26. Bauernkrieg und Reformation. Nymphenburger Verlagshandlung, 1975. Anmerkung: Eine Beitragssammlung, die bei ein paar Einzelaspekten weiterhilft. In diesem Sinne eher unterstützend zu den anderen Quellen.

Wilhelm Zimmermann: Geschichte des Großen Bauernkrieges. Nachdruck der 2. Auflage von 1856 im Emil Vollmer Verlag. Anmerkung: Bis heute ein Standardwerk für den Verlauf der Ereignisse. Zimmermann nutzte umfangreichstes urkundliches Material dafür. Er gehörte zu den ersten, die den Bauernkrieg als einheitlicheres nationales Ereignis in die Geschichtswissenschaft einbrachten.

Zusätzlich wurde ich auf folgende Internetseite speziell zum Thema aufmerksam:

http://www.bauernkriege.de/GrosserDeutscherBK.html

Bei allen folgenden Artikeln zum Bauernkrieg kann davon ausgegangen werden, dass ich diese Quellen benutzt habe. Wenn ich weitere Quellen auftue und nutze, werde ich dies zusätzlich in den Artikeln vermerken!