Gott will es – der Kampf ums Heilige Grab

Gott will es – der Kampf ums Heilige Grab

Das Jahr 2009 ist das Jahr zahlreicher Jubiläen, fast schon so viele, daß es unerträglich erscheint.
Vor 70 Jahren begann der 2. Weltkrieg; vor 90 Jahren wurde der Versailler Vertrag unterzeichnet; vor 20 Jahren fiel der Eiserne Vorhang – um nur eine Auswahl zu nennen.
Es gibt aber auch ein Jubiläum, welches zumindest hier bei uns im Westen eher etwas vergessen ist.
Im Juli vor 910 Jahren erstürmten lothringisch-fränkische Ritter die Mauern Jerusalems und brachen binnen zwei Tagen den letzten Widerstand muslimischer Kämpfer – wobei sie ein heilloses Gemetzel anrichteten und laut damaligen Chronisten bis zu den Knöcheln im Blut wateten.
Das Massaker von Jerusalem in jenem Sommer war der vorläufige Höhepunkt eines blutigen Ringens zwischen Abendland und Morgenland, zwischen Christentum und Islam und ist noch heute in der Erinnerung vieler Menschen des Nahen Ostens ein präsentes Ereignis. Zugleich war es das große Finale der ersten Phase einer Massenbewegung, die vier Jahre zuvor, 1095, von Papst Urban II. losgetreten worden war.
Für den heutigen durchschnittlichen Menschen des westlichen Kulturkreises mag es kaum noch nachvollziehbar sein, was in jenen Jahren vor sich ging. Vom wohlhabenden Ritter und Herzog bis hin zum armen Bettler und Tagelöhner – dazwischen alle beruflichen Sparten und gesellschaftlichen Stände – fühlten sich zigtausende Menschen berufen, ins Heilige Land zu ziehen und dieses von den Muslimen zurückzuerobern. Es war für die damalige Zeit eine echte Massenbewegung, grenzüberschreitend und die gesamte Gesellschaft ergreifend. Viele ließen Haus und Hof zurück, im Schutz der Kirche, oder verpfändeten ihren Besitz sogar, um die Reise zu finanzieren. Sie folgten einem Aufruf, den Papst Urban II. in Clermont an einem Novembermorgen verkündet hatte und den man allgemein als Willen Gottes interpretierte. Die wenigsten ahnten, wie dieses Abenteuer verlaufen würde, wie lange es dauern und zu was es führen würde.
Am Ende sollte es drei Jahre dauern – fürs erste. Die Bewegung an sich, mit immer wieder neuen Impulsen in Form immer neuer Kreuzzüge, sollte sich runde 200 Jahre halten und darüber hinaus Wirkung auf die Menschen haben.
Woher diese Aufopferung, bloß weil ein vermeintlicher Vertreter Gottes auf Erden dazu aufrief? Am ehesten können das heute vielleicht noch jene radikalen Vertreter des Islams verstehen, die gewissermaßen Nachfolger im Geiste der Kreuzritter sind. Auch sie folgen Aufrufen vermeintlicher Stellvertreter Gottes um in dessen Namen Ungläubige zu töten. Der Westen verdrängt zu gerne, daß er einst selbst über rund zwei Jahrhunderte hinweg einem ähnlichen Wahnsinn frönte.

Im Rabenfels-Forum beschäftigt sich ein von mir verfolgtes Historienprojekt genau mit diesem Thema – den Kreuzzügen. Die Fragestellung sollte bereits offensichtlich geworden sein. Das Thema ist wichtiger als einfach nur ein Anklagepunkt mehr gegen die Kirche zu sein oder es den Islamisten als Propagandamittel zu überlassen. Das Thema kann Einsichten eröffnen ins menschliche Wesen, in menschliche Größe wie Niedertracht. Darüber hinaus lohnt die Beschäftigung mit der Fragestellung, ob sich vielleicht Erkenntnisse gewinnen lassen, die im Umgang mit dem radikalen Islamismus weiterhelfen. Diese könnten sowohl aus Unterschieden wie aus Gemeinsamkeiten zwischen beiden Formen des Heiligen Krieges gewonnen werden. Kurz – aus den Kreuzzügen läßt sich immer noch viel lernen, mehr als nur die populäre Aussage, daß das Ganze Unternehmen schlicht Irrsinn war.
