Die Morde von Hinterkaifeck

Ich habe mir erlaubt einen relativ alten Kriminalfall auszugraben, über den vermutlich Keiner von euch Bescheid weiß oder gar schon mal was davon gehört hat. Dabei liegen die Taten auch nicht so lange zurück, als dass sie keine Spuren hinterlassen haben. Die Morde von Hinterkaifeck zählen zu den mysteriösesten Morden in der internationalen Kriminalgeschichte; erregten weltwei relativ große Aufmerksamkeit und wurden mit den Taten Jack The Rippers verglichen. Wohl nicht zuletzt auch, weil die Tatumstände sehr geheimnisvoll sind, sich etliche menschliche Abgründe eröffneten und das Verbrechen bis heute nicht aufgeklärt ist.

Die Tat ereignete sich in der Nacht vom 31. März auf den 1. April 1922 auf dem Einödhof Hinterkaifeck in der Nähe von Schrobenhausen im Bundesland Bayern; keine 30km von mir Zuhause weg. Ein Einödhof ist eine Siedlung, die meist nur aus einem einzigen, abseits gelegenen Bauernhof besteht. So auch hier. Wenn man dorthin kam (die Gebäude wurden 1926 abgerissen), so eröffnete sich der Anblick auf einen U-förmig angelegten Komplex. Das sah dann genau SO aus. Das links im Bild ist ein Schuppen für Gerätschaften, mittig ist das Wohnhaus und rechts ist der Viehstall zu sehen. Viehstall und Wohnhaus waren ein zusammenhängender Bau und waren auch durch einen Zugang miteinander verbunden. Auf dem Hof lebten der 64-jährige Andreas Gruber, seine 73 Jahre alte Ehefrau Cäzilia, deren 35-jährige Tochter Viktoria Gabriel und Viktorias Kinder; die siebenjährige Cäzilia und der gerade mal dreijährige Josef. Die 45-jährige Magd Maria Baumgartner traf erst in der Tatnacht ein. Viktoria war mit Karl Gabriel verheiratet, der allerdings 1914 an der französischen Front sein Leben lassen musste. Nun stellt sich natürlich die Frage, Wer der Vater Josef`s war. Ein Geheimnis, dass Viktoria bis zum bitteren Ende für sich behielt. Auch über den Vater der kleinen Cäzilia kursierten diverse Gerüchte, soll doch die Ehe von Karl und Viktoria schon 1910 zerrüttet gewesen sein.
Der Bluttat gingen merkwürdige Ereignisse hervor. So sagte Viktoria einer Händlerin im nächstgelegenen Gröbern, sie habe einen dunkel gekleideten Mann gesehen, der sie (den Hof) vom Waldrand aus beobachtet hätte. Der Haustürschlüssel verschwand merkwürdigerweise, das Schloss am Tor zum Geräteschuppen wurde aufgebrochen und zu guter Letzt entdeckte Andreas Gruber unbekannte Fußspuren vom Waldrand zum Hof, von denen aber keine mehr zurückführten. Des Nachts hörte die alte Cäzilia gar Fußschritte auf dem Dachboden, aber als der alte Andreas Gruber nachsah, fand er Niemanden. Andreas Gruber war als störrischer, alter Hund verschrien und wahrscheinlich traf dies auch zu. Denn den Rat zur Polizei zu gehen nahm er nie an.