Man sollte sich dabei nicht von der inzwischen allgemeinen Bedeutung des Wortes Kreuzzug mit seiner negativen Belegung nicht irreleiten lassen – zumal es zu Zeiten des ersten Kreuzzugs dieses Wort noch gar nicht gab. Damals nannte man die Unternehmung noch Pilgerfahrt, denn nach kirchenrechtlichem Verständnis war es genau das – eine Pilgerfahrt, wenn auch eine bewaffnete.
Aus gutem Grund wählte ich eine mehr oder weniger chronologische Beschreibung des Geschehens, um überhaupt die Grundlage zu schaffen, die tiefergehenden Fragen angehen zu können – teilweise bereits während der Schilderung, teilweise wird dies noch in Resumees erfolgen. Da steht noch einiges im Rahmen des Projektes an, das an dem Umfang der Materie gemessen erst am Anfang steht.
Ein offenkundiger Zugang zum besseren Verständnis ist es, wichtige handelnde Personen vor dem Hintergrund ihrer Zeit und ihrer persönlichen Lebenserfahrung zu sehen. Das läßt sich bereits am Beginn des Geschehens in den Jahren 1095/96 herausarbeiten. Papst Urbans Aufruf zu einer bewaffneten Pilgerfahrt nach Jerusalem war keine Laune aus Langeweile und hätte auch nie eine Massenbewegung auslösen können, wenn bestimmte Voraussetzungen nicht erfüllt gewesen wären.
Nicht nur waren politische und gesellschaftliche Umstände günstig für den Beginn eines Kreuzzugs, nein, es kam noch hinzu, daß die dazu passenden Personen an den richtigen Schalthebeln saßen.
Da waren zum einen der Basileus (entspricht dem deutschen Kaisertitel) Alexios I. Komnenos in Konstantinopel, der Hilfe aus dem Westen wollte, um das Oströmische Reich (Byzanz) vor den in Kleinasien vordringenden muslimische Seldschuken zu retten. Dabei war Alexios Jerusalem erstmal herzlich egal, ihm ging es um näherliegende existenzielle strategische Probleme in Kleinasien, die er nun lösen wollte, da die muslimischen Herrscher in Kleinasien und Syrien zu der Zeit untereinander zerstritten und uneins waren. Seine Hoffnung war, einige Ritter als Söldner anwerben zu können und um dies attraktiver gestalten zu können, hoffte er auf politische Unterstützung durch den Papst.
Papst Urban nahm das Hilfeersuchen mit Freuden auf. In seiner Laufbahn durch die Kirchenhierarchie stand er stets jenen Kräften nahe, die die zunehmende Militarisierung der Kirche und deren Primat über die weltlichen Herrscher betrieben. Alexios Hilfsersuchen bot ihm den Anlaß um mit einem neuen Hebel anzusetzen. Ein von der Kirche betriebener Feldzug gegen die Ungläubigen, die die östlichen Christen bedrohten, sollte den weltlichen Ritterstand beschäftigen, die beteiligten Fürsten näher an die Kirche binden und Urbans Position im Machtkampf mit dem deutschen Kaiser und dem von diesem unterstützten Gegenpapst stärken. Alle Entscheidungen Urbans zu jener Zeit muß man vor dem Hintergrund des Machtkampfes mit dem deutschen Kaiser und dem Investiturstreit sehen. Zugleich wollte Urban einen neuen Weg finden, die Spaltung zwischen der westlichen katholischen Kirche, die er repräsentierte, und den orthodoxen Kirchen des Osten zu überwinden – zugunsten der katholischen Kirche, natürlich. Was wäre besser, als wenn die katholische Kirche die Rettung vor den Muslimen auf die Beine stellen würde? Deswegen plante Urban eine Spur größer als Alexios, er wollte er ein großes von Fürsten und einem kirchlichen Vertreter angeführtes Heer nach Osten schicken und damit die Idee auch Anklang fand, nahm er einen besonderen Ort als Ziel. Jerusalem. Jerusalem war damals schon lange ein wichtiger Pilgerort; wer dort war galt als geläutert und besserer Mensch und für viele Menschen symbolisierte es zugleich das göttliche Königreich im Himmel, welches nach dem Weltuntergang – den sowieso viele erwarteten – auch auf Erden errichtet werden würde.