Wie dem auch sei, in der Tatnacht muss in etwas Folgendes passiert sein: Der Todeszeitpunkt der Opfer ließ sich nicht mehr genau rekonstruieren. Jedenfalls nimmt man an, dass sich die Ereignisse kurz nach dem Abendessen ereignet haben, beginnend mit der 34-jährigen Viktoria. Wahrscheinlich angelockt von seltsamen Geräuschen aus dem Stall, wurde sie in diesen gelockt. Eine Kuh war nicht angebunden. Dafür war die Türe zu den Futtervorräten offen. Verständlicherweise wollte Viktoria nachsehen. Der oder die Täter müssen ihr hinterrücks im Stall aufgelauert haben, denn sie konnte nicht mehr schreien ehe ihr der Schädel eingeschlagen wurde. Nach circa 15 Minuten folgt die 73 Jahre alte Cäzilia Gruber ihrer Tochter, um nachzusehen wo sie bleibt. Auch sie erblickt eine losgebundene Kuh in die offene Türe zu den Futtervorräten. Als sie das Lager betritt, treffen auch sie brutale Schläge auf den Kopf. Mit der Zeit wird auch der alte Andreas Gruber misstraurisch und möchte wissen, wo seine Frau bleibt. Durch seine Rufe hat er vermutlich auch die siebenjährige Cäzilia aufgeweckt. Vermutlich führt in sein erster Weg in die Küche, wo er auf die kleine Cäzilia trifft und ihr sagt, sie solle in der Küche bleiben. Dann betritt auch er den Stall und erblickt sogleich die offene Brettertür am Ende des Stalles. Doch weit kommt er nicht, denn der oder die Unholde passen ihn bereits auf dem Weg ab und schlagen ihm genauso unvermittelt wie brutal den Schädel ein. Es ist inzwischen schon 21:30 Uhr und die kleine Cäzilia weiß nicht, was sie noch tun soll. Schließlich geht sie, noch mit dem Nachthemd bekleidet, ebenfalls in den Stall. Von ihren Verwandten keine Spur, aber auch sie erblickt die offene Tür zu den Futtervorräten. Vermutlich traf es das 7-jährige Mädchen, als sie gerade einen Blick in das Lager werden wollte. Ein Schlag trifft sie heftig am Kopf; sie taumelt, reisst die Arme hoch. Da trifft sie ein zweiter Schlag und schleudert sie weg. Ein dritter Schlag zertrümmert ihr Kinn. Die Obduktion wird später ergeben, dass das arme Ding noch zwei Stunden gelebt hat. Maria Baumgartner - die neue 45-jährige Magd, die gerade an diesem Abend erst ankam – bekam von Alldem nichts mit. Ihr Zimmer lag im ersten Stock und sie war allem Anschein nach just dabei, ihre Sachen auszupacken, als der oder die Täter sie überraschten. Sie ereilte dasselbe Schicksal wie die anderen vier Opfer zuvor; brutal, grausam, mehrere extrem harte Schläge auf den Kopf. Dann kam es zur Krönung aller Grausamkeit. Der 3-Jährige Josef, ein Kleinkind, schlief friedlich in seinem Kinderwagen als der oder die Täter den Raum betraten. Nach diesem Besuch wachte er nie wieder auf.

Das Verschwinden der Hinterkaifecker blieb nicht unbemerkt. Cäzilia fehlte in der Schule und des Weiteres fehlte auch die komplette Familie am Sonntag in der Kirche. Am 3. April stellte der Postbeamte Josef Mayer fest, dass sich die Post noch immer unabgeholt im Briefkasten befand. Er blieb kurz und rief, aber als sich Niemand rührte kam er zu dem Schluss, dass sich auch Niemand auf dem Hof befand. Einen Tag später kam Maschinist Albert Hofner nach Hinterkaifeck; er sollte die Futterschneidemaschine reparieren. Diese war schon seit Längerem kaputt, allerdings musste Hofner den Termin wegen Engpässen mehrmals verschieben. Nun sollte es aber endlich soweit sein, besonders da Andreas Gruber schon darauf gedrängt hatte. Doch als Hofner ankam fand er zu seiner Überraschung Niemanden vor. Seltsamerweise war das Wohnhaus abgesperrt, die Tür zum Geräteschuppen aber offen. Er rief ein paar Mal, ging sogar ums Haus, fand und hörte aber wieder Nichts. Da auch er den eigenbrötlerischen Ruf der Hinterkaifecker kannte, dachte auch er sich, dass Niemand zugegen sei. Er wartete eine geschlagene Stunde, es rührte sich nichts. Weder noch wollte er sich Etwas nachsagen lassen und warf einen Blick in den Geräteschuppen. Da stand die Futterschneidemaschine und Hofner machte sich sogleich ans Werk. Kurz nachdem er begonnen hatte, huschte ein Schatten hinter ihm an der Tür vorbei. Hofner war sich sicher, dass es der Schatten eines Menschen war. Er stand auf, rief und ging nach draussen; fand aber wiederum Niemanden. Ein wenig verwirrt setzte Hofner seine Arbeit fort. Ganze 5 Stunden verbrachte er auf dem Hof, ohne dass sich Jemand blicken ließ. Mittlerweile stutzig geworden ging Hofner nochmal um das Gebäude. Er entdeckte, dass das rückwertige Tor zum Stall plötzlich offen stand. Er ging zum Tor, rief und als er wiederum keine Antwort bekam, macht er sich auf den Weg zurück. Wieder in Gröbern, dass nur weniger hundert Meter weg lag, sah er Lorenz Schlittenbauer - so etwas wie der führende Kopf von Gröbern - und berichte, dass ihm Niemand in Hinterkaifeck begegnet sei. Schlittenbauer wusste ebenso vom Ruf der Hinterkaifecker, dennoch kam ihm das seltsam vor; nicht zuletzt wegen dem Fehlen in der Kirche. Hofner fuhr weiter, Schlittenbauer hingegen rief nach seinen 16- und 9-Jahre alten Söhnen. Diese berichteten ihm, dass die kleine Cäzilia schon wieder nicht in der Schule war. Schlittenbauer war nun überzeugt, dass Etwas nicht stimmte. Er schickte seine beiden Söhne nochmals nach Hinterkaifeck um nachzusehen. Währenddessen holte Schlittenbauer seine Nachbarn Michael Pöll und Jakob Sigel. Schlittenbauers` Söhne klopften an die Fenster, riefen, gingen ums Wohnhaus. Sogar in Richtung Wald. Dann wurde es ihnen zu unheimlich und sie gingen zurück zum Vater. Danach begeben sich auch die Drei Herrschaften nach Hinterkaifeck. Ihnen ergeht es ähnlich wie den anderen Besuchern zuvor. Auch sie bemerken wie Hofner, dass die hintere Türe am Stall offen ist. Dort befinden sich die Futtervorräte. Das Tor zum Stall ist allerdings mit einem Holzriegel verschlossen; von innen! Die Drei fackeln nicht lange und brechen die Tür auf. Als erstes sticht ihnen die losgebundene Kuh ins Auge. Die Drei wollen weiter, Jakob Sigel stolpert allerdings. Er dreht sich um und entdeckt ungläubig einen Fuß unter einem Haufen Heu. Pöll und Schlittenbauer gehen zu ihm. Pöll und Sigel sehen geschockt zu wie Schlittenbauer das Heu zur Seite räumt und darunter einen alte Holztür zum Vorschein kommt. Als auch diese entfernt wird verschlägt es Allen die Sprache. Vor ihnen liegt die Leiche von Andreas Gruber, quer darunter seine Frau Cäzilia. Daneben Viktoria Gabriel und an der Wand das 7-jährige Mädchen Cäzilia. Pöll und Sigel können es nicht fassen und gehen draussen, Schlittenbauer hetzt weiter; er weiß, dass noch der kleine Josef fehlt. Er sperrt die verriegelte Wohnhaustür auf, damit Pöll und Sigel das Haus betreten können. Als die beiden durch die Wohnung huschen, fällt ihnen das Durcheinander im Dienstzimmer auf. Daraufhin entdecken sie die Leiche von Maria Baumgartner. Schlittenbauer hingegen hetzt weiter durch die Wohnung. Schließlich erreicht er das Schlafzimmer von Viktoria Gabriel und den Kinderwagen. Der Anblick ist auch für ihn zuviel und er muss das Haus verlassen. In aller Eile wird die Polizei informiert.

Die Polizei trifft am nächsten Tag aus München ein. Die Leitung hat der erfahrene Georg Reingruber. Fingerabdrücke gab es erst seit ungefähr 10 Jahren und die Techniken waren mehr als unausgereift. Lediglich die Photographie war bereits fester Bestandteil der Kriminaltechnik. Was die Kameras damals aufnahmen ist schockiert noch heute. Das erste Bild zeigte die Opfer im Stall, das zweite Bild zeigte dieselbe Szenerie nachdem das Heu beiseite geräumt wurde. Auf dem dritten Photo sah man das Zimmer und die Leiche der Maria Baumgartner. Auf dem letzten Bild den Kinderwagen des kleinen Josef. Man konnte darauf deutlich das zerstörte Verdeck erkennen, was nur erahnen lässt, mit welcher Wucht der Angreifer auf das Kleinkind eingeschlagen hat. Natürlich gab es schon brutale Verbrechen in Bayern, aber weder die Bevölkerung noch die Polizei selbst hatten jemals Etwas derart Grausames gesehen. Alle Opfer hatten mehrere klaffende Kopfwunden, die alte Cäzilia wurde mit über 12 sehr schweren Schlägen getroffen; ihr Kopf war praktisch nur noch Brei. Besonders die Ermordung der beiden Kinder traf die Bevölkerung hart. Die kleine Cäzilia, mehrfacher Schädelbruch und zerfetzter Kiefer, riss sich während des zweistündigen Todeskampfes die Haare büschelweise raus.