Man mag es sich heute vielleicht nur noch schwer vorstellen können, aber dies war für die Menschen des 11. Jahrhunderts mehr als eine Allegorie oder eine Metapher – für sie war es Realität. Vielleicht kann man es am ehesten mit dem Realitätsgrad vergleichen, den für viele WoW hat.
Alexios unterschätzte wahrscheinlich die Ambitionen Urbans; Urban dafür verkalkulierte sich bei der Resonanz, die sein Aufruf zur bewaffneten Pilgerfahrt auslösen sollte.
Zehntausende nahmen das Kreuz. Und nicht nur die Kämpfer des Ritterstandes, auf die Urban wie Alexios gehofft hatten, sondern auch ganze Scharen aus dem einfachen Volk. Aus einer politischen Unternehmung wurde eine Massenbewegung mit Eigendynamik, die auch der Papst nicht mehr recht kontrollieren konnte. Eigentlich lief von da an nichts mehr so ganz wie Basileus und Papst sich das vorgestellt hatten – mit der einzigen Ausnahme, das drei Jahre später wirklich erobert wurde.

Die damalige Massenbewegung, die dann als der 1. Kreuzzug in die Geschichtsbücher einging und bei späteren Kreuzzügen immer mal wieder zu neuem Leben erwachte, bevor ihr schließlich der Atem allmählich ausging, ist bis heute einer der klassischen Fälle in der Historie von nicht näher erklärter fast schon massenpsychotischer Begeisterung – die z.B. den Vergleich mit der Kriegsbegeisterung von Teilen der europäischen Bevölkerung im Jahre 1914 nicht zu scheuen braucht. Leider ist die Quellenlage aus naheliegenden Gründen denkbar schlechter. Es gab nur wenige Chronisten, die Berichte vom Anfang bis zum Ende des 1. Kreuzzugs verfaßten; und bei weitem nicht alles davon blieb bis in unsere Zeit erhalten. Anderes mußten sich Historiker mühsam aus allen möglichen Teilberichten, Urkunden usw. erschließen. So wurden in der Forschung vor allem Nuancen in den letzten Jahrzehnten immer mal wieder neu beleuchtet, aber die großen Linien, wie sie zum Beispiel schon der große Altmeister der Kreuzzugsforschung Steven Runciman vor mehreren Jahrzehnten beschrieb, gelten nach wie vor.
Und was auf jeden Fall feststeht: Das Ereignis grub sich tief ins Gedächtnis der Völker. Die Juden begehen noch heute einen Trauerritus, der sich explizit auf die Pogrome des Sommers 1096 in Mitteleuropa bezieht. Damals beschlossen mehrere durch Deutschland ziehende Haufen von bewaffneten Pilgern, überwiegend aus dem einfachen Volk, aber auch aus dem niederen Ritter-und Adelsstand, mit dem Abschlachten von Ungläubigen nicht länger warten zu wollen und fielen in mehreren Städten über die jüdischen Gemeinden her. Es wurde der erste große Judenmord auf deutschem Boden und es spielten sich unbeschreibliche Szenen ab. Ganze jüdische Familien nahmen sich rituell das Leben, um nicht zwangsgetauft oder – schlimmer – geschändet zu werden.
Die ersten Taten der bewaffneten Pilger waren keine heroischen Siege, sondern eine der größten Schanden in der abendländischen Geschichte.