Aus damaliger Sicht erscheinen die Aktionen der Polizei durchaus sinnvoll. Man begann mit zahlreichen Vernehmungen, untersuchte das Umfeld der Opfer, betrachtete den finanziellen Aspekt und versuchte Verdächtige mit den Faustfakten Tatort / Tatzeit / Alibi / Motiv zu finden. Den ersten Rückschlag erhielt man durch die Tatwaffe, die nicht näher bestimmt werden konnte; auch weil in Frage kommenden Gerätschaften nicht mit Blut besudelt waren; also als Tatwerkzeug ausgeschlossen werden konnten. Nach einer ersten Bestandsaufnahme entschloß man sich, die Tat als Raubmord zu klassifizieren. Tatsächlich hatte die Täter einige hundert Reichsmark mitgehen lassen . . . circa 1.880 Goldmark aber liegenlassen. Hinzu kamen etliche Pfandbriefe und Kriegsanleihen im Wert von 100.000 Mark!!! Nichts davon nahmen die Täter mit. Ein finanzielles Motiv scheidet daher aus. Ein eindeutiges Indiz, dass die Polizei mit der Situation überfordert war. Was die Ermittler zudem zutiefst verunsicherte, war ein Fakt, der auch heute noch extrem verwundert. Der oder die Mörder mussten sich nicht nur eine gewisse Zeitspanne vor der Tat in dem Haus aufgehalten haben, sondern auch danach. Einige Lebensmittel waren frisch angeschnitten und das Vieh war die ganze Zeit über versorgt worden!!! Wie hilflos die Polizei war, zeigen auch folgende Aktionen. So schnitt man den Opfern nach der Obduktion die Köpfe ab und brachte sie zu einem Medium, dass aber keine Angaben machen konnte. Des Weiteren wurde eine Belohnung über 100.000 Reichsmark ausgesetzt, die größte Belohnung überhaupt in der Geschichte des Bundeslandes Bayern. Freilich trafen viele Hinweise ein, aber kaum einer war brauchbar. Hatten es die meisten doch nur auf die hohe Summe abgesehen. Anno 1925 kam es sehr ähnlichen Fall, allerdings war diese Tat bei Weitem nicht so grausam (also derart blutrünstig und brutal) und ausserdem hatten es die Täter wirklich auf das Geld abgesehen. Das weiß man, weil dort sämtliche Wertgegenstände fehlten und über diese die Täter zu ermitteln waren. Eine Verbindung zu Hinterkaifeck war unwahrscheinlich. Einige Jahre zog man einen Feme-Mord in Betracht. Feme-Morde sind Ehrenmorde, bei dem es speziell um politische Beziehungen ging. Explizit dachte man dabei an den Putsch-Versuch der NSDAP. Die Partei hatte nämlich in ganz Bayern bei ausgesuchten Personen Waffen versteckt; und es hätte wunderbar zu Gruber und dessen verschrobener und geizigen Art gepasst. Dem widerspricht allerdings das Verbleiben auf dem Hof nach der Tat. Denn dies birgt immer ein gewisses Risiko in sich entdeckt zu werden. Jemand der Waffen versteckt, wird wohl kaum das Risiko eingehen.

Viel interessanter hingegen war das private Umfeld der Hinterkaifecker. Einer der ersten Verdächtigen war Lorenz Schlittenbauer, derjenige der die Leichen fand. Während die anderen Beiden erst mal nach draussen rannten, soll Schlittenbauer erst so etwas wie „Wo ist denn jetzt mei Bub?“ gestammelt haben und dann weitergerannt sein. Und wie konnte er denn die Tür aufsperren, ohne den Schlüssel, den die Hinterkaifecker angeblich verloren hatten. Wir erinnern uns; Gerüchte über die Vaterschaft des kleinen Josef gab es schon seit dessen Geburt. Und es ist kein Geheimnis, dass Lorenz nach dem Tod seiner ersten Frau ein Verhältnis mit Viktoria Gabriel hatte. Er gab das auch vor der Polizei offen zu. Viktoria soll sogar so gewesen sein, dass sie Schlittenbauer noch auf dem Feld ohne große Worte zum Geschlechtsverkehr aufgefordert haben soll. Freilich wäre man(n) dumm gewesen, hätte man das Angebot nicht angenommen. Wie dem auch sei, kühlte die Beziehung auch schnell wieder ab. Nicht zuletzt deswegen, weil Schlittenbauer wieder heiratete. Doch da gab es immer noch den kleinen Josef, um dessen Vaterschaft nun ein heftiges Hick-Hack entstand, weil Schlittenbauer die Vaterschaft nicht anerkennen wollte. Erst als der alte Andreas Gruber den frisch Verheirateten per Gerichtsverfahren zwingen wollte die Vaterschaft anzuerkennen, lenkte Schlittenbauer ein. Nur, um die Vaterschaft erneut zu verleugnen. Und so Unrecht hatte Schlittenbauer vielleicht auch nicht. Denn die meisten Gerüchte deuteten eher auf Andreas Gruber selbst als Vater seines eigenen Enkelkindes. Und tatsächlich gibt es eine belegte „Liebesbeziehung“ zwischen Andreas Gruber und Viktoria Gabriel. Beide waren daran beteiligt und hatten bereits eine Haftstrafe wegen Inzest verbüßt. Eine Magd hatte sie damals erwischt; Cäzilia Gruber soll darunter schwer gelitten haben, nahm es aber schweigend hin. Wie dem auch sei, Schlittenbauer wurde trotz belastender Indizien nicht weiter behelligt. Und warum sollte er auch seinen „eigenen“ Sohn ermorden oder gar ein 7-jähriges Mädchen. Eventuell hätte er sich durch die anerkannte Vaterschaft des kleinen Josef das immense Erbe von den Hinterkaifeckern aneignen können, zumindest einen Teil davon.

Immerhin offenbart der Blick in das private Umfeld noch einen weiteren Verdächtigen . . . Karl Gabriel! Der Ehemann von Viktoria Gabriel, der angeblich 1914 an der Westfront fiel. Tatsache ist, dass Gabriel nach einer Offensive verschwand, über den genauen Verbleib, weiß man allerdings Nichts. Die Gerüchte, Gabriel wäre nicht gefallen, sondern nur in französische Gefangenschaft geraten, hielten sich hartnäckig und die Polizei untersuchte auch diesen Umstand. Viel ist von der ehemaligen Einheit Gabriel`s nicht übrig geblieben, die man noch fragen konnte. Fast allen war der Name Gabriel unbekannt. Alles was man fand, war ein Kriegsbericht, indem ein Kamerad Gabriel aussagte, er wäre sich sicher gewesen, Gabriels Stiefel vor sich vor dem Schützengraben gesehen zu haben. Aus Frankreich gab es keine genauen Angaben: Wohl aber gab es einige Heeresberichte und Gerüchte von Kriegsheimkehrern, die angeblich mit einem Karl Gabriel in einem französischen Lager gesessen waren, ferner noch wussten diese von einer zerrütteten Beziehung zu berichten und von dem Vorhaben des Besagten sich in Frankreich eine neue Existenz aufzubauen. Dieser Aspekt trägt sicherlich viel zum Mysterium von Hinterkaifeck bei. Doch Gabriels Geschichte ist an dieser Stelle noch nicht zu Ende.

Der letzte heiße Kandidat hieß Joseph Bärtl. Ein knapp 25-jähriger Bäcker aus Geisenfeld, der 1921 aus der Klapsmühle von Günzburg entflohen war. Ungefähr 70 km von Hinterkaifeck weg. Neben der bescheidenen Tatsache, dass das Medium ihn als Täter identifiziert hatte und man ihm die Tat nur wegen seiner Geisteskrankheit zutraute, hatte man eigentlich Nichts gegen ihn in der Hand. Es gab zwar Zeugen, die behaupteten ihn gesehen zu haben. Gefasst wurde er jedoch nie. Der Verdacht liegt an dieser Stelle nun nahe, dass sich Bärtl schon kurz nach seinem Ausbruch ins Ausland abgesetzt hat und darum als Täter ausscheidet.