Ein noch tiefgreifenderes Erlebnis waren der 1. Kreuzzug und die anschließende Besatzungszeit in Palästina und Syrien für die Muslime. Und das nicht nur wegen des Massakers beim Fall Jerusalems. Gleich mehrere Staaten errichteten die Kreuzfahrer quasi zunächst als Besatzer, dann als Siedler im Nahen Osten. Diese Staaten klebten wie ein Fremdkörper inmitten umgebender muslimischer Staaten. Dieser christliche Brückenkopf verschob das gesamte Mächtegleichgewicht im östlichen Mittelmeerraum und schuf eine völlig neue Situation – wirtschaftlich, militärisch, politisch und sogar gesellschaftlich. Es entstand eine Situation, an die so irgendwie keiner gedacht hatte, als Papst Urban zum Kreuzzug aufgerufen hatte. Man hatte Jerusalem und Teile Syriens erobert, aber eben nicht die Muslime vollständig besiegt. Diese sahen die Kreuzfahrerstaaten als Bedrohung und auch als Scharte, die es auszuwetzen galt. Es entstand ein Dauerkonflikt, der sich mit immer neuen Wendungen über zwei Jahrhunderte hinzog. Auf diesen Dauerkonflikt war niemand der ursprünglichen Kreuzfahrer vorbereitet gewesen. Man mußte viel improvisieren, um sich als Besatzungsmacht halten zu können – ein Ergebnis davon waren die Ritterorden wie die Templer und die Hospitaliter, die bald eine tragende Stütze der Kreuzfahrerstaaten wurden. Weil man mit dieser Situation nicht gerechnet hatte, hatte es keinerlei Vorbereitungen gegeben, einen dauerhaften Siedlerstrom für das Heilige Land aufrechtzuerhalten. Immer neue Kreuzzüge wurden initiiert, vornehmlich als direkte kurzfristige Unterstützung der Kreuzfahrerstaaten. In diesem Sinne so gesehen auch Improvisationen.
Dies ging solange gut, wie die muslimischen Herrscher in der Region politisch uneins und dadurch militärisch geschwächt waren. Ein Zustand, den die christlichen Herrscher der Kreuzfahrerstaat möglichst lange aufrechtzuerhalten versuchten. Doch schließlich kam das unvermeidliche: Früher oder später etablierte sich wieder eine einige muslimische Führung und holte zum großen Gegenschlag aus. Es ist kein Zufall, daß mit Saladin der größte muslimische Herrscher seiner Zeit den Kreuzfahrern schließlich wieder Jerusalem abnahm.
Die Gegebenheiten hatten sich wieder verändert, diesmal genau umgekehrt.

Denn die Kreuzfahrerstaaten entwickelten sich in einer Weise, die Papst Urban und Basileus Alexios wahrscheinlich nie geahnt hätten. Sie blieben letzten Endes stark von Europa abhängig, vor allem was den Nachschub an Kämpfern betraf. Neue Kreuzzüge konnten zwar die Begeisterung für die Unternehmung kurzfristig nochmal richtig aufflackern lassen, aber der dauerhafte Interessenpegel an der Verteidigung des Heiligen Landes war zu niedrig. Die Ritterorden waren wahrscheinlich die einzige Organisationsform, die einen totalen Zusammenbruch des personellen Nachschubs verhinderten. Entsprechend groß wurde ihre politische Bedeutung in den Kreuzfahrerstaaten – aber auch in Europa selbst, denn ihre Aufgaben waren reich an Prestige und förderten auch den materiellen Reichtum der Orden. Dies galt nicht nur für die Templer, auch wenn sie am berühmtesten dafür wurden.
Da die Kreuzfahrerstaaten es nicht schafften, jemals vollständig auf eigenen Füßen zu stehen blieben sie letzten Endes in den Augen europäischer Herrscher zwar eine prestigeträchtige, aber auch irgendwann lästige Aufgabe. Aus kirchlicher Sicht hatte sich dieses Verhältnis zwischen dem Abendland und dem Heiligen Land ganz anders als gedacht entwickelt. Die Kirchenspaltung war nicht überwunden worden, dem Streit zwischen Kirche und weltlichen Fürsten hatte das Unternehmen nicht wirklich geholfen. Unterstützung für das Heilige Land in Form neuer Kreuzzüge blieb letzten Endes vom „good will“ und den politischen Absichten der weltlichen Herrscher abhängig. Diesen ging es letzten Endes um ganz eigene Interessen. Das ging soweit, daß ja nichtmal die Herrscher der Kreuzfahrerstaaten sich einig waren und manchmal häufiger gegeneinander als gegen die Ungläubigen kämpften. Sie verfielen in einen Zustand, in dem sie beim 1. Kreuzzug die muslimischen Staaten angetroffen hatten. Es hätte ihnen eine Warnung sein sollen.
Heilig war dieser Krieg nun nichtmal mehr in den Augen seiner Befürworter.
So wundert es nicht, daß sich 1291, als die muslimischen Truppen die letzten Brückenköpfe der Kreuzritter überrannten, niemand mehr in Europa zu einem erneuten Kreuzzug aufraffen konnte. Das Scheitern des Unternehmens war zu offenkundig. Den Herrschern erschienen andere naheliegendere Dinge wichtiger. Und ohne Unterstützung der Herrscher konnte auch die Kirche nichts mehr bewerkstelligen.
Nicht nur die Kirche war letztlich gescheitert. Auch Byzanz war gescheitert. Alexios I. Komnenos hatte einst ein Hilfegesuch an Papst Urban gerichtet, um sein Kaiserreich zu retten. 1204 wandten sich Kreuzfahrer jedoch gegen Byzanz selbst und eroberten Konstantinopel. Statt Byzanz zu retten wurde es vernichtet. Das hätte sich Alexios wohl nie träumen lassen.

Am Ende triumphierten die Muslime und gewannen wieder an neuem Selbstbewußtsein. Aus ihrer Sicht war es nur folgerichtig, weil Allahs Wille, daß die Kreuzfahrer sich nicht in Palästina hatten halten können. Es hatte 200 Jahre gedauert, aber am Ende hatten sie gesiegt. Diese Erfahrung prägt wahrscheinlich bis heute manches an der Mentalität der orientalischen Völker. Die Erinnerung an die Kreuzfahrereinfälle ist noch präsent – sonst könnten islamistische Propagandisten das Thema nicht so gut ausschlachten. Zu dieser Erinnerung gehört aber auch der letztendliche Sieg. Wenn man das weiß, wird verständlicher warum sich die arabischen Staaten bis heute so schwer mit der Anerkennung Israels tun. Israel gibt es gerade einmal sechs Jahrzehnte. Die Kreuzfahrer hat man noch nach zwei Jahrhunderten wieder rausgeworfen. Und aus muslimischer Sicht sind Parallelen zwischen Israel und den Kreuzfahrerstaaten offensichtlich – nicht zuletzt auch die geographische Lage. Damit gewinnen die Kreuzzüge als historisches Ereignis auch eine Dimension, die wichtig für den Nahostkonflikt sein kann. Bei allen ebenso offenkundigen Unterschieden zwischen Israel und den Kreuzfahrerstaaten ist doch beiden eines gemeinsam: Von den Nachbarn wurden und werden sie als Fremdkörper verstanden. Es wäre vielleicht überlegenswert, welche Lehren sich daraus ziehen lassen. Die Kreuzfahrerstaaten konnten sich nie dauerhaft etablieren, weil sie sich nicht in die Region integrieren konnten. Ansatzweise war dies zwar der Fall, aber sie überwanden nie den Nimbus der fremden Okkupation. Israel steht vor einem vergleichbaren Problem und dieses Problem ist eine der Kernfragen des Nahostkonflikts. Es wäre vielleicht überlegenswert, ob dies nicht die eigentliche Lehre aus den Kreuzzügen ist: Ein wie ein Fremdkörper eingesetzter Staat kann im Nahen Osten nur dann überleben, wenn er sich konstruktiv in die Region integriert und damit ein Teil der dortigen gewachsenen Verhältnisse wird. Trifft diese Erkenntnis zu, würde sie nachhaltige Änderungen der israelischen Politik gegenüber den Nachbarn, aber auch innenpolitisch, nahelegen.

Damit sind die Kreuzzüge mehr als nur eine spannende Geschichte von Schlachten und Rittern, von Intrigen und Fanatismus, von Aufopferung und großem Scheitern, von Niedertracht wie auch Großmut. Ihre Folgen sind bis heute bedeutsam; ihre Lehren ebenso. Allein deshalb lohnte es sich für mich, den Kreuzzugsthread auf Rabenfels.forumieren.com zu projektieren. Die ersten Postings sind bereits online und in Bälde sollen neue folgen. Die Hoffnung ist dort noch viel ausführlicher als hier zeigen zu können, daß Geschichte nicht von gestern sein muß und schon gar nicht langweilig. Teilthemen schaffen es ja tatsächlich sogar manchmal bis auf die Kinoleinwand – in Form von Filmen über die Templer zum Beispiel. Die wahre Geschichte der Templer ist eng verwoben mit den Kreuzzügen, ohne die es diesen Orden ja auch nie gegeben hätte. In einer späteren Phase freilich koppelte sich die Geschichte dieses Ritterordens stark von dem Geschehen im Heiligen Land ab, zumindest oberflächlich.
Das die Templer jedoch im 14. Jahrhundert auf die Abschußliste weltlicher wie kirchlicher Herren gerieten und größenteils zerschlagen wurde hängt wahrscheinlich auch mit dem Ende der Kreuzfahrerstaaten zusammen. Die Ritterorden hatten ursprünglich dort eine Aufgabe und eine Existenzberechtigung. Nach dem Ende der Kreuzfahrerstaaten entfiel die ursprüngliche Legitimation. Die Orden mußten sich neu ausrichten. Den meisten gelang dies, den Templern jedoch nicht, sie gerieten ins Visier anderer Interessen. Das hier ein Zusammenhang besteht, darauf deutet auch der Umstand, daß die Templer in Spanien und Portugal weniger stark verfolgt wurden – hier herrschte noch die Reconquista und eine Truppe wie die Templer war zu gebrauchen. Hier retteten sich viele Templer in eine Ordensneugründung mit neuem Namen.

Ein anderes Erbe der Kreuzzüge befindet sich nach wie vor als ihre sichtbarste Hinterlassenschaft im Nahen Osten – die Kreuzfahrerburgen. Diese Festungsanlagen kann man nur jedem Touristen ans Herz legen, sie sind ein echter Blickfang. Häufig liegen sie auf Hügeln und Höhen und beherrschen die umgebende Landschaft. Und nicht wenige von ihnen sind bis heute in Teilen erhalten geblieben und halten die Erinnerung an eine längst vergangene Zeit wach. Eine der schönsten noch erhaltenen Festungsanlagen ist der Krak des Chevaliers im westlichen Syrien knapp nördlich der libanesischen Nordgrenze. Ursprünglich stand auf dem betreffenden Höhenzug nur eine kleine muslimische Festungsanlage, die 1142 vom Johanniterorden erworben und danach massiv um-und ausgebaut wurde. Das Ergebnis war eine über 200 m lange und über 100 m breite Burganlage, vor deren direkter Belagerung selbst Saladin, der Jerusalem für die Muslime zurückeroberte, zurückschreckte. Erst 1271 mußten die Johanniter den Krak aufgeben.
Viele der Burgen wurden von Ritterorden errichtet oder unterhalten. In Zeiten personeller Engpässe waren sie das geeignete Mittel um das umgebende Land über ein Stützpunktsystem zu kontrollieren.
Sie wirkten wie Wellenbrecher, um die herum sich häufig die Kämpfe konzentrierten. Der Wert dieser Befestigungen zeigt sich daran, daß manche nie eingenommen wurden.
Zum Beispiel das Chastel Pèlerin, welches 1218 von den Templern an der Küste etwa 25 km südlich von Haifa errichtet wurde. Trotz Belagerung wurde die Festung nie von den Muslimen eingenommen. Erst 1291 gaben die Templer die Burg auf, weil sie nur noch über See versorgt werden konnte.
Dadurch ist die Burg besser erhalten als viele andere in der Region. Heute ist sie militärisches Sperrgebiet und wird von der israelischen Marine als Übungsgelände für Kommandoeinheiten genutzt.

Eine Kreuzfahrerburg als Übungsplatz des israelischen Militärs – für uns Westler ist das Zufall, für die muslimische Welt folgerichtig. Die Kreuzzüge sind – wie erwähnt – für die Muslime bis heute ein zentrales Ereignis geblieben. Für uns Westler dagegen haben sie an Bedeutung verloren. Die Kreuzzüge prägten die Beteiligten auf höchst unterschiedliche Weise und diese Prägung durch dieses Ereignis bedarf eigentlich auch künftig noch näherer Betrachtung durch beide Seiten. Viele Mißverständnisse zwischen Abend-und Morgenland beruhen genau darauf. Die Kreuzzüge werden von der radikalislamischen Propaganda stark instrumentalisiert, was uns oft nur Verwunderung entlockt. Es ist fast, als wäre die Zeit für die andere Seite stehen geblieben, während sie sich bei uns weiterbewegte. Das ist nicht nur Einbildung. Schon zur Zeit der Kreuzzüge selber entwickelten sich bei den Beteiligten zwei Grundhaltungen: Eine Progressive und eine Konservative. So erstaunlich es klingt: Die progressive Grundhaltung war eher den Kreuzrittern zu eigen. Sie lernten häufig die Sprache der eroberten Länder – vor allem Arabisch – und abseits der Massaker erwiesen sie sich häufig als großmütige Herren. Die verlorengegangenen und von arabischen Chronisten überlieferten antiken Werke griechischer Autoren wurden von dank der Kreuzritter und den Kämpfern der Reconquista in Spanien wieder für europäische Leser und Denker erschlossen. In der Tat lernten die Kreuzritter eine ganze Menge von den Arabern. Im heutigen Alltag macht sich dies vor allem durch viele Wörter arabischen Ursprungs bemerkbar, von Orange über Alkohol bis Ziffer. Die Kreuzritter brachen Ende des 11. Jahrhunderts als vergleichsweise ungebildete Horde in die arabische Welt herein, welche die Eindringlinge denn auch als Barbaren wahrnahm.
Aber sie erwiesen sich als lernfähig und das war die eigentliche Stärke der Völker des Abendlandes – die Bereitschaft zu lernen und Widerstände zu überwinden, um neues zu erreichen. Die Kreuzzüge lehrten auf einer unbewußten Ebene nicht nur, daß dies möglich war, sondern auch, daß man sich dabei nicht allein auf Gott verlassen sollte. Erstaunliche Erfolge waren eben doch keine Wunder, die Menschen entschieden – auch das zeigte das gescheiterte Ende der Kreuzzüge. Indirekt beförderten die Kreuzzüge Geisteshaltungen, die auf lange Sicht für Europa von Vorteil waren.
Konservativ dagegen blieben die Muslime. Sie lernten nur sehr selten die Sprachen der Eindringlinge und überhaupt wollten sie sich lieber gegen diese abgrenzen, aus Angst, sonst die eigene Identität zu verraten. Die Folge war, daß es keinen Strom von Wissen von den Kreuzrittern zu den Arabern gab – nur umgekehrt. Umso unverständlicher sollte es für viele Muslime später sein, daß die barbarischen Aggressoren von einst im Laufe der Zeit immer stärker zu vorherrschenden Mächten auf der Welt entwickelten – trotz der gescheiterten Kreuzzüge. Die kulturelle Stagnation in der muslimischen Welt verfestigte sich seit den Kreuzzügen. Gottvertrauen wurde wichtiger als Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten des Menschen. Denn das schienen die Kreuzzüge aus muslimischer Sicht zu lehren:
Vertraue auf Gott und irgendwann siegst Du.
Zugleich blieb, trotz des letztendlichen Sieges, das Erlebnis der Kreuzzüge für die Muslime ein Trauma, das sorgsam weiter tradiert wurde, über alle Generationen hinweg – seitdem haben die orientalischen Völker, schon von Natur aus sehr skeptisch gegenüber jedem herrschenden Regime, Angst vor einer Wiederholung des Geschehenen. Darin ähneln sie eigentlich den Juden, die Angst vor der Wiederholung der Schoa haben. Nur das in den Augen vieler Muslime das Geschehene sich in Form von Israel wiederholt.
Auch dies unterstreicht wie wichtig die Verständnis des Vergangenen ist, um vieles was heute im Nahen Osten vor sich geht zu verstehen.

Lesen sie dazu auch den Kreuzzugsthread bei Rabenfels:
"Deus le volt!" - Die Kreuzzüge


Vielen Dank an EDELWEIßPIRAT für diesen Beitrag