Ein wenig mysteriöser wurden die Morde zudem noch, als man 1923 begann, die Gebäude abzureissen. Denn unter einer lockeren Diele auf dem Dachboden – dem Ort, wo Cäzilia Gruber meinte Schritte vernommen zu haben – fand man die Tatwaffe. Es war offensichtlich eine selbstgebaute Hacke der Hinterkaifecker selbst. Zugeschlagen wurde jedoch nicht mit der Hacke, sondern mit der überlangen Schraube, die auf der anderen Seite herausstand. Bei der Autopsie waren etliche Löcher in den Schädeln gefunden worden, die man dahin nicht zuordnen konnte. So wusste man zumindest, womit man die Opfer erschlug.

Neue Nahrung bekam auch die These von Gabriel angeblich neuer Existenz. Und zwar von deutschen Kriegsgefangenen von der russischen Front. Während der Scharmützel und Reibereien 1944 und auch von Heimkehrern bis in die 50er Jahre hinein sind verschiedene Berichte bekannt, wonach die Gefangenen von einem hochdekorierten russischen Offizier angesprochen wurden; in perfektem Deutsch bzw. bayerischen Dialekt. Natürlich waren sie irritiert, umso mehr als dass der russische Offizier keine militärischen Informationen haben wollte, sondern lediglich Small Talk betrieb. Was hatte man für einen Beruf? War man verheiratet? Wo kam man her? . . . Besonders die Frage, Woher man kam war interessant. Denn antwortete man, man käme aus Bayern, kam immer die Frage ob man schon Mal etwas von Hinterkaifeck gehört hätte. Den jungen Soldaten war dieser Ort natürlich weniger ein Begriff, weswegen die Berichte zunächst nicht auffielen. Erst nach und nach kam Sache zum Vorschein, weil erneute Vernehmungen angeordnet wurden. Ein einziger Heimkehrer gab sogar an, dass der russische Offizier zunächst versucht hatte in Frankreich Fus zu fassen. Als das misslang sei er nach Russland ausgewandert. Das klang zwar sehr interessant, aber die Spur verlief auch im Sande. Auch nicht zuletzt, weil der eiserne Vorhang seine Falten geschlossen hielt.

So wurde die Akte 1955 als ungelöst geschlossen. Trotzdem fanden sogar noch 1986 letzte Vernehmungen statt. Genützt hat es wenig. Man kann nun der Polizei Vorwürfe machen, schließlich hat sie teilweise unglaubliche Ermittlungsfehler begangen. Beispielsweise wurde Albert Hofner erst 3 Jahre nach der Tat vernommen, weil man ihn zuerst übersah. Das Umfeld Maria Baumgartners wurde nie untersucht, fanden die Morde doch ausgerechnet an dem Tag statt, an dem sie eintraf. Fraglich ist auch die Einstufung als Raubmord, obwohl es mehr als offensichtlich ein persönliches Motiv war. Mit Abstand hatte die 73 Jahre alte Cäzilia Gruber am Meisten abbekommen. Aus heutiger Sicht muss sich die Wut, anders kann man ein derartiges Massaker nicht erklären, auf diese Frau konzentriert haben. Dies jedoch, wurde nie untersucht. Immerhin weckt der Fall in Ermittlerkreisen heute noch reges Interesse und es wird sogar im Ruhestand der Sache nachgegangen. Ich kann nur hoffen, dass der Fall eines Tages gelöst wird. Man kann die Hinterkaifecker vielleicht wegen ihrer Art bzw. wegen ihres Geizes, den Inzestgeschichten und dem Verhalten ihrer Mitmenschen gegenüber gehasst haben - und Hass und Wut waren bei dieser Bluttat sicherlich im Spiel – aber eine höchstwahrscheinlich unschuldige Magd und Zwei kleine Kinder umzubringen, Eines noch Vier Jahre alt, ist ein Detail was auch mir höchst zuwider ist. Wenigstens wegen der beiden Kinder sollte meiner Meinung nach der Fall nochmal untersucht werden, mit neuen Methoden und ungleich besserer Ausrüstung